Die Geheimnisse der Geistkirche

Vor 90 Jahren entstand die Bauhaus-Kirche in Münsters Süden

Text: Bernadette Winter Fotos : Michael Lemmerhirt

Münster- Sie gehört zu den jüngeren Kirchen von Münster und versprüht in ihrer modernen Sachlichkeit einen eher industriellen Charme. Doch wer wie MÜNSTER! die Chance bekommt, einmal ihren Turm zu erklimmen, wird die Heilig-Geist-Kirche in einem anderen Licht sehen. In diesem Jahr wird sie 90 Jahre alt.

„Na, wie gefällt Ihnen unser Pütt?“, begrüßt uns Pfarrer Hubertus Krampe auf dem Vorplatz der Heilig-Geist-Kirche. Er erntet verdutzte Gesichter als Antwort. „Sie müssen doch zugeben, das sieht eher aus wie eine Zeche im Bauhausstil als eine Kirche“, fügt der Pfarrer augenzwinkernd hinzu und weist mit einladender Geste in Richtung Hauptportal. Damit hat er in der Tat nicht ganz unrecht. Zwar erinnern die große vorgelagerte „Piazza“, die Arkaden und der Portikus den Kenner eher an eine römische Basilika, dennoch weht beim Anblick der Heilig-Geist-Kirche ein Hauch Ruhrgebiet durch Münster. Der freistehende Glockenturm mit dem charakteristischen Eckbalkon in der Mitte trägt sicherlich seinen Teil dazu bei. Und so hatte die Kirche schon während ihrer Entstehung 1928/1929 unter dem zuständigen Pfarrer Bernhard Druffel bei den Einheimischen ihren Spitznamen schnell weg: „Druffels Pütt“.

Ziemlich „graute Pattken“

Auch in der von dem Duisburger Architekten Walter Kremer entworfenen Kirche herrscht statt üppiger Pracht wohltuend kühle Zurückhaltung. Alles ist zentral auf den Altar ausgerichtet, rechts und links führen insgesamt acht Strebepfeiler wie eine Art Säulengang auf diesen Versammlungsraum zu. Mit den jüngsten Renovierungsarbeiten vor vier Jahren ist er noch näher herangerückt an die U-förmig aufgestellten, schlichten Bänke, auf denen die Gemeinde Platz nimmt. Nur eine niedrige Insel aus acht mal acht Marmorplatten umrandet ihn. Dahinter fällt – passend zum Namen der Kirche – ein Wandbild ins Auge, welches das Pfingstwunder zeigt: Die zwölf Apostel empfangen den Heiligen Geist. Nicht nur Kinder stellen gleich erstaunt fest, welch große Füße die Jünger Jesu haben. Angeblich – so schreibt es die Chronik – entfuhr bereits Pfarrer Huskamp bei seiner Einführung 1932 ein wenig feierliches: „Wat häwt de för graute Pattken“ (Platt: Was haben die für große Füße…). Links und rechts blicken Maria mit dem Erzengel Gabriel und Joseph mit dem Jesuskind auf die Gläubigen herab. Ob sie erstaunt waren als hier eines Abends vor zwei Jahren Münsteraner über einen roten Teppich in die Kirche einzogen? Und dann auch noch Kinofilme liefen? Tatsächlich wurde bei der Aktion „Kino in der Kirche“ damals mit Unterstützung des Cinema Münster das Kirchenschiff zum Kinosaal. „So richtig mit Popcorn und allem, was dazu gehört“, erzählt Pfarrer Krampe. „Die Aktion gefiel nicht jedem, aber die, die dabei waren, fanden es toll.“

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Erbaut auf Kiessand

Das Geistviertel oder „die Geist“ war ursprünglich eine Bauernschaft, die mit Mecklenbeck und Gremmendorf zur politischen Gemeinde Lamberti gehörte. Der Name „Geist“ leitet sich von „Geest“ ab, was trockenes, sandiges Land heißt und bezieht sich auf den Kiessandrücken, der Münster von Norden nach Süden durchzieht. Daher auch die Bezeichnung „auf der Geist“. Dass gerade hier eine Kirche entstand, liegt daran, dass sich Münster nach dem Ersten Weltkrieg immer weiter nach Süden in die ländliche Geist hinein ausdehnte und damit die Wege zum sonntäglichen Gottesdienst in St. Joseph immer länger wurden. Eigentlich gab es bereits 1926 Pläne für den Bau, doch das Geld war zu knapp, sodass sie erst zwei Jahre später auch umgesetzt werden konnten. 

Aufstieg wie in „Vertigo“

Über die Orgel-Empore gelangen wir zur „Kleiderkammer“, eine Art Second-Hand-Börse. Sie ist auch von außen über den Turm zugänglich und bietet dienstags von 14 bis 17 Uhr Kleidungsstücke für 50 Cent an. Auch gut erhaltene Kleidung, die nicht mehr getragen wird, kann man hier abgeben. Wir steigen durch eine Tür weiter zum Turm hinauf. Wie eine Schlange windet sich die Treppe eng an der Wand entlang, nur durch ein Geländer gesichert. Alfred Hitchcock hätte hier seine wahre Freude gehabt. Aber bevor uns die „Vertigo“ erfasst, bewundern wir lieber die fünf mächtigen Glocken. Sie hängen hier erst seit 1947. Die Originale mussten noch 1943 für die Produktion von Kanonen abgegeben werden. Zuvor waren bei Bombenangriffen das Dach und ein Jahr später 1944 auch sämtliche Fenster zerstört worden. Nichtsdestotrotz erwies sich Heilig-Geist als „feste Gottesburg“, wie es in der Chronik heißt. Wahrscheinlich trug der damals schon gebräuchliche Stahlbetonbau, der gerade im Inneren des Turmes zutage tritt, seinen entscheidenden Teil dazu bei. Eine weitere enge Wendeltreppe später auf dem Dach angekommen, begeistert ein sagenhafter Rundumblick auf Münster die seltenen Besucher. In der Ferne ragen der Fernmelde- und der Wasserturm empor, hinter uns grenzt sich das markante Kreuz von dem westfälisch-blauen Himmel ab. Tief durchatmend und leise lächelnd stellen wir fest: „Druffels Pütt“ hat einen unvergleichbaren Charme – von hier oben sowieso….