N°156
Wohnen ohne Auto
Vor 25 Jahren zogen die ersten Mieter in Münsters autofreie Gartensiedlung Weißenburg. Das feiert der Verein des Wohnquartiers – und zieht Zwischenbilanz.
Text cornelia höchstetter
Die rot-weißen Umlaufsperren sind ein Klacks für Radfahrer, ein sanfter Slalom für Lastenräder – und eine Sperre für Autos. Willkommen in Münsters erster und einziger autofreier Siedlung, die erstaunlich wenige Menschen kennen.
Martin Wellschmiedt und Ralf Kirchner sitzen im Café Geistreich, dem Sitz des Vereins Autofreie Siedlung Weißenburg e.V. Beide gehören zum Vorstand, der sich um die Siedlung und um das Miteinander kümmert. Die Weißenburgsiedlung ist ein Wohnquartier im Geistviertel Münster, dessen Bewohnerinnen und Bewohner beim Einzug vertraglich auf ein eigenes Auto verzichten. Vor 25 Jahren zogen die ersten Bewohner ein und gründete sich der Verein.
Martin Wellschmiedt hält die Chronologie der Siedlungsgeschichte in Händen. Das Café, das alle zwei Wochen sonntags öffnet, füllt sich langsam. An der Tür klopft eine Frau, in den Händen ein Quarkblechkuchen. Freiwillige backen und spenden Kuchen. Martin Wellschmiedt unterbricht seine Erzählung immer wieder, um Leute zu begrüßen. Man kennt sich.
„Es ist schön ruhig“
500 Menschen leben hier. Die 191 Wohnungen haben Balkon oder Gartenzugang. Die Wohnformen reichen von 1-Zimmer über 3,5-Zimmer bis zum Reihenhaus mit Garten und es gibt geförderten Wohnraum. „Wir leben wie auf einem Dorf“, finden Ralf Kirchner und Martin Wellschmiedt. Beide lieben sie die Ruhe im Viertel – und gleichzeitig die gute Nachbarschaft und die Geselligkeit. Dank des Vereins entsteht durch die ehrenamtliche Arbeit der Mitglieder ein breites Angebot: das Café Geistreich als Bewohnertreffpunkt, ein Gemeinschaftsgarten namens „Paradeiser“, sowie eine gut ausgerüstete Fahrradwerkstatt mit Hilfe zur Selbsthilfe. Einmal im Monat gibt es eine Bewohnersprechstunde mit dem Hausmeister. An der jährlichen Bewohnerversammlung stehen die örtlichen MitarbeiterInnen der LEG Rede und Antwort. Und einmal im Jahr findet ein Flohmarkt statt, der im ganzen Geistviertel beliebt ist.
Zähmung der schwarzen Schafe
Die Siedlung liegt am Freiburger Weg zwischen Habichtshöhe und Weißenburgstraße. Rundherum eine gute Infrastruktur, von ÖPNV-Anschluss über Schulen, Kindergarten, Einkaufsmöglichkeiten. Der Sentmaringer Park ist nicht weit weg. Auf Google Maps fallen auf dem Luftbild die begrünten Dächer und die Solarpaneele auf. Anstelle der sonst obligatorischen Stellplätze findet man nur einen kleinen Besucherparkplatz. Außerdem gibt es Stellplätze für Stadtteilautos im Car-Sharing. Falls doch jemand für eine gewisse Zeit ein Auto braucht, kann er sich an die von der Bewohnerversammlung gewählte Schlichtungsstelle wenden. „Hier können wir über Ausnahmegenehmigungen in Sachen eigenes Auto entscheiden“, erklärt Martin Wellschmiedt. Wenn ein Bewohner zum Beispiel krankheitsbedingt auf ein Auto angewiesen ist oder sich die Lebensumstände ändern und zeitweise ein Auto nötig werden würde. Heimliche Autofahrer werden direkt angesprochen. „Wir versuchen die Ausnahmen und auch die Zahl der schwarzen Schafe niedrig zu halten“, sagen die zwei vom Verein.
Fahrradständer von Gestern
Wer in die Innenstadt möchte, kann eine von vier Buslinien in der Nähe nutzen. Das Fahrrad spielt in der Mobilitätswahl eine Rolle – aber wenn man sich im Quartier so umsieht, sind die Fahrradstellplätze in der Mehrzahl noch aus dem letzten Jahrtausend – oft sind es die Vorderradhalter, gerne auch Felgenkiller genannt, in denen manches Rad mit der Zeit auch zur Fahrradleiche wird. Nur die neusten Wohngebäude von 2018 haben auch transparente Fahrradgaragen zum Absperren vor den Haustüren. Wenn man nicht wüsste, dass diese Siedlung das autofreie Konzept in sich trägt, dann würde das beim Spaziergang quer durchs Quartier nicht auffallen: Kein besonderer Platz für Lastenräder, die Treppen und Rampen in die Keller zu steil für schwere E-Bikes. „Da merkt man, dass die Siedlung in den 1990ern geplant wurde“, findet Martin Wellschmiedt.
Damals war die Wohnungsgesellschaft Münsterland (WGM) der zuständige Vermieter in der Siedlung. Eigentümer war jeweils zur Hälfte die Landesentwicklungsgesellschaft NRW GmbH (LEG) und die Deutsche Rentenversicherung Westfalen. Inzwischen liegt die autofreie Siedlung ganz in den Händen des bundesweit aktiven Wohnungsunternehmens LEG – das in Münster mit seinen Objekten in Berg Fidel und in Kinderhaus in letzter Zeit wegen ausfallender Heizungen und anderem für negative Schlagzeilen sorgte.
Wie alles anfing
Angefangen hat 1993 alles mit einem Antrag. Die Partei der Grünen und Umweltverbände wollten ein autofreies Wohngebiet. 1994 waren die Kommunalwahlen, das Ergebnis war eine Koalition SPD/
Grüne. „So hat die Stadt Münster unter Oberbürgermeisterin Marion Tüns erfolgreich an dem 1997/98 ausgeschriebenen Landeswettbewerb ,Wohnen ohne eigenes Auto‘ teilgenommen“, erzählt Wellschmiedt. „Damals ging es auch um die Nachnutzung des Standorts der ehemaligen Hindenburgkaserne“.
Nochmal in die Zeit der ersten Planungen zurückversetzt: Das Leitbild der „autogerechten Stadt“ geriet verstärkt in die Kritik. Man dachte zwar noch viel an breite Straßen und Parkplätze, Stellplatzverordnungen und Bauordnungen, doch zeichneten sich Probleme wie Verlust an Urbanität, Luftverschmutzung durch den überbordenden Individualverkehr immer deutlicher ab. Münster galt damals schon als Fahrradhochburg, die Schillerstraße als erste Fahrradstraße existierte und die Radstation am Bahnhof brummte. „Und dennoch gab es in der öffentlichen Meinung und in der Tageszeitung viel Gegenwind für die autofreie Siedlung“, weiß Wellschmiedt. Klar, es ging um Wohnraum, der schon immer begehrt war. Die Idee der autofreien Siedlung war nicht für jeden Wohnungsinteressenten erste Priorität. Im Stadtviertel zweifelte man die Autofreiheit an und befürchtete noch mehr parkende Autos in den anliegenden Wohnstraßen. Doch inzwischen ist das Umweltbewusstsein gestiegen und die Akzeptanz vorhanden.
„Die Siedlung ist sauber. Kein illegales Graffiti, wenig Müll – auch wenn die Sperrmüllproblematik zunimmt. Vor allem hat man eine sehr nette Nachbarschaft.“
Martin Wellschmiedt
Einige der Pioniere leben immer noch hier
„Von den Mietern, die vor 25 Jahren eingezogen sind, leben immer noch einige hier“, sagt Martin Wellschmiedt. Sein Fazit zur Siedlung fällt alles in allem gut aus – auch wenn er findet, dass zum Beispiel ein Treff für Jugendliche fehle. Die Pluspunkte für die zwei Vereinsleute: Die Siedlung ist sauber. Kein illegales Graffiti, wenig Müll – auch wenn die Sperrmüllproblematik zunehme. Vor allem habe man „eine sehr nette Nachbarschaft.“
Wer einziehen möchte
„Wer hier einziehen will: Die Wohnungen sind gefragt. Allerdings steigen die Mieten stark und ständig. Fluktuation nimmt zu. Die Sozialstruktur verändert sich und der nachbarschaftliche Zusammenhalt wird geschwächt. Doch gibt es zunehmend InteressentInnen, die wegen des Konzepts der Autofreiheit und der damit verbundenen Annehmlichkeiten des innerstädtischen Wohnens im Grünen in die Siedlung ziehen wollen. Am besten schaut man auf der Homepage der LEG nach“, sagt Martin Wellschmiedt. Der Verein bietet auch einen Fragebogen für Interessente an, die dann bei Freiwerden einer passenden Wohnung kontaktiert werden. Vor Abschluss eines Mietvertrags kontaktiert die LEG ein von der Bewohnerversammlung gewähltes Vermietungsgremium. Es ist wie bei einer WG: Dessen Mitglieder treffen sich zu einer Art Vorstellungsgespräch mit den Interessenten. Empfehlungen kommen vom Verein, die Entscheidung trifft die LEG.
Angekommen
Martin Wellschmiedt ist aus Rinkerode hierhergezogen. Er nutzt die Mailingliste des Vereins, wenn es ums Ausleihen oder Helfen geht. „Wir haben ein sehr soziales Miteinander“, freut er sich. Rund um die Siedlung ist die Infrastruktur ideal: Kitas, Schulen, Arztpraxen, Supermarkt, Bäcker, Cafés, der Wochenmarkt im Geistviertel und seit einiger Zeit endlich auch wieder das Südbad. Die Buslinien 1, 4, 5 und 9 halten in der Nähe und fahren bis in die Innenstadt. Und Ralf Kirchner läuft. Die 45 Minuten bis in die Stadt genießt er in vollen Zügen. Beide Bewohner wussten anfangs gar nichts von der Siedlung und sind gut gelandet. Ein Auto brauchen sie nicht. Aber die Ruhe der autofreien Siedlung und die Gemeinschaft – die genießen sie. Und engagieren sich selbst dafür.
Jubiläumsfeier
Zum 25-jährigen Jubiläum wird am Samstag, 11. April um 12 Uhr eine Ausstellung im Haus der Nachhaltigkeit in der Hammer Straße 1 eröffnet, die bis zum 15. Mai läuft.
Am Dienstag, 5. Mai, findet um 19 Uhr im Johanniter-Gästehaus (Weißenburgstraße 60–64) eine Podiumsdiskussion statt: „25 Jahre Autofreie Siedlung – eine (vorläufige) Bilanz“.
Das Siedlunsgfest steigt am Samstag, 9. Mai. Mit Attraktionen für alle, das Siedlungscafé „Geistreich“ öffnet seine Pforten.