N°156
DER GEISTMARKT
Treffpunkt im Südviertel
In unserer neuen MÜNSTER! Magazin-Serie stellen wir Ihnen ein Jahr lang Münsters kleine Wochenmärkte vor, die zum Einkaufen und Bummeln in den Stadtteilen einladen. In der ersten Folge lockt das Geistviertel mit Kibbeling, Käse und Kohle-Brötchen.
Text mona contzen
Ein Stückchen Käse zum Probieren, dampfender Kibbeling auf den Stehtischen und ausgefallene Backwaren, die neugierig machen: Mittwochs ist der Wochenmarkt im Geistviertel klein, aber fein. Samstags erinnert er beinahe an den Domplatz im Miniaturformat. Hier kennt man sich – und selbst wenn nicht, wechselt der Plauderton schnell ins Du. „Das hier ist ein Begegnungsraum“, sagt Jörg
Terjung, Seniorchef der gleichnamigen Bäckerei in Lüdinghausen. „Was wir hier bieten, das kriegst du im Supermarkt nicht. Da wirst du ohne ein Wort begrüßt und gehst ohne ein Wort wieder raus.“ Einer Gruppe Männer, die sich zur Mittagspause heißen Backfisch gönnt, bringt der Bäcker ganz ungefragt ein paar Happen Brot zum Probieren vorbei. Hier, an den Bistrotischen, können sich ungezwungene Gespräche mit anderen Marktbesuchern ergeben, während aus der Fischbude im Hintergrund leise das Radio dudelt.
Der Mittwoch: klein, aber fein
„Man braucht nicht viele Wagen – nur gute“, meint Bäcker Jörg Terjung und bringt den Charakter des Wochenmarktes im Geistviertel damit ziemlich gut auf den Punkt. Der Käsestand Leonardo und die Fischspezialitäten Menneken sind hier zwei echte Institutionen: Die Fischbude öffnet schon seit 50 Jahren verlässlich jeden Mittwoch und Samstag auf dem Parkplatz zwischen Geiststraße und Sentmaringer Weg; und auch Bram Reefman stand schon als Siebenjähriger mit einem Käseteller voller Probierstückchen vor dem Familienstand im Geistviertel.
Der Metzger und der Gemüsehändler, die hier ihre festen Plätze hatten, fanden dagegen keine Nachfolger, die das Geschäft übernehmen wollten. „In letzter Zeit haben wir mittwochs auch oft nur zu zweit hier gestanden“, sagt Bram Reefman, der in seinem stetig wechselnden Sortiment etwa 150 Käsesorten hat. „Aber wir sind immer noch zufrieden.“
„Das hier ist ein Begegnungsraum.“
Jörg Terjung
Vor dem Fischstand bilden sich in der Mittagszeit lange Schlangen: Viele Kunden verbringen gern ihre Mittagspause auf dem kleinen Markt – wie eine Gruppe Außendienstler der Stadtnetze. „Mittwoch ist unser Fischtag“, sagen die Männer lapidar. „Und wie sollten wir für einen Marktbesuch mit unseren Fahrzeugen zum Domplatz kommen?“
Und so gibt Silke Topp Fisch und Brötchen im Minutentakt aus. „Wir haben 90 Prozent Stammkundschaft“, sagt die Verkäuferin, die für beinahe jeden einen flotten Spruch auf den Lippen hat. Besonders die älteren Marktbesucher wüssten zu schätzen, dass sie für frischen Fisch – ob Zander, Lachs oder geräucherte Sprotten – nicht extra zum Domplatz müssen.
Einer davon ist Horst-Dieter Blume. „Gemüse, Fleisch, Käse – das hole ich alles hier“, erzählt der Rentner, der gleich um die Ecke wohnt und schon seit 50 Jahren auf dem Markt einkauft. „Mir ist das ganz vertraut. Ich kenne die Leute, man trifft sich, ich kann ein bisschen plaudern.“
„Gemüse, Fleisch, Käse – das hole ich alles hier.“
Horst-Dieter Blume
Der Samstag: Domplatz im Miniaturformat
Die familiäre Atmosphäre ist auch für Gisela Zak ein Pluspunkt. „Seitdem wir im Viertel wohnen, sind wir immer hier auf dem Markt. Aber seit ein paar Wochen gibt es einige neue Stände“, freut sich die Münsteranerin. Insgesamt ist die Auswahl am Samstag deutlich größer. Dann ergänzen ein Antipasti-Stand, zwei Gemüse- und zwei Blumenhändler das Marktangebot. Ein kleiner Kaffeewagen lädt zur Shopping-Pause ein, zwischen verschiedenen Essig- und Ölkreationen gibt es am Stand der Gebrüder Bani & Mani, die übrigens auch auf dem Domplatz zu finden sind, einen heißen Ingwer-Shot zum Aufwärmen und an der mobilen Räucherei können sich die Marktbesucher mit aromatischen Fischbrötchen stärken. „Morgens um halb sechs ist der Ofen an und dann wird geräuchert – alles hier vor Ort“, betont Armin Schlinke, der neben besonderen Leckerbissen wie der Wildschweinwurst vor allem Lachs, Aal, Forelle und Saibling aus eigener Zucht verkauft.
Regional ist auch das Angebot der Imkerei Stefan und Thorsten Bockstette aus Altenberge. Mit ihrem Linden- und Rapshonig aus dem Münsterland beliefern die Brüder große Einzelhandelsketten, doch ihre außergewöhnlichen Spezialitäten, für die sie mit ihren Bienen durchs ganze Bundesgebiet wandern, verkaufen die Imker nur auf dem Markt: Fenchel- oder Kornblumenhonig zum Beispiel und den seltenen Löwenzahnhonig. „Von dem ernten wir mit 50 Bienenvölkern nur 40 Kilo – eigentlich lohnt sich das nicht, aber der ist einfach so lecker“, verrät Stefan Bockstette.
Ein paar Meter weiter präsentiert sich ein weiterer regionaler Familienbetrieb: Der Hof Schulze Osthoff setzt auf Frauenpower – Mama Bernhild kümmert sich gemeinsam mit ihren Töchtern Carmen und Marisa um den Bauernhof in Freckenhorst und den Verkauf der Fleisch- und Wurstwaren. Die Produkte? „Alles eigene Tiere“, sagt Carmen. Von der Aufzucht bis zum Futter aus eigener Ernte machen die Frauen alles selbst – und überlegen aktuell, ob sie ihren Marktstand künftig auch wieder mittwochs im Geistviertel öffnen.
„Morgens um halb sechs ist der Ofen an und dann wird geräuchert – alles hier vor Ort.“
Armin Schlinke
Die Neuen: Käse und Kohle-Brötchen
Neuen Zuwachs für den Werktag gibt es schon jetzt: Im vergangenen Dezember hat sich Tobias Gerharz mit seinen Drei-Käse-Hof Käsespezialitäten selbständig gemacht. Hartkäse aus dem Allgäu ist seine Spezialität, produziert unter natürlichen Bedingungen, aus reiner Heurohmilch. Für den Anfang bietet der Marktbeschicker in dritter Generation etwa 40 verschiedene Käsesorten an den beiden Markttagen im Geistviertel an, „das soll aber noch erweitert werden“, verspricht er.
Jörg Terjung, der auch das Café Reitstall und das Backhaus an der Burg Vischering betreibt (siehe auch MÜNSTER! No. 127/ September 2023), ist mit seinen Backwaren schon auf 18 Wochenmärkten rund um Lüdinghausen vertreten. Jetzt will der Brotsommelier seine ausgefallenen Kreationen auch in Münster unters Volk bringen. „Auf dem Domplatz stehe ich zusammen mit acht anderen Bäckern. Ich starte meinen Testballon deshalb bewusst im Geistviertel, weil ich hier als Bäcker etwas Besonderes bin“, erklärt er. Die Cibaria Bio Vollkorn Bäckerei und den Foccacia-Stand am Samstag sieht er nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung – Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Statt Bio-Vollkorn und italienischer Brötchen-Alternative hat Terjung Rote-Beete- und pechschwarze Kohle-Brötchen, aber auch Klassiker wie den Butter-Rosinen-Stuten aus dem historischen Holzofen und ein saisonal wechselndes Angebot vom Bratapfel- bis zum Maronenbrot in der Auslage.
Sara Wiebe lässt sich von dem Bäcker ausführlich beraten. „Man bekommt auf dem Markt einfach besondere Sachen, regional statt Massenprodukte“, sagt die Mutter von zwei kleinen Kindern. „Und die Verkäufer wissen, was sie verkaufen, weil sie es häufig selbst machen.“
Der Geistmarkt im Südviertel
Wann? Mittwochs und samstags von 7 bis 12.30 Uhr, von November bis März erst ab 8 Uhr
Wo? Parkplatz Geiststraße / Sentmaringer Weg, Nähe Hammer Straße
Was? Fisch, Käse und Backwaren, samstags auch Fleisch, Gemüse, Blumen, Essig und Öl, Honig und Antipasti