N°156
Von der Kraft der sozialen Fotografie
In leisen Schwarz-Weiß-Aufnahmen nähert sich Fotografin Ingrid Hagenhenrich großen sozialen Themen wie Altern, Krankheit, Liebe, Mut und Zuversicht. Ihre Bilder offenbaren einen liebevollen Blick und eine beinahe zärtliche Intensität. Wie sie ihre Themen findet und welche Kraft sie der Fotografie zuschreibt, erzählt sie im Gespräch mit unserem MÜNSTER! Magazin.
Text nina lenze
Ingrid Hagenhenrich hatte immer schon großes Interesse an der Fotografie. Als Autodidaktin begann sie zunächst, ihr unmittelbares Umfeld zu fotografieren. Durch den breiten Zuspruch ermutigt, wagte sie den Schritt in die Öffentlichkeit. Seither umfasst ihr Portfolio Kinderporträts, klassische Porträtfotografie, Familienaufnahmen, KünstlerInnenfotografie, Theaterfotografie und die Bebilderung von Texten. Seit rund zehn Jahren widmet sie sich verstärkt sozialen Fragestellungen – und setzt sich fotografisch mit sensiblen Themen wie Krankheit, körperlicher Beeinträchtigung, Altern, Einsamkeit und Unsicherheit auseinander. Im Zentrum stehen der Mensch und sein Selbstbild.
Sichtbarmachen von Übersehenem
„Vielleicht lässt sich mein Motto so beschreiben: Du gehörst nicht dazu, weil Du anders bist. Keiner sieht Dich. Keiner weiß, dass es Dich gibt, wie es Dir geht. Doch Du hast etwas zu erzählen – und ich helfe Dir dabei, Deiner Geschichte eine visuelle Stimme zu geben“, antwortet Ingrid Hagenhenrich auf die Frage, worum es ihr in ihrer Arbeit geht. Erkrankungen wie Demenz, Haarausfall oder FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorders, eine Gruppe lebenslanger, unheilbarer Schädigungen, die durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft entstehen, Anmerkung der Redaktion) begegnet sie mit einem liebevollen Blick: „Statt zu gucken, was nicht da ist, möchte ich zeigen, was trotzdem da ist. Was können diese Menschen besonders gut, obwohl sie einen ‚Makel‘ haben?“ Wie wir einen Menschen ansehen, geschieht nie ohne Gedanken; und diese Gedanken schwingen immer mit. Anschauen ist etwas Sensibles, etwas Feines: ein stiller Moment zwischen Wahrnehmen und Bewerten. Die fotografische Auseinandersetzung mit benachteiligten Menschen und sozialen Missständen wird als soziale Fotografie bezeichnet. Ihr Ziel ist es, Bewusstsein zu schaffen, Empathie zu fördern und zum Nachdenken anzuregen.
Zu Ingrid Hagenhenrichs fotografischen Vorbildern zählen unter anderem Diane Arbus, Stefan Moses und Martin Martinček. Und natürlich Günter Hildenhagen: „Meine einzige fotografische Ausbildung. Mehr als Günter habe ich nicht“, sagt sie lachend. Sie lernte ihn zufällig kennen – beim Gespräch über eines seiner Plakate mit einer Kindergartenerzieherin (während des Willkommensbesuchs zuhause bei ihrer damals noch kleinen Tochter). Als sie erfuhr, dass der Fotograf in Münster lebt, machte sie seine Adresse ausfindig und schrieb ihm einen Brief. So entwickelte sich über die Jahre eine tiefe Verbundenheit. „Noch heute fahre ich hin und wieder zu ihm und zeige meine Arbeit. Seine philosophischen Abhandlungen darüber lassen mich zehnmal schlauer nach Hause gehen.“
„Niemand möchte unsichtbar bleiben“
Ein wichtiges Projekt der vergangenen Jahre war ‚Schönlinge‘, ein Schlüsselmoment, in dem sie die Kraft der Fotografie entdeckte. Im Fokus stehen Frauen mit kreisrundem Haarausfall, auch Alopecia genannt: intime, verletzliche Porträts voller Würde, die den Fotografierten viel Mut abverlangten. Auslöser war die Begegnung mit einer jungen Frau namens Lisa, die sich ohne Perücke und Kopftuch von ihr fotografieren lassen wollte. Ganze sechs Jahre dauerte es, bis diese schließlich den Mut dazu fand. „Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie sie zum ersten Mal ihre Perücke abnahm. Es war ein Moment großer Nacktheit und Verletzlichkeit, der sich beim Fotografieren in einen Akt der Befreiung verwandelte. Wir haben so starke Bilder gemacht: Sie wurde immer freier, größer und schöner.“ Später brachte Lisa erstmals die Idee ins Spiel, die Aufnahmen öffentlich zu zeigen. Durch ihre Kontakte in die Alopecia-Community kam eins zum anderen: „Am Ende waren es 27 Frauen aller Altersgruppen aus Deutschland, Österreich und Luxemburg.“ Sechs Jahre lang tourte die Ausstellung durch Europa.
Wie ein (fotografischer) Beweis
„Viele haben keine Ahnung, wie schön sie sind und wie viel in ihnen steckt“, erzählt Ingrid Hagenhenrich. Das sichtbar zu machen, ist wie eine Art Beweis, eine Manifestation eines Selbstbildes, das zuvor unzugänglich war. Das Ergebnis ist fast zweitranging. Entscheidend ist die Erfahrung vor der Kamera: Die Auseinandersetzung mit sich selbst, die Entspannung und das langsame Sich-Wohlfühlen – als behutsame Annäherung an das eigene Selbstbild. Die Verantwortung ist groß, denn manche Menschen überlegen jahrelang, sie zu kontaktieren. Es ist vermutlich ihr wertschätzender Blick, der sie überzeugt, nicht der Wunsch nach Perfektion: „Viele wünschen sich einfach ein Foto, auf dem sie sich wiedererkennen.“ Es sind keine Hochglanzfotografien, sie sind nicht perfekt scharf – vielleicht macht gerade das sie so zugänglich und vertrauenswürdig.
„Wir haben so starke Bilder gemacht: Sie wurde immer freier, größer und schöner.“
Ingrid Hagenhenrich
Geschwätzige Farbe
Die Entscheidung für Schwarz-Weiß ist bewusst. „Farbfotografie ist zu geschwätzig. Sie erzählt zu viel und lenkt vom Wesentlichen ab.“ Stattdessen stehen Ausdruck, Licht und Situation im Fokus. Zwischen Schwarz und Weiß gibt es viele Grautöne, in denen sich das Licht bricht. So entstehen zeitlose Bilder mit einer starken Hell-Dunkel-Dynamik und eigener Dramaturgie. Das zeigt sich etwa im Projekt ‚Neun Monate‘, für das Ingrid Hagenhenrich Pflegefamilien im Alltag begleitete. Neun Monate vergehen vom ersten Kennenlernen bis zur Ankunft eines Pflegekindes in der neuen Familie – daher der Name. Entstanden sind leise, intime Einblicke in eine kaum sichtbare Welt, von Alltagsszenen bis zu zärtlichen Momenten der Nähe. „Ich bin dankbar für das Vertrauen der Familien“, resümmiert Ingrid Hagenhenrich. Den Spagat zwischen Nähe und beobachtender Distanz beschreibt sie so: „Du bist da – und doch nicht da“. Die Ausstellung ist noch bis Ende April im Flughafen Münster/Osnabrück (FMO) zu sehen, bewusst gewählt als Ort des Wartens und Aufbruchs, als Parallele zur erwartungsvollen Vorbereitung von Pflegeeltern.
Behutsame Vorgehensweise
Um Vertrauen zu schaffen, wartet Ingrid Hagenhenrich lange, bis sie die Kamera hervorholt. „Ich packe mein Herz auf den Tisch und warte, bis mein Gegenüber das auch tut.“ Auch technisch setzt sie auf Nähe und arbeitet ausschließlich mit kurzen Festbrennweiten (28, 35, maximal 50), die nicht in den Raum greifen. So entsteht eine große physische und emotionale Präsenz. „Ich bin immer mit im Bild“, sagt sie augenzwinkernd – als Spiegelung in der Pupille ihres Gegenübers. Statt im Studio fotografiert sie die Menschen in deren Zuhause oder an einem Ort, an dem sie sich wohlfühlen. Manchmal hilft es, wenn eine vertraute Person oder ein Tier dabei ist. Sie gibt keine konkreten Posen vor, sondern arbeitet mit behutsamen Impulsen: „Stell Dir vor… Wie würde sich das anfühlen?“ So finden die Porträtierten ihren Ausdruck aus sich selbst heraus – etwas, das besonders ungeübten Modellen Sicherheit gibt.
Umarmungen gegen das Vergessen
Für ihre Serie ‚Demenz neu sehen‘ erhielt sie den ersten Preis des Desideria-Fotografiepreises 2022 in der Kategorie ‚Profi‘. Dafür begleitete sie ein Ehepaar mit einer demenzkranken Frau zwei Tage lang im Alltag mit ihrer Kamera; ergänzend entstand ein kurzer Text. Ausgangspunkt war eine frühere Anfrage des Memory Centers in Neuss, das Bildmaterial für ein Buch über das Leben mit Demenz suchte. So lernte sie MaRia und Hans-Jürgen kennen – eine starke Begegnung, aus der sich ein
loser Kontakt über mehrere Jahre entwickelte. Als 2022 ein Wettbewerb zum Thema ‚Demenz neu sehen‘ ausgeschrieben wurde, trafen sie sich erneut. „Das war eine sehr intensive Erfahrung, die mich emotional an meine Grenzen brachte und viele Fragen über das Leben und die Liebe aufwarf.“ Warme, innige Momente, herzliches Lachen und Zärtlichkeit visualisieren den gemeinsamen Weg der Eheleute. Auch ihre Motivation war es, aus dem Verborgenen herauszutreten und Demenz nicht nur als Mangel und Verlust darzustellen, sondern auch Liebe, Humor und die schönen, bisweilen wunderbar absurden Momente sichtbar zu machen.
2026 steht ein neues Projekt an ‚Neun Monate‘ ist noch bis Donnerstag, 30. April, im FMO zu sehen. In der Katholischen Hochschule NRW wird zudem das Prohekt ‚Starke Geister. Das Leben mit FASD‘ gezeigt, ein genauer Termin steht noch nicht fest. „Derzeit arbeite ich an einem neuen Projekt mit dem Titel ‚Momentaufnahme‘“, sagt sie. Es geht um eine sehr besondere und kreative Form von Inklusion. Die Ausstellung ist für November geplant und sie wird im Landeshaus Münster zu sehen sein. Wir werden in unserem Magazin dann noch einmal darauf hinweisen.
ingrid-hagenhenrich.com