MÜNSTER! Magazin

Die Petrikirche zwischen Gotik und Renaissance. Foto: Cornelia Höchstetter

N°152


KIRCHGANG
Wo die Glocken läuten

Sechs Kirchen, ein Weg: Wir spazieren mit Gästeführer Klaus Küper durch die Stadt und entdecken in den Gotteshäusern Ruheoasen, Glauben, Begegnung, Kulturerbe, Kunst sowie Bauwerke aus verschiedensten Epochen – und erstaunlich viel Gegenwart.

Text cornelia höchstetter


PETRIKIRCHE

Die Schul- und Predigtkirche

Zwischen Uni-Gebäuden, Geomuseum und Fürstenberg-Statue liegt sie fast versteckt – die Petrikirche. Von innen verzaubert sie die Besucher mit den filigranen Streben, dem Deckengewölbe und den hohen gotischen Fenstern. Gleichzeitig beeindrucken die Emporen und imposanten Rundbögen auf zwei Ebenen. Ein gewaltiger Kronleuchter mit Kerzen hängt in der Mitte, darunter breiten sich die hellen und formschönen Holzbänke aus.

MÜNSTER! Magazin
Charakteristisch für die Petrikirche: die Apostel an den Pfeilern. Beeindruckend: der flämische Bronze-Kronleuchter in der Mitte. Foto: Cornelia Höchstetter

Gebaut als erste Jesuitenkirche in der rheinischen Ordensprovinz, diente sie ab 1590 als Schul- und Predigtkirche. Domdechant Gottfried von Raesfeld (1522–1586) ist es zu verdanken, dass die Jesuiten 1588 nach Münster kamen – nach der Zeit der Wiedertäufer – und die Domschule übernahmen. Da die Schülerzahl innerhalb kürzester Zeit stark anstieg, wurden ein neues Schulgebäude und eine Kirche notwendig, so entstand die Petrikirche. In der Literatur werden die Jesuiten des 16. Jahrhunderts als „Stoßtrupp der Gegenreformation“ bezeichnet. 

Der Stil der Petrikirche: eine in Westfalen bis dato unbekannte Mischung aus Renaissance und Neugotik – mit einem Basilika-Grundriss, gotischen Strebepfeilern, rotem Bruchstein und Sandsteinportal. Nach der schweren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde sie 1957 neu geweiht. Heute (bzw. seit 1809) ist St. Petri Schulkirche des Gymnasium Paulinum und Heimat der Katholischen Studierenden- und Hochschulgemeinde.  

MÜNSTER! Magazin
Blick zum Westportal, zu den Emporen und auf die Orgel. Foto: Cornelia Höchstetter
MÜNSTER! Magazin
Die Glasarche ist seit 2016 unterwegs durch Deutschland – als Mahnmal und Kunstwerk zugleich. Sie steht für die Zerbrechlichkeit der Natur und die Verantwortung des Menschen. Bis März 2026 ist sie an der Petrikirche in Münster zu sehen – mit den Glasschichten,die schimmern und so stark wie zerbrechlich wirken. 

Kirchenführer Klaus Küper stellt das Besondere der Petrikirche heraus – wie viele katholische Kirchen spielt das Thema der zwölf Apostel eine tragende Rolle. „Die zehn lebensgroßen Apostelfiguren in den Nischen der Mittelschiffpfeiler stammen aus dem Jahr 1604. Die beiden Apostel Petrus und Paulus haben ihren Platz im Chorraum gefunden und stammen vom alten Hochaltar.“ Seit Oktober findet (unter anderem) montags bis freitags von 11.55 bis 12.05 Uhr ein Mittagsgebet statt.  

Zeittafel 

1590 Gründung des Jesuitenkollegs 
1590–1597 Kirchbau mit Unterbrechungen, Baumeister war Johann Roßkott aus Köln 
1598 Endlich fertig 
1941–1945 Im Weltkrieg fast völlig zerstört 
1950–1956 Wiederaufbau ohne Kollegbauten

kshg.de 

ANTONIUSKIRCHE

Glauben international

Zwischen der trubeligen Weseler Straße und der Moltkestraße steht St. Antonius – „eine relativ moderne Kirche, im krassen Gegensatz zur Petrikirche“, findet Kirchenführer Klaus Küper. Anders auch die Ausgangslage: Der Antoniusverein sammelte im Inflationsjahr 1923 sagenhafte 24.104.293.000.000 Mark – 24 Billionen! – für eine Kirche im wachsenden Stadtteil Pluggendorf. Acht Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs begannen die Bauarbeiten für eine neobarocke Kirche mit Querschiff und großer Kuppel. 1917 wird der Kirchbau eingeweiht, im Zweiten Weltkrieg 
bis auf die Außenmauern zerstört. Schlichter wurde sie wieder aufgebaut, 2017/2018 nochmals renoviert. „Beeindruckend ist die Decke aus vielen parallel verlaufenden dunklen Rippen“, findet Klaus Küper.

MÜNSTER! Magazin
Die Türme wurden beim Wiederaufbau nach den Plänen von Professor Dominikus Böhm aus Köln gestaltet. Fotos: Cornelia Höchstetter

Heute steht St. Antonius für gelebte Vielfalt: Die Kirche ist vom Bistum Münster als muttersprachliche Gemeinde für Polen, Tamilen und Spanier bestimmt. So hängt hier auch eine Kopie des Bildes der Schwarzen Madonna von Jasna Góra (aus Śląskie (Schlesien)), die von polnischen Gläubigen sehr verehrt wird. 

In der Krypta feiern die St. Antoniusgemeinde sowie die Queergemeinde Münster regelmäßig Gottesdienste.

MÜNSTER! Magazin
Bunte Heiterkeit: Die Glasmalerei mit den Engeln von Vinzenz Pieper schmückt das große Westfenster. Rechts: Die Schwarze Madonna ist Ziel der polnischen Katholiken in Münster. Fotos: Cornelia Höchstetter

Zeittafel 

1900 Gründungsversammlung des Antoniusvereins 
1902 Die hölzerne Notkirche stand, in Pluggendorf lebten schon mehr als 3000 Katholiken 
1909 St. Antonius wird eine selbständige Pfarrgemeinde 
1913 Architektenentwurf von Professor Ludwig Becker aus Mainz 
1915 Unglück: ein Gerüst stürzte ein, drei Arbeiter starben 
1917 Einweihung 
1943/1944 Die Kirche wurde zerstört 
1952 Wiederaufbau

ERLÖSERKIRCHE

Notkirche und Schiffsbauch

„Das älteste als evangelische Kirche gebaute Gotteshaus in Münster“, stellt Klaus Küper den von außen unauffälligen Bau gegenüber dem Servatiiplatz vor. Die 1900 geweihte Erlöserkirche existiert in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr – den Bombenangriff von 1943 überlebten nur der Turmstumpf und die Orgel. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand „eine Notkirche“, so Küper. Von außen schlicht, der Innenraum erinnert an ein umgedrehtes Holzschiff. Die Erlöserkirche ist der 30. sogenannte „Bartningbau“ – Teil eines Nachkriegsprogramms des Architekten Otto Bartning für das Evangelische Hilfswerk. Vorgefertigte Holzelemente und einfache Bauweise er­­setz­ten schnell die zerstörten Kirchen im Land. 

MÜNSTER! Magazin
Den besonderen Kirchenraum kann man nur während der Gottesdienste und Veranstaltungen bestaunen. Foto: Cornelia Höchstetter
MÜNSTER! Magazin
Foto: Cornelia Höchstetter

Rosemarie Haecker engagiert sich hier ehrenamtlich: im Handarbeitskreis oder beim Kirchenfrühstück (jeden ersten Freitag im Monat um 9 Uhr). „Ich mag die warme Wohlfühl-Atmosphäre der Kirche“, sagt sie. Besucher sind willkommen – etwa beim Basar am 2. Advent mit Selbstgestricktem, Falafel und Glühwein. 

Zeittafel 

1900 Einweihung der Erlöserkirche 
1943 Das neugotische Gotteshaus der Erlöserkirche wurde im Krieg komplett zerstört 
1949/1950 Der Ersatz wird durch die Notkirche wieder aufgebaut 
1950 In der WN wird sie erwähnt als „die schönste und größte Notkirche Bartningscher Art in   Deutschland“

ST. SERVATII

Eine der Ältesten

Wer die Servatiikirche betritt, geht am Kirchplatz ein paar Stufen tiefer zur Tür. „Das ist das Besondere: Die Kirche steht auf dem ursprünglichen Stadtniveau“, lässt Klaus Küper seine Zuhörer staunen. Denn die Stadt liegt inzwischen viel höher, weil sie immer wieder auf Schutt aufgebaut wurde. „Ort der Stille“ wird Servatii zugesagt – es ist eine Anbetungskirche, der Raum ist auf den Altar ausgerichtet, wo die geweihte Hostie ausgestellt ist. Die Kirche ist tagsüber geöffnet – eben noch im Stadtleben unterwegs, verschluckt einen die ruhige Atmosphäre der alten Kirche.

MÜNSTER! Magazin
Die bunten Glasfenster im Chorraum geben der Servatiikirche eine ganz besondere Lichtstimmung. Foto: Cornelia Höchstetter
MÜNSTER! Magazin
Eine Kirche, zwei Baukörper: das Langhaus im romanischen Stil und der frühgotische Chorraum mit den hohen schmalen Fenstern. Foto: Cornelia Höchstetter

St. Servatii ist auch eine Kirche der Seligen: die Seligen Maria Droste zu Vischering und Schwester Maria Euthymia sowie der Selige Clemens von Galen (siehe auch MÜNSTER! November 2025) haben eine enge Verbindung zu diesem Gotteshaus. Betörend ist die Lichtstimmung (siehe auch Fundsache MÜNSTER! Dezember 2023): „Die hohen gotischen Fenster lassen Licht rein – das war die Idee damals: eine Öffnung zu Gott“, erklärt Klaus Küper. „Hier bekommt man ein Gefühl für die vergangene Zeit“. Er weist auf die Akustik des Raumes hin, die schon zum Bau vor 800 Jahren funktioniert hat und sagt: „Alle würden mich verstehen!“ 

Zeittafel 

1230 Fertigstellung der Kirche, die von Kaufleuten und Bürgern finanziert wurde 
1500 (etwa) Anbau des Chores 
1533 Beschädigung durch die Wiedertäufer 
1537 Wiederherstellung 
1852/1894–1899 Ausmalungen der Innenräume 
1941–1945 Kriegszerstörungen 
1946–1952 Neue Gewölbe, ohne Wiederaufbau des Westturms 

CLEMENSKIRCHE

Bayerisch-barocke Bilderschau

Ein Stück Bayern in Münster: Clemens August von Bayern (1700–1761) war Fürstbischof von Münster und beauftragte Münsters Barock-Baumeister Johann Conrad Schlaun mit einer Kapelle für das Klosterhospital (mit damals etwa 13 bis 15 Betten). Im Kirchenraum sind heute noch zwei Türen: „Die linke Tür führte ins Krankenhaus, die rechte Tür ins Kloster“, sagt der Stadtführer Klaus Küper. Schlaun ließ sich von seiner Italien- und Frankreichreise inspirieren und schuf mit der Clemenskirche „den bedeutendsten barocken Kirchenbau in Norddeutschland“, so steht es im Buch „Kirchen mitten in Münster“. „Die Rotunde in der Lichtkuppel zeigt in den Fresken die Aufnahme des Heiligen Clemens in den Himmel“. Stundenlang könnte Klaus Küper über das barocke Wimmelbild erzählen – denn die Bilder waren dazu da, den Leuten, die nicht lesen konnten, biblische Geschichten wiederzugeben.

MÜNSTER! Magazin
Von Italien inspiriert – die Clemenskirche hat einen Campanile, einen eigenständigen Turm. Fotos: Cornelia Höchstetter
MÜNSTER! Magazin
Barockes Wimmelbild – die Clemenskirche ist im Stil ähnlich der bayerischen Wies­kirche im Allgäu. Rechts zeigt die „goldene Fuge“ die Höhe an, ab der die Kirche zerstört war und nennt das erste Baujahrund das erste Wiederaufbaujahr. Fotos: Cornelia Höchstetter

Von außen zeigt Küper auf die roten Fugen, die kaum auffallen – „Schlaun hat das bewusst so gestalten lassen, er wollte eine große rote Fläche erzeugen – anders als am zeitgleich gebauten Erbdrostenhof in der Nachbarschaft. „Und der Münsteraner Architekt Harald Deilmann hat das mit den roten Fugen für seinen Bau des Karstadt-Kaufhauses in den 1980er Jahren aufgenommen“, verrät Klaus Küper. In der Clemenskirche kann man sich nicht sattsehen – schade nur, dass wegen des Personalmangels das im städtischen Besitz befindliche Gebäude aktuell nur für Hochzeiten und Veranstaltungen, selten für Führungen geöffnet ist. Aber wer weiß – wenn sich die Anfragen nach Führungen häufen, beschließt die Stadt Münster vielleicht wieder offizielle Öffnungszeiten?  

Zeittafel 

1745–1753 Erbaut als Hospitalkirche nach Plänen von Conrad Schlaun 
1753 Weihe der Kirche 
1811 Auflösung des Klosters 
1944 Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
1956–1974 Wiederaufbau

MARTINIKIRCHE

St. Martini – letzte Kirche unseres Rundgangs: einst romanisch, dann gotische Hallenkirche, noch mehr als andere geprägt von Bau, Zerstörung und Wiederaufbau. Heute ist St. Martini eine „Jugendkirche“ und täglich von 9.30 bis 18.30 Uhr geöffnet. Der diözesanweite Auftrag heißt: Kirche mit Jugendlichen und jungen Menschen, SchülerInnen und Studierenden auf Augenhöhe gestalten. Jasmin Laudano ist die Leiterin und sagt: „Die bunten Sitzsäcke in der Kirche bringen den Wohlfühlcharakter mit.“ Ab Freitag, 5. Dezember, wandelt sich der Kirchenraum in ein „WinterWonderland“. Um 18 Uhr singt ein ukrainischer Chor, danach ist die Glühweinbar eröfffnet. 

MÜNSTER! Magazin
Bunt und gemütlich – Kirche für die Jugend. Stühle statt Bänke, puristische Wände, das ist St. Martini. Fotos: Cornelia Höchstetter
MÜNSTER! Magazin
 Zettel mit Danke-Sätzen an die „Madonna an der Aa“. Am Portal der Kirche zeigt der Künstler Rudolf Breilmann die Lebensstationen des Martin von Tours. Fotos: Cornelia Höchstetter

Es gibt kaum Heiligen­figuren, doch eine ist sehr präsent: die „Madonna an der Aa“. Ihr danken die Bewohner des Martiniviertels, weil der Brand im Siebenjährigen Krieg an der Hörsterstraße stoppte. So stellte man eine Marienfigur auf – das Original in der Kirche, eine Kopie am Aa-Seitenweg. 

Zeittafel 

1174 (etwa) Gründung der Pfarrgemeinde St. Martini 
1350 (etwa) Baubeginn 
Ende des 15. Jahrhunderts Der Turm wird um das Glockengeschoss erhöht 
1535 Zerstörung durch die Wiedertäufer 
1545 Das Langhaus ist fertig und der Chor wird geweiht 
1759 Brand im Siebenjährigen Krieg 
1911 Brand der Kirche 
1913 Teilerneuerungen 
Zweiter Weltkrieg Zerstörung 
1950–1961 Wiederaufbau nach alten Formen 
1955 Die Kirche bekommt eine Kopie der Madonna an der Aa 
2014 Umbau und Renovierung

Das sind nur kurze Episoden zu einigen Münsters Kirchen. 
Mehr Führungen bieten das Kirchen­foyer, Münster Marketing, diverse Stadtführungs-Organisationen oder kueper.klaus@t-online.de 

MÜNSTER! Magazin
Klaus Küper ist Diplomingenieur und legte vor sieben Jahren mit Begeisterung die Ausbildung zum Gäste­führer ab. Seit einigen Jahren ist er zudem Kirchenführer. Foto: Cornelia Höchstetter