MÜNSTER! Magazin

Foto: Peter Leßmann

N°152


Mit Augenmaß und Feingefühl

Jeden Mittwoch steht Sigi Kühn in Krimphoves Backstube an der Loddenheide. Ja, er ist schon 74 Jahre alt. Er müsste nicht mehr so früh aufstehen und Teigmengen auf die Arbeitsflächen wuchten. Aber seine Kompetenz wird hier hochgeschätzt – und er hat immernoch Lust auf seinen Beruf.

Text britta heithoff


Wenn Sigi Kühn an seine Kindheit zurückdenkt, spricht er voller Hochachtung von seinen Eltern, die sich aus Schlesien geflüchtet in Billerbeck, wo er 1951 auch geboren wurde, ein neues Leben aufgebaut hatten. Seinem älteren Bruder hat er zu verdanken, dass er eine Lehre machen durfte. Von diesem hatten sich die Eltern nämlich das Weiterlernen mit mittlerer Reife und Handelsschule gewünscht. Als Sigi dann soweit war und direkt in die Ausbildung gehen wollte, nach der Realschule, winkten seine Eltern das durch: „Mach mal, so einen Heckmeck wie mit Deinem Bruder brauchen wir nicht nochmal“. 

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Links: „Das war schon meine Ausrollmaschine in der Lehre!“, so Sigi Kühn. Rechts: Weihnachtlicher Stollen ist für Sigi Kühn Expertenaufgabe! Erst wird die passende Menge abgemessen, dann wird der Teigling „rundgewirkt“ – die Form soll einst an das in Windeln gewickelte Christkind erinnert haben. Fotos: Peter Leßmann

Nach der achten Klasse dachte Sigi also drüber nach, Schlosser oder Fliesenleger zu werden. Oder Konditor! So kam es: Am 1. April 1966 begann der damals 15-Jährige seine Ausbildung im Domcafé in 
Billerbeck. Hier lernte er unter anderem, Marzipankartoffeln zu drehen – eine schöne Erinnerung jetzt in der Vorweihnachtszeit!  

Nach seiner Gesellenprüfung, vielen Stationen etwa in Oelde, in Münster und im Rheinland, hatte Sigi mal Lust auf etwas ganz Anderes: „Wie geht das eigentlich mit dem Saisongeschäft auf den Nordseeinseln, zum Beispiel auf Borkum?“, fragte er damals beim Arbeitsamt nach. Die Antwort sollte sein Leben verändern, denn der Mitarbeiter vor Ort empfahl ihm Norderney – „da ist mehr los für junge Leute!“  

Und dort, im legendären Kurcafé der Insel, heuerte er nicht nur an, er traf dort auch seine heutige Frau, eine gebürtige Wienerin, die mit demselben Argument von ihrem damaligen Arbeitsort Bückeburg aus nach Norderney empfohlen worden war. So lernten sie sich im Saisongeschäft kennen und lieben. Noch heute sind sie jedes Jahr gemeinsam auf der bei vielen MünsteranerInnen beliebten Insel zu Gast. 

Anstelle auf Norderney auch zu überwintern, zog das junge Paar damals gemeinsam nach Billerbeck. Sie arbeitete in Münsters Tagesbar Knickelmann, damals in der Königspassage, er qualifizierte sich an der Meisterschule weiter, im Januar 1980 hatte er den Meisterbrief in der Tasche.  

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Sein Konditorenhandwerk ist für Sigi Kühn heute eine Mischung aus Erfahrung, Augenmaß und exakten Bemessungen. Seine absolute Spezialität: „Schweineohren“! Foto: Peter Leßmann
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Schichten, zuckern, falten, ruhen und so fort:  Bei den beinahe unzähligen Arbeitsschritten für „die perfekten“ Schweineohren haben wir Sigi Kühn in der Backstube von Krimphove begleitet. Foto: Peter Leßmann

Immer beschäftigte das Paar auch der Traum einer Selbständigkeit. Eine Eisdiele wäre großartig gewesen, aber dafür fehlte ihnen der Mut. Fünf Jahre lang führten sie schließlich gemeinsam die Gaststätte Die Quelle an der Geiststraße. Als dann dort die Pacht verdoppelt werden sollte, „hatten wir Bammel“, erzählt Sigi Kühn. Während seine Frau zurück zu Knickelmann kehrte und dort die Betriebsleitung übernahm, bildete er sich weiter mit einem Fachstudium „Betriebswirt im Handwerk“ im Bildungzentrum der Handwerkskammer Münster. 

Mit der Qualifikation in der Tasche schaltete Sigi Kühn 1990 dann eine Anzeige in den Westfälischen Nachrichten: „Betriebswirt im Konditorhandwerk sucht neuen Wirkungskreis“. Und jetzt schließt sich derselbe: Denn Heinrich Krimphove hatte in derselben Ausgabe inseriert und suchte „genau so einen Mann“. Krimphove hatte gerade die Bäckerei Rott auf der Wolbecker Straße übernommen, in der Sigi Kühn nun einen zweiten Produktionsstandort aufbaute und die er bis 2009 komplett selbständig leitete: gefördert und gefordert von Heinrich Krimphove, von dem er viel lernen durfte, so etwa den Einkauf und MitarbeiterInnen zu führen. Darunter „wunderbare unterschiedliche Nationalitäten“, wie Sigi Kühn erzählt. „Damals kamen die Tamilen, tolle Mitarbeiter und Menschen, zu denen ich immer ein ganz besonderes Verhältnis haben durfte. Ich werde mittwochs von dem einen oder anderen immernoch mit ‚Guten Morgen, Meister‘ begrüßt“, schmunzelt Kühn. 

„Gesundheit ist das Allerwichtigste. Wenn es einen lieben Gott gibt, dann: Danke, dass ich so gesegnet mit Gesundheit bin!“ Sigi Kühn

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Hochkonzentriert haben wir Sigi Kühn bei seiner Arbeit erlebt – auch in seinem sechsten Jahrzehnt als Konditor kraftvoll und exakt. Foto: Peter Leßmann
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Foto: Peter Leßmann

Mit Heinrich Krimphove tauschte sich Sigi oft in ruhiger Stunde aus: 2008/2009 kam dann die Frage: Was machen wir mit den zwei Produktionsstätten, beide alt, aus der Nachkriegszeit. Investieren in beide oder neu bauen? Dann die Entscheidung: „Jetzt bauen wir neu: an der Loddenheide, eine Backstube für alles“ – der Umzug war dann 2010. 

Bis zur Rente hat Sigi Kühn dann hier an der Loddenheide die Konditorei geleitet, „all meine Auszubildenden haben die Prüfung bestanden“, erzählt er stolz. 2014, nach einer Urlaubswoche auf Norderney, reifte Sigis Gedanke, dass er nun genug gearbeitet hatte mit fast 50 Arbeitsjahren „auf dem Buckel“.  „Ich glaube, ich hör auf“, sagte er eines Montags zu seinem Arbeitgeber Krimphove. Der fand das am Anfang gar nicht so gut. „Wir halten mal den Ball flach, brauchen erst mal Nachfolger, die wachsen nicht auf Bäumen!“, antwortete der. Im April 2015 war es dann so weit. Nach ganz genau 49 Arbeitsjahren ging Sigi offiziell in Rente. Georg Krimphove war inzwischen sein Arbeitgeber, er hatte eine andere Idee: „Du bist so fit, was machst Du denn jetzt? Was hältst Du davon, wenn Du für einen Tag in der Woche hierbleibst?“ 

Das ist jetzt über zehn Jahre her: Seitdem tritt Sigi Kühn jeden Mittwoch früh bei Krimphove an. Setzt sein Konditorenschiffchen auf den Kopf. Wickelt sich die Schürze um und legt los. Erst mit dem Ziel: bis 65, dann bis 67, nächstes Ziel war 70, jetzt ist er schon 74! 

„Du kannst kommen, so lange Du willst, Lust hast und kannst“, sagen Georg und Christopher Krimphove, inzwischen die zweite und dritte Generation seiner Chefs. Nächstes Ziel also: bis zum Alter von 75 bei Krimphove arbeiten! 2026 ist es so weit. 

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Christopher Krimphove (rechts) und Sigi Kühn bei der Qualitätskontrolle. Sie fachsimpeln auf hohem Niveau, für einen Scherz oder ein paar private Worte ist aber auch immer Zeit. Foto: Peter Leßmann
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Konditorenhandwerk ist auch Teamwork! Sigis Nachfolger als Leiter der Feinbackstube ist Florian Teroerde. Der 31-Jährige schätzt den Austausch mit seinem Vorgänger und „Mittwochs-Kollegen“. Fotos: Peter Leßmann

Krimphove 

1860 eröffnete Heinrich Krimp­hove eine Back- und Braustube am Bült 19 in Münsters Innenstadt. Über 165 Jahre später wird das Familienunternehmen von der fünften (Georg Krimp­hove) und sechsten Generation, Christopher Krimphove, geführt. Mit mehr als 280 Mitarbeitern sorgt „der gute Bäcker Krimp­hove“ (so deren Slogan) für Brot, Brötchen, Tartes, Quiches, Kuchen, Kleingebäck und mehr an über 20 Standorten. krimphove.de