N°132
ALBACHTEN – hier spielt die Musik
Münster ist wie ein Puzzle. In unserer MÜNSTER!-Serie stellen wir diesmal Albachten vor. Tief im Westen lauschen wir, was die Menschen uns dort erzählen: Albachten sei der „musikalischste Stadtteil“.
Text cornelia höchstetter
WO IST albachten?
Albachten ist der westlichste Zipfel der Stadt Münster – wer aus Dülmen über die Autobahn 43 kommt, fährt an der Ausfahrt Senden/Bösensell ab und über die Dülmener Straße direkt nach Albachten. Im Osten des Stadtteils führt die Autobahn A1 vorbei. Über die Straße Oberort ist Albachten mit Roxel (etwa 2,5 Kilometer entfernt) verbunden, über die Weseler Straße fährt man im Auto (oder mit der Leeze) direkt bis zum Aasee durch – ohne Stau (was selten zu den Hauptverkehrszeiten vorkommt) in gut 20 Minuten. Außerdem hat Albachten einen Bahnhalt – nur Rollstuhlfahrer und Kinderwagen kommen schwer in den Zug hinein, weil der Höhenunterschied vom Bahnsteig zu groß ist. Rund 6.500 Menschen leben in Albachten – angrenzend an den Kreis Coesfeld und eingerahmt von der Münsterländer Parklandschaft mit so einigen prächtigen Höfen.
Historisches
Scherzhaft hält sich die Herleitung des Ortsnamens: Münsters erster Bischof Liudger soll in der Gegend von Albachten betrunkene Leute angetroffen haben und soll geäußert haben: „Das sind ja alles Baccanten“, in Anspielung auf den Wein-Gott Bachus. Die Geschichte mögen die Albachtener nicht gerne hören. Eine echte Urkunde, die den Ort als ‚Terra Albueten‘ erwähnt, stammt von 1142. Im 12. Jahrhundert ließ der erste Kirchbau nicht lang auf sich warten. Um das 16. Jahrhundert gehörten zu Albachten die Bauerschaften Niederort (heute die Straße nach Senden) und Oberort (so heißt heute die Straße nach Roxel). Zu den wichtigen Daten gehören die Jahre 1642 – das Baujahr der Mühle, die hinter den Mehrfamilienhäusern an der Dülmener Straße hervorspitzt, oder das Jahr 1884, als die St.-Ludgerus-Kirche errichtet wurde (in den 1970er Jahren angebaut). Große Höfe, Viehhandel und Handwerksbetriebe haben die Bauerschaft geprägt. Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten kaum 1.000 Menschen dort. Zum Vorort wuchs Albachten langsam: Es herrschte wie überall Wohnungsnot, in den 1950er/60er Jahren baute man links der Osthofstraße und entlang der Albachtener Straße neue Siedlungen – die Ortsdurchfahrt wurde verbreitert, Bäume gefällt und Fachwerkhäuser abgebrochen, der ehemalige Schultenhof Haus Albachten ebenfalls. Das Ortsbild wurde nach damaligem Verständnis modernisiert und 1975 wurde Albachten der Stadt Münster zugeordnet. In den 1980er Jahren kam das Osthofviertel dazu (teils mit Häusern des münsterschen Designer und Architekten Dieter Sieger), in den 1990er und den 2000er Jahren wuchs der Stadtteil südlich der Dülmener Straße und westlich von Oberhof. Ab 2010 folgten Neubaugebiete bei Haus Wiek, etwa „Zum Fischteich“, „Am Erlengrund“, „Knufenkamp“ oder „Rottkamp“, um nur einige zu nennen.
WAS IST TYPISCH ALBACHTEN?
Wir haben unter anderen mit den Albachtenern Matthias Pape und Manfred Rösmann gesprochen. Die finden: „In Albachten ist schon seit den 1950ern die Integrationsfähigkeit wirklich groß. Das zeigte sich, als die evangelische und die katholische Kirche gemeinsam die Grundschule bauten. Oder weil auf der sogenannten Ökumenischen Wiese zwischen den beiden Kirchen viele Gemeindefeste stattfinden.“ Dass Albachten wie andere ehemals selbständige Stadtteile auch ein besonders intensives Gefühl der Selbständigkeit habe, und eine hohe Identifikation der Bewohner mit ihrem Ort, das empfinden Pape und Rösmann auf jeden Fall.
Andreas Dondrup, Malermeister, Familienvater und Vorsitzender im Trägerverein des Hauses der Begegnung charakterisiert: „Hier hat jeder seine Stärken und ruckzuck steht so manche Veranstaltung“.
Prägend wirke die Jugendarbeit des Sportvereins Concordia, der über 1.100 Mitglieder hat – mehr als jeder Fünfte in Albachten ist also Mitglied im Sportverein. Vor allem spielt in Albachten die Musik eine tragende Rolle: 1921 gründete sich die Bläservereinigung, den Spielmannszug gibt es gefühlt ewig, genau wie verschiedene Chöre – „die Liebe zur Musik hat sich seit Generationen in den Familien so weitervererbt“, erzählen Pape und Rösmann: „Man sieht immer irgendjemanden mit einem Instrument unterm Arm durch das Dorf laufen, in der Weihnachtszeit gab es mehrere große Konzerte aus den Reihen der Albachtener Musizierenden, und immer vor ausverkauftem Haus.“ Gespielt wird oft im Haus der Begegnung – siehe Vorzeige-Projekte. „Wir sind der musikfreudigste Stadtteil Münsters“, finden Pape und Rösmann.
Waren früher die Viehhändler in Albachten typisch, sind es heute besonders zwei herausragende Höfe: die Hengststation Holkenbrink, die in der internationalen Pferdezucht ein Begriff ist (siehe Who is Who), und der Hof Holtmann, wo das japanische Gourmetrind Wagyu gezüchtet und vermarktet wird.
Typisch Albachten ist zudem, dass ein Straßenkunstprojekt des Vereins MusikKultur Albachten e.V. zahlreiche graue Stromkästen in eine Bildershow verwandelt: Profi-Künstler haben 46 Kästen bemalt, die Aktion wird von verschiedenen Albachtenern unterstützt.
WIE LEBT ES SICH DA?
„Der Ort ist vielleicht nicht so hübsch, aber es lebt sich sehr gut hier, sehr musikalisch und sehr vielschichtig“, findet Ruth Epping, zugezogen 2006 und Ansprechpartnerin für die Streuobstwiese der Initiative Initiative Natürlich Albachten. In 20 Minuten ist man (mit dem Auto) in der Stadt und in fünf Minuten zu Fuß im Grünen – das schätzen die Leute hier. Es gibt eine Grundschule und Kindertagesstätten. Für Dinge des täglichen Bedarfs ist vor Ort gesorgt, wenn es was Spezielleres sein soll, müssen die Albachtener in die Stadt – oder sie fahren gleich ins Ruhrgebiet. Vor Ort sind Supermärkte, Drogerie (siehe Who is Who, Jentschura) und Direktvermarkter: Lenis Hofladen, Hofladen Averweg oder der Bioladen Hof Freitag, die Honigmanufaktur Hendrix oder Wagyu Münsterland. Eine Post gibt es „nur“ in der Bäckerei Kisfeld (schon in der zweiten Generation!), Sparkasse und Volksbank sind als gemeinsamer Automatenstandort präsent. Um die medizinische Versorgung kümmern sich zwei Allgemeinärzte, zwei Heilpraktiker, zwei Zahnärzte und ein Tierarzt – Fachärzte gibt es nicht. Die Katholiken stehen zu ihrer St.-Ludgerus-Kirche, die Protestanten zum Matthias-Claudius-Haus. Von Albachtens Mitte ist der Bahnhof 500 Meter entfernt, dort brauchen Züge acht Minuten zum Hauptbahnhof. Alle 30 Minuten fahren tagsüber die Stadtbuslinien 15, zweimal die Stunde fährt die Linie 20 nach Roxel und Mecklenbeck. Albachtens Gewerbegebiet liegt an der Steinbreede, die Feuerwehr hat in Albachten noch einen eigenen Löschzug – Andreas Dondrup betont: „Auf unsere hervorragend funktionierende Feuerwehr sind wir besonders stolz!“ Wie in fast allen Stadtteilen lebt auch Albachten in seinen Vereinen, zum Beispiel: die Bläservereinigung, der Musikkultur Albachten e.V., der Schützenverein, der Verein zur Förderung der Segeltherapie und diverse Chöre, der Männergesangverein, der Trägerverein des Hauses der Begegnung, der Spielmannszug, der Reit- und Fahrverein, die Plattdeutsche Spielgemeinschaft und allen voran mit über 1.100 Mitgliedern der Sportverein Concordia Albachten mit diversen Sparten. Im Jahr 2025 wird die Musikschule ihr 50-jähriges Bestehen feiern. Die Initiative Natürlich Albachten kümmerte sich, dass der Offerbachpark eine Streuobstwiese bekam, einen Carsharing-Platz, sie veranstaltet Do-it-yourself-Projekte, etwa zum Bau von Nistkästen – und kümmert sich um das Thema Solar.
WER ARBEITET DORT?
Zu den größeren und bekannteren Unternehmen, die in Albachten tätig sind, gehören Gautsch Elektro Großhandel Spedition, die Logistik von Frosch Sportreisen, Witte plusprint und einige mehr. Albachten hat weiterhin: Rechtsanwaltskanzleien, Fahrschulen, Designbüros, Steuerberatungskanzleien, eine Koi-Fischzucht, die Holzmanufaktur Brandt, das Küchenstudio kitchen art by Nosthoff Horstmann. Matthias Pape zählt für den Stadtteil acht Vollerwerbslandwirte – das sind mehr als manches Dorf hat.
WAS WIRD GEFEIERT?
Nennen wir es ausnahmsweise mal: Wo wird gefeiert – oft im Haus der Begegnung, im Sportlerheim oder auf der Ökumenischen Wiese (mit Gänsebrunnen), die zwischen den beiden Kirchen liegt. Albachtens wichtigste Feste sind: Schützenfest mit Kirmes im August, das Oktoberfest, das ökumenische Gemeindefest und drei Tage lang dauert Albachtens eigener Weihnachtsmarkt. Der Albachtener Kultur-Freitag findet derzeit sechs Mal im Jahr im Haus der Begegnung statt. Hier treten Künstler oder auch Gruppen mit Rang und Namen auf. Zum Genre gehören: Kabarett, Comedy, Zaubershows, Theater, Kleinkunst, Musik etc.
WHO IS WHO
Einige Jahre lebte Dieter Sieger in Albachten: Der Münsteraner ist ein bekannter deutscher Architekt, Schiffsbauer, Produktdesigner, Maler und Kunstsammler. Als Architekt prägte er eine Reihenhaussiedlung in Albachten, die mehrere Preise gewann – die die Albachtener immer noch „Sieger-Häuser“ nennen. Familie Jentschura sind Ur-Albachtener, auch wenn sie inzwischen mit ihrem international tätigen Unternehmen für Basische Pflegeprodukte und Lebensmittel in Roxel angesiedelt sind – die erste Drogerie als Keimzelle des Unternehmens steht immer noch in Albachten in der Dülmener Straße. Dr. Ulrich Töns war früher Leiter des Overberg-Kollegs in Münster und ist Albachtens wichtigster Geschichtsschreiber. Familie Schulze-Blasum ist mit ihrem Hof im Ortsleben sehr präsent – das Familien-Oberhaupt Günter Schulze-Blasum war sowohl in Albachten als auch in Münster Bürgermeister.
Franziskus ist kein Heiliger, sondern ein Zucht- und Sporthengst des Albachtener Hengsthalters Wilhelm Holkenbrink – Franziskus ist mit seiner Reiterin, Münsters Olympiasiegerin Ingrid Klimke, im Championatskader der deutschen Dressurreiter gelistet. Die beiden haben alle Chancen, Albachten in Paris bei den Olympischen Spielen 2024 zu repräsentieren.
AB INS GRÜNE
Grün ist es rundherum – es gibt sogar eine Art (nicht ausgeschilderten) Rundweg einmal „ums Dorf“, der etwa eine Stunde dauert. Ein außergewöhnliches Projekt im Grünen ist der Offerbachpark, den wir bereits in unserer Oktoberausgabe mit seiner Streuobstwiese vorstellten. Ab dem Jahr 2020 wurden dort Obstbäume gepflanzt, 25 Stück mit verschiedenen Obstsorten. Ruth Epping von Natürlich Albachten erzählt: „Jeder Baum hat einen Paten, aber eigentlich sind die Bäume für alle Albachtener da“, sagt Ruth Epping.
DAS SCHÖNSTE HAUS?
An der Dülmener Straße spitzt über die Gartenhecke ein Haus mit besonderer Giebelstruktur hervor: Hier war früher die Jungenschule untergebracht. Eine Zeitlang lebte hier Familie Jentschura, siehe „Who is Who“. Wenn ein Stadtteil so wie Albachten zwischen Stadt und Münsterland liegt, ist es wenig verwunderlich, dass es noch eine Reihe prachtvoller Münsterlandhöfe und Herrenhäuser gibt: Das Gehöft Schulze Blasum, eine der Keimzellen des heutigen Albachten, geht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Der Speicher und die Kapelle stehen unter Denkmalschutz. 1612 wurde Haus Wiek als Herrenhaus mit Gräfte gebaut. Der Veranstaltungsort Haus Ruhr befindet sich im „Dreiländereck“, wo Albachten, Senden und Bösensell aufeinandertreffen.
BESTES VORZEIGEPROJEKT?
Das Haus der Begegnung hätte einen weitaus spektakuläreren Namen verdient: Immerhin finden im großen Konzertsaal bis zu 350 Zuschauer Platz, und hier treten Albachtener genauso auf wie bundesweit bekannte Künstler. Andreas Dondrup ist seit über 22 Jahren im Vorstand des Trägerverein Haus der Begegnung Albachten e.V.: „2007 wurde dieses Haus fertig, Herzstück ist die Profi-Bühne“. An bis zu 35 Wochenenden im Jahr ist im Haus der Begegnung Programm. Weil so gut wie jeder Verein zur Trägerschaft gehört, nutzen auch die Vereine die Räumlichkeiten.
Die Musikschule e.V. kurbelt das musikalische Leben an: etwa 27 Musiklehrer unterrichten rund 750 Aktive (groß und klein) an knapp 25 verschiedenen Instrumenten. Es gibt Einzelunterricht, Früherziehung, Chöre und vieles mehr. Die Musikschule bestreitet einen guten Teil des kulturellen Lebens und diverse Veranstaltungen in Albachten.
ESSEN UND TRINKEN
Die Albachtener schlemmen im Hotel-Restaurant Ausspann in der Dülmener Straße 20, außerdem im Albachtener Grill oder in der Eisdiele DER EISMACHER. Weiterhin gibt es das Grill Restaurant Miram, das Vereinsheim des Sportvereins Concordia Albachten und die Cafés in den Bäckereien Kisfeld und Jankord.
GRÖSSTES PROBLEM?
Die Weseler Straße und ihre Stauanfälligkeit sind ein großes Problem, das durch das zukünftige Wohngebiet in Albachten Ost nicht kleiner wird – siehe Zukunftspläne. Wenn Albachten wächst, hat es dieselben Probleme wie andere Stadtteile: Schule und Sportverein platzen aus allen Nähten, die bestehende Infrastruktur muss angepasst werden. Dass es in Albachten auch Armut gibt, darauf weist Ruth Epping hin, die glücklicherweise gut bestückte Tafel weist darauf hin. Ruth Eppings Meinung nach fehlt es auch an Angeboten außerhalb des Sports und der Musik für die ältere Jugendliche. Vielleicht ein Grund, warum am Pavillon im Offerbachpark immer wieder Vandalismus zu beklagen ist.
WARUM SOLLTE MAN ALBACHTEN UNBEDINGT BESUCHEN?
Für einen Besuch im Haus der Begegnung, siehe „Beste Vorzeigeprojekte“!
ZUKUNFTSPLÄNE
Seit Januar werden laut Pressemitteilung der Stadt Münster Wohnbauflächen östlich von Albachten erschlossen. Das zukünftige Baugebiet Albachten-Ost liegt zwischen der Weseler Straße im Norden und der Sendener Stiege im Süden. Geplant sind 470 neue Wohneinheiten auf 14 Hektar, zusätzlich kommen Feuerwehr, Kita und eine neue Grundschule in das neue Viertel. Im ersten von insgesamt fünf Bauabschnitten lässt die Stadt die Weseler Straße auf dem Abschnitt zwischen der Osthofstraße und dem Meerhook zu einer Kreuzung mit Ampelanlage umbauen und an das Baugebiet anbinden. Um Raum für Abbiegerspuren und Bushaltestellen zu gewinnen, wird die Weseler Straße in diesem Bereich verbreitert und ein Stück in Richtung Norden verlegt. Außerdem wird eine Baustraße, die zwischen Weseler Straße und Sendener Stiege durch das Baugebiet führt, errichtet. Die Bauarbeiten sind voraussichtlich im September 2024 abgeschlossen. Mitte 2024 starten die Bauarbeiten für Albachtens zweite Grundschule mit drei Zügen, die 25 Millionen Euro kosten wird. Fertig soll die Schule 2026 werden. Zur Schule gehören ein Forum und ein Foyer als multifunktional nutzbarer Bereich, der sowohl der Schule als auch dem Stadtteil zur Verfügung steht. Die Mensa und ein Musikraum sind so angeordnet, dass das Forum durch diese Räume erweitert werden kann. Als Außenanlage entstehen Sport- und Spiellandschaft mit multifunktionalem Kleinspielfeld, Holzspielgeräten, Kletterhügel und Wildblumenwiese mit Obstgehölzen.
albachten-ms.com
hdb-albachten.de
web.muenster.de/albachten
natuerlich-albachten.de