N°143
Zwei Herzen, ein Zuhause –
und Issa mittendrin
Issa lacht. Und seine „Lache“ ist ansteckend. Der in Syrien geborene Schichtleiter im elbēn Bistro an der Wolbecker Straße ist einfach gut drauf. „Ich lebe gerne in Münster und arbeitet gerne bei elbēn“, sagt er. Merkt man!
Text britta heithoff
Weihnachten 2021 kam Issa Abboud aus seinem Heimatland Syrien nach Deutschland. Geboren in Homs im Westen Syriens und aufgewachsen in einem kleinen Dorf wurden er, seine zwei Brüder und seine Schwester (diese leben heute in Wien, in Syrien und im Libanon) vor allem von der Mutter großgezogen, der Vater arbeitete im Libanon und kam nur alle sechs Wochen zur Familie nach Hause. „Nach meinem Schulabschluss mit Zertifikat ging auch ich in den Libanon und habe in einem Unternehmen meinen Beruf ‚Heizung und Klima‘ erlernt“, erzählt Issa. „Dann wollte ich gerne zum Arbeiten und Leben in die Niederlande gehen. Aber Freunde haben von Deutschland erzählt und nahmen mit mich zu einem Besuch bei Bekannten in Münster. So kam ich her. Und bin geblieben. Das Beste ist: Ich habe elbēn kennengelernt, das war sehr gut für mich.“ Sein Blick strahlt Dankbarkeit aus.
Das elbēn Konzept
Elbēn? Was ist das eigentlich? Ist das nicht „nur“ ein Foodkonzept auf Grundlage der syrischen Speise „Manakish“? Nein. Elbēn bedeutet auf Syrisch-Arabisch: „Zwei Herzen, ein Zuhause“. „Wir sind der Überzeugung, dass Begegnung und Austausch Grundbausteine für ein gemeinschaftliches Zusammenleben sind. Daher bietet elbēn einen Ort der interkulturellen Begegnung zwischen den Mitarbeiter:innen, wie auch den Gästen, die bei uns Essen und Kultur genießen wollen“, heißt es auf der Startseite der elbēn Internetseite.
Gestartet mit einem Crowdfounding 2015, wollten die elbēn-Initiator:innen den aus Syrien geflüchteten Menschen die Möglichkeit bieten, sich eine reale Existenz in Münster aufzubauen. Was als syrisches Team begann, ist inzwischen noch viel internationaler geworden und Menschen aus den verschiedensten Teilen der Welt sind für die Zubereitung und den Verkauf von Manakish und anderen levanten Speisen verantwortlich. Dazu wird elbēn auch international von Worldpackers, also Reisenden, die ihre Gastgebern helfen, unterstützt. „Levante“ steht für den östlichen Mittelmeerraum, also all das, was sich östlich von Italien befindet. Es ist eine Bezeichnung für ein Gebiet, das sich nicht in klare Grenzen fassen lässt, sondern im weiteren Sinne die Länder einschließt, die in diesem Gebiet liegen. Das sind zum Beispiel Syrien, Libanon, Israel, Jordanien, Palästina, Teile der Türkei und Zypern.
„Bei elbén habe ich gelernt, wie man Manakish, die arabischen Teigtaschen,vorbereitet und bäckt.“
Issa Abboud
Interkulturelle Begegnungen
Den Mitarbeiter:innen bei elbēn wird die Möglichkeit geboten, interkulturelle Begegnungen zu erfahren und sich eine finanzielle Unabhängigkeit zu schaffen. Durch die Standorte am Aasee und an der Wolbecker Straße, wie auch durch die inzwischen fünf Food Trucks und ihre flexiblen Standorte und Buchungsmöglichkeiten kann das Team levantes Streetfood mit regionalen Akzenten verkaufen und so interkulturelle Begegnungen finanzieren und noch weiter ausbauen.
Elbēn hat somit auch Issa nicht nur eine Beschäftigung und die Möglichkeit, Geld zu verdienen geboten, sondern auch eine Heimat und Anknüpfungspunkte zu anderen Menschen gegeben. „Ich habe direkt einen Sprachkurs gemacht, im Dolmetscherinstitut hinterm Bahnhof. Den Integrationskurs des BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Anmerkung der Redaktion) habe ich bestanden. Und den B1-Sprachtest. Bei elbēn habe ich gelernt, wie man Manakish, die arabischen Teigtaschen – Du kannst auch Pizza dazu sagen – vorbereitet und bäckt“, erzählt Issa in beeindruckend flüssigem Deutsch und mit ansteckenden Lachern zwischendurch – er fügt kleine Scherze ein beim Erzählen, das macht die Unterhaltung fröhlich und man merkt, dass er auch in der Sprache richtig „angekommen“ ist.
Bunte WG im Kreuzviertel
Heute wohnt Issa in einer „elbēn WG“ im Kreuzviertel gemeinsam mit Workaways aus verschiedenen Ländern (das Konzept „Workaway“ dient in erster Linie dem kulturellen Austausch und dem Erlernen neuer Fähigkeiten und ist eine Möglichkeit, auf Reisen weltweit neue Freunde zu finden – häufig verknüpft mit Mitarbeit gegen Bezahlung). „Ich finde das sehr schön mit so vielen verschiedenen Kulturen zusammen zu leben. Ich habe so schnell Deutsch gelernt. Das hilft so sehr! Und durch die Anderen in der WG und im Kurs lerne ich auch Englisch und sogar etwas Russisch und Ukrainisch.“
Apropos helfen: Die Wohngemeinschaft unterstützt sich gegenseitig im Alltag und beim Ankommen, dazu kommt die große WhatsApp-Community, die elbēn für alle Interessierten an den Start gebracht hat: 220 Menschen, darunter auch Freunde von elbēn, Stammgäste usw., sind hier vernetzt, auch etwa für Verabredungen, zum Beispiel zum Salsa Tanzen oder zum Kartenspielen. „Das machen wir viel in unserer Freizeit“, erzählt Issa, „wir sitzen zusammen, trinken Tee, jemand spielt vielleicht Gitarre – und das arabische Kartenspiel Trex ist sehr beliebt. Wir bringen es allen bei und dann kann keiner aufhören, es zu spielen.“
„Die Leute mögen nicht nur unser Manakish und die anderen kleinen Speisen. Die mögen auch uns! Alle sind immer sehr nett zu uns. Wir sind ein ‚warmer Platz‘.“ Issa Abboud
Arbeit und ein warmer Platz
Und die Arbeit? „Als Schichtleiter muss ich alles wissen: über die Backstation, Abrechnen der Kasse, wie ist der Plan für die Mitarbeiter? Ich bin auch so ein Problemlöser für einfach alles“, grinst Issa und sieht sich gerne in dieser Rolle. „Wenn ich zur Arbeit komme, geht es erstmal so: Alle begrüßen, ‚wie geht’s‘? Erstmal muss ich dann etwas Spaß machen, muss Energie haben für das Team, fragen ‚Wie war das Wochenende‘? Dann: Was brauchen wir? Was müssen wir noch vorbereiten? Den Teig für die Manakish, mit Fleisch, vegetarisch, vegan … wir haben verschiedenen Sorten!“ Fester Bestandteil der Teigtaschen ist die typische Gewürzmischung ‚Za’tar“ aus Thymian, Sumach, gerösteten Sesamsamen und Salz. „Die Leute mögen aber nicht nur unser Manakish und die anderen kleinen Speisen. Die mögen auch uns!“, weiß Issa. „Alle, die zu unserem Foodtruck kommen oder in die Bistros, sind immer sehr nett zu uns. Wir sind ein ‚warmer Platz‘.“
Dafür sorgen auch die kleinen Details wie etwa der kostenlose Schwarztee zum gemütlichen Zusammensetzen, die Fotos an der Wand und die Motivation, auch miteinander ins Gespräch zu kommen. „Wir konzipieren immer neue Angebote, etwa unseren Yogaclub und auch Lesepartys“ erzählt Theresa, die fürs Marketing und eben auch für die Öffentlichkeitsarbeit bei elbēn verantwortlich ist.
„Die elbēn Leute, Münster, das gefällt mir alles sehr“, bekräftigt Issa. „Münster ist eine moderne Studentenstadt mit vielen Möglichkeiten und vor allem auch mit viel Sicherheit! Die Menschen sind sehr nett zu mir. Ich hatte noch nie Probleme mit Ausländerfeindlichkeit und ich warte jetzt auch auf meine Einbürgerung“, so Issa. Zu seinen nächsten Schritten auf seinem Weg gehört der Führerschein. Den syrischen hat er, in Deutschland benötigt er noch die passende Fahrerlaubnis, um auch die Foodtrucks fahren zu dürfen. „Das schaffe ich auch bald“, sagt Issa, der über die schönsten Momente der letzten Jahre sagt: „ … als ich meinen Sprachkurs bestanden habe, meine Papiere bekommen, elbēn kennengelernt habe …“.
Issa kocht!
Und was sagen die Freunde über Issa? „Dass ich gut kochen kann“, lacht Issa. „Ich bereite manchmal Faroush (ein arabisches Rezept mit grünem geröstetem Weizen) zu oder Molokhiya, meine deutschen Mitbewohnerinnen mögen das ganz besonders, kennst Du das?“ Nein, kennen wir nicht. Und Sie vielleicht auch nicht. In unserer Februar Ausgabe (No 143) finden Sie Issas Rezept! Danke dafür und für die schöne Begegnung.
In den elbēn-Bistros an der Scharnhoststraße 25 und an der Wolbecker Straße 114 geht es um mehr als „nur um Speisen“. Denn zusätzlich zu den köstlichen Manakish (belegten Teigfladen) und anderen Köstlichkeiten wie Rollen und Schalen (etwa Fatoush), Fingerfood und Dips (zum Beispiel Baba Ganoush) locken hier ganz bewusst auch Begegnung und Kommunikation, die Einladung zum Austausch und zum Miteinander der Kulturen. Elbēn liefert übrigens auch via Lieferando und viele unserer Leserinnen und Leser sind sicher schon auf Foodmärkten oder auch bei privaten Buchungen dem elbēn-Team auf einem der fünf Foodtrucks begegnet.