MÜNSTER! Magazin

Der preisgekrönte Autor und Literaturexperte Dr. Burkhard Spinnen hat sich im Keller eine Werkstatt eingerichtet. Die Schiffsmodelle, die er hier bearbeitet, seien mittlerweile nur noch schwer zu bekommen, sagt er bei einem Besuch. Foto: Jörn Schumacher

N°154


Der Segelschiffnerd

Bekannt ist der münstersche Schriftsteller Dr. Burkhard Spinnen für seine Bücher, Essays und sein Engagement für die deutsche Literaturszene. Weniger bekannt ist sein Hobby, das sehr selten geworden ist: Der preisgekrönte Literat baut Modellschiffe. Und das mit einem gewissen „nerdigen“ Perfektionismus, wie er selbst zugibt.

Text Jörn schumacher


Als Romanautor, Essayist und Literaturkritiker wird Dr. Burkhard Spinnen gefeiert. Als Modellbauer aber ist er eher ein „Einzelgänger“. Wen besuchen wir da? Den preisgekrönten Schriftsteller oder den Vertreter einer aussterbenden Kunst, dem Bauen von alten Segelschiff-Modellen? Beides ist ja gleichermaßen spannend. Wir entscheiden uns also auch für beides – lesen das jüngste Werk des Autors und sprechen mit ihm über Literatur und Schiffe.

„Nerd“, das Wort fällt im Gespräch oft. Schämen muss sich Spinnen für sein Hobby aber definitiv nicht. Es geht nicht um Spielzeug, sondern um Geschichte, handwerkliche Feinstarbeit, und vielleicht auch ein wenig ums Träumen. Im Grunde sei der Modellbau dem künstlerischen Prozess „sehr ähnlich“, sagte Spinnen vor Jahren in einem  anderen Interview. „Aber im Gegensatz zur Kunst lässt sich Modellbau an handwerklichen Maßstäben zumindest einigermaßen objektiv messen“, fand er. „Sowas kann gelegentlich entlastend wirken.“

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Sieht aus wie echt, ist aber ein Modell, entstanden in der Werkstatt des Münsteraners Dr. Burkhard Spinnen: das Segelschiff „Phoenix“ aus dem Jahr 1670. Foto: Jörn Schumacher

Spinnen schrieb Romane, Kinderbücher, Kurzgeschichten, Glossen und Rezensionen, über Theodor Fontane und Modelleisenbahnen, einmal ein Buch über Bücher. Mit „Die letzte Fassade“ gelang ihm ein vielbeachteter Lebensbericht über die Demenzerkrankung seiner Mutter. Spinnen war Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, saß in der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises, ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, leitet seit fast 20 Jahren Literaturwerkstätten an der Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel und gehört seit 2011 der Klasse der Künste der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste an. Zu seinen Auszeichnungen gehören der aspekte-Literaturpreis, der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Deutsche Hörbuchpreis.

Münsteraner ist Spinnen seit 1976, an der Uni studierte er Germanistik, Publizistik und Soziologie und promovierte 1989. Mit 39 Jahren beschloss er, ein Abenteuer zu beginnen. Nein, nicht auf einem Segelschiff anzuheuern, sondern voll und ganz von der Schriftstellerei zu leben. „Eigentlich ein Lotto-Spiel“, sagt Spinnen. „Das gelingt nur einem sehr kleinen Prozentsatz von Menschen.“ Jetzt sei er seit über zwei Jahren verrentet, das heißt: Abenteuer bestanden. Er konnte „nennenswert zum Familieneinkommen beitragen“, fasst er sachlich, aber augenzwinkernd zusammen. 35 Bücher sind es geworden, sie stehen alle aufgereiht für eine sekundenschnelle Zeitreise im Vorbeigehen im Regal des Wohnzimmers. Mit dem Bücherschreiben ist er aber noch nicht fertig. Vor Kurzem erschien mit „Erdrutsch“ ein zeitkritischer Roman über die Lasten des Massentourismus. In diesem Jahr kommt schon ein weiteres Buch heraus.

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Links: In seinem Leben hat Spinnen bislang 35 Bücher geschrieben - Romane, Kinderbücher, Kurzgeschichten und Glossen. Sie stehen aufgereiht in seinem Wohnzimmerregal. Rechts: Ein kleiner Schatz hinter Glas: Das Modell des österreichischen Passagierschiffs „Kaiser Franz Joseph I.“ bekam Spinnen als Wrack, in unzähligen Stunden Arbeit verhalf er ihm wieder zu neuem Glanz. Fotos: Jörn Schumacher

Spinnen haucht schlichten Plastik-Modellen neues Leben ein

Am Thema Schiffsmodellbau kommt man aber ohnehin nicht vorbei, wenn man Spinnen besucht. Gleich im Wohnzimmer drängen sich mehrere Schätze dem Blick auf. An einer Wand steht eine große Glasvitrine, darin ein prächtiger Ozeandampfer. „Das ist die Kaiser Franz Joseph I., ein österreichisches Passagierschiff aus dem Jahr 1912“, klärt Spinnen auf. „Auch das Modell ist von 1912.“ Denn damit machte die Reederei in einem Wiener Reisebüro jahrelang Werbung für die Schiffsüberfahrten. In völlig ruiniertem Zustand war es, als Spinnen den kleinen Schatz auf ebay auskramte. In jahrelanger Arbeit restaurierte er ihn. Auf einer Webseite (kaiserfranzjoseph.de) dokumentierte Spinnen die Arbeit und erklärt dort sein Hobby.

Viele Schiffsmodellbauer gibt es nicht auf der Welt, muss Spinnen eingestehen. In englischsprachigen Internet-Foren mit Namen wie Model Ship World oder Ships of Scale tauschen sich die wenigen verbliebenen „Nerds“ weltweit aus. Das Hobby stirbt. „Die Schränke der Papas und Opas sind so langsam ausgeräumt“, sagt Spinnen, der zum gefragten Fachmann geworden ist.

Begonnen hatte die Begeisterung für Schiffsmodellbau bei Spinnen schon als kleiner Junge. Mitte der 1970er Jahre kamen die Hersteller von Plastikmodellen wegen des hohen Ölpreises in die Krise, viele gingen pleite. Dennoch sind die Modelle Jahrzehnte weiter im Handel geblieben. Auch für den Teenager Spinnen wurden damals andere Dinge wichtiger. Doch im Erwachsenenalter, als er selbst zwei Söhne bekam, stand er eines Tages im Spielzeugladen vor den Modellen, und das Feuer flammte wieder auf. Seit 20 Jahren bastelt er wieder Schiffe, kauft im Internet alte Bausätze auf, verfeinert die Technik des realitätsgetreuen Nachbaus quasi bis zur Perfektion.

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Die Modelle aus Kunststoff dienen als Grundlage. Spinnen erneuert Geländer, Holzstreben und Segel. Das Plastik wird abgeschliffen, geritzt und bemalt, damit es wie Holz aussieht, viele Bauteile goss und schnitzte der Modellbauer selbst. Foto: Jörn Schumacher

„Ich habe Massentourismus immer gehasst.“ Burkhard Spinnen
 

„Das ist die Phoenix“, sagt Spinnen und nimmt ein Schiffsmodell hoch, das im Wohnzimmer einen Ehrenplatz an der Wand bekommen hat. Eigentlich ein Klassiker, eines der ersten ernstgemeinten Modellbau-Schiffe aus Plastik. Spinnen setzte sein ganzes Können ein und hauchte dem Schiff neues Leben ein. Er erneuerte viele Teile oder ersetzte sie durch Eigenbau und kümmerte sich um realistischere Segel. Spinnen setzte hier auf Polystyrol, einen leicht formbaren Kunststoff, sowie verschiedene Modelliermassen. In einem aufwändigen Prozess machte er die Holz-Struktur glaubwürdiger: Er schliff die Kunststoff-Teile ab, fügte mit Schmirgelpapier eine Maserung hinzu, ritzte mit Zahnarzt-Werkzeugen neue Plankenfugen, trug eine Grundfarbe und schließlich eine dicke Schicht brauner Ölfarbe auf, die wurde anschließend mit Wattestäbchen wieder abgewischt. „Erst dann sieht es wie altes Holz aus und nicht mehr wie Plastik“, lacht Spinnen. Auch das Wasser, das die Phoenix durchschwimmt, hat Spinnen in Szene gesetzt, nach einem alten Gemälde. Es zieht gerade Sturm auf, die Mannschaft muss sich beeilen, einige der großen Segel zu reffen. Man meint förmlich die tobenden Wellen gegen den Rumpf klatschen zu hören sowie die hektischen Anweisungen der Bootsmänner an Deck.

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Im Laufe der Jahre ist der Münsteraner ein gefragter Spezialist in der Szene geworden. Im seinem Keller: eine unendliche Sammlung an Ersatzteilen, Farben, Pinseln, Messern und Klebern. Foto: Jörn Schumacher

Auf sein neuestes Buch möchten wir dann aber doch zu sprechen kommen; schließlich haben wir es gelesen, und Spinnen ist das Thema wichtig. Den Roman „Erdrutsch“ hat er mit Charles Wolkenstein geschrieben, einem alten Freund. Hinter dem Pseudonym steckt ein Design-Experte und Kommunikationswissenschaftler aus Düsseldorf, der auch an der Universität Münster studierte. Im Buch geht es um die Auswirkungen der Klimakrise: Erdrutsche und Überschwemmungen bedrohen das Hochtourismusgebiet am Comer See. Ein „Vogelmann“ versetzt die Welt in Aufruhr, denn er kann die Vögel verstehen. Und die sind wenig begeistert von den Unmengen an Touristen und den Naturkatastrophen in den Bergen. „Die Realität hat dann unser Buch überholt“, sagt Spinnen und meint damit den aufsehener­regenden Erdrutsch beim Dorf Blatten in der Schweiz. Frühere Erdrutsche in den Alpen hätten die Anregung für das Buch gegeben. Co-Autor Wolkenstein hat seit 30 Jahren ein Feriendomizil am Comer See, die ökologischen Probleme seien ihm nicht entgangen. Er selbst sei nie gerne verreist, sagt Spinnen. „Ich war 1970 mit meinen Eltern einmal auf Mallorca. Ich habe es gehasst.“ In den 40 Jahren seiner Ehe hätten er und seine Frau immer versucht, die Touri-Hotspots zu meiden. „Aber klar, andererseits verhalf der Tourismus bitterarmen Gegenden zu Wohlstand.“

Schon in diesem Jahr erscheint der nächste Band der Reihe, auch dies werde wieder ein „Entwurf der näheren Zukunft“, sagt Spinnen. In „Himmelssturz“ geht es unter anderem um einen neuen Bischof in Münster: jung, sympathisch, kirchenkritisch und mit Migrationshintergrund. In Düsseldorf hat zudem eine Architektin eine leerstehende Kirche in eine vertikale Gemüsefarm verwandelt, doch eine Discounter-Kette möchte gleich alle nicht mehr benutzten Kirchen in Deutschland aufkaufen …

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Schiffe als Modellbausätze gab es ab den 1950er Jahren. Doch mittlerweile ist das Hobby selten geworden. Bausätze findet Spinnen in Internet-Foren. Fotos: Jörn Schumacher

Kirche kommt auch in „Erdrutsch“ vielfach vor, die kirchlichen Feiertage geben den Takt vor, das Happy End findet an einem Ostersonntag statt. Zufall? Spinnen ist Mitglied in der Katholischen Kirche, lebte sogar 14 Jahre lang im ehemaligen Pfarrhaus von St. Konrad in Münster und war dort auch Lektor. Das Thema Umweltschutz hängt für Spinnen auch mit dem Gedanken an Gottes Schöpfung zusammen. „Was wir da kaputt machen ist doch ein perfektes Konstrukt!“ Und ganz offensichtlich ähnelt der „Vogelmann“ im Roman dem heiligen Franz von Assisi, der angeblich mit Tieren sprechen konnte. Franz von Assisi sei wieder sehr modern, stellt Spinnen fest. „Er ist sozusagen der Hippie unter den Heiligen: Er lebte in einer Kommune, trat für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein und war der Natur eng verbunden.“

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Links: Auch für die Geschichte der Seefahrt interessiert sich der Romanautor. Möglichst originalgetreu sollen seinen Szenen sein - wie hier ein holländischer Hafen. Rechts: Derzeitiges Projekt: ein Stadthafen mit Häusern aus dem 17. Jahrhundert. Fotos: Jörn Schumacher

Nach dem Rundgang, der uns auch in den Keller führt, in dem sich Spinnen eine Werkstatt eingerichtet hat – mit schier unendlich vielen Farbtöpfchen, Pinseln, Klebern und einem Airbrush-Kompressor – geht es noch hinauf unters Dach. Hier hat Spinnen neben langen Reihen von Bücherregalen ausgeleuchtete Schaukästen aufgebaut. Sie zeigen kleine Szenen mit Schiffsmodellen in Miniatur. Einen holländischen Hafen, in dem gerade ein Schiff auf die Seite gelegt wurde, um es zu kalfatern (die Fugen zwischen den Planken abzudichten), eine prunk­volle französische Sträflingsgaleere aus dem 17. Jahrhundert, daneben friedliche Fischerboote. Demnächst möchte Spinnen Schiffe in einem statt­lichen Hafen platzieren. Die Häuserfassade dafür steht schon: eine lange Reihe wunderschöner bunter französisch-italienischer Stadthäuser aus dem 17. Jahrhundert, von Spinnen selbst gebaut.

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Unterm Dach stehen nicht nur viele Bücher, sondern auch die Modellschiffe. Beides sei ja irgendwie zum Träumen da, gibt der Autor zu. „Manchmal sitze ich hier stundenlang und erfreue mich am Anblick.“ Foto: Jörn Schumacher
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Der neue Roman von Burkhard Spinnen, den er mit einem alten Freund schrieb, Charles Wolkenstein: „Erdrutsch“. Es geht um die Gefahren des Massentourismus. Kanon Verlag Berlin, 352 Seiten, ISBN 978-3985681617, 25 Euro. Bitte unterstützen Sie den lokalen Buchhandel!

Irgendwie sind diese kleinen Schiffswelten ja schon auch geradezu perfekt dafür, sich ein wenig fortzuträumen in die Ferne oder in andere Zeiten. Wo vielleicht noch weitere Abenteuer warten? Das hätte auf jeden Fall einen Vorteil: Man muss keine weiten Reisen unternehmen, die am Ende wie in „Erdrutsch“ in Massentourismus ausufern und der Umwelt schaden.