N°154
100 Jahresuperfresh –
Die Fischbrathalle
Lesen Sie auch gerade so viel von den Hundertjährigen, von Langlebigkeit und gelungenem Älterwerden? Münsters Fischbrathalle wird in diesem Jahr 100 und ist ein gutes Beispiel dafür, wie genau das auf superfrische Weise gelingt.
Text britta heithoff
Der stets extrem frische Fisch ist das Geheimrezept. Punkt. Damit wäre die Geschichte der Fischbrathalle eigentlich schon erzählt. Wären da nicht die Historie, der Kultfaktor, die Anekdoten, die Stammgäste und die immer neuen Ideen, die in das Konzept einfließen. Also beginnen wir von vorn: Zwischen Überwasserkirchplatz und Buddenturm, in direkter Nachbarschaft zur Observantenkirche, befindet sich an der Schlaunstraße die Fischbrathalle. Und das seit der Eröffnung im Frühjahr 1926. In diesem Jahr wird das 100-jährige Jubiläum gefeiert!
In vierter Generation leitet Till Meyer heute das Unternehmen, das seine Urgroßeltern Lina und Otto Meyer damals gründeten. Sie kamen aus Bremerhaven, aber Otto vertrug das Reizklima schlecht. Und weil sich in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erstmals die Möglichkeit ergab, frischen Fisch über weitere Strecken zu transportieren, entstanden auch fern der Küsten Fischbrathallen. So auch die von Lina und Otto in Münster. Zu dieser Zeit gab es den Fisch nur auf zwei Arten zubereitet: aus der Fritteuse oder gekocht, es war ein Arme-Leute-Essen für jedermann und jederfrau. Und weil selbst unter den Armen noch Ärmere waren, gab es in der Fischbrathalle Teller mit beschrifteten Einteilungen für „20 Pfennig“ oder „50 Pfennig“. Je nachdem, welchen Teller der Gast hinschob, wurden mehr oder weniger Beilagen aufgelegt und abgerechnet.
Auf Otto und Lina Meyer folgte schließlich Eva Meyer, die in ihrer Zeit als Fischbrathallen-„Macherin“ etwas moderner sein wollte und ein paar Veränderungen in der Einrichtung vornahm. Diese wurden von der dritten Generation der Meyers, Michael und seiner Frau Astrid, wieder sanft zum Urzustand zurückgebaut. Und dieses kultige Interieur wurde auch ganz bewusst bis heute erhalten. Wenn jetzt bei der vierten Generation, Till Meyer und Team, überhaupt mal gestalterische Veränderungen anstehen, dann wird peinlich genau darauf geachtet, dass der „alte Stil“ erhalten bleibt. Und das ist gut so, die unzähligen Stammgäste wissen es zu schätzen. „Unsere Gäste lieben das Original“, erzählt Till Meyer, vor etwa zehn Jahren ist der 36-Jährige ins urgroß-, groß- und dann elterliche Unternehmen eingestiegen und hat es 2018 schließlich vollverantwortlich übernommen. Nicht selten hört er von Gästen, „dass sie genau unter diesem Bild schon mit ihren Großeltern gesessen haben“ – und jetzt mit eigenen Enkeln sitzen.
„Unsere Gäste lieben das Original.“ Till Meyer
Viele der Stammgäste kommen jede Woche, manchmal auch zweimal. Vielleicht seit Jahrzehnten in derselben Konstellation, andere setzen sich auch immer wieder ganz bewusst allein an einen der Holztische und genießen ihre Portion frischen Fisch mit Beilagen und knackigem Salat. Apropos Beilagen: An den hier verwendeten Kartoffeln lassen sich zwei Phänomene erläutern. Erstens: Treue. Seit Jahrzehnten werden diese nämlich von demselben Hof, vom Bauern Greiwing aus Coerde, zur Fischbrathalle geliefert. Und zweitens: Flexibilität. Denn natürlich gibt es in der Fischbrathalle auch vegetarische Optionen und da stehen die Reibekuchen (in gewaltiger Größe, Anmerkung der Redaktion) aus Greiwings Kartoffeln ganz hoch im Kurs.
Ab halb elf und bis 15 Uhr „fliegt in der Fischbrathalle der Fisch“ jeden Dienstag bis Samstag. Gäste stehen zu Stoßzeiten nicht selten Schlange an der Tür, vom Serviceteam werden sie zum Tisch begleitet, denn viele Plätze sind vorreserviert. Die Crew hat im Blick, wo die Lücken für diejenigen sind, die spontan vorbeischauen.
Heute floriert nicht nur das Restaurantgeschäft, auch außer Haus sind Frischfisch zum Selbstzubereiten und take-away-Fischmahlzeiten (zum Start ein Fischbrötchen auf die Hand, wie wär’s?) zu haben. Im Hinterhof (40 Plätze, im Gastraum sind es 93) gibt es für die wärmeren Jahreszeiten einen Biergarten (hier einfach ohne Reservierung Platz nehmen) und handverlesene Abendevents zeigen besonders eindrücklich den Ideenreichtum und die kulinarische Expertise von Till Meyer und seinem Küchenteam. So etwa die „Deep-Sea-Talk“-Abende jeweils am Freitag, 6. Februar und 6. März, mit 10-Gänge-Genuss-Menüs als Event für Fisch-Einsteiger – mit Fischkunde leicht erklärt für alle, die Fisch endlich verstehen und dabei ausgiebig genießen möchten. Zum Redaktionsschluss waren beide Abende leider schon ausverkauft, aber Till Meyer hat weitere Ideen im Köcher, oder besser: „auf der Pfanne“. Im Jubiläumsjahr vor allem rund um den Gründungs-Monat Mai. So etwa Aktionen wie „100 Fischbrötchen für je nur 100 Cent“, ein eigenes Fischbrathallen-Kochbuch mit Originalrezepten, ein Jubiläums-Shirt, Abendevents mit Überraschungen und Vieles mehr.
Auf das superfreshe Jubiläum der Hundertjährigen dürfen wir uns also schon freuen, vorher vielleicht schon dienstags bis samstags zum Mittagstisch in die Schlaunstraße kommen und abseits der Öffnungszeiten diesem Geheimtipp folgen: Bei Kawentsmanns am Spiekerhof, in der Freundschaft an der Hörster Straße und bei Mutter Birken an der Schulstraße gibt es auch jeweils eine Original-Fischbrathallen-Speise … was die gute Gemeinschaft unter unseren Gastronomen in Münster einmal mehr beweist.