MÜNSTER! Magazin

N°153


Raus aus der Einsamkeit

Mehr als zwölf Millionen Deutsche fühlen sich einsam – viele auch in Münster. Warum das Problem uns alle angeht, wie die Politik reagiert und was Betroffene berichten.

Text mona contzen


Einsam sind Menschen, die niemand leiden kann. Wer einsam ist, hat versagt. „Das ist das gän­gige Vorurteil“, sagt die Pflege­wis­senschaftlerin Larissa Schwarz. „Einsamkeit wird gleichgesetzt mit Schwäche. Und darüber spricht man nicht, weil sich niemand selbst abwerten will.“

Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Tabuthema und gleichzeitig ein Massenphänomen. Jede sechste Person ab zehn Jahren – mehr als zwölf Millionen Menschen in Deutschland – fühlt sich laut dem Sozialbericht 2024 der Bundeszentrale für politische Bildung häufig einsam. Betroffen sind vor allem Alleinlebende (26 Prozent), Alleinerziehende (40 Prozent) und junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren (24 Prozent). Besonders alarmierend: In NRW fühlt sich schon jeder fünfte Jugendliche stark einsam, ergab eine von der Landesregierung in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahr 2023.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Introvertierte Menschen, Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status und Menschen mit Migrationshintergrund sind häufiger betroffen. Auch bestimmte Lebensereignisse, oft in jungen Jahren, sind Risikofaktoren: der Auszug aus dem Elternhaus, ein Wohnortwechsel, erste Trennungen. Den sprunghaften Anstieg der Einsamkeit führt eine Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung aber auf die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie zurück: Seitdem hat sich die Anzahl der Betroffenen nahezu verdoppelt.

Dass die Zahlen jetzt nicht sinken, liege auch an der Digitalisierung, meint Larissa Schwarz, die in Münster in der Psychiatrie arbeitet und dort immer wieder mit dem Thema Einsamkeit konfrontiert wird. „Tradierte Gemeinschaften von der Kirche bis zum Ferienlager sind rückläufig, es gibt eine zunehmende Isolation in Großstädten. Wir spüren keine emotionale Verbundenheit, weil unsere Online-Kontakte oft sehr oberflächlich sind und wir uns im realen Leben nicht sehen“, sagt sie. „Gleichzeitig setzen die in den Online-Netzwerken verbreiteten Ideale besonders junge Menschen unter Druck. So nehmen psychische Belastungen und soziale Unsicherheit zu.“

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Diplom-Sozialpädagogin Gerlind Lefert-Eck berät in der Caritas-Beratungsstelle GemEinsam Menschen, die unter Einsamkeit leiden.

Es scheint paradox: Wer alleine ist, muss sich nicht zwangsläufig einsam fühlen. Und wer umgekehrt über soziale Kontakte verfügt, kann sehr wohl unter Einsamkeit leiden. „Das hat mit der Qualität der Beziehungen zu tun“, erklärt Gerlind Lefert-Eck von der münsterschen Caritas-Beratungsstelle GemEinsam. „Alleinsein heißt, ich bin ohne eine weitere Person, im Kino, im Theater, im Restaurant. Einsamkeit heißt, ich fühle mich allein. Da gibt es eine Diskrepanz zwischen den Beziehungen, die ich habe, und denen, die ich gerne hätte.“

Einsamkeit – obwohl nie freiwillig gewählt – ist keine Krankheit, auf Dauer aber kann sie krank machen: Den Zusammenhang zwischen sozialer Isolation und einer schlechteren Gesundheit, von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Depressionen, konnten Psychologen der Uni Münster in einer Studie belegen. Gleichzeitig erhöht Einsamkeit auch die Tendenz zu politisch-extremistischen Vorstellungen. „Einsame Menschen fühlen sich ausgeschlossen“, so Larissa Schwarz. „Radikale Gruppen bieten solchen Menschen Identität und Gemeinschaft.“

Sich wirklich Hilfe zu holen, kostet die Betroffenen dagegen viel Überwindung. „Als soziales Wesen vermeintlich gescheitert zu sein, nicht dazuzugehören und das zuzugeben, das löst Scham aus“, weiß Diplom-Sozial­pädagogin Gerlind Lefert-Eck. Meist werde eine Therapie oder Beratung als Schwäche gedeutet, „dabei ist es stark zu erkennen, dass man Hilfe braucht“.

„Alleinsein heißt, ich bin ohne eine weitere Person, im Kino, im Theater, im Restaurant. Einsamkeit heißt, ich fühle mich allein.“ Gerlind Lefert-Eck

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Kirsten* und Teddy sind diesen Schritt, sich Hilfe zu suchen, gegangen. Im Folgenden erzählen sie von ihrem Kampf gegen die Einsamkeit. *Name von der Redaktion geändert

„Du musst mit kleinen Schritten hochholen, was in dir steckt.“ Kirsten

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Bei Kirsten fing alles mit einem Ende an: der Trennung von ihrem Partner, nach 36 Jahren. „Wir waren miteinander verschweißt. Ich habe kaum ohne ihn das Haus verlassen“, sagt sie über die gemeinsame Zeit. Nach dem Beziehungs-Aus war Kirsten einsam, aber nicht allein. Sie hatte oberflächliche Kontakte zu Arbeitskolleginnen, wohnte vorübergehend bei ihrem Bruder, traf sich hin und wieder mit einer Freundin. „Aber ich habe nur das Notwendigste mit den Leuten gesprochen, schon gar nicht über meine Sorgen“, erzählt die 65-Jährige heute. „Da war ein grundsätzliches Misstrauen, richtige Angst vor anderen Menschen.“

Lange hatte Kirstens Beziehung aufgefangen, was zuvor schon schiefgelaufen war: Gewalterfahrungen in der Kindheit, ein mangelndes Selbstwertgefühl. Nach der Trennung dann war alles nur noch grau, für Kirsten fühlte sich die Einsamkeit an wie der Tod: „Alles ist dunkel. Man hört und sieht nichts mehr, bekommt keine Luft mehr.“

Kirsten begann eine Therapie und erfuhr dort vom Projekt GemEinsam, einer psychosozialen Beratungsstelle der Caritas. „Ich wollte aus diesem Loch heraus“, sagt sie über den Moment, als sie mit klopfendem Herzen die Nummer gegen Einsamkeit wählte. „Also habe ich mir gesagt: Du musst mit kleinen Schritten hochholen, was in dir steckt.“ Etwa anderthalb Jahre hat das gedauert.

Kirsten wollte offen und zugewandt auf Menschen zugehen können, ohne Angst davor zu haben, was passiert. Zusammen mit ihrer Beraterin Gerlind Lefert-Eck überlegte sie, zu wem sie den Kontakt intensivieren oder reaktivieren könnte. Sie begann, das eigene Selbstwertgefühl zu entdecken und zu fragen: Wer bin ich überhaupt? Welche positiven Eigenschaften habe ich?

Einen ersten Aha-Moment hatte Kirsten schon nach der vierten oder fünften Sitzung. In einem Rollenspiel hatten die beiden Frauen geübt, wie Kirsten auf die Kritik einer Kollegin reagieren könnte. Und ihr Widerspruch im echten Leben kam dann unerwartet positiv an. „Das hat mich total motiviert“, erinnert sich die Münsteranerin. „Ich hatte mich nie getraut, mein Ich mal zu zeigen. Hatte immer nur zugehört, aber nie gewagt, meine Meinung zu sagen. Ich kannte es gar nicht, so akzeptiert zu werden, wie ich bin.“

Noch heute, drei Jahre später, nutzt Kirsten Materialien aus der Be­ratung, die ihr geholfen haben, aus ihrem Schneckenhaus herauszukrabbeln, wie sie sagt. Neben ihrem Spiegel, in dem sie früher so oft die verschiedensten Begegnungen geübt hat, hängen immer noch Motivationskarten: Ich mache meinen Job gut. Ich bin einfühlsam. Ich habe gute Ideen.

„Durch die Beratung habe ich mein Leben wieder in den Griff bekommen, es ist wieder lebenswert“, meint Kirsten, die heute lebhaft und selbst­bewusst wirkt. „Ich bin kein Klein-duck-dich mehr. Ich fühle mich wie ein Mensch, der sich an alles rantraut.“ Tagtäglich arbeite sie daran, sich an der Gesellschaft zu beteiligen. Dazu gehört auch, dass Kirsten versucht, anderen Menschen aus der Einsamkeit herauszuhelfen. Immer wieder mal klingelt sie bei Nachbarn, die ihr aufgefallen sind – allein. Aus einigen Begegnungen sind so schon regelmäßige gemeinsame Unternehmungen entstanden.

„Ich verbringe viel Zeit in meinem Kopf und das ist Einsamkeit für mich: eine Leere im Kopf.“ Teddy
 

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Foto: Mona Contzen

Einsam fühlt sich Teddy, seit er denken kann. Schon in der Grundschule litt er unter chronischen Schmerzen, im Teenageralter begannen die Depressionen, mit 14 war Teddy das erste Mal in einer psychiatrischen Klinik. „Einsamkeit und Depressionen gingen bei mir Hand in Hand“, sagt der 22-Jährige heute. „Ich war immer irgendwie anders, habe nicht reingepasst.“

Aber Teddy will sich nicht verstecken, will sich nicht schämen. Teddy will laut sein. „Geärgert werde ich sowieso, dann kann ich meine Lebensgeschichte auch erzählen“, sagt er. Und ein bisschen schwingt da die Hoffnung mit, anderen vielleicht helfen zu können.

Teddy war ein introvertiertes, wissbegieriges Kind, das gerne lernte und bei einer alleinerziehenden Mutter aufwuchs. Seine Mitschüler fanden das komisch – und mobbten ihn. „In der sechsten Klasse hat ein Mädchen zu mir gesagt: Morgen stech’ ich dich ab“, erzählt Teddy. „Als ich das meiner Lehrerin gesagt habe, meinte sie nur, wir sollen das unter uns klären.“ Teddys Mutter versuchte zu helfen, arrangierte Verabredungen und machte damit alles nur noch schlimmer: Die anderen Teenager machten sich darüber lustig, dass es Teddy nicht gelang selbst Freunde zu finden.

An eine einzige Freundin erinnert sich Teddy, doch gutgetan habe ihm die Beziehung nicht. „Sie hat mich von allen anderen abgeschirmt, wollte mich für sich allein haben. Das war eher kontraproduktiv“, sagt er rückblickend. Irgendwann habe er den Kontakt abgebrochen. „Eigentlich gab es bei mir immer nur meine Mama, die mich aufgefangen und unterstützt hat.“

Teddy begann eine Ausbildung, zog in eine WG. Aber Kontakte zu Gleichgesinnten, wie Teddy sagt, hatte er immer nur während seiner Klinikaufenthalte. „Dort war ich weniger allein. Aber ich verbringe viel Zeit in meinem Kopf und das ist Einsamkeit für mich: eine Leere im Kopf“, versucht er zu erklären. „Alles ist aussichtslos, man fühlt sich hilflos – wie auf einer Eisscholle.“

Inzwischen wurde bei Teddy eine bipolare Störung diagnostiziert, die immer wieder auch zu depressiven Phasen führen wird. Im vergangenen Jahr verlor er seinen Job, weil er seiner Chefin die Erkrankung verschwiegen hatte. Und seit sich Teddy als transsexuell geoutet hat, ist auch die Beziehung zu seiner Mutter distanzierter geworden.

Trotzdem scheint es langsam bergauf zu gehen. In Online-Communities lernte Teddy, dass gemeinsame Interessen verbinden – auch im echten Leben. Ob beim Spieletreff oder im Buchclub: „Auch wenn man Menschen nicht so sehr mag, tut der Kontakt gut“, weiß der Horrorfilmfan inzwischen.

Seit fünf Monaten lebt Teddy nun wieder in Münster in der Psychiatrie, und mit der Zeit habe sich dort ein gewisser Zusammenhalt entwickelt. „Ich baue in der Klinik jetzt tiefere Bindungen auf und aus diesen Sozialkontakten ziehe ich Kraft. Das ist für mich nicht selbstverständlich“, sagt er.

Nach seiner Entlassung will Teddy eine vom Berufsbildungswerk begleitete Ausbildung zum Medizinischen Fachangestellten anfangen und in eine therapeutische Wohngruppe ziehen. Er träumt davon, sein Abitur nachzuholen, Gerichtsmediziner zu werden und nach Irland zu ziehen. „Jetzt arbeite ich daran, dass aus meinen Träumen Ziele werden“, sagt er.

Mit dem Münster-Gefühl gegen die Einsamkeit

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Pflegewissenschaftlerin Larissa Schwarz arbeitet seit 15 Jahren mit einsamen Menschen. Foto: Alexianer

„Wir müssen das Thema enttabuisieren, Einsamkeit konsequent erfassen, kommunale Begegnungsräume fördern und soziale Prävention an Schulen und Hochschulen betreiben.“ Larissa Schwarz

Die gute Nachricht zum Schluss: In Münster sind die Menschen weniger einsam als anderswo. Im Loneliness City Index 2024, der Daten aus Deutschlands 20 größten Städten vergleicht, belegt Münster nur Platz 17. Eine mögliche Erklärung: „Münster ist eine Studentenstadt mit vielen Vereinen, Sportangeboten und grünen Orten, an denen man sich begegnen kann“, meint Pflegewissenschaftlerin Larissa Schwarz. „Münster ist eine Stadt mit viel Lebensqualität, dem gewissen ‚Münster-Gefühl‘: nicht zu unpersönlich und mit kurzen Wegen, um soziale Kontakte zu pflegen.“

Trotzdem gibt es auch hier einen Bedarf für Hilfsangebote. Eine Landkarte der Landesregierung listet für Münster mehr als 20 Initiativen und Angebote gegen Einsamkeit auf – vom offenen Treff im Mehrgenerationenhaus über Seniorennachmittage der Gemeinden bis zum Zuhörtelefon für Studierende.

Seit 2022 steht das Thema in NRW auf der politischen Agenda, wie Ministerpräsident Hendrik Wüst im MÜNSTER!-Interview (siehe Seite 90) berichtet. Zum Vergleich: Die Niederlande haben schon 2014 ein nationales Programm gegen Einsamkeit ins Leben gerufen. „Einsamkeit wurde in Deutschland lange als individuelles Problem betrachtet. Wir haben noch nicht ausreichend verstanden, dass das eine gesamtgesellschaftliche 
Aufgabe ist“, kritisiert Larissa Schwarz. „Wir müssen das Thema enttabuisieren, Einsamkeit konsequent erfassen, kommunale Begegnungsräume fördern und soziale Prävention an Schulen und Hochschulen betreiben.“

Doch auch jeder Einzelne ist im Kampf gegen die Einsamkeit gefragt. Warnsignale seien ein verändertes Kommunikationsverhalten der Betroffenen, mangelnde Motivation, Schlafprobleme, häufige Krankmeldungen. „In solchen Fällen kann man ein Hilfsangebot machen, ehrliches Interesse zeigen und vielleicht durch eine Einladung soziale Kontakte ermöglichen“, sagt Larissa Schwarz. „Bei chronischer Einsamkeit, die man oft gar nicht von einer Depression unterscheiden kann, braucht es aber die Hilfe von Profis.“

 

1LIVE Sektorreport
Einsamkeit*


25 Prozent
der Menschen in NRW fühlen sich manchmal (18%) oder häufig (7%) einsam.46 Prozent
der 18- bis 34-Jährigen in NRW kennen das Gefühl von Einsamkeit.

20 Prozent
der über 65-Jährigen fühlen sich mitunter einsam.

24 Prozent
aller User in NRW fühlen sich bei der Social-Media-Nutzung einsam.45 Prozent
der 18- bis 34-Jährigen fühlen sich auf Social Media einsam.

*Erhebung der infratest dimap im Auftrag von 1Live, Juni 2025

„Einsamkeit ist die 
neue soziale Frage 
unserer Zeit“ 

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NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst hat den Kampf gegen die Einsamkeit auf die politische Agenda gesetzt. Im MÜNSTER!-Interview spricht er darüber, dass er sich auf einen langen Weg einstellt – und dass es in Münster das beste Mittel gegen Einsamkeit gibt. Foto: Land NRW/Tobias Koch

„Wir müssen verhindern, dass aus einsamen Kindern und Jugend-lichen einsame Erwachsene werden.“ Hendrik Wüst 

MÜNSTER!: Minister Wüst, die NRW-Landesregierung hat im Jahr 2023 eine Studie zu Einsamkeit in Auftrag gegeben. Was ist dabei herausgekommen?

Hendrik Wüst: Die Studie zu Einsamkeit hat ein klares Bild gezeigt: Einsamkeit ist ein Massenphänomen – vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 20 Jahren. Jeder fünfte Jugendliche in Nordrhein-Westfalen ist stark einsam. Besonders die Corona-Pandemie hat das Thema in dieser Altersgruppe nochmal verstärkt. Bei den Jüngeren sind es etwas weniger – bis zu elf Prozent. Wenn man aber auch die mitzählt, die sich zumindest manchmal einsam fühlen, liegen die Zahlen deutlich höher.

Die Studie zeigt aber auch: Enge Freundschaften besonders zu Gleichaltrigen und familiäre Beziehungen schützen vor Einsamkeit. Wir müssen Jugendliche deswegen dort ansprechen, wo sie schon sind: in der Schule und online. Meine Landesregierung hat sich als erste diesem Thema angenommen und die Bedeutung früh erkannt. Einsamkeit betrifft die gesamte Gesellschaft. Die Ergebnisse der Studie zeigen ganz klar: Wir müssen verhindern, dass aus einsamen Kindern und Jugendlichen einsame Erwachsene werden.

MÜNSTER!: Warum ist Einsamkeit ein Thema, mit dem sich die Politik beschäftigt?

Hendrik Wüst:
Einsamkeit ist die neue soziale Frage unserer Zeit. Das Gefühl, einsam zu sein, betrifft viele Menschen in verschiedenen Lebensphasen – in der Jugend, in der Rushhour des Lebens oder im hohen Alter. Oft trifft uns Einsamkeit unerwartet und vermittelt das Gefühl, von der Welt und den Mitmenschen abgeschnitten zu sein. Das wirkt sich negativ auf das Leben der Betroffenen aus: von Schlafproblemen über Depressionen bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber Einsamkeit hat auch Auswirkungen auf unsere Demokratie. Wer sich dauerhaft isoliert fühlt, entfremdet sich zunehmend von der Gesellschaft und politischen Prozessen. Einsame Menschen entwickeln eher politisch radikale und extremistische Einstellungen. Das ist auch eine Gefahr für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Der Kampf gegen Einsamkeit ist ein Auftrag an uns alle: Wir müssen präventiv handeln, Anlaufstellen schaffen und das Thema enttabuisieren. Alle staatlichen Ebenen – von Europa, dem Bund über die Länder bis hin zu den Kommunen – müssen sich mit dem Phänomen auseinandersetzen. Meine Landesregierung hat das Thema als Querschnittsaufgabe in allen Aufgabenbereichen verankert. Damit nehmen wir eine Vorreiterrolle im Kampf gegen Einsamkeit ein.

MÜNSTER!: Als erstes Bundesland hat Nordrhein-Westfalen schon 2022 eine Stabsstelle gegen Einsamkeit eingerichtet. Ist Einsamkeit in NRW mit seinen vielen urbanen Zentren eine größere Herausforderung als in anderen Bundesländern?

Hendrik Wüst: Einsamkeit kennt keine Grenzen – sie betrifft Menschen auf dem Land genauso wie in der Stadt. Das zeigt: Es kommt darauf an, dass wir alle uns wieder mehr miteinander verbunden fühlen. Unsere Aufgabe ist es daher, auch Netzwerke zu stärken und Treffpunkte zu fördern – sowohl in der Stadt, wo viele Menschen eng beieinander wohnen und sich trotzdem einsam fühlen können, als auch in den ländlicheren Gegenden. Auch darum kümmert sich die Stabsstelle.

MÜNSTER!: 2024 hat in Ihrer Staatskanzlei die erste Einsamkeitskonferenz stattgefunden, um für das Thema zu sensibilisieren. Warum begreifen Sie die Ergebnisse der Studie nicht als Schlaglicht auf die Corona-Zeit, sondern als längerfristiges Problem?

Hendrik Wüst: Corona war ein Brennglas – die Pandemie hat viele soziale Probleme verschärft und Einsamkeit sichtbarer gemacht. Mehrere Studien zeigen, dass die Anzahl der Menschen in Deutschland, die von Einsamkeit betroffen sind, auch nach der Corona-Pandemie nicht wieder auf das Niveau vor der Krise zurückgegangen ist. Im Gegenteil: In 
bestimmten Bevölkerungsgruppen ist Einsamkeit nach wie vor hoch oder hat sich sogar noch verstärkt. Die Ergebnisse unserer Studie haben meiner Landesregierung klare Hausaufgaben mitgegeben. Und einer der wichtigsten Punkte im Kampf gegen Einsamkeit ist: Aufmerksamkeit schaffen, raus aus dem Schweigen und den Tabus. Wir müssen voneinander lernen und Verständnis füreinander entwickeln. Die Bekämpfung von Einsamkeit ist eine kontinuierliche und langfristige Aufgabe.

MÜNSTER!: Die NRW-Landesregierung hat bereits 2024 einen rund 100 Maßnahmen umfassenden Aktionsplan gegen Einsamkeit vorgelegt. Was wurde seitdem schon umgesetzt und wie sehen die nächsten Schritte aus?

Hendrik Wüst: Die Landesregierung setzt bereits seit 2022 Maßnahmen gegen Einsamkeit um. Das Herzstück unserer Strategie ist der Aktionsplan gegen Einsamkeit. Seit seiner Verabschiedung haben wir schon viel auf den Weg gebracht: Wir fördern und vernetzen beispielsweise lokale Initiativen, etwa über das Programm 2.000 x 1.000 Euro, wir unterstützen die kostenlose Telefon-Hotline Silbernetz für ältere Menschen. Wir haben im vergangenen Jahr zu einer großen Einsamkeitskonferenz in die Staatskanzlei eingeladen. Wissenschaft, Praxis und Politik haben sich ausgetauscht. Klar ist aber auch: Das kann nur der Anfang sein – der Kampf gegen Einsamkeit ist auf Dauer angelegt.

MÜNSTER!: In Münster überwiegen aktuell eher noch die Hilfsangebote für ältere Menschen, für junge Erwachsene gibt es nur wenige Anlaufstellen. Gibt es konkrete Pläne, diese Gruppe auf Landesebene stärker in den Blick zu nehmen?

Hendrik Wüst: Als Landesregierung ist es unsere Aufgabe, alle Generationen mitzudenken. Jugendliche und junge Erwachsene müssen wir aber auch deshalb stärker in den Blick nehmen, weil Einsamkeitserfahrungen in dieser Altersgruppe besonders langanhaltende Folgen haben können. Seit 2023 haben wir unter anderem zur Vernetzung und als Anlaufstelle eine Online-Plattform entwickelt, auf der sich Initiativen gegen Einsamkeit eintragen können. Damit wollen wir gute Beispiele und Möglichkeiten sichtbar machen. Bis heute haben sich dort über 800 Initiativen gegen Einsamkeit eingetragen – das ist schon eine große und beeindruckende Vielfalt hier bei uns im Land. Hier kann jeder nachschauen, was vor der eigenen Haustür angeboten wird. Auf der Online-Plattform gibt es auch viele Angebote für die Jüngeren und es werden jeden Tag mehr. Auch in Münster kenne ich gute Initiativen für junge Menschen, wie die sogenannte Nightline Münster, ein Zuhörtelefon von Studierenden für Studierende oder die Initiative Moin!Münster, die sich für den Austausch zwischen den Generationen einsetzt. Münster ist eine lebenswerte und offene Stadt, in der es tolle Treffpunkte und Initiativen gibt – und das Miteinander ist eben das beste Mittel gegen Einsamkeit.

MÜNSTER!: Vielen Dank für Ihr Engagement und das Interview.

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Landesregierung

Online-Plattform mit Initiativen und Angeboten gegen Einsamkeit
land.nrw/einsamkeit

Kompetenznetz Einsamkeit 

Angebotslandkarte gegen Einsamkeit
kompetenznetz-einsamkeit.de

GemEinsam

Psychosoziale Beratungsstelle der Caritas
caritas-ms.de

Nightline Münster

Zuhörtelefon von Studierenden für Studierende
nightline-muenster.de

Zentrale Studienberatung der Universität Münster

Psychologische Beratung
uni-muenster.de

Moin! Münster

Studierendeninitiative, die einsame und hilfsbereite Menschen zusammenbringt
moinmuenster.de

Von Mensch zu Mensch

Ehrenamtliches Besuchsangebot der Stiftung Magdalenenhospital für alte Menschen
mensch-muenster.de

Silbernetz

Das Netzwerk gegen Einsamkeit im Alter
silbernetz.org