N°159
ZUKUNFT AM WASSER
Auf einem Steg sitzen und Beine im Wasser baumeln lassen. Im Sand liegen und picknicken. Beach-Feeling am Abend, ein Balkon zum Fluss, ein Radweg am und Hüpfsteine im Wasser? Das klingt nach – Albersloh!
Text CORNELIA HÖCHSTETTER
Auf einer Brücke treffen sich Radfahrer, Spaziergänger, Einheimische und hechelnde Hunde. Über eine andere führt die ultimative Abkürzung vom WerseRadweg zu Bäcker und Supermarkt. Und über die Brücke in der Mitte rollt der Orts- und Durchgangsverkehr. Unten am Ufer der Werse leuchtet ein Sandstrand. Oben an der Brückenbrüstung nicken Margeriten, Wiesenstorchenschnabel und Lichtnelken immer, wenn ein Auto oder LKW vorbeifährt. Erst im Mai pflanzten die Albersloher die Blumenkästen an der Brücke naturnah an. Anstelle von Geranien. In Albersloh denkt man neu, was Natur im Dorf angeht.
über brücken gehen
Deshalb rollen beim MÜNSTER!-Ortstermin Bürgermeisterin Katrin Reuscher und Daniel Fühner vom Dienstbereich Planen und Bauen einen Plan auf dem Picknicktisch aus. „Wir arbeiten am Thema ‚ZukunftDorf‘ – zu dem das Wersekonzept als ein Teil dazugehört“, sagt Katrin Reuscher. Die Sendenhorster Bürgermeisterin ist auch für den Ortsteil Albersloh zuständig. ‚ZukunftDorf‘ wird so geschrieben, bewusst ohne Genitiv-s, und mit großem „D“. Und die Zukunft soll sich am blauen Gold des Ortes orientieren – der Werse. Der 67 Kilometer lange Ems-Zufluss nimmt seinen Weg durch Albersloh. Die Lage am Wasser spielt seit Jahren eine immer größere Rolle.
Das Dorffest war ein guter Anfang
Ein Blick zurück: Zuerst stand der Kirchplatz im Visier. Dorthin lud im April 2024 das Dorf zur After-Work-Party ein – ein Versuch, ein sogenanntes Reallabor zu schaffen. Unter dem Motto: „Abschlau Genuss und Kultur pur“ (Abschlau ist der Dorfname auf plattdeutsch) feierten die Dorfbewohner. Das habe wunderbar funktioniert, erinnern sich Katrin Reuscher und Daniel Fühner. Aus den Erkenntnissen wurde der Kirchplatz umgeplant und neu gestaltet. Ebenerdig, durchgängig, mit Pollern zur Sicherheit, die sich für Feste rausnehmen lassen. Die Gastronomen können ihre Tische bei Bedarf in den Außenbereich stellen. Finanziert wurde dies mit Hilfe des Bundesprogramms Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren. Das Programm ist ausgelaufen – aber Albersloh macht weiter.
Ein spektakulärer Baustein für die Zukunft wurde getestet: Im September 2024 gab es das zweite
Reallabor: Als Modell bauten die Albersloher für einen Tag einen 80 Meter langen Gerüststeg unter zwei Brücken hindurch, im Wasser. 600 Menschen nutzten das Erlebnis, neue Ausblicke auf die Werse und das Dorf zu erhalten. Einen solchen Steg oder ein Weg am Wasser wünschen sich die Albersloher als Dauereinrichtung. „Zukünftig sollen Uferwege, bei Bedarf mit Balkonstegen, neue Rundverbindungen ermöglichen. Nun gilt es, dafür mit den Flächeneigentümern zu verhandeln und weitere Förderanträge zu stellen“, sagt Daniel Fühner.
Das „Wersekonzept“ ist im Fluss. Vor vielen Jahren wurde bereits ein Teil renaturiert. Südlich des Dorfes wurden Trittsteine verlegt, so dass die Leute von Stein zu Stein zur Werse-Insel kommen. Die wurden im Rahmen des Konzeptes inzwischen neu gerichtet. Neu ist auch am Parkplatz an der Münsterstraße der „Werse-Balkon“ – drei Sessel mit Blick auf den Strand, die Eisdiele Etna und das alte Gasthaus Fels, wo das SozialZentrum heute unter anderem eine Fahrrad-Selbstreparaturwerkstatt für alle Nationalitäten und Generationen betreibt.
Eine andere geniale Idee ist ebenfalls schon umgesetzt. Der Sandstrand an der Münsterstraßenbrücke wurde freigelegt und ergänzt. Beim Dorffest im August 2025 war es am Albersloher Beach fast wie auf Mallorca, mit Trubel und Cocktails von der Landjugend. Den ersten Winter hat der Strand überstanden. Jetzt wackeln die Enten genauso drüber, wie sich Groß und Klein in den Sand legen, mit den Füßen durchs Wasser waten oder gar baden.
Alles andere als Schlafstadt
Für Bürgermeisterin Katrin Reuscher sind das alle Bausteine, den Dorfkern zu stärken und attraktiver zu gestalten. Den Fluss vor der Nase zu haben, ist ein echter Glücksfall. „Gerade Orte um Münster drohen zu Schlafstädten zu werden. Das wollen wir nicht. Wir haben schon das Problem mit dem Durchgangsverkehr.“ Deshalb freuen sie sich so über die Chancen, die die Lage am Wasser bietet.
„Unser Dorf lebt von unterschiedlicher Nutzung: Wohnen, Einzelhandel, Soziales, Dienstleistungen, ein bunter Mix. Das bringt Frequenz und ist der Keim zur Lebendigkeit“, sagt Katrin Reuscher. „Und vor allem: Wir haben eine bunte und aktive Dorfbevölkerung, die ordentlich etwas auf die Beine stellt“.
„Wir haben eine bunte und aktive Dorfbevölkerung, die ordentlich etwas auf die Beine stellt.“
Katrin Reuscher
Die Wirkung des Wassers
Was Alberslohs Politiker planen, ist wissenschaftlich längst untermauert. Wenn man im Internet nach Studien und Aussagen von Experten sucht, stößt man früher oder später auf die Stadt- und Umweltpsychologin Sandra Geiger. Diese beschreibt, dass der Blick aufs Wasser den Cortisolspiegel senke und das Gehirn in einen ruhigeren Modus schalte. Eine Studie des King‘s College London bestätigt das: Wer an Flüssen oder Kanälen sitzt, fühlt sich besser — und dieser Effekt hält laut Studienautor Professor Andrea Mechelli ganze 24 Stunden an, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft. Das gilt sicher auch für die Werse in Albersloh …