N°159
Wie aus dem Bilderbuch
In unserer MÜNSTER! Magazin Serie stellen wir Ihnen ein Jahr lang Münsters kleine Wochenmärkte vor, die zum Einkaufen und Bummeln in den Stadtteilen einladen. In der vierten Folge geht es zum Wochenendeinkauf nach Roxel!
Text mona contzen
In Roxel stehen sie alle: Ob klein oder groß, regional oder international – der Wochenmarkt auf dem Pantaleonplatz ist eine bunte Tüte Gemischtes. Dabei kommt der knapp 50 Jahre alte Markt mit seinem besonderen, ein wenig nostalgischen Flair wie aus dem Bilderbuch daher: Am Obst- und Gemüsestand steht der Bauer mit Strohhut und Latzhose, der Imker wiegt sein Streuobst mit einer beinahe antik anmutenden mechanischen Waage ab und am Süßigkeitenwagen wählen Kinder ihre gemischten Tüten noch in aller Seelenruhe Teil für Teil aus. Die Stände sind überschattet von großen Bäumen, auf der einen Seite wird der Platz von der Kirche Sankt Pantaleon begrenzt, auf der anderen von der alten Villa Höping. Da fällt es leicht sich vorzustellen, dass es hier in den vergangenen Jahrzehnten kaum anders ausgesehen haben mag.
Zu den Urgesteinen des Marktes – und gleichzeitig alten Bekannten vom Domplatz – gehören zum Beispiel Ökullus mit einem großen Sortiment an Bio-Gemüse aus eigenem Anbau, die Käse-Spezialitäten Peiske mit ihren beliebten Käsetüten und das „beste mobile Fisch-Fachgeschäft“ Bussmeyer, so ausgezeichnet vom Fisch Magazin für seine nachhaltigen Produkte – und „die Qualität“, ruft Kunde Boris Jelitto dazwischen. Der Havixbecker fährt nur für den Fisch nach Roxel und gerät schnell ins Schwärmen: „Die haben hin und wieder zwei verschiedene Thunfisch-Sashimis hier – so etwas finden Sie in ganz NRW nicht.“
Ganz klar: Der Markt in Roxel hat seine Fans, die sogar aus Albachten, Gievenbeck oder eben Havixbeck anreisen. Für die Einheimischen ist er ein Treffpunkt. „Wenn hier jemand an meiner Theke steht, kommt eigentlich immer irgendein anderer Marktbesucher vorbei und sagt hallo“, erzählt Leon Petrich von der Bäckerei Tollkötter. Und während andernorts über den Niedergang der kleinen Märkte geklagt wird, vermisst man hier eigentlich nur den Blumenstand, den es seit einigen Monaten nicht mehr gibt.
„In Roxel hast du alles, was du brauchst.“
Marilenn Wälte
„Wenn der Sommer kommt, ist hier ordentlich was los. Dann gibt es über Stunden lange Schlangen“, weiß Amy Wildt, die auf dem Pantaleonplatz original Holland-Lakritz verkauft. Ihr Stand lockt besonders Kinder an, die nach Schulschluss vorbeischauen, an den Stehtischen von Bussmeyer lässt sich eine Familie den heißen Backfisch schmecken, Rentner und Berufstätige schlendern zwischen den Marktständen gemeinsam ins Wochenende.
„Die Kundschaft auf dem Markt ist bunt gemischt, schließlich haben freitagnachmittags viele Leute frei“, sagt Claudia Stücken, die für den Hof Löbbert regionale Bauernhoferzeugnisse, selbstgemachte Plätzchen, Marmeladen und Eierlikör verkauft. Der Wagen ist eine Art Roxeler Original, ist er doch auf keinem anderen Wochenmarkt in der Region zu finden.
Das Gros der Stände in Roxel liest sich aber wie das Who is Who vom großen Markt auf dem Domplatz: Die Biovollkornbäckerei Cibaria ist ebenso vertreten wie die Bäckerei Tollkötter, die ihren Wiener Apfelkuchen hier schneller loswird, als man „ausverkauft“ sagen kann. Bei den Geflügel-, Lamm- und Wildspezialitäten von Dirk Düpmann – neben dem Event-Service Knüpp aus Steinfurt, der mit hausgemachten Eintöpfen, Frikadellen und Schnitzeln punktet, der zweite Metzger am Platz – decken sich die Kunden im Sommer gerne mit Grillfleisch aus dem Kreis Coesfeld ein. „Die Leute achten immer mehr auf eine langsame Aufzucht ohne Antibiotika, auf kurze Transportwege und darauf, dass das Fleisch von freilaufenden Tieren kommt“, erzählt Verkäuferin Nadine Antony. Und bei der Tirolerin gibt es „leckere Sachen aus Österreich und Italien, wie man sie aus dem Skiurlaub kennt“, beschreibt Marilenn Wälte ihr Sortiment, das von Käse über Hirschrohschinken bis zur Trüffel-Salami reicht. „Meine Schinken sind mindestens sechs Monate gereift, da ist nichts gepresst.“
Qualität, Frische, Regionalität – für die Marktbeschicker sind das die wichtigsten Verkaufsargumente. Doch auf dem Pantaleonplatz stimmt dank eines guten Dutzends Stände auch die Auswahl. „In Roxel hast du alles, was du brauchst. Für viele Kunden ist es angenehmer hierhin zu kommen, als sich über den Domplatz zu quälen“, glaubt Marilenn Wälte. Wer mit etwas Ruhe stöbert, entdeckt vielleicht sogar bei alten Bekannten aus der Innenstadt, wie dem Olivenstand, zwischen den selbst eingelegten Antipasti-Spezialitäten das ein oder andere neue Produkt. Etwa die Lavendelblüten für Desserts oder den spanischen Olivenblättertee: „Der schmeckt ein bisschen wie grüner Tee und ist gut fürs Immunsystem“, betont Verkäuferin Alea Stolzenberger.
Ganz offensichtlich außergewöhnlich ist der kleine Stand von Wilhelm Kraneburg: Dem Hobby-Imker aus Senden reichen zwei einfache Klapptische, ein Stuhl und ein paar Kisten, um seine Ware unters Volk zu bringen. Zu Raps-, Obstblüten-, Wald- und Lindenhonig aus eigener Imkerei gesellt sich in der Obstsaison auch ungespritztes Streuobst. „Das kommt nicht vom Bauernhof, die Bäume auf den Streuobstwiesen habe ich alle selbst gepflanzt“, erzählt der 81-jährige Rentner und passionierte Gärtner. „Ich habe immer schon gerne verschiedene Sorten ausprobiert.“
Um die Vielfalt eines einzigen Produkts dreht sich auch alles beim Bauernhof Holkenbrink aus Ostbevern. Neben Erdbeeren, Äpfeln und anderen Leckereien von benachbarten Höfen hat der familiengeführte Betrieb mehr als 20 eigene Kartoffelsorten im Angebot. Und die verkauft Bauer Peter Holkenbrink am liebsten selbst. Ob auf dem Domplatz, in Hiltrup oder Roxel: „Selbst auf dem Wochenmarkt zu sein ist das Allerschönste. Man ist einfach nah dran an den Kunden. Da wird man dann auch mal nach einer besonderen Sorte wie den Bamberger Hörnchen gefragt.“ Die 200 Jahre alte Kartoffelsorte hat eine längliche Form und einen nussigen Geschmack – „ein absolutes Muss für einen schön schlonzigen Kartoffelsalat“, schiebt der Fachmann noch nach.
„Kartoffeln aus dem Supermarkt werden auf Masse gezüchtet. Vom Geschmack her ist das hier eine ganz andere Liga“, ist der Bauer überzeugt. Seine Kundin schmunzelt. „Ich esse lieber Reis“, verrät Karin Lintel-Höping. Und dann erzählt sie noch, dass ihr Mann in der Villa Höping aufgewachsen ist und ihre Kinder früher genau hier, wo alles nur Wiese war, gespielt haben. Ein bisschen was hat sich auf dem Marktplatz in Roxel über die Jahre eben doch verändert.
Der Markt in Roxel
Wann? Freitags von 13.30 bis 17.30 Uhr
Wo? Pantaleonplatz
Was? Obst und Gemüse, Backwaren, Fisch, Fleisch, Käse, Antipasti, Süßigkeiten und Honig