N°147
BÄUERIN FISCH VERLIEBT
Meeresfische aus dem Münsterland? Was erst nach einem verrücktem Plot wie im Spielfilm „Lachsfischen im Jemen” klingt, erweist sich als überraschend frische Idee für die Zukunft der Landwirtschaft. Ein Besuch auf dem Hof Niehues in Sendenhorst, wo neben Schweinen jetzt auch Fische ihre Runden drehen.
Text jörn schumacher
Es wirkt erst einmal wie eine Schnapsidee: Ein klassischer Bauernhof im Münsterland setzt auf ein hierzulande eher seltenes Tier – den Fisch. Genauer gesagt: den Wolfsbarsch. Denn der wird nun in Salzwasserbecken auf dem Hof Niehues bei Sendenhorst tausendfach kultiviert, neben Schweinestall und Biogas-Silo. Und das in einem hochmodernen Kubus, gebaut aus ehemaligen Übersee-Containern, voll automatisiert und fernsteuerbar.
Ein Besuch auf dem abgelegenen Hof in der „echt münsterländischen“ Idylle offenbart vielleicht den Aufbruch in ein neues Zeitalter der Landwirtschaft. Auf dem Weg dorthin kommt man vorbei an pittoresken Höfen aus rotem Backstein, auf den grünen Wiesen stehen Pferde. Aber natürlich sieht man hier und da auch die typischen und weniger ansehnlichen Schweineställe mit ihren Schornsteinen. Auch auf dem schönen, 800 Jahre alten Hof der Familie Niehues – seit jeher in der Hand derselben Familie – gibt es 1.500 Schweine-Mastplätze. Außerdem 85 Hektar Ackerfläche und eine Biogas-Anlage. Carl Niehues hat den Hof 2018 von seinem Vater übernommen. Doch vor vier Jahren suchte seine Frau Louise Niehues nach neuen Wegen für den Hof. Der Trend, immer mehr auf Schweine zu setzen, sei endgültig vorbei, ist das Paar überzeugt. Die Zukunft liegt vielmehr darin, neue Standbeine parallel aufzubauen. Die Skepsis der Verbraucher gegenüber dem Fleischkonsum wächst, auch der Export geht zurück, immer mehr Länder produzieren ihr eigenes Schweinefleisch, vor allem China.
Louise, 40 Jahre alt und eigentlich studierte Kommunikationswissenschaftlerin, zog drei Kinder groß, die nun alt genug sind, dass sie nun wieder mehr Zeit für einen eigenen Beruf hat. Das Konzept des Start-Ups Seawater aus Saarbrücken faszinierte Louise sofort: Dort entwickelten Ingenieure eine schlüsselfertige Fischzucht-Anlage für Landwirte. Sechs Jahre lang testeten diese die Wasser-Anlage, die sie in ausrangierten Übersee-Containern installierten, auf Herz und Nieren. Die Münsterländerin Louise Niehues war begeistert. Und so brachte sie die Fische in unsere Region – die nun nicht gerade als traditionell fischverliebt gilt.
Moderne, saubere Anlage mit quicklebendigen Fischen
Seit Herbst 2023 steht auf dem Bauernhof der Niehues ein so genannter „Cube” mit Wolfsbarschen. Solch eine Anlage gebe es ansonsten nur noch in Aachen, erklärt Johannes Wolf, gelernter Fischwirt, der sich von der Idee vor einem Jahr ebenfalls anstecken ließ und Vertriebsleiter für die Fischzucht hier wurde. Wolf arbeitete zuvor zehn Jahre lang im Fischhandel und sah sich den Cube der Niehues eher aus Neugier an. Er gibt zu: „Ich war sehr skeptisch!” Schon viele ähnliche Versuche hatte er gesehen, aus keinem war etwas geworden. Doch hier sah er Potenzial.
Der weltweite Konsum von Fisch und Meeresfrüchten lag im Jahr 2023 bei ca. 20,5 kg/Kopf. In Deutschland haben wir im Jahr 2023 etwa 12,5 kg Fisch pro Kopf konsumiert (Quelle: fischinfo.de). Fisch ist substanzieller Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung. Aber die Ozeane sind zunehmend überfischt und verschmutzt. In Deutschland werden nur 14 Prozent des verzehrten Fisches selbst produziert, der Rest wird importiert, sagt Wolf. „Es gibt kaum ein Produkt, bei dem wir Deutschen eine so geringe Selbstversorgungsrate haben.” Hier könne die „rezirkulierende Kreislaufanlage” auf dem Land die Lösung sein.
Nach dem Gespräch zeigt mir der Fisch-Experte das Innere der Container, die an einer Seite außen schick mit Holz verkleidet sind. Drei Wasserbecken mit verschiedenen Wachstumsstadien der Fische stehen nebeneinander, davor sind eine Reihe an Rohren und Technikschränken mit leuchtenden Displays verteilt, die Filter- und Belüftungsmaschinen summen vor sich hin. Es ist hell, angenehm temperiert und es riecht wider Erwarten so gar nicht nach Fisch. Ich bin kein Experte, aber ich finde: Die Fische scheinen quicklebendig zu sein, schnell ziehen sie in kleinen Grüppchen ihre Runden durch das sehr sauber wirkende Wasser. Man möchte fast selbst eintauchen und mitschwimmen.
„Es gibt kaum ein Produkt, bei dem wir Deutschen eine so geringe Selbstversorgungsrate haben.” Johannes Wolf
Frisch auf dem Tisch: Carpaccio oder Sushi
Die jungen Fisch-Setzlinge stammen aus Nordfrankreich, in diesem Stadium sind sie gerade einmal zwei Gramm schwer, erklärt Wolf. Es werden keine Medikamente eingesetzt, betont der Experte. Der Wolfsbarsch komme ursprünglich aus dem Mittelmeer, er wandere aber immer weiter in den Norden, weil es ihm zu warm wird. Er ist ein Schwarmfisch und fühlt sich in Dichten ab 10 kg pro Kubikmeter wohl, er braucht eine Wassertemperatur von 24 Grad. Die nötige Energie kommt bei den Niehues aus der Biogas-Anlage, die gleich neben dem Cube steht. Eine Solaranlage mit Speicher sorgt zusätzlich für 100 Prozent autarke Stromversorgung.
Ein Abnehmer der Fische war von Anfang der Hof Grothues-Potthoff mit seinen drei Restaurants in Senden. Weitere Gastronomen (so etwa in Münster das Hotel-Restaurant Wilkinghege und die Fischbrathalle, das Gabriels im Hotel Kaiserhof und das Restaurant Rotkehlchen an der Wasserstraße – jeweils abhängig von den Monatsmenüs oder Eventformaten) freuen sich über den Fisch, der frischer nicht sein könnte. Im Münsterland steht er auch immer mal wieder in der Alten Amtmannei in Nottuln, im Landgut Hotel Lohmann in Rinkerode, im Restaurant Hoffschulte in Wolbeck, im Hotel Waldmutter in Sendenhorst, im Hotel Witte in Vorhelm und im Gasthof Willenbrink in Lippetal auf der Karte.
„Der Wolfsbarsch hat ein festes, fettarmes Fleisch”, sagt Wolf, der derzeit eine Zusatzausbildung zum Fischsommelier macht. „Daher eignet er sich perfekt für Tatar, Carpaccio oder Sashimi.” Fische aus dem normalen Handel sind wegen des langen Transports im Durchschnitt zwischen zehn und zwölf Tage alt. „Unsere Fische kommen quasi noch am selben Tag auf die Teller.” Gemeinsam mit Eckels Kladde und der Kochschule e.ssenz bietet die Geflossenschaft monatlich Kochkurse zum Thema Fisch in Münster an.
Wer sich vom Meeresfisch aus dem Münsterland selbst einmal überzeugen will, kann zum wöchentlichen Hofverkauf auf den Hof Niehues kommen. Im eigenen Online-Shop kann man die die Produkte vorbestellen. Ein wenig Rummel gibt es auf dem abgelegenen Hof inzwischen schon, stellt die Familie Niehues fest, besonders nach Berichten im WDR. Der erste Fisch-Schweine-Bauernhof im Münsterland liegt nur wenige Meter vom Fahrradweg entfernt. An manchen Wochenenden kommen viele Besucher. Kein Wunder, besonders für Kinder ist das Fisch-Fenster an der Vorderseite der Container spannend, hier kann man den Fischen beim Schwimmen zusehen. Aus dem ungläubigen Staunen wird beim traditionell skeptischen Münsterländer so mit der Zeit ja vielleicht noch die große Fisch-Verliebtheit …
„Unsere Fische kommen quasi noch am selben Tag auf die Teller.“ Johannes Wolf
Hof Niehues
Sunger 36, 48324 Sendenhorst
Vorbestellen bis montags 18 Uhr, Abholung auf dem Hof
Öffnungszeiten für den
Hofverkauf: donnerstags zwischen
15 und 18 Uhr
diegeflossenschaft.de