N°147
Unternehmungslustig!
Wie ist es denn, dieses „Älter-Werden“? Was hat die Zahl der Lebensjahre mit dem Menschen an sich zu tun? Welche Sätze und Erlebnisse aus der Jugend schleppt man im Rucksack durchs Leben? In der zweiten Folge unserer Serie über das Älterwerden sprechen wir mit Ilona Tertilt aus Münster – 76 Jahre, Architektin, Reise-Unternehmerin, Netzwerksgründerin, Feministin und seit zwei Jahren Taschen-Designerin.
Text cornelia höchstetter
MÜNSTER!*: Liebe Ilona, wie bist Du heute morgen aufgewacht?
Ilona Tertilt: Ehrlich gesagt etwas aufgeregt. Ich denke seit Tagen über unser heutiges Gespräch und das Thema ‚Älter werden‘ nach, habe Fotos gesucht und mir ist aufgefallen, dass ich kein einziges Foto von den Gebäuden habe, die ich mit Zeichnungen und Modellen geplant und auf die Grundstücke gebaut habe (Anmerkung der Redaktion: Ilona Tertilt ist Architektin, siehe später). Dabei war das eine lange Zeit meines Lebens – erst das Studium und dann habe ich etwa zehn Jahre als Architektin gearbeitet.
M!: Da sind wir schon mitten im Leben – aber wie bist Du heute körperlich aufgewacht? Zwickt nichts?
Ich will nicht jammern – aber seit einiger Zeit habe ich etwas Verspannungen im Nacken und im Hals. Mir wurde geraten, mich erst mal im Bett aufzusetzen und Übungen am Morgen zu machen.
Familienbildung in der Friedensstraße
„Bei der Namensfindung war es uns wichtig, auszudrücken, wofür das Haus steht: Familienleben fördern, Bildungsmöglichkeiten schaffen und Demokratie stärken“, betont Corinna Sühlsen, Leiterin und Geschäftsführerin der FBF.
Das sollte sich auch im neuen Logo widerspiegeln: „Unser Haus ist ein Ort, an dem alle willkommen sind. Hier kommen Menschen in einer ähnlichen Lebenssituation zusammen und wachsen gemeinsam.“
Es geht dabei um mehr als 10.000 Menschen, die hier jährlich ein- und ausgehen. Die Familienbildungseinrichtung in der Friedensstraße hält den TeilnehmerInnen über 900 verschiedene Kursangebote im Jahr bereit, die wiederum in neun Fachbereiche unterteilt sind: Rund um die Geburt, Mit Kindern leben, Erziehung und Beziehung, Sprachen lernen, Beruflich weiterbilden, Gesundheit und Fitness, Treffpunkt Küche, Kunst und Handwerk und Alles selbst genäht.
M! Bist Du denn nach 76 Lebensjahren zu einer Erkenntnis oder einem Lebensmotto gelangt?
„Trau Dich“, das könnte die Überschrift meines Lebens sein. Das zu lernen, mich zu trauen, dazu musste ich älter werden.
M!: Lass uns bitte mal in Deine Kindheit und Jugendzeit reisen, damit wir Dich besser kennenlernen.
Ich bin 1948 geboren – mein Vater sagte immer zu mir, ich sei die erste Anschaffung nach dem Krieg gewesen (lacht). Meine Eltern stammen aus Breslau, sie mussten fliehen und sind nach dem Krieg in Salzgitter-Lebenstedt gelandet, um dort ein neues Leben zu beginnen. Meine Großeltern waren auch dabei. Sie hatten dort einen Schrebergarten und bauten Gemüse an – die Angst vor dem Hunger war allgegenwärtig, und ihre Sorge um mich auch. Mein Vater war Beamter in der Verwaltung und um seine Karriere schneller voranzubringen, hat er sich immer wieder für den nächsthöheren Posten beworben. So sind wir – die Eltern, meine Schwester und ich – einige Male umgezogen. Erst in den Harz nach Osterode, später nach Neubeckum ins Münsterland, wo er dann Gemeindedirektor wurde, und dort blieb dann die Familie. Ich habe wegen der Umzüge dreimal das Gymnasium wechseln müssen. Grundsätzlich war das Thema Gymnasium für die Menschen um uns herum ein Diskussionsthema. Für die Aufnahme musste ich damals eine Prüfung machen. Diese dauerte eine Woche Schule im Gymnasium mit Klassenarbeiten. Die Verwandtschaft sagte damals zu meinem Vater: „Was schickst du das Mädel aufs Gymnasium. Die heiratet doch eh …“. Mein Vater aber meinte, wir müssen einen Beruf haben. Das war ihm wichtig, aber wohl eher aus einem Sicherheitsdenken, falls der Ehemann sterben würde. In den Schulen war ich also öfter die Neue. Da haben einen schon alle angesehen – aber irgendwann war das alles in Ordnung. Negative Erinnerungen daran habe ich nicht.
M!: Hat Dich das besonders offen für Neues und Andere gemacht?
Rückblickend finde ich es sogar gut, wenn man immer wieder andere Menschen und andere Situationen kennenlernt. Man kommt raus aus seiner Komfortzone. Kinder wurden damals nicht gefragt, ob sie umziehen möchten. Die Eltern haben entschieden und die Kinder hatten das mitzumachen. Es war eine andere Zeit. Die Offenheit und Toleranz für andere war in unserer Familie aber immer da. Mein Vater sah jüdisch aus und musste sich in der Nazizeit immer rechtfertigen. Das hat ihn geprägt, er fand es immer schlimm, wenn Menschen ausgegrenzt wurden. Ich selbst hatte früh Kontakt in alle Welt: Als ich in Oelde aufs Gymnasium ging, hatte ich Brieffreunde aus verschiedenen Ländern und Kontinenten, aus Afrika, Frankreich, England und Schweden. Bei meinem französischen Brieffreund hatte ich einmal sechs Wochen Ferien verbracht. Das war normal, da dachte man gar nicht nach über die jeweiligen Nationalitäten. Nur einmal in Frankreich gab es einen Nachbarn, der schlechte Erfahrungen mit Deutschen gemacht hatte – vor ihm wurde ich versteckt.
M!: Welche Sätze oder Erlebnisse aus Deiner Kindheit oder Deiner Jugendzeit haben Dich zeitlebens begleitet?
Das Sozialverhalten von damals, dass in der Familie erst der Mann und dann die Frau an zweiter Stelle steht – das habe ich als Kind selbstverständlich hingenommen, ich kannte ja nichts anderes. Das war überall so. Erst später, als ich anderes erlebt habe, begann ich mir dazu Gedanken zu machen. Ich erinnere mich gut an einen Besuch bei einer Freundin: Nach dem Essen durften die Jungs zum Spielen und wir Mädchen mussten den Abwasch übernehmen. Das hat mich gestört und die Erinnerung daran hat mich begleitet und mich unter anderen Erlebnissen bestärkt, Feministin zu sein. Mit zunehmendem Alter habe ich die patriarchalischen Strukturen und Hierarchien durchschaut und es als zunehmend sehr ungerecht empfunden. Mein Vater nannte mich damals „Don Quijote“. Wie recht er hatte, denke ich heute oft, denn die patriarchalischen Strukturen beherrschen nach wie vor die Gesellschaft.
M!: Wusstest Du damals, was Du nach dem Abitur machen wolltest?
Im ganzen Leben wusste ich nicht, was ich will. Aber ich wusste immer, was ich NICHT will. Nach der Schule habe ich erst einmal eine Ausbildung als Fachlehrerin für Sport und Textilgestaltung gemacht und habe an der Realschule unterrichtet. Das war in meinen 20er Jahren, in der Pausenaufsicht wurde ich von einer Nonne für eine Schülerin gehalten. Ich fühlte mich aber komplett erwachsen.
M!: Und was wolltest du nicht?
Ich wollte keinesfalls so leben wie alle um mich herum: Wie die Frauen mit ihren Familien, den Kindern, dem Häuschen und dem Garten und der Mann geht arbeiten. Das kam für mich nicht in Frage. Aber ich hatte auch keine andere Idee. In meinem Umfeld gab es nur dieses Lebensmodell der Familien.
„Als Kind merkte ich schon: Die Jungs durften spielen, die Mädchen halfen beim Abwaschen.“ Ilona Tertilt
M!: Du hast dann den Beruf gewechselt: von der Lehrerin zur Architektin. Wie kam das?
An der Schule hat es mir nicht so sehr gefallen. Die Lehrer nicht, die Schüler waren okay. Ich habe um meine Entlassung gebeten, um danach in Münster an der Fachhochschule Architektur zu studieren. Fast hätte ich es vergessen zu erzählen – ich war zu der Zeit verheiratet, mein damaliger Mann war im Immobiliengeschäft und wir dachten uns, es ergänzt sich ganz gut, wenn ich Architektin wäre. So habe ich sechs Jahre studiert – das dauerte deswegen länger, weil in diese Zeit unsere Scheidung fiel. Das hat mich sehr viele Nerven und Emotionen gekostet, die mich beim Studieren gehindert haben. Und dass ich geschieden war, das merkte ich in der Gesellschaft: Als eine geschiedene Frau im Alter der 30er, ohne Mann, wurde ich immer seltener in die anderen Familien eingeladen. Mein Glück war, dass ich zu der Zeit schon in Münster wohnte und dort hatte ich einen großen Freundeskreis aufgebaut. Schwierig war es auch, als ich mich nach dem Studium beworben hatte und eine Stelle suchte. Ich war ja zehn Jahre älter als die anderen. Da spürte ich einiges an Vorbehalten heraus. Durch meine Schwester, die Stadt- und Landschaftsplanung studierte, kam ich zu meiner ersten Stelle in Warendorf, Vitamin B hat geholfen. Danach arbeitete ich in Münster und Beckum, hatte als Angestellte aber mit den starren Hierarchien zu kämpfen – als Frau war man immer die zweite Garde. Das brachte mich zur Selbstständigkeit: Gemeinsam mit meiner Schwester gründete ich das Architekturbüro Gertzen + Tertilt. Als freiberufliche Architektinnen verwirklichten wir viele Projekte für ein Beckumer Bauunternehmen, darunter Mehrfamilienhäuser und Doppelhäuser. Aufträge von Bauherren übernahmen wir auch und planten und bauten Altenheime, Praxen und Läden.
M!: Heute bist Du Reise-Unternehmerin mit dem Büro „leben&reisen“. Wie kam das?
Dagmar Merfort (Anmerkung der Redaktion: Dagmar Merfort und Ilona Tertilt sind die Gründerinnen und Inhaberinnen des Reiseveranstalters leben&reisen) kam damals aus Italien zurück – sie war selbständig mit dem Reiseveranstalter Skat-Reisedienst. Wir kannten uns über damalige Freunde aus der Studienzeit. Zurück in Münster suchte sie Reisebegleiter für ihre Kunden – und da bin ich dann zwei, dreimal im Jahr mitgefahren. Das war in den 1990er Jahren. Reisen machte mir schon immer Spaß. Ich war in vielen Ländern, etwa in Brasilien, in den USA, Spanien, Portugal, auf verschiedenen karibischen Inseln, Griechenland usw. Ich liebe es, andere Leben und andere Menschen kennenzulernen. Das fasziniert mich. Und 1998 gründeten wir zusammen den Reiseveranstalter leben&reisen – da war ich um die 50 Jahre alt. Als ReiseveranstalterInnen planen, organisierten und führen wir Premium- Reisen inklusive Fahrt in der PKW-Limousine. Ich kümmerte mich um die Organisation im Büro – da musste ich vieles neu lernen. Aber ich lerne sehr gerne, ich habe viel gelesen, viel gefragt und habe mir so alles selbst beigebracht, angefangen vom Arbeiten mit dem Computer bis zu reisetechnischen Regeln und juristischen Hintergründen.
M!: Apropos Gründen – das Netzwerk „Frauen u(U)nternehmen“ hast Du auch mitbegründet, wie kam das?
Die Idee war, etwas für Unternehmerinnen zu machen – so gingen wir mit fünf Frauen zum damaligen Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK), Peter Schnepper, und machten ihm klar, dass die IHK etwas mehr für die Unternehmerinnen tun muss. So ist das Netzwerk für Unternehmerinnen und Frauen in Führungspositionen entstanden. Mitunter war ich in meinem Leben sehr naiv und dachte immer – das machen wir schon. Aber sonst wären wir auch nie weitergekommen!
„Mein Motto ist: Solange ich lebe, lebe ich auch!“
Ilona Tertilt
M!: Wie dachtest Du als Jugendliche über ältere Menschen und wie fühlst Du Dich heute von jüngeren Menschen wahrgenommen?
Das waren für mich Respektspersonen. Allen voran die Eltern und die Großeltern. Ich war damals schüchtern, nicht zuhause, aber außerhalb. Heute spüre ich manchmal auch den Respekt. Allerdings: Als mir im Zug zum ersten Mal jemand seinen Sitzplatz angeboten hate, war ich richtig pikiert – letztendlich aber auch froh. Bei unseren Netzwerktreffen fällt mir auf, dass wenn neue Frauen dazukommen, suchen die Jüngeren eher die Nähe zu den Gleichaltrigen, und zu mir kommen eher die Älteren. Aber das verliert sich, wenn man sich näher kennt. Dann ist das Alter kein Thema mehr.
M!: Hat das Alter auch etwas mit dem Thema Gleichberechtigung zu tun?
Ja, ich merke das bei uns im Verein: Die Frauen kommen erst, wenn sie um die 40 Jahre alt sind. Vorher denken sie, ‚ein Netzwerk brauche ich nicht, nö, ist doch alles prima, ich kann ja machen, was ich will, ich habe ja überhaupt keine Einschränkungen‘. Die spüren die fehlende Gleichberechtigung immer erst dann, wenn sie sich in den hierarchischen Strukturen befinden und merken, dass es nicht so läuft, wie sie sich das gedacht haben, und wissen manchmal gar nicht, warum das so ist. Ich kenne das von mir – ich habe immer an mir und an meinen Qualitäten gezweifelt. Ich wusste gar nicht, dass das an meinem Frau-Sein liegt. Ich dachte, dass ich hier und da noch dazulernen müsste. Das stelle ich bei vielen Frauen fest: Die machen hier noch eine Ausbildung und da noch eine, weil sie meinen, dass sie noch nicht gut genug sind. Letztendlich liegt das aber am Patriarchat. Früher ging mir das so: Wenn ich einen Mann kennenlernte, der diesen und jenen Posten hatte, da dachte ich – oh, das muss ja ein kluger Mann sein. Dann spürte ich aber bald – da ist nur heiße Luft. Heute sehe ich überall, wieviel heiße Luft da ist!
M!: Andere Altersgenossen sind in Rente, und kommen mal besser, mal schlechter zurecht. Du bist nach wie vor Unternehmerin und arbeitest täglich. Wie fühlt sich das an?
Gut! Weil ich das mache, was ich gerne tu! Ich gehe gerne ins Büro und mache meine Arbeit gerne, lerne neue Dinge kennen. Ich mache weniger das Tagesgeschäft, ich kümmere mich um die Vorarbeiten: Zum Beispiel suche ich neue Hotels für unsere Kunden, füge Programme zusammen, kümmere mich um Internet und Social Media. Ich betrete immer wieder Neuland, habe immer neue Ideen. Ich bin sehr neugierig und das macht Spaß. Ich stecke gerne meinen Rüssel überall hinein und ziehe etwas für uns raus – und auch für mich.
M!: Hast Du nicht manchmal Lust auf ein Rentnerinnen-Dasein?
Mein Leben mit dem Beruf ist zwar immer anstrengend, es ist kein Zurücklehnen, dafür bleibe ich in geistiger Bewegung. Natürlich hat alles seine Vor- und Nachteile. Ich habe schon Tage, an denen ich gerne einfach wegfahren möchte. Und das geht nicht immer. Ich habe Zwänge – aber kein Patriarchat. Man sucht sich das aus, womit man leben kann. „Wer das eine will, muss das andere mögen“, sagte mal ein Freund.
unten mit der eigenen Taschenkollektion. Foto: Privat
M!: Langeweile hat in deinem Leben wohl keinen Platz. Was sind Deine Wünsche allgemein für die Zukunft der älteren Menschen?
Ich wünsche mir, dass ältere Leute nicht ausgegrenzt werden. Früher waren ja die Altenheime noch vor den Toren der Stadt, das hat sich gottseidank geändert. Aber wir müssen neue Wohnformen finden. Es kann nicht sein, dass man nur vom Einfamilienhaus ins Altenheim wechselt. Eine Freundin von mir ist in den Grünen Weiler (Anmerkung der Redaktion: genossenschaftliches Wohnen im Oxford-Quartier) gezogen. Die muss jetzt zwar lernen, auf kleinem Raum zu leben, aber dafür hat sie Interessensgruppen, etwa eine Gartengruppe, in der sie mitmacht. Manche Jüngere denken ja, dass das Alter kein Leben mehr sei. Man spricht viel von Demenz, aber es gibt auch so viele gesunde ältere Menschen, von denen nicht gesprochen wird. Die sind fit und wollen etwas tun, und manche wollen auch gerne arbeiten. Ich persönlich sehe in den letzten Jahren keine Änderung in meinem Leben. Ich kann immer noch das machen, was ich möchte, und was ich machen kann. Es ist ja nicht so, dass ich jetzt irgendetwas abwarte. Ich glaube, diese Vorstellung vom Älter werden haben junge Leute nicht wirklich. Deshalb wünsche ich mir, dass darüber anders kommuniziert und gedacht wird. Es gibt so viele ältere Menschen, die ihr Leben genießen, und die gerne etwas machen wollen. Wir sind hier im Büro ja auch alles Alte – wenn man so will. Wir machen das gerne – und so etwas müsste von der Gesellschaft viel mehr unterstützt werden. Die Zahl der Jahre ist nur eine Zahl – mehr nicht.
M!: Was wünscht Du Dir für Deine persönliche Zukunft?
Wovor ich große Sorgen habe, ist der größer werdende Rechtsextremismus. Ich wünsche mir, dass unsere Demokratie das aushält. Die viele heiße Luft der rechts Denkenden – die macht mir schon zu schaffen. Ich wünsche mir, dass ich gesund bleibe, dass ich so lange machen kann, was ich will und dann einfach tot umfalle.