MÜNSTER! Magazin

Vom Stein zu Staub: Die Künstlerin mag die Vielfalt der möglichen Werkzeuge – hier mit dem Winkelschneider. Foto: Cornelia Höchstetter

N°147


Zwischen Stein und Staub

Aufgewachsen auf einem Hof in Buldern, kaufmännische Ausbildung, Pharma­zeutisch-technische Assistentin, Familie, vier Kinder – Krankheit. Neustart: Maria Eggenkemper, Jahrgang 1968, studierte in Bonn Bildhauerei und schafft heute Skulpturen unter einer Kastanie und in einem Schiffscontainer.

Text cornelia höchstetter


Der Winkelschleifer dreht sich auf dem Ibbenbürener Sandstein. Flächen und Kanten werden zu Staub, der bald als Wolke alles einnebelt. Maria Eggenkemper trägt Wollmütze, Schutzbrille, Staubmaske, Gehörschutz, Anorak und Handschuhe. Ihre Hände führen die Schleifscheibe über die harte Oberfläche. Der etwa metergroße Sandstein hat die Farbe der blühenden Kastanie, unter der die Bildhauerin arbeitet. Spuren vom Zahneisen im Stein erzählen vom Entstehen, andere Teile wirken schon weich und fließend. Von grob zu fein, millimetergenau und doch frei. In der Open-Air-Werkstatt auf dem Familienhof in Buldern prallen gegensätzliche Eindrücke aufeinander. Wochen später wird der Steinblock auf der Hebebühne nicht wiederzuerkennen sein. Dann wird es eine Skulptur der Bildhauerin Maria Eggenkemper sein. 

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Vom Steinklotz zur Kunst: Maria Eggenkemper wuchtet den 500-Kilo Sandstein auf eine Hebebühne zum Bearbeiten. Foto: Cornelia Höchstetter

Kunst als Möglichkeit, Erlebtes zu wandeln

Wenn die Künstlerin Maria Eggenkemper Steine, Holz und Stahl bearbeitet, reichen ihre Werkzeuge von Motorsäge über Winkelschleifer bis hin zum feinsten Schleifpapier. Alle Werkzeuge geführt mit Fingerspitzengefühl und Vorstellungskraft. Bis ein Kunstwerk fertig ist, kommt so ziemlich alles zwischen brachialer Gewalt und Feingefühl zum Einsatz. Ähnlich ist es mit dem Leben der Maria Eggenkemper bisher gewesen. Schlimme Einschnitte, Verlust von geliebten Menschen und eine Krankheit haben sie gepackt. Schmerz und Verletzung waren dann auch die Themen ihrer Abschlussarbeit des Bildhauerstudiums in der Bildhauerhalle Bonn. Derbe Kerben im Holz – „aber der Holzblock hat nichts an Stärke verloren“, beschreibt sie. Maria Eggenkemper will mit ihrer Kunst „Erlebtes verarbeiten und wandeln“– „für mich zeigen meine Skulpturen, dass es möglich ist, nicht im Schmerz zu verharren“. Für die BetrachterInnen ist es die Möglichkeit, in ihren Formen und Skulpturen die eigene Geschichte hineinzulegen.

Gelegenheiten, die Künstlerin und ihre Werke kennenzulernen, gibt es an den Tagen der Gärten und Parks, in der Ausstellung auf Burg Vischering oder auf dem Friedhof in Buldern, wo ein Anröchter Naturstein als Stele auf dem Gräberfeld der Sternenkinder (Anmerkung der Redaktion: Sternenkinder sind Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben) wacht. „Die Skulptur steht zwar in der Ferne, aber ist trotzdem gut sichtbar. Die Aussage passt dazu: Sternenkinder werden oft von der Gesellschaft nicht gesehen, aber hier sind sie sichtbar“. Das Werk heißt convalescere III, übersetzt etwa mit „wieder heil werden“. Es gibt Heilung, das ist eine Eggenkempersche Kern-Aussage. „Die Skulptur soll Trost geben. Gerade der Anröchter Stein hat mit seinen vielen Einschlüssen eine große Lebendigkeit und das passt zu dem Thema. 

„Die Bildhauerei ist für mich mehr als nur ein Ausdruck meiner Kreativität, sie ist ein Weg, um zu verwandeln, zu heilen und zu wachsen.“ Maria Eggenkemper

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Der Schiffscontainer ist innen ausgebaut, hier ist Platz, um Eisen zu biegen. Foto: Cornelia Höchstetter

Vom Hof zur Kunsthalle

Am Anfang ihres Lebens wäre „Bildhauerin“ wohl eine undenkbare Vision gewesen: Drei Brüder und sie sind auf einem landwirtschaftlichen Nebenerwerbshof aufgewachsen. Die Geschwister mussten als Kinder den Eltern auf dem Hof oder den Feldern helfen, während die Freunde aus Buldern im Schwimmbad waren. Während sie von früher erzählt, sitzt Maria Eggenkemper unter der Kastanie auf dem ehemaligen Hof der Eltern. Hier hämmert und schleift sie, findet Inspiration und genießt die Frische im Schatten. Die Kastanie hat ihr Vater gepflanzt, das weiß sie noch. 

Damals war selbst das Thema „Abitur“ keins. „In Buldern gab es eine Apotheke, die boten eine kaufmännische Ausbildung an. Das war nicht weit weg vom Hof …“, sagt sie. Damit war der Berufseinstieg eine logische Folge. Erst einmal. Maria Eggenkemper war durch ihre Kindheit – „im Haus waren wir eigentlich nur zum Essen“ – sehr naturverbunden aufgewachsen. Das prägte sie. In der Apotheke waren bald die Pflanzen und ihre Wirkungen spannender als die Zahlen in der Buchhaltung. Zumal sie schon immer ein kreativer Mensch war: „Ich habe von meiner Mutter viel gelernt: Stricken, Häkeln, Kochen, Gärtnern, Und ich durfte als Kind Musikinstrumente erlernen: Akkordeon – das wollte meine Oma gerne –, Trompete und Waldhorn“. Also beschloss die junge Frau, in Münster („und das war schon sehr weit weg“) eine Ausbildung zur Pharmazeutisch-technischen Assistentin (PTA) abzulegen. Später arbeitet sie für viele Jahre in einer Krankenhausapotheke. „Salben machen, Kapseln selbst herstellen, das fand ich unheimlich spannend.“ Wichtiger wurde dann aber die Familie, vier Kinder kamen auf die Welt, eins ist wenig Tage nach der Geburt gestorben. „In diesen Jahren, das war mir aber erst später klar, waren unsere Kinder meine große Leidenschaft, weit vor dem Beruf, ich wollte für sie da sein.“ Dann kam die Krebs-Krankheit. „Bis dahin habe ich mich immer für die anderen eingesetzt. Plötzlich musste ich für mich selbst einstehen. Das war ein einschneidender Moment.“ 

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Outdoor-Atelier unter dem natürlichen Dach der Kastanie. Foto: Cornelia Höchstetter 

Licht und Schatten

2013, lange vor der Krankheit, hat sie im Zuge ihrer kreativen Phasen in Coesfeld einen Steinbildhauer-Kurs bei Bernward Erlenkötter belegt. Das war im Kopf und im Herz geblieben. Mit der Krankheit überdachte sie ihr Leben, wie es wahrscheinlich viele in ihrer Situation tun. So kam der Entschluss, das Leben zu ändern. Sie wollte in Bonn Bildhauerei studieren. Ihr Mann unterstützte sie – hinter die Arbeit in der Apotheke setzte sie den Schlusspunkt. Drei Jahre lang ging es um sämtliche traditionelle Bildhauermaterialien, Stein, Holz, Beton, Gips, Bronze und Metall. 2023 war sie fertige Bildhauerin. Bei ihrem Bruder in Buldern auf dem ehemaligen Hof der Eltern hat sie sich den Platz unter der Kastanie erobern können. Bei einer Freundin sah sie einen Schiffscontainer als Gartenhaus, das Meer liebt sie sowieso, also bestellte sie einen in Hamburg: Ihr Mann und der jüngste Sohn bauten den Container von innen zur Werkstatt aus- und um. Jetzt stehen Werkzeuge und Materialien parat und sicher. Die Kastanie gibt Schatten, diffuses Licht und Atmosphäre, die Vöglein pfeifen die Musik dazu. Sogar die Nachtigall kann man hören, meinte neulich die Mutter von Maria Eggenkemper – doch die Künstlerin hatte ihren Ohrenschutz auf. „Diese Arbeit ist so erfüllend, ich bin abends zwar völlig k.o., aber glücklich.“

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Afrikanischer Frauenkopf, inspiriert von Fotos und beeindruckt von Stolz und Souveränität. Foto: Cornelia Höchstetter

Aushalten und Durchhalten

Der nächste Lernschritt im Künstlerleben war, Urteile auszuhalten. „Kunst kann man ja nicht so einfach bewerten. Ich muss es annehmen, was die Leute sagen, weiß aber, dass es gut ist, wenn man sein eigenes Ding macht. Ich kann auch damit umgehen, wenn jemand gar nichts mit meinen Skulpturen anfangen kann. Das ist okay für mich“, erzählt sie. Ihre Wissbegierde führte sie immer weiter, „bei jedem Künstler oder jeder Künstlerin kann ich etwas lernen. Jeder macht es auf seine Weise.“ Sie war in der Metallwerkstatt im Atelier Regine Rostalski oder besuchte das African Art Seminar bei Tendai Rukodzi. „Der afrikanische Künstler arbeitet ausschließlich ohne Maschinen, mit Spitz- und Flacheisen, mit Feile und Zahneisen braucht er natürlich viel länger. ‚Slow down‘, sagte er immer, und zeigte uns, wie man so noch viel intensiver auf das Material eingehen muss.“ Das ist Maria Eggenkempers Art: Sie lässt sich vom Material leiten – es sei denn, sie fertigt ein Auftragsobjekt. „Meistens ist meine Arbeit ein Transformationsprozess. Es ist nicht geplant. Ich lasse es entstehen. Dann wandelt es sich meistens“, sagt sie. Sie schließt die Augen und fühlt den Stein nach: „Wenn man nicht hinschaut, spürt man nochmal andere Formen, Linien und Bewegungen“, findet sie. Manchmal entwickeln sich Kunstprojekte noch nach ihrem Ende. Maria Eggenkemper hatte zum Beispiel aus einem belgischem Granit eine knotenähnliche Form entworfen. „Erst auf dem Foto, fertig präsentiert, erkannte ich – und hier ist der Knoten geplatzt – es ist eine Umarmung, und kein Knoten!“

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Der Eingang zum Schiffscontainer im Schatten der Kastanie. Foto: Cornelia Höchstetter

Beworben und angenommen

Die Formen in den Steinen wurden zur „Re:Form“ ihres Lebens. Maria Eggenkemper ist inzwischen Mitglied im Bundesverband Bildender Künstler*innen Westfalen e.V., im KünstlerinnenForum MünsterLand e.V. (KFM) sowie im Welberger Kreis, einer über 50 Jahre bestehenden Künstlergemeinschaft in Steinfurt. „Ich glaube“, lächelt sie glücklich, „ich habe einen guten Einstieg als Künstlerin gehabt“. Ihre Liste der Ausstellungen wird immer länger: 2025 ist sie unter anderem auf der Europe Art Fair im niederländischen Maastricht, beim ARTist Meeting im belgischen Casino Knokke und im Juni ist sie eine von 22 Künstlerinnen des KünstlerinnenForum MünsterLand in der Ausstellung the taste of: CULTURE auf der Burg Vischering. In den Jahren zuvor waren ihre Objekte ausgestellt im DA Kunsthaus Kloster Gravenhorst bei der Kunst in der Region 24, bei den VIEWS des Welbergener Kreises in der Galerie Münsterland, bei der CUX ART, der Kunstmesse in Cuxhaven, oder der ARTe Stuttgart. „Ich freue mich immer sehr, wenn ich bei Bewerbungen mit meinen Werken die Jury überzeugen kann und einjuriert werde.“ Beim KUN:ST Preis 2024 gewann sie in Bad Rappenau den ersten Platz in der Kategorie für dreidimensionale Arbeiten. Als Kunst im Öffentlichen Raum steht ihre Skulptur für die Sternenkinder auf dem Begräbnisfeld in Buldern. Ein neuer Traumplatz für eine Skulptur wäre die Mitte des neuen Bulderner Kreisels. Aber wie das eben immer so ist, mit den ProphetInnen im eigenen Ort …

Der Wunsch für die Zukunft ist, die Kunst so lange zu machen, wie ihre Kräfte das zulassen. „Ich möchte die Menschen erreichen, dass sie sich inspiriert fühlen, Dinge im Leben anzunehmen und ändern, was man ändern kann. Ich möchte motivieren und ermutigen zu wandeln.“ 

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Das Begräbnisfeld der Sternenkinder in Buldern mit Maria Eggenkempers Denkmal. Foto: Cornelia Höchstetter

„Stein, Stahl und Holz  werden zu Trägern meiner Emotionen und meiner  persönlichen Geschichten.“ Maria Eggenkemper

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Die Finger streichen über den afrikanischen Bildhauerstein Serpentin. Foto: Cornelia Höchstetter

Ausstellungen und Orte der Kunst

Maria Eggenkemper ist eine von 22 des KünstlerinnenForums MünsterLand e.V., die ab Pfingstmontag, 9. Juni, in der Burg Vischering in Lüdinghausen ausstellen: „the taste of: CULTURE – Tafelfreuden zwischen gestern und heute“. Bis Oktober 2025 öffnet die Ausstellung die Frage „Was bedeutet Essen für uns – gestern, heute, morgen?“, zwischen Genuss und Überlebenskampf, Kultur und Identität, beantworten Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Installationen und Mixed-Media-Arbeiten. 

Die Bildhauerin ist auch bei den „Tagen der Gärten und Parks in Westfalen-Lippe 2025“ dabei: Am Sonntag, 15. Juni, von 11 bis 18 Uhr, in ihrem Garten in Buldern, mit Kräutergarten, Gartengestaltung und Kunst samt Ausstellung ihrer Skulpturen im Wintergarten. Um 15 Uhr heißt es: „Tausche selbst gemaltes Blumenbild gegen Blumensamen“ – die BesucherInnen malen und erhalten von der Künstlerin Blumen­samen. Im Angebot sind weiter: Kaltgetränke, Grillwurst im Brötchen, Kaffee, Kuchen. Der Garten ist zertifiziert durch Natur im Garten NRW e.V. 

Familie Eggenkemper
Buldergeist 36, 48249 Dülmen

eggenkemper.maria@t-online.de
eggenkemper.art
Instagram: maria.eggenkemper.art