N°158
Oldtimer, E-Autos und Emotionen
Auf den ersten Blick sieht es hier aus wie in jeder anderen Auto-Werkstatt. Doch wer genau hinschaut, entdeckt eine umwerfend schöne Welt aus Oldtimern und Kult-Autos. Die jungen, neuen Inhaber dieses Autohauses in Rosendahl-Darfeld, Niklas und Jonas Voss, stellen die Weichen aber auch schon für morgen.
Text jörn schumacher
Oldtimer-Fans in ganz Deutschland kennen die Autohaus Voss GmbH & Co. KG in Rosendahl-Darfeld. Und wer nur zufällig auf seiner Fahrradtour auf der „Radbahn“ hier vorbeiradeln sollte, kommt aus dem Staunen kaum heraus. Ralf Voss, bis zu seinem Tod 2025 Inhaber und Geschäftsführer des Unternehmens, hat mit seiner Frau Gabi mit dem Oldtimer Classic Center im 3.000-Seelen-Ort über Jahrzehnte hinweg neben der Werkstatt ein Museum für Oldtimer, Kult-Autos der Filmgeschichte und Zeugen der Zeitgeschichte aufgebaut, das im Münsterland seinesgleichen sucht. Seine Söhne führen es jetzt weiter. Einmal im Jahr beim großen Oldtimer-Treff, gerade im April war es wieder so weit, wird das münsterländische Autohaus zum Mekka von Oldtimer-Fans aus ganz Deutschland und den Nachbarländern.
Das Museum ist für jeden geöffnet, der Eintritt ist kostenlos, lediglich eine klickende Licht-Automatik begrüßt den Besucher beim Eintreten. Dann öffnet sich ein kurioses Sammelsurium aus alten Autos, Motorrädern, Kunstwerken und skurrilen Sammlerstücken. Beim roten Ford Model A aus dem Jahr 1930 mit offenem Verdeck etwa geht wohl nicht nur dem Auto-Fan das Herz auf; unweit davon steht ein schicker schwarzer Mercedes-Benz 600, der besonders in den 1960er- und 1970er-Jahren als Staatskarosse genutzt wurde. Ralf Voss hob das hervor, indem er einen Papp-Aufsteller von Angela Merkel danebenstellte.
Der Automechaniker war großer Porsche-Fan, deswegen stehen auch zwei Porsches nebeneinander in der Sammlung. Zwei Oldtimer kann man sogar für Hochzeiten mieten: einen Rolls-Royce und einen Bentley S1, der zwischen 1955 und 1959 gebaut wurde.
Auch ein echter Hingucker: ein großes Löschfahrzeug der Firma American LaFrance, das in den späten 1940er-Jahren gebaut wurde. Eine besondere Vorliebe hatte Ralf Voss für bekannte Kultfahrzeuge aus TV-Serien. Gleich im Empfangsbereich der Werkstatt begrüßt etwa ein DeLorean mit geöffneten Flügeltüren die Besucher – das Auto wurde durch die Trilogie „Zurück in die Zukunft“ berühmt. Neben einen weißen Renault 4 hat Voss die Figur eines französischen Polizisten gestellt. Das erinnert an die große Zeit der Tour de France, aber auch ein bisschen an die Louis de Funès-Filme. Der weiße Film-Käfer „Herbie“ mit der legendären Nummer 53 auf der Kühlerhaube steht
direkt daneben. Auf das Dach hat der Inhaber ein lebensgroßes Modell eines Gorillas gesetzt. Warum denn auch nicht? Auf einem quietschroten Fiat 500: ein großer Elefant aus Kunststoff.
Zurück (und) in die Zukunft
Nicht immer erschließt sich der Sinn der kuriosen Installationen in diesem verrückten Automuseum
jedem Besucher sofort. Aber genau darin liegt der Witz. Hier eine Miniaturwelt mit einer LGB Feldbahn im Maßstab 1:22,5, dort eine alte Ritterrüstung. Hier Vitrinen mit Miniaturfahrzeugen und Spielzeugautos, dort Karikaturen und Fotos aus alter Zeit. Ein einziger Besuch reicht nicht aus, um alles einmal zu entdecken. Zum Ausnahme-Rennfahrer Michael Schumacher hat Ralf Voss Original-Schaustücke gesammelt, ebenso sind in einer Vitrine handsignierte Box-Handschuhe von Henry Maske zu sehen und Schuhe des Basketball-Superstars Dirk Nowitzki (Größe 52).
Der Geist längst vergangener Zeiten weht durch diese Halle. Aber gerade das zieht die Besucher irgendwie sofort in den Bann. In einem weißen Goggomobil sitzt der Stofftier-Bär aus der alten Bärenmarke-Werbung hinterm Steuer und grinst den Besucher an. Auf einem Fernseher laufen alte Werbespots mit dem HB-Männchen. Eine BMW Isetta erinnert an die deutsche „Wirtschaftswunder“-Zeit der 1950er-Jahre. An der Decke hängen alte Koffer. „Mein Vater hat die Halle immer als sein zweites Wohnzimmer bezeichnet“, sagt sein Sohn Niklas, und genau so gemütlich wirkt sie auch. Im November 2025 starb Ralf Voss, nun führen seine Söhne Niklas (30) und Jonas (24) das
Unternehmen. Sie blicken dabei aber weniger zurück auf die Vergangenheit der Automobilgeschichte als vielmehr auf die Zukunft.
Schon früh Elektro-Autos im Blick
Eigentlich war diese Halle immer ein Warteraum für Autos, die repariert werden sollen. Denn neben dem Museum befindet sich die auf Oldtimer spezialisierte Werkstatt. Hier steht während unserer Recherche etwa eine weiße Cabrio-Ente aufgebockt auf der Hebebühne, daneben ein wunderschöner alter, schwarz-roter VW-Bulli T1 sowie ein himmelblauer Wartburg. Die Mitarbeiter hantieren herum wie in jeder anderen Werkstatt. Dem Besucher ist es ausdrücklich erlaubt, sich alles jederzeit anzusehen.
Die Liebe zum Auto haben die Söhne zusammen mit der Werkstatt von ihrem Vater geerbt, auch die Oldtimer-Sammlung, sein Lebenswerk, führen sie weiter. Die wertvolle Sammlung ihres Vaters kennen sie natürlich auswendig, denn schon als Kinder haben sie jeden Samstag geholfen, die Wagen zu putzen. Den Charme der vergangenen Oldtimer-Welt wissen die beiden Auto-Fans sehr wohl zu schätzen und das Museum bleibt, wie es ist. Doch die beiden Youngster öffnen sich auch für die neue Welt des Automobils.
Im vergangenen Jahr rief die Familie eine eigene Fahrzeuglackiererei ins Leben. In einer neu gebauten Halle findet nun die Wartung von Elektrofahrzeugen statt. Die Mitarbeiter sind speziell dafür ausgebildet. Eine Partnerschaft ist das Autohaus mit der Deutschen Post AG eingegangen: Voss repariert die gelben Transporter und vermietet zusätzlich viele Fahrzeuge an die Post. Eine Zusammenarbeit ist außerdem mit dem neuen chinesischen Elektroauto-Hersteller Zeekr unter Vertrag. Der Autobauer ist erst seit Dezember 2025 auf dem deutschen Markt, das Darfelder Autohaus ist als eines der ersten in Deutschland dessen Werkstatt-Partner.
Schon Vater Ralf Voss war so etwas wie ein Pionier in Sachen Elektroautos. Bereits 2011 baute er einen Smart Roadster zu einem Elektro-Flitzer um. Familie Voss kaufte das giftgrüne Auto der damaligen Auftraggeberin wieder ab, nun begrüßt es die Kunden vor der Hochvolt-Werkstatt.
Nicht nur Benzin im Blut – auch soziale Verantwortung
Inzwischen hat die Werkstatt, deren Grundstein 1964 Großvater Otto Voss legte, etwa 40 festangestellte Mitarbeiter. Dabei sei es ihnen als Unternehmern wichtig, auch Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen eine Anstellung zu geben, betonen die Brüder und neuen Geschäftsführer. Das soziale Engagement liegt tief in der Familie verwurzelt. „In unserer Familie gab es einige Krankheitsfälle und Schicksalsschläge, unser Vater war bis zu seinem Tod lange schwer krank. Das hat uns dazu bewogen, auch etwas für andere in Notsituationen tun zu wollen“, erzählt Niklas. An mehreren Stellen des Museums ermutigen Spendenboxen und Info-tafeln den Besucher, an gemeinnützige Einrichtungen zu spenden, etwa an die Schlaganfall-Hilfe für Kinder. Auch in Sachen Oldtimer-Sammlung werden die jungen Geschäftsführer nicht müde, tiefzustapeln: „Neid erzeugt immer böse Stimmung. Wir haben früh Bescheidenheit und Bodenständigkeit mitbekommen. Wir pflegen auch keinen aufwendigen Lebensstil, Geld wird immer gleich ins Unternehmen und in die Mitarbeiter investiert.“ Die größte Freude seien die Emotionen der Besucher. „So ein Auto hatte ich auch!“, den Satz hören sie von Gästen oft. „Wir verbinden mit den Autos viele schöne Erinnerungen an unseren kürzlich verstorbenen Vater. Das ist uns mehr wert als Geld“, sagt Niklas. Genau das strahlt dieses dörfliche, aber gar nicht provinzielle Automuseum auch aus. Hier stehen Erinnerungen und Emotionen im Vordergrund, nicht der materielle Wert.
Oldtimer-Museum „Classic Center“
Autohaus Voss
Breikamp 2-6, 48720 Rosendahl-Darfeld
Öffnungszeiten: montags bis freitags von 7.30 bis 18.30 Uhr, samstags von 9 bis 12 Uhr
Eintritt frei
autohaus-voss.de/classic-center