MÜNSTER! Magazin

Ruderboot statt Rollstuhl: Bis zu zwei Stunden täglich trainiert Manuela Diening für die Paralympics. Foto: DRV/Tolhuysen

N°133


Kurs auf Paris

Vor gut vier Jahren saß Manuela Diening das erste Mal in einem Ruderboot. Jetzt ist sie Deutschlands Hoffnung auf eine Medaille bei den Paralympics. 

Text mona contzen


Manuela Diening rumpelt über ein paar schief stehende Pflastersteine. Die erste Tür zum Kraftraum geht nach außen auf, die zweite nach innen. Die Bedingungen für eine Karriere als Spitzensportlerin sind, sagen wir, nicht ideal. Trotzdem hat die Wahl-Münsteranerin es geschafft, sich innerhalb von nur vier Jahren nach ganz oben zu rudern: Ende August fährt sie nach Paris, um den Rollstuhl gegen das Ruderboot zu tauschen und für Deutschland bei den Paralympischen Spielen anzutreten.

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Der Sport auf dem Kanal  ist nicht ganz ungefährlich. Mit dem Umzug des RVM zum Stadthafen verbessern sich die Bedingungen, denn große Schiffe fahren im Hafen selbst nicht. Foto: privat

„Vor vier Jahren hätte sich niemand vorstellen können, dass wir hier mit Para-Rudern anfangen“, sagt Dirk Bensmann, Sprecher des Vorstands beim Ruderverein Münster (RVM), und lacht. Wenn Manuela Diening, blonde Locken, offenes Lachen, auf dem Ruderergometer trainieren will, muss sie sich irgendwie mühsam die Treppen hinaufstemmen. Einen Aufzug gibt es im RVM-Gebäude in der Bennostraße nicht. Aber die 32-Jährige ist niemand, die es sich leicht macht im Leben. „Wenn ich nur barrierefreie Angebote nutzen würde, würde ich meine Welt sehr einschränken. Ich möchte aber alles erleben, was ich auch erleben könnte, wenn ich nicht im Rollstuhl wäre“, sagt sie. Den Nebel, der frühmorgens über das Wasser wabert, die Stille auf dem Kanal, wenn keine Menschenseele dort draußen ist. „Im Ruderboot auf dem Wasser – das ist für mich die absolute Freiheit. Hier sitze ich genauso im Boot wie alle anderen.“ 

„Im Ruderboot auf dem Wasser – 
das ist für mich die absolute Freiheit. 
Hier sitze ich genauso im Boot wie alle anderen.“ 
Manuela Diening

Natürlich ist das untertrieben. Heute, an einem grauen Tag im Januar, ist Manuela Diening um 5.30 Uhr aufgestanden, um 6.15 Uhr saß sie schon auf dem Ruder-Ergometer. Im vergangenen Jahr, während der Vorbereitung auf die Paralympics-Qualifikation, hat die Sportlerin sogar noch Vollzeit gearbeitet: Morgens die erste Ergoeinheit, im Sommer raus aufs Wasser, schnell duschen und ab ins Büro oder ins Home­office. Manchmal in der Mittagspause, sonst nach der Arbeit dann die zweite Trainingseinheit. „Durch den Rollstuhl haben sich mein Blick auf die Welt, meine Prioritäten verändert. Mein Ehrgeiz nicht“, sagt die sie. Auf der 2.000-Meter-Rennstrecke  im sogenannten „Einer“, dem Ruderboot für eine Person – schafft Manuela Diening Bestzeiten von knapp über zehn Minuten. Der Weltrekord liegt bei neun Minuten und 47 Sekunden.

Wer das schafft, betreibt den Sport meist schon seit Kindertagen. Manuela Diening saß im November 2019 das erste Mal in einem Ruderboot. „Bis dahin hatte ich Wasser eigentlich eher gemieden“, erzählt sie. „Aber ich dachte, wenn ich mein Leben eh neu anfange, warum dann nicht auch ein neuer Sport?“ Tatsächlich hat die junge Frau aus Welver im Kreis Soest ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt. Sie arbeitete für eine Unternehmensberatung in Augsburg, war 70 Stunden die Woche quer durch Deutschland unterwegs. Dann, im Jahr 2017, erkrankte sie schwer. Es ist eine Zeit, über die sie auch heute noch nicht gerne spricht. Klar war: Sie wollte sich vom Rollstuhl nicht unterkriegen lassen, weitermachen wie zuvor. „Nach einem Jahr dann habe ich gedacht: Das ist alles Bullshit, ich brauche einen Neustart“, erinnert sich Manuela Diening. Sie kündigte alles, was man kündigen kann – den Job, die Wohnung, ihre Beziehung. „Das war erstmal ein tolles Gefühl!“

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Foto: Detlev Seyb 
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2022 startete Manuela Diening zum ersten Mal beim Worldcup in polnischen Poznan und errang im Finale prompt die Bronze-Medaille. Foto: Detlev Seyb 

„Durch den Rollstuhl haben sich mein Blick auf die Welt,  meine Prioritäten verändert. Mein Ehrgeiz nicht.“ 
Manuela Diening

Sie landete als IT-Projektmanagerin bei der Stadt Emsdetten, fing mit Rollstuhlbasketball an. Ihr fehlte der Kick. Eines Tages sah sie einen Ruderer auf dem Kanal, schrieb dem RVM kurzerhand eine Mail und hatte Glück: Trainer Sebastian Fuchs, eigentlich schon im Ruhestand, wollte mit ihr arbeiten. „Wir beide hatten keine Ahnung vom Para-Rudern“, erzählt Manuela Diening und schmunzelt. „Es war ein Rantasten, um überhaupt mal geradeaus zu fahren.“ Sie sei damals nicht besonders fit gewesen, in der Anfangsphase der Corona-Pandemie war das Training verboten. Aber schon 2021 nahm sie an einem Ausscheid für die Paralympics in Tokio teil und bald war klar: „2022 greifen wir nochmal an.“ 

Prompt wurde Diening Vize-Europameisterin, holte bei der Weltmeisterschaft den vierten Platz. Bei der WM in Belgrad im vergangenen Jahr ruderte sie als Fünfte ins Ziel – und qualifizierte sich damit als beste Deutsche für den einzigen Platz im Para-Einer bei den Paralympics 2024 in Paris. 

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Eine Olympiateilnahme war nie ihr großer Traum, aber unter die Top Sechs will die Wahl-Münste­ranerin es in Paris gerne schaffen. Foto: privat

„Als ich die Qualifikation geschafft hatte, da setzt man schon einen anderen Fokus im Leben. 
Jetzt 
will ich zeigen, was ich kann.“
Manuela Diening

Manuela Diening ist gerade aus dem Trainingslager bei Freiburg zurückgekommen. 14 Tage bei eisigen Temperaturen auf dem Rhein, die Hälfte der Zeit krank. Richtig ernst wird es jetzt. Eine „coole Sache“ seien die Paralympics, ohne Spaß und die Liebe zum Sport wäre sie nie so weit gekommen. Man sieht in ihren strahlenden Augen, dass das keine hohlen Phrasen sind. Dabei sein ist alles? „Olympia stand nie auf meinem Lebensplan, ich habe nie davon geträumt“, gibt Manuela Diening zu. „Aber als ich die Qualifikation geschafft hatte, da setzt man schon einen anderen Fokus im Leben. Jetzt will ich zeigen, was ich kann.“ Ihre Arbeitszeit bei der Stadt Emsdetten hat sie auf zwölf Wochenstunden reduziert. Die Vollkornbäckerei Cibaria konnte sie als Sponsor für die kostspielige Bootsausstattung gewinnen – der Festsitz mit Rückenlehne, auf dem die Ruderin mit einem Gurt sitzt, ist eine individuelle Spezialanfertigung. Auch die Heinz-Kettler-Stiftung und die Deutsche Sporthilfe unterstützen sie finanziell. „Jetzt steht der Sport ganz oben auf der Liste“, sagt Manuela Diening. Unter die Top Sechs möchte sie es in Paris gerne schaffen, wenn bei diesem einen Rennen, auf das es ankommt, alles stimmt. 

So oder so sind die Aussichten für Manuela Diening rosig. Ihr Verein, der RVM, wird nach gut hundert Jahren den mittlerweile viel zu kleinen Standort am Bennohaus verlassen und in den Stadthafen umziehen. „Wir kommen da in eine vollkommen andere Welt: Alles ist modern, es gibt eine barrierefreie Rampe und einen Schwimmsteg“, berichtet Vereinssprecher Dirk Bensmann. „Der Hafen ist ohne all die großen Schiffe ideal für die Anfängerinnenausbildung, wir haben dort ganz andere Möglichkeiten, den Bereich Para-Rudern weiter auszubauen.“ Und Ma­nuela Diening muss sich nicht mehr auf der Treppe für die Trainingseinheit auf dem Ruderergometer aufwärmen.