N°157
Im Erphoviertel
Folge drei unserer MÜNSTER!-Innenstadtserie „Connys Viertel-Stunde“ – diesmal spricht und trifft sich MÜNSTER!-Redakteurin Conny Höchstetter im Erphoviertel mit einigen Bewohnern, die zwischen Warendorfer Straße, Eisenbahnlinie und dem Dortmund-Ems-Kanal so einiges bewegen.
Text Cornelia höchstetter
Auf den ersten Blick
Das Erphoviertel ist wie ein Eisberg – die Warendorfer Straße mit dem Cinema, dem Café Garbo, dem „Spanier“ el bodegón, dem bunten Einzelhandel, der Eisdiele und dem neuen roten Fahrradstreifen ist nur die sichtbare Spitze. Welche Straßenzüge gehören zum Erphoviertel? Darüber kursieren unter den Bewohnern unterschiedliche Meinungen. Vielleicht sagt wir es so: Das Erphoviertel ist ein Gefühl.
Geschichte & Wandel
Viel über die Historie des Erphoviertels lässt sich in dem Büchlein „Münster auf alten Postkarten – rund um St. Mauritz“ der Stadtmuseum-Wissenschaftler Axel Schollmeier und Bernd Thier nachlesen. Münster existierte jahrhundertelang nur innerhalb des heutigen Promenadenrings – erst nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges wurden die Befestigungsanlagen abgebaut, der Weg zu künftigen Stadtvierteln wie das Erphoviertel frei gemacht. Als 1875 umliegende Gemeinden eingemeindet wurden, standen im ehemaligen Gartengürtel der Stadt bereits 638 Häuser. Wichtige Straßen durchzogen das Acker- und Gartenland – der Bohlweg als alte Verbindung nach Telgte, der Schifffahrter Damm nach Norden. Diese Rolle übernahm später die Warendorfer Straße.
Richtig los ging es mit der Entwicklung des Viertels, als die Eisenbahnlinien Münster-Hamm (1848), Münster-Rheine (1856) und Münster-Osnabrück (1871) eröffnet wurden. Arbeiter, Handwerker und Bahnbedienstete mussten irgendwo wohnen und das prägt die Viertelentwicklung in ihrem Mix bis heute: So entstand etwa in der Gerhardstraße ein kleines Neubaugebiet, das in den Lokalzeitungen zwischen 1882 und 1899 „Blaues Viertel“ hieß – benannt vermutlich nach den dunkelgrau bis blauschwarz gebrannten Dachziegeln, die im Sonnenlicht leicht blau schimmerten. Die meist kleinen Häuser bewohnten vor allem Arbeiter und Handwerker, unter anderem Schuhmacher und Anstreicher. Im Kontrast dazu wies Stadtbaurat Sebastian Bender 1894 das Erphoviertel als „Viertel mit bevorzugten Wohnungen“ aus. Heute stehen noch manche Prachthäuser aus dieser Zeit – damals waren es noch viel mehr Villen, repräsentative Wohnhäuser, großzügige Vorgärten, Baumreihen. Die Straßen tragen die Namen münsterscher Bischöfe: Dodo-, Burchard- und Erphostraße.
Im frühen 20. Jahrhundert trieb die Stadt den Siedlungsbau aktiv voran – mit preisgünstigen Grundstücken und gezielter Förderung. Ab 1913 entstand zum Beispiel zwischen Warendorfer Straße, Schifffahrter Damm und Dortmund-Ems-Kanal die Siedlung mit dem Spitznamen „Blitzdorf“: 103 Ein- und Zweifamilienhäuser, errichtet vom Beamtenwohnungsverein. Der Erste Weltkrieg stoppte den weiteren Ausbau – vorerst. Die letzten Häuser wurden 1919 und 1920 fertiggestellt. Heute ergeben Ems-, Elbe- und die anderen Straßen das „Flüsseviertel“.
Wo heute Wohnhäuser stehen, befand sich zudem einst eine Radrennbahn. Die „Sportbahn“ war vor dem Ersten Weltkrieg ein Treffpunkt der ganzen Stadt – sonntags drängten sich bis zu 10.000 Zuschauer, die Herren im Anzug mit Melone. Einer, der dort trainierte, war der junge Clemens Schürmann – dessen Nachfahre Ralph Schürmann heute olympische Radrennbahnen baut (MÜNSTER! Magazin 7-2017).
Von 1925 bis 1927 errichtete der Beamtenwohnungsverein im Bereich der späteren Ostmarkstraße und Wiener Straße eine Siedlung mit 92 Wohnungen nach Plänen des Architekten Wilhelm Jung (1880–1965). Viele dieser Häuser stehen noch und zeichnen sich durch einen schlichten expressionistischen Baustil aus. Dieser gewachsene Wohnungsmix ist es, der das Erphoviertel bis heute so bunt und durchmischt hält.
Architektur & Straßenbild
Das Erphoviertel lohnt einen geruhsamen Rundgang – der ist entdeckungsreich: Genossenschaftsblöcke, ein blauer privater Wohn-Cubus zwischen Klinkerbauten, die Erphokirche (siehe Kultur), diverse Villen (Villa ten Hompel am Kaiser-Wilhelm-Ring!) bis hin zu einem modernen Prunkstück: Gleich an der Warendorfer Straße 21-23 steht ein außergewöhnliches Gebäude: Das LWL-Verwaltungsgebäude mit Kantine und Terrasse im Dachgeschoss. Die münsterschen Architekten Julia Bolles-Wilson und Peter Wilson (von ihnen stammt auch der Bau der Stadtbücherei) haben mit diesem Bauwerk 1996 den Deutschen Architekturpreis gewonnen.
Zu den bemerkenswerten Villen im Viertel gehört die Gereonstraße 24 mit „der eigentümlichen Tiefenstaffelung der werksteinverblendeten Fassade“, an der Hauswand „Fischblasenornamente“. So schreiben Sylvaine Hänsel und Stefan Rethfeld im Architekturführer Münster. Für das zweigeschossige Einfamilienhaus war der vorhin schon erwähnte Bauunternehmer Heinrich Bullermann zuständig.
In der Erphostraße 25 steht noch ein, so Rethfeld und Co, „kleines Landhaus, … als Renditeobjekt errichtet.“ Der Schwebegiebel, dekorative Holzdetails, die weißen Fensterrahmen und die Veranda erinnern an den Schweizer Chalet-Stil. Solche Häuser habe es vor den Weltkriegszerstörungen mehrere im Erphoviertel gegeben.
Ein dominanter Blickfang ist das Ensemble in der Burchardstraße 22–26, das 1904 errichtet wurde. Laut Architekturführer beauftragte der Stadtbaurat F. Verfürth die sogenannte „Dreihausgruppe“, die sich durch Fachwerk, Erker und Stufengiebel auszeichnet. Obwohl die Gebäude in einem Zug entstanden, wirken sie optisch wie drei unterschiedliche Vorstadtvillen. Das mittlere Haus zeigt dabei den Stil der Weserrenaissance mit geschnitzten Fächerrosetten.
Weitere besondere Villen befinden sich in der Staufenstraße – darunter eine Jugendstilfassade aus dem Jahr 1904 bei Hausnummer 30 – sowie am Kaiser-Wilhelm-Ring.
Viertel-Menschen & Gesellschaft
Unter „Viertelmenschen“ stellen wir jene vor, die das Viertel prägen – subjektiv ausgewählt. Dazu zählen Jens Schneiderheinze und Thomas Behm, die über 20 Jahre lang das Programmkino Cinema & Kurbelkiste samt Café Garbo mit Leben füllten – bevor die Immobilie im Frühjahr von den Cineplex-Betreibern Ansgar und Anselm Esch übernommen wurde.
Viertelmenschen sind all die, die jedes Jahr das 4tel-Fest (siehe Info-Kasten) organisieren, unter anderen: Katharina Grabbe, Dieter Broekmann, Gerd Uetz und Karin Schnermann. Letztere ist (nicht nur) Patin der Fahrradservice-Säule am Staufenplatz und hat die Gabe, so von ihrem Heimatviertel zu schwärmen, dass man den Eindruck bekommt, Erpho müsse das lebenswerteste und engagierteste Viertel in ganz Münster sein.
Engagiert, weil die Erpho-Leute bei der Viertelentwicklung gern ein Wörtchen mitreden: „Zum Beispiel haben wir als Bürgerinitiative erfolgreich verhindert, dass an der Eisenbahn eine Lärmschutzwand gebaut wird – die würde uns am Staufenplatz die Abendsonne nehmen.“ Und der Staufenplatz ist eine Herzschlagader des Viertels. Karin Schnermann kennt Geschichten und Haus-Eigentümer.
„Das Erphoviertel schafft sich selbst Orte der Begegnung.“ Karin Schnermann
Einen nicht zu überhörenden Viertelmenschen haben wir am Telefon interviewt: Winne Voget ist einer der bekanntesten Musiker Münsters – Pianist, Sänger, Bandleader, unterwegs in Jazz-, Rock- und Soulbands, jahrelang mit der A-cappella-Gruppe 6-Zylinder, und seit 2006 Chorleiter des Gospelchors epiFUNias an der Epiphaniaskirche in der Kärntner Straße. Dass er begeisterter Erphoviertel-Bewohner ist, hörte man schnell in der Unterhaltung raus. „Ich stehe für gute Laune und gute Botschaften“, sagt er – und das hört man.
Seit 2006 leitet er den Gospelchor epiFUNias an der Epiphaniaskirche in der Kärntner Straße. „Der Chor ist wirklich mein Baby“ – am Samstag, 12. September, feiert dieser 20-jähriges Bestehen. Angefangen hat alles mit einem Dienstagabend-Zeitfenster, das Pastor Frank Winkelmeyer ihm vorschlug – „er hatte mich lange Zeit immer wieder gefragt!“, erinnert sich der Musiker. Inzwischen singen 95 Mitglieder bei epiFUNias mit. Sie sind Mitte 30 bis über 80, reisen zusammen, wandern und engagieren sich beim Herbstmarkt. „Es sind so viele neue Bekanntschaften entstanden“, freut sich Winne Voget. Weil epiFUNias längst voll ist, gründete er noch den Chor Plus Minus 70: jeden Mittwochnachmittag singen etwa 60 Menschen im Gemeindesaal. „Da kommt für mich auch eine Menge zurück.“
Voget initiierte außerdem die TuTgut!-Konzerte: jeden ersten Sonntag im Monat um 17 Uhr, zwischen Tee und Tatort, treten Bands und Musikgruppen in der Epiphaniaskirche auf – ohne Eintritt, auf Spendenbasis. Am Sonntag, 3. Mai, findet um 17 Uhr das 128. Konzert statt. „Ich kenne viele Leute aus der Musikszene und bekomme viele Anfragen für Auftritte bei uns – so spielt jedes Mal jemand anderes.“ Seine Liste ist bis April 2027 gefüllt. Wer auftritt, steht im Schaukasten vor der Kirche – der Flyer steckt in einer Plastikschatulle. Ganz analog.
Voget selbst wohnt im Flüsseviertel. Seine Hausfassade hat er mit Musikinstrumenten bemalt. „Die Reaktion der Nachbarn war gut – hier herrscht große Akzeptanz, der eine so, der andere so.
Immer mit’m Blick auf die anderen. Egal ob Hausmeister, Orthopäde oder Lehrer.“ In der Elbestraße feiern sie alle gemeinsam jedes Jahr ein Straßenfest.
Was macht noch die Gesellschaft im Erphoviertel aus? Diverse Einrichtungen für Sport und Vereine wie der Monasteria Yachtclub, der Ruderverein ARC Standort Mauritz, Reitstall Hartmann am Schifffahrter Damm. In Kanalnähe sitzt das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Westdeutsche Kanäle Außenbezirk Münster. Im Viertel verteilt sind diverse Schulen und Kindergärten, das Genossenschaftliche Berufskolleg. An den Gleisen liegen die Kleingartenanlage Haus Dieck oder die Seniorenresidenz Kastanienhof. Und vieles mehr.
„Es ist ein wunderbares Leben hier. Ich muss mich manchmal zwicken, damit ich es glauben kann, dass ich hier wohnen darf.“
Winne Voget
Kultur & Szene
Kultur und Szene prägen die Viertelmenschen, das steht oben. Ein Höhepunkt in jedem Jahr steht an, wenn sich das Erphoviertel in ein großes Nachbarschaftsfest verwandelt: das 4tel Fest. Zwölf Ehrenamtliche, siehe oben, unter ihnen Karin Schnermann, kümmern sich um Organisation, Plakate und Flyer. „Das Prinzip des Festes ist einfach“, sagt Karin Schnermann: „Es ist dezentral und nicht kommerziell. Jeder kann mitmachen – wer dabei ist, hängt eine Wimpelkette vor die Tür.“ Mit dabei sind Cafés wie Magnolia und Kling-Klang, der Eine-Welt-Laden und weitere rund 250 Haushalte. Das Programm reicht von Musik, Lesungen und Gedichte-Vorlesen über Löffelschnitzen und bedruckte Taschen bis hin zu Bands und Chören – und die Studentenverbindung öffnet ihr denkmalgeschütztes Haus in der Burchardstraße 24 für Führungen (siehe Terminkasten).
Relativ neu in der Erpho-Szene, aber von vielen Erphobewohnern genannt: das Café von Herrn Hase an der Ecke Ostmarkstraße. Gerade dieser Teil des Erphoviertels hat gastronomisch lange wenig zu bieten gehabt – die Lücke ist jetzt geschlossen. Ein anderes, zentraleres Café, Café T, vollzieht einen Betreiberwechsel: Ralf Beimann und Adelheid Schoppmann haben sich 40 Jahre um ihre Gäste gekümmert. Jetzt gehen sie in Rente. Das Café wird im Laufe des Monats Mai wieder eröffnet, sie haben einen Nachfolger gefunden.
Zu den wichtigen Kultur-Orten gehört am Kaiser-Wilhelm-Ring die Villa ten Hompel. 1924 von Zementfabrikant Rudolf ten Hompel als repräsentatives Wohnhaus mit Marmor und Mahagoni erbaut. Später im Nationalsozialismus Sitz der NSDAP-Ordnungspolizei und heute Geschichtsort sowie Gedenkstätte, die an die Verbrechen im Nationalsozialismus erinnert.
Thematisch damit eng verbunden ist ein Gedenkort am ehemaligen Gertrudenhof an der Warendorfer Straße, Ecke Kaiser-Wilhelm-Ring – Fahrradfahrern fällt er auf, wenn sie auf das Grün der Ampel warten. Dort erinnert seit 1991 eine Metallstele an die Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder aus Münster und dem Münsterland in das Ghetto Riga – von hier aus wurden sie 1941 und 1942 in den Tod geschickt. Jeden Dezember versammeln sich Menschen an diesem Ort zu einer Gedenkfeier, um ihr Andenken zu wahren.
Erphokirche
Ortswechsel in Sachen Kulturorte: Die Erphokirche in der Ostmarkstraße 20 wurde 1930 erbaut und sieht von außen wuchtig und von innen so filigran, klar, hell und modern – schon fast Retro, denn innen bestimmt die Renovierung der 1970er Jahre die Kirchenräume. Ein Besuch lohnt sich. Die Erphokirche ist Kunst- und Kulturkirche – alle zwei Jahre findet eine große Ausstellung statt, unterjährig viele Einzelausstellungen (siehe Termine). Zwei, die sich seit den 1990er Jahren für die Fachgruppe Kunst + Kultur Erpho engagieren, sind Andrea Koopmann und Ortrud Harhues. Sie können den Umbau in den 1970ern gut beschreiben: „Das war in der katholischen Kirche die Zeit des Aufbruchs nach dem II. Vatikanischen Konzil. Da herrschte positive Stimmung.“ So sei die Gemeinde zu einem hellen Kircheninnenraum und zu modernen Glasfenstern gekommen. An den Seiten ist genug Platz für Bilder und Kunstobjekte. Außerdem sind historische Modelle zu sehen – bevor die Erphokirche 1930 gebaut wurde, dachte man darüber nach, die St.-Mauritz-Kirche zu erweitern. Zu den Initiativen gehört ein besonderer Gottesdienst, an jedem dritten Sonntag mit „normaler Sprache, heutiger Musik und überraschenden Begegnungen.“
Probleme & Konflikte
Winne Voget stört sich am Durchgangsverkehr, der zwischen Warendorfer Straße und Schifffahrter Damm durch Ems- und Weserstraße abkürzt. Andrea Koopmann und Ortrud Harhues hingegen nerven die zugeparkten Straßen – überall, sagen sie, stünden Autos. Aber davon abgesehen, äußerten sich unsere MÜNSTER!-Ansprechpartner kaum klagend.
Lieblingsorte & Geheimtipps
Kein Geheimtipp, eher zentraler Treffpunkt ist der Staufenplatz im Westen des Viertels. Weihnachten steht da sogar manchmal ein Baum, von den Nachbarn geschmückt. Am 23. Dezember kommen traditionell viele zusammen und singen um 16.30 Uhr Weihnachtslieder.
Staufenplatz
Die Stadt plant, Teile der Fläche am Staufenplatz zu einer Multifunktionsfläche umzugestalten. „Die Stadtplanung hat dafür uns Bürger wirklich gut beteiligt“, sagt Karin Schnermann. Künftig wird hier unter anderem Boule möglich sein.
Schon jetzt ist der Platz belebt: Tischtennisplatten, Bänke und viel Raum für Begegnung prägen das Bild. Besonders schätzen die Anwohner, dass der Bäcker Krimphove abends seine Tische und Stühle draußen stehen lässt – für spontane Picknicks und geselliges Zusammensitzen. „Neulich kam eine Familie mit einem Pastatopf und hat sich draußen niedergelassen“, erzählt Barbara Knievel, ehemalige MÜNSTER!-Grafikerin und Anwohnerin. Karin Schnermann ist überzeugt: Die Lebendigkeit des Platzes liegt auch daran, dass viele Wohnungen keine Balkone haben – und so treffen sich die Leute auf der gemeinsamen Terrasse, auf dem Staufenplatz.
An Sommerabenden empfindet Barbara Knievel den Staufenplatz als „fast wie in Italien“. Die bunten Lichter am Café Kling-Klang, die vollbesetzten Tische. „Die Leute grillen auf dem Staufenplatz und manchmal schwappt eine Wolke Marihuana vorbei“, erlebt Barbara Knievel immer wieder. Wenn dann noch über die nahe Eisenbahnbrücke ein Zug in Richtung Hauptbahnhof rattert, ist Sommer in der Stadt. Kling-Klang Eng verbunden mit dem Staufenplatz und dem Erphoviertel ist das Café Kling-Klang. Hier stehen Wiener Schnitzel auf der Karte, es wird Billard und Dart gespielt, der Schachclub trifft sich, ebenso wie Stammtische und Mietervereine. Für viele ist es DIE Anlaufstelle im Viertel. Karsten Franek, genannt „Kasi“, betreibt das Kling-Klang und gehört auch in die Rubrik der Viertelmenschen. Seit 1991 arbeitet er im Kling-Klang, später hat er die Kneipe übernommen. „Wir verstehen uns als Nachbarschaftstreff – eine echte Duz-Kneipe“, sagt er. Rund 75 Prozent der Gäste sind Stammgäste, von 18 bis über 90 Jahre alt. Oft hört er von den Gästen, die Atmosphäre erinnere „ein bisschen an Berlin“.
Linnenbrinks Garten
Ein historischer Ort mit treuen Fans ist Linnenbrinks Garten. „1912 war das ein Tanzcafé“, erzählt Karin Schnermann – und beim 4tel-Fest lebt das wieder auf: Dann treffen sich dort Tango- und Salsa-Tänzer sowie die LINDY-HOPPER auf der Wiese. Ins Auge fällt die weiß gestrichene Blutbuche: Die Farbe schützt den Baum vor Sonnenbrand, denn sein natürlicher Schattenspender, der Nachbarbaum, fiel vor Jahren einem Blitzeinschlag zum Opfer. Auf der Wiese spielen die Viertelbewohner Wikingerschach oder feiern auf Picknickdecken Geburtstage.
Der Kanal
Ein absoluter Lieblingsort: Für viele Bewohner des Erpho- und Flussviertels ist der Kanal mehr als nur eine Kulisse – er ist Freibad. Wer hier wohnt, wirft schnell Handtuch und Badehose in den Rucksack und springt einfach rein. Winne Voget verrät: „Meine Frau und ich gehen gern zum Steg des Rudervereins. Das sind 150 Meter von unserer Haustür – ganz ehrlich, das ganze Viertel steigt seit Jahrzehnten hier ins Wasser …“
Wiener Wiese
Einen duftenden Geheimtipp findet man an der Wiener Straße, Ecke Kärntner Straße. Dort hat die Nachbarschaft im Sommer 2024 die Wiener Wiese ins Leben gerufen – einen kleinen Gemeinschaftsgarten mit Hochbeeten. Die Kräuter dürfen alle schneiden, das Gemüse die Nachbarn ernten.
Wünsche & Zukunft
„Das Viertel war ja mal als Gartenstadtsiedlung gebaut, so wären mehr Grün, mehr Spielflächen wünschenswert“, wünschen sich Andrea Koopmann und Ortrud Harhues vom Erphokirchen-Kulturkreis. Für die Zukunft hoffen sie auf weitere gute Versorgung mit Wohnungen. Ortrud Harhues schwärmt vom genossenschaftlichen Wohnen – und hat dafür gute Gründe. „Eine Genossenschaftswohnung ist das große Los“, sagt sie. „Die Leute wollen hierbleiben und gehen pfleglich miteinander um.“ Die Mieten liegen leicht unter dem Spiegel, man ist Miteigentümer und trotzdem fein raus, wenn die Heizung streikt. Vor allem aber, sagt Harhues, seien die Genossenschaften das eigentliche Bollwerk gegen die Gentrifizierung. Ohne sie würden heute nur Professoren und Ärzte hier wohnen – und all jene, die nebenan im Franziskus-Krankenhaus arbeiten, die Masseure, Krankenschwestern, Reinigungskräfte, hätten längst keine Wohnung mehr im Viertel gefunden. „Das Reizvolle hier ist, dass wir Nachbarn aus den verschiedensten Berufen haben“, sagt sie. „Ohne das wäre das Erphoviertel nicht mehr das Erphoviertel.“
9 Gründe, das Erphoviertel an 6 Orten zu besuchen
1 Erphokirche – Kunst- und Kulturkirche
„Der 3.“: Gottesdienst mit „guter Musik, normaler Sprache und überraschenden Begegnungen“: sonntags, 17. Mai und 21. Juni, um 11.30 Uhr – kurz: jeder dritte Sonntag im Monat.
Bis Sonntag, 17. Mai: Ausstellung – Roger Nyssen aus Dormagen mit einem großen Triptychon „Die lange Suche“, samstags und sonntags von 15 bis 17 Uhr.
Ab Sonntag, 31. Mai, bis Mitte Juli: Chagall-Ausstellung mit Bildern zur Bibel, freitags bis montags
von 15 bis 17 Uhr.
2 Cinema
Sonntag, 31. Mai, 13.15 Uhr: Familienkino Workshop – Animation to go: Daumenkino und Wunderdrehe.
3 Wiener Wiese
An dem Gemeinschaftsgarten Wiener Wiese findet am Samstag, 16. Mai, von 11 bis 15 Uhr ein Flohmarkt (mit Kaffee/Kuchen) statt. Am Freitag, 3. Juli, steigt das Sommerfest ab 17 Uhr.
4 4tel-Fest
Am Samstag, 13. Juni, zwischen Bahn, Ring und Wolbecker Straße mit Musik, Tanz, Spiel, Kultur, Flohmarkstständen in Hinterhöfen und Gärten, auf Straßen, Plätzen und in Geschäften statt. 4telfest.de
5 20 Jahre epiFUNias – Schallern auf’m Kiez
Chor-Jubiläum am Samstag, 12. September, 15 bis 20 Uhr – Konzerte mit befreundeten Chören und Bands aus unterschiedlichen musikalischen Richtungen in Erphokirche (Ostmarkstraße) und Epiphaniaskirche (Kärntner Straße). epifunias.de/termine
6 Epiphaniaskirche
Am Sonntag, 3. Mai, erklingt um 17 Uhr das 128. TuTgut! Konzert: Diesmal spielt das preisgekrönte offene Vokalensemble englische, spanische und französische Musik des 16. Jahrhunderts bis hin zu georgischer, griechischer und mazedonischer Folklore.