N°157
Bei Joana läuft’s rund
In den ersten 20 Jahren ihres Lebens spielte das Fahrrad bei der gebürtigen Bochumerin Joana Kneist so gar keine Rolle. Dafür ist es jetzt, in ihrem dritten Lebensjahrzehnt, umso präsenter. Die 26-Jährige absolviert derzeit ihre Ausbildung zur Zweirad-Mechatronikerin.
Text britta heithoff
„Radfahren? Spielte gar keine Rolle in meinem Leben in Bochum“, erzählt Joana Kneist. „Zur Schule bin ich mit der Straßenbahn gefahren, auch in der Freizeit war eigentlich niemand in meinem Umfeld auf zwei Reifen unterwegs. Ich hatte zwar ein Rad, habe das aber nie genutzt.“ Als Tochter von Akademikern war Joana eigentlich immer klar, dass sie nach dem Abi studieren möchte. Im Alter von 19 Jahren schrieb sie sich für die Fächer Politikwissenschaft und Soziologie ein und zog nach Münster. In die Fahrradstadt. Klar, hier war das Radfahren dann ganz natürlich Teil des
Alltags, allerdings zunächst nur, um von A nach B zu kommen, nach und nach dann auch etwas sportlicher. So richtig Feuer für das Thema fing die Bochumerin dann erst auf Umwegen. Und zwar ausgerechnet digital. „Irgendwie bin ich in eine Fahrradschrauber-Youtube-Bubble geraten (private Handwerkvideos auf einer Videoplattform, Anmerkung der Redaktion). Ich fand es superspannend, was die Leute da mit ihren Rädern gemacht haben, alles auseinandergenommen, Mountainbikes gepimpt, Schäden repariert“, erzählt Joana. „Klar, an Fahrräder schrauben mehr Menschen selbst als an Autos, ist ja auch einfacher und naheliegender. So habe ich dann begonnen, während des Studiums auch selbst mehr an meinem eigenen Trekking City Bike zu versuchen. Das hat mich richtig gecatcht!“
Das alte Red-Bull-Montainbike, das sie von ihrer verstorbenen Patentante übernahm, wollt Joana eigentlich zum Gravelbike umbauen (das sind vielseitige und robustere Rennräder, die etwa auch auf Schotter und Waldboden einsetzbar sind, Anmerkung der Redaktion). „Leider wurde es mir schon vorher gestohlen“, erzählt Joana.
Dann nahm sie ein weiteres Rad, welches in ihrem Keller ein herrenloses Dasein fristete, komplett auseinander und baute alles nach ihren eigenen Vorstellungen wieder zusammen: Tretlager, Steuerlager, Gabel, sie setzte einen neuen Nabendynamo ein, montierte einen Rennradlenker, die Lichtanlage, änderte die Schaltung von drei auf ein Kettenblatt – war stundenlang im Hinterhof ihrer WG damit „zugange“. Als alles wieder ineinanderpasste und „lief“, war Joana superstolz. Das Werkeln hatte ihr riesigen Spaß gemacht und es war die letzte Bestätigung für sie, „dass da mehr geht mit ihr und den Fahrrädern“. Ihr umgebautes Rad fährt sie übrigens immernoch täglich.
„Irgendwie bin ich in eine Fahrradschrauber-YouTube-Bubble geraten …“ Joana Kneist
„Ich habe dann erstmal meinen Bachelor fertig gemacht, das Studium war super interessant, aber welcher Job sollte sich daraus für mich ergeben? Mir ist dann klar geworden, dass ich eher etwas Praktisches, Handwerkliches machen will. Während des Studiums habe ich mich von diesen Gedanken nicht groß ablenken lassen, aber über Handwerk nachgedacht habe ich schon. Und natürlich war da in meinem Kopf die Sache mit den Fahrrädern …“, erinnert sich Joana. Sie schaute sich Betriebe in Münster an, informierte sich, wer Auszubildende sucht. Drahtesel gehörte nicht zu denen, die Stellen ausgeschrieben hatten, denn für das angestrebte Lehrjahr hatte bereits ein Kandidat seine Zusage bekommen. Joana bewarb sich trotzdem, das Probearbeiten lief perfekt.
„,Das Team sieht super sympathisch aus‘, fand meine Mama, als ich ihr die Internetseite von Drahtesel gezeigt habe“. Joanas Eltern war es zwar wichtig, dass sie das Studium abschloss, darüber hinaus supporteten diese ihre Tochter auch hundertprozentig für die neue berufliche Bahn. Joanas Zwillingsschwester Maike promoviert übrigens gerade im Fach Psychologie – und lebt noch immer in Bochum.
So fing Joana Kneist am 1. August 2024 ihre Ausbildung zur Zweiradmechatronikerin an, erst noch drei Wochen lang mit Doppelbelastung, denn ihre Bachelorarbeit gab sie erst am 24. August ab.
Immerhin passte das Thema ihrer Abschlussarbeit perfekt, denn diese drehte sich um eine Änderung des Straßenverkehrsgesetzes, die besagt, dass „nicht nur wichtig ist, dass Verkehr sicher ist und läuft, sondern dass er auch klimafreundlich sein und das Stadtbild positiv verändern soll.“ Na, und wer hier nun nicht auch ans Fahrrad denkt …
Und jetzt läuft’s rund bei Joana, die ihre dreieinhalbjährige Ausbildung direkt um das erste Lehrjahr hätte verkürzen können durch Abi und Studium. Sie verzichtete aber darauf, da sie „die komplette Ausbildung mitnehmen möchte“. Und lernen, dazulernen, mehr lernen. „Es war am Anfang super viel Neues für mich“, erinnert sich die Auszubildende. Ihre Ausbildungstage verbringt sie wechselseitig in der von Drahtesel betriebenen Radstation hinter dem Bahnhof am Bremer Platz (eine Art Azubiprojekt des Unternehmens) und in der Werkstatt an der Promenade. Jeder Tag ist anders – vom Kümmern um die ausleihbaren Mieträder und dem Kontakt mit den Kunden, die (auch ganz spontan) ihre reparaturbedürftigen Räder vorbeibringen bis hin zum Lösen von wirklich komplexen Problemen an den Rädern auf den Montageständern. „Durch die E-Bike-Technik sind hier noch so manche Komplikationen mehr dazu gekommen, vor allem, wenn die Kabelführungen quasi bombenfest unter stabilen Gehäusen verbaut sind“, erklärt Joana.
bildung und lernt täglich dazu. Foto: Peter Leßmann
Richtig knifflige Herausforderungen liebt die angehende Zweiradmechatronikerin besonders: „Etwa alles, was mit Zentrieren und Einspeichen zu tun hat. Oder: ‚Fehler finden, die zunächst gar nicht als solche zu erkennen sind‘“, grinst sie wissend. „Aber eigentlich mache ich alles hier gerne, die Abwechslung ist besonders gut.“ Klar, einfach nur zehn Schläuche hintereinanderweg zu wechseln wäre vielleicht langweilig, das kommt aber auch eher nicht vor.
„Durch die E-Bike-Technik sind hier noch so manche Komplikationen mehr dazu gekommen.“ Joana Kneist
Dass sie in der Werkstatt bei Drahtesel die einzige Frau zwischen gut zwanzig Männern ist, stört Joana eigentlich nicht. Über eine zweite Frau in der Werkstatt oder generell mehr Frauen in diesem Beruf würde sie sich natürlich freuen. „Wir sind ein fortschrittlicher, progressiver Betrieb“, weiß sie. „Allein die KundInnen sind manchmal nicht ganz so sicher, ob sie MIR das zutrauen können, konkrete Ablehnung erfahre ich aber nicht. Wir zeigen denen dann schon, dass das klappt“, lächelt Joana selbstbewusst.
Ihr Leben ist jetzt proppenvoll mit 40 Stunden im Betrieb, etwa dreimal pro Woche Leichtathletiktraining (Joana wohnt inzwischen nicht mehr in der WG, sondern allein in einer Wohnung in Gievenbeck, praktischerweise unweit der Uni-Sportanlagen) und Berufsschule („Die Lehrer kommen oft aus Werkstätten, hier kann ich super viel theoretisches Wissen aufsaugen!“). Samstags zu arbeiten „gehört dazu“, das ist ok für Joana, die dafür dann auch mal in der Woche frei hat und auf Gravel- oder Rennradtour gehen kann. Auch an Gravelrennen im Harz hat sie schon mal gemeinsam mit Kollegen teilgenommen.
„So kann es weitergehen“, findet Joana, die voraussichtlich 2027 ihre Ausbildung abschließen wird. Und dann, Joana? Sie strahlt: „Dann? Dann arbeite ich weiter ich in meinem Beruf!“
Drahtesel
Das Fahrrad-Fachgeschäft Drahtesel wurde 1984 von fünf Studentinnen und Studenten im Schuppen einer münsterschen WG gegründet und befindet sich seit 1988 mitten in Münster direkt an der Promenade – im Idunapavillon am Servatiiplatz. Gleich gegenüber im Eckgebäude an der Salzstraße ist die Werkstatt (in der wir für diesen Bericht fotografiert haben) angesiedelt. Zusätzlich betreibt das Drahtesel-Team die Radstation am Bremer Platz. Zum über 30-köpfigen Team gehören unter anderem auch sieben Auszubildende.
drahtesel-muenster.de