N°157
Kleine Gourmetmeile mit regionalem Touch
In unserer neuen MÜNSTER! Magazin-Serie stellen wir Ihnen ein Jahr lang Münsters kleine Wochenmärkte vor, die zum Einkaufen und Bummeln in den Stadtteilen einladen. In der zweiten Folge lockt Gremmendorf freitags mit Feinkost und regionalem Allerlei.
Text mona contzen
„Auf dem Domplatz geht es ja viel ums Sehen und Gesehenwerden. Das ist sicher Geschmackssache, aber zum Einkaufen finde ich das anstrengend. Da kriegt man ja kein Bein auf den Boden“, sagt Dr. Tanja Schumacher, die mit dem Fahrrad an der kleinen Gourmetmeile in Gremmendorf gehalten hat. Hier können sich die Marktbesucher ohne großes Gedränge durch zwei Feinkoststände probieren, die auch auf Münsters großem Wochenmarkt ihren festen Platz haben – und sich nebenbei auch noch mit regionalen Produkten für den täglichen Bedarf eindecken.
„Wer genießen will, der kommt zu mir“, sagt Roede Dilling selbstbewusst. Viele Jahre hat der ehemalige Manager eines großen Flugzeugbauers in Frankreich gelebt. „Das hat den Nachteil, dass man die Fähigkeit verliert, Durchschnittskäse zu essen“, meint Dilling und schmunzelt. Inzwischen ist er das Münsteraner Gesicht von Jamei Laibspeis‘, deren Allgäuer Käse-Affineure schon vom einflussreichen Gourmet-Führer Gault&Millau „für ihre herausragenden Leistungen in der Veredelung von Hartkäse“ ausgezeichnet wurden. Milch der höchsten Güteklasse, die Reifung im alten Eiskeller, keine Zusätze: „Jeder Käse, den ich hier verkaufe, ist am Maximum seiner geschmacklichen Möglichkeiten“, ist Dilling überzeugt.
In seinem März-Menü hatte sogar das mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnete Restaurant Coeur D’Artichaut in Münsters Altstadt einen Jamei-Käse auf die Karte gesetzt: das Herrgöttli. Aber es kämen auch Kunden, die von einer kleinen Rente leben. „Die kaufen nur ein kleines Stückchen und genießen das dann“, sagt Marktbeschicker Dilling, der seine überschaubare Käseauswahl um ein paar kleine Extras ergänzt – wie das Quittengelee aus Früchten, die in seinem eigenen Garten wachsen.
in Gremmendorf vor Ort. Foto: Mona Contzen
„Wer genießen will, der kommt zu mir.“ Roede Dilling
Für Umsatz sorgen auch die Radfahrer, die spontan auf dem Rückweg von der Arbeit am kleinen Markt in Gremmendorf halten. Doch für die soll der Abschnitt des Gremmendorfer Wegs entlang der Bahngleise als Teil der Veloroute Everswinkel – Münster ab dem Herbst in eine Fahrradstraße umgewandelt werden: Für den Markt ist hier dann kein Platz mehr. Über einen neuen Standort hat die Stadt die Marktbeschicker noch nicht informiert. Verschiedene Optionen im Bereich York, Neue Mitte und Gremmendorfer Meile würden für die Verlegung derzeit geprüft.
„Da ist noch ein großes Fragezeichen, wo wir in Zukunft stehen sollen“, sagt Mohamed Naili. „Ich mache mir Sorgen.“ Und damit ist der Inhaber von Feinkost Nassim nicht allein, sind seine Brotaufstriche und Antipasti-Leckereien doch so etwas wie der Auftakt ins Gremmendorfer Wochenende. Seit knapp zehn Jahren verteilt der Marktbeschicker großzügig seine Probierhäppchen: Pistazie-Quitte, Granatapfel-Sesam, Schwiegermutter. „In Gremmendorf ist das legendär, am
Wochenende essen wir das alle“, sagt Inken Hehl und lässt sich gleich ein paar Schälchen einpacken. Wie Käsehändler Roede Dilling ist auch Naili mittwochs und samstags auf dem Domplatz zu finden, doch sein Herz hängt an den kleinen Märkten. „Auf dem Domplatz haben wir viele Touristen, Leute von außerhalb“, meint er. „Auf den kleinen Märkten kommen die Stammkunden. Das ist wie Familie.“
„Auf den kleinen Märkten kommen die Stammkunden. Das ist wie Familie.“ Mohamed Naili
Wie Käsehändler Roede Dilling ist auch Naili mittwochs und samstags auf dem Domplatz zu finden, doch sein Herz hängt an den kleinen Märkten. „Auf dem Domplatz haben wir viele Touristen, Leute von außerhalb“, meint er. „Auf den kleinen Märkten kommen die Stammkunden. Das ist wie Familie.“
Und wie das bei Familien nun mal so ist, gibt es immer etwas zu erzählen. „Die meisten Kunden kommen auch zum Quatschen vorbei“, weiß Brigitte Brune, die sonst in Kinderhaus, Coerde, Handorf und Mariendorf mit ihrem Verkaufswagen durch die Straßen fährt. Auch in Gremmendorf profitieren vor allem die älteren Anwohner vom kurzen Weg zum Markt – und der Möglichkeit, auf der kleinen Meile alles zu bekommen, was sie für den täglichen Bedarf brauchen: Am Wagen vom Hof Brune aus Ostbevern gibt es auf wenigen Quadratmetern Eier, Obst und Gemüse, Wurst und Geflügel, Apfelsaft, Nudeln, Brot und Kuchen. „Manche Kunden machen ihren ganzen Wocheneinkauf bei mir“, erzählt Brigitte Brune. Ob Kartoffeln aus eigenem Anbau, Honig aus dem Tecklenburger Land oder Kakao und Joghurt aus Telgte, „alles kommt aus der Nachbarschaft“, betont die Marktbeschickerin. Das wüssten auch junge Familien zu schätzen, die Wert auf Regionalität legen.
„Manche Kunden machen ihren ganzen Wocheneinkauf bei mir – alle Produkte kommen aus der Nachbarschaft.“ Brigitte Brune
Trotzdem ist Brigitte Brune eher pessimistisch, was die Zukunft des Marktes anbelangt. Denn nicht nur die Standortfrage beschäftigt die drei Marktbeschicker in Gremmendorf, auch die sinkende Anzahl der Stände verringert die Strahlkraft des Marktes. Lange sorgten die Familien der britischen Soldaten aus der York-Kaserne für ordentlichen Umsatz, auf dem kleinen Wochenmarkt gab es Fisch, Brot, Fleisch. „Mit deren Weggang wurde es schleichend weniger“, erinnert sich Käsehändler Roede Dilling. „Seit Dezember haben wir hier keinen Metzger mehr. Der war der Anker für den Markt.“ Besonders ärgerlich: Eigentlich hatte Dilling schon einen neuen Metzger gefunden, der den Platz in Hiltrup und Gremmendorf übernehmen wollte. Doch der sei wegen bürokratischer Hürden wieder abgesprungen.
„Ich würde mir wünschen, dass auch die Stadt mal andere Beschicker anspricht. Wir fragen ja auch unsere Kollegen, ob sie nicht nach Gremmendorf kommen wollen“, sagt Brigitte Brune dazu. „Es muss hier etwas passieren, sonst sehe ich schwarz.“
Der Markt in Gremmendorf
Wann? Freitags von 13.30 bis 18 Uhr
Wo? Gremmendorfer Weg, parallel zum Pängelantonweg (Nähe Albersloher Weg)
Was? Käse, Brotaufstriche und Antipasti, Kartoffeln, Eier, Milchprodukte, Wurst und Geflügel