MÜNSTER! Magazin

Generalintendantin Dr. Katharina Kost-Tolmein im Gespräch mit dem MÜNSTER! Magazin – ihr Büro hat Fenster direkt ins Martiniviertel. Foto: Michael C. Moeller  

N°140


THEATER MACHT OFFEN

Die Theatersaison läuft – wir waren hinter den Kulissen, um mit der Intendantin Dr. Katharina Kost-Tolmein und dem Gast-Bühnenbildner Dieter Richter zu sprechen. Lesen Sie in unserem „Print-Podcast“, wie die zwei Theaterleute Münster erleben, warum Theater hilft, die Welt offener zu sehen und wie Bühnenbilder unter der Dusche entstehen.

Text cornelia höchstetter


MÜNSTER!: Frau Dr. Kost-Tolmein, Sie sind jetzt seit gut zweieinhalb Jahren in der Stadt und die Generalintendantin des städtischen Theaters Münster. Wie haben Sie sich eingelebt?  

Dr. Katharina Kost-Tolmein: Gut – ich lebe mit meiner Familie im Geistviertel Nähe Wasserturm. Das macht das Leben leicht, weil es nah am Theater ist und man doch schnell ins Grüne kommt, um mal etwas Abstand zu bekommen. Ich fahre gerne mit dem Rad über die Brücke am Ende des Aasees – dort hat man eine schöne Perspektive auf die Stadt, die da so mit ihren Kirchtürmen liegt. Inzwischen weiß ich: Dort ist ganz viel Leben, es gibt sehr viele verschiedene Menschen. Ich selbst habe irgendwo in meiner Familie westfälische Ahnen – das macht es mir leichter. Gebürtig bin ich aus der Pfalz, da war es ein bisschen wärmer. In den letzten 17 Jahren habe ich in Hamburg und Lübeck gelebt, ich fand den hohen Norden auch schön. In Münster ist es ein bisschen wie Heimkommen – eine tolle Mischung. 

M!: Sie sind also geübt im Einleben und Ankommen? 

Das letzte Mal Ankommen ist lange her. Ich bin doch ein sehr treuer Mensch. Ich war 15 Jahre am Theater Lübeck. Deswegen ist nach längerer Zeit der erste große regionale Wechsel wieder gegeben. Neu war, dass ich diesmal mit meiner Familie zusammen umgezogen bin. Es schlägt schon größere Wellen, ein Kind in die weiterführende Schule mitzubringen. Wir haben noch zwei weitere Kinder, die sind älter und gehen derzeit in England zur Schule. Für die Familie ist das Leben in Münster auch anders: Im Gegensatz zu Hamburg hat man keine langen Wege, man kommt für Hobbys schnell mit dem Fahrrad überall hin. Aber man lässt Freunde zurück. Was Theaterfamilien so mitmachen – ich fordere meiner schon einiges ab. 

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Der Gang durch den transparenten Treppenring um den Zuschauerbau. Die hellblauen Flächen sind mit Glasmosaiksteinchen gestaltet. Foto: Michael C. Moeller 

M!: Wie erleben Sie Münster?
Es ist eine sehr stolze Stadt, es wird oft darüber gesprochen, wie Münster eigentlich so ist. Das ist hier ein häufiges Thema in der Stadt. In Lübeck war es ähnlich, da hat man ähnlich oft darüber gesprochen. Das ist toll, manchmal ein bisschen nervig, aber man hat so ein Gegenüber, einen Ort, an dem man ankommen kann, den man auch erkennt. Das ist für Theaterleute eine schöne Ausgangssituation.

M!: Wir haben in der Septemberausgabe 2022  Sie und Ihr erstes Programm vorgestellt – was ist in der Zwischenzeit seitdem passiert?
Der Sommer 2022 war mein richtiger Beginn hier, es war die erste „coronafreie“ Spielzeit. Weil jede Spielzeit etwa zwei Jahre im Voraus vorbereitet wird, fragten wir uns oft während der Epidemie, wie es wohl danach wäre, ob wir überhaupt wieder spielen können, wie das Publikum sich verhalten würde – es war ein Planen ins Blaue. Wir haben alle Funktionen und Premieren umsetzen können, aber man hat gemerkt, dass der Theaterbetrieb im Ganzen einfach lange nicht mehr in der Taktung wie vorher gelaufen ist. Beim Theater ist es wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch: Die Pandemie hat größere Spuren hinterlassen, als wir uns alle gewünscht hätten.
 

„Theater fühlt sich manchmal an wie ein Ameisenhaufen, der nur funktioniert, wenn jeder seine Aufgabe machen kann.“ Dr. Katharina Kost-Tolmein

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Besuch bei der Inspizientin Jutta Maas zur Probe der Königskinder. Jutta Maas hat eine Riesenverantwortung, weil alles im Ablauf einer Vorstellung auf ihr Kommando passiert. Foto: Michael C. Moeller

M!: Was ist Ihre große Herausforderung?
Hier arbeiten Menschen in über 50 verschiedenen Berufen. Lauter hochspezialisierte Leute, die auf ihrem Gebiet Experten sind. Und die sind alle für jede Abendvorstellung notwendig. Wenn einer krank wird, haben alle anderen ein Problem, und der eine hat Stress. Theater fühlt sich manchmal an wie ein Ameisenhaufen, der nur funktioniert, wenn jeder seine Aufgabe machen kann – das ist eine tägliche große Herausforderung.

M!: Was macht eigentlich eine Intendantin?
Wir haben in Münster eine Doppelspitze, die Intendantin und den Verwaltungsdirektor. Er macht alles, was mit Zahlen und den organisatorischen Rahmenbedingungen zu tun hat. Die Intendanz konzentriert sich auf die künstlerische Leitung, auf das Programm, welche Künstler engagiert werden oder wie wir Kunstformen weiterentwickeln, inklusive der Organisation der künstlerischen Arbeitsprozesse. Wir sind irgendwie ein Museum, aber gleichzeitig auch eine Werkstatt oder ein Atelier, in dem Kunst entsteht. Das mache ich nicht alleine, sondern mit dem künstlerischen Leitungsteam aus den anderen Sparten Junges Theater, Tanz und Schauspiel  und dem Generalmusikdirektor, ich bin auch noch Leiterin des Musiktheaters.

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Im Großen Haus ganz oben: 1.000 Plätze liegen unter Katharina Kost-Tolmein, und 1.200 Lampenschirme leuchten. Foto: Michael C. Moeller

M!: Was sagen Sie zum Publikum in Münster? 
Ich würde sagen, das Münsteraner Publikum ist wie überall auf der Welt nicht EIN Publikum – es sind sehr, sehr unterschiedliche Menschen. Es gibt Besucherinnen und Besucher, die seit Jahrzehnten hierherkommen, und es gibt die, die nicht wissen, dass wir ein Theater haben. Das ist auch nicht nur in Münster so – das ist eine Riesenaufgabe für uns, kenntlich zu machen, dass das Theater ein Ort ist, der für die Allgemeinheit ist. Ein Ort, an dem man willkommen ist, eine gute Zeit verbringt, der für einen gedacht ist.

M!: Das Theater ist Teil der Stadtverwaltung … 
Ja, es ist schön, dass sich eine Stadt zu ihrem Theater bekennt, dass wir Teil der Stadt sind, auch wenn ein Theater immer auch eine gewisse Distanz zur Stadt bewahren muss. Sonst wäre es kein Theater mehr. Die Kunstform Theater gibt mit etwas Abstand ein Bild der Gesellschaft wider. Da zwickt man sich auch gegenseitig, das ist der Witz daran, im besten Fall ist das produktiv. Wir haben die Aufgabe, ein bisschen Exoten zu sein, die einen anderen Blick auf die Stadt haben.

M!: Und wie erleben Sie das Gebäude, das Haus an sich?
Ich finde es großartig und weiß gleichzeitig, dass manche Menschen es für etwas merkwürdig halten – mit den Lampen im großen Saal. Das Haus ist sehr speziell: Man kann die Entscheidung aber gar nicht ernst genug nehmen, dass man 1956 mitten in einer Stadt, die sonst sehr bewahrend das alte Stadtbild wiederhergestellt hat, an dieser Stelle einen modernen Bau hingestellt hat. Einen Bau, der die Ruine im Innenhof mitbewahrt und einbezieht. Gleichzeitig versucht das moderne Theatergebäude, den Zuschauerraum möglichst demokratisch zu gestalten. Es ist ein Raum, in dem man auf jedem Platz mehr oder weniger gleich gut sieht. Darüber hinaus ist heute das Theater zu klein – das geht allen älteren Innenstadttheatern in der Bundesrepublik so. Die Anforderungen waren damals andere. 

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Die Intendantin erzählt, dass ihr Herz besonders für das Musiktheater um 1900 und für Barockopern schlägt. Foto: Michael C. Moeller 

M!: Was macht Theater aus? 
Theater ist immer eine Live-Form, es gibt weder richtig noch falsch. Ein Text oder die Partitur ist eine Vorlage, aber was wir daraus machen, ist die Aufführung. Die ist immer wieder anders, zwangsläufig, weil Menschen daran beteiligt sind. Das ist komplett anders, als wenn ein Künstler sein Bild präsentiert, das er wochenlang im Atelier gemalt hat und bis zum letzten Punkt von ihm durchdacht ist. Ein Komponist schreibt letztlich nur Noten. Aber jede Singstimme ist anders, jede Aufführung ist anders, und wenn man Stücke über Jahrhunderte hinwegspielt – was die Autoren ja damals überhaupt nicht im Sinne hatten – sind wir im Theater immer wieder damit konfrontiert: Wie machen wir das denn? Wir wissen ja gar nicht, wie es damals wirklich war, deshalb ist es keine Option, es so wie damals zu machen, dafür gibt es unendlich viele andere Möglichkeiten. Theater lädt ein, Freude daran zu entwickeln, komplexe Zusammenhänge anzusehen, auf sich wirken lassen, darüber nachzudenken oder einfach nur nachzufühlen. In der eigenen Haltung offen bleiben, ist etwas, was man im Theater üben kann. Das ist für die ganze Welt interessant: Wir begegnen da draußen jeden Tag einer Welt, die einem viele Fragen aufgibt. Man ist ständig konfrontiert, sich auf etwas Neues, Überraschendes, vielleicht etwas Negatives oder etwas Tolles einzustellen. 

Unsere Interviewpartner 
 

Dr. Katharina Kost-Tolmein 
studierte Klavier in Karlsruhe und Brüssel  sowie Musikwissenschaften und Philosophie  in Heidelberg. 2005 promovierte sie mit  einer Arbeit über „Das tragico fine auf  vene­zianischen Opernbühnen des späten  18. Jahrhunderts". Am Theater Lübeck war  sie ab 2007/08 Leitende Musikdramaturgin  und Stellvertreterin des Operndirektors, ab 2013 Operndirektorin.  

Dieter Richter 
studierte Bühnen- und Kostümbild an der  Akademie für Musik und darstellende Kunst  am Mozarteum in Salzburg, war als sein  erstes Engagement an der Oper Köln als Assistent unter anderem bei Harry Kupfer.  In Münster war er von 1993 bis 1995,  danach machte er sich selbstständig.  2018 wurde der Bühnen­bildner in London  bei den Inter­national Opera Awards für  die Kategorie Best Designer nominiert. 
 

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Auf einen Blick: Die vertikale Arbeitsfläche hinter dem Schreibtisch. Hier hängen ausgedruckt alle Stücke der Saison mit den dazugehörigen Teams und deren Aufgaben. Foto: Michael C. Moeller

M!: Ist das Theater eine Schule fürs Leben? 
Ja, in gewisser Weise. Es fordert eine Haltung im Menschen heraus. Es passiert oft, dass man Stücke mit geradezu erschreckender Aktualität spielt. In meiner ersten Spielzeit in Münster hatten wir ein Stück, das sich mit iranischen Frauenschicksalen beschäftigte. Die Planung des Stückes ging lange dem voraus, was dann im Iran passierte. Oder als die tödliche Attacke auf Malte am Christopher Street Day in Münster geschah. Da spielte das Junge Theater ein Stück über ein Transgender-Kind. Vielleicht kriegt die Kunst schon früh was mit und kann es zuspitzen oder eine Debatte auslösen. 

„Theater ist ein Ort für alle“
Dr. Katharina Kost-Tolmein

M!: Was sind Ihre Wünsche für Münsters Theater? 
Ich wünsche mir, dass wir hier mit all den Menschen, die am Haus sind (Anm. d. Redaktion: rund 400 festangestellte Personen in über 50 Berufen, dazu etwa 100 Gäste) weiter auf hohem Niveau Theater machen können und dass wir immer neu künstlerisch ambitioniertere Projekte für unser Publikum in Münster erarbeiten können. 

M!: Vielen Dank für das Gespräch und eine gute Saison! 

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Noch einer aus Süddeutschland: Dieter Richter stammt aus der Ulmer Gegend, was man ganz leicht noch an seiner Sprachmelodie hört. Foto: Michael C. Moeller

Wie entstehen Bühnenbilder?
 

MÜNSTER!: Herr Richter, Sie sind Gast-Bühnenbildner für die Märchenoper Königskinder – kennen das Theater Münster aber schon lange, oder? 

Dieter Richter: Ja, ich war von 1993 bis 1995 als Jung-Bühnenbildner hier am Haus. Ich bin dann weg, weil ich mich selbständig gemacht habe, kam aber bis ins Jahr 2004 – zuletzt für Don Carlos – alle ein, zwei Jahre wieder als Gastbühnenbildner. Und jetzt nach 20 Jahren noch mal.

M!: Wie kam es zum Wiedersehen mit Münsters Theater?
Die Königskinder-Regisseurin Clara Kalus kam auf mich zu. Sie ist Münsteranerin und war früher Kinderstatistin in einigen Stücken, die ich als junger Bühnenbildner entworfen habe. Sie war sehr begabt und wahnsinnig an Theater interessiert. Ich fühle mich hier in Münster sehr willkommen, es sind manche Techniker von damals da, auch in den Werkstätten – da gab es einige Umarmungen nach der langen Zeit auf der sogenannten Bauprobe, wenn das Bühnenbild erstmals provisorisch mit einfachsten Mitteln aufgestellt wird.

M!: Wie entsteht denn die Idee für ein Bühnenbild?
Ich weiß von dem Stück seit etwa einem Jahr. Ich habe viel gelesen, zum Beispiel eine sehr gute Biographie über Humperdinck, um den Komponisten besser kennenzulernen. Es ist interessant zu wissen, dass der Autor über Nacht mit der Oper Hänsel und Gretel zum Millionär wurde. (Anmerkung der Redaktion: Die Oper Hänsel und Gretel komponierte er vor den Königskindern). Man muss sich selbst erst einmal mit dem Stück und seinen vielen Aspekten anfüttern, viele Gesamtaufnahmen wahrnehmen, die Musik rauf und runterhören – wie ein Schwamm muss ich alles aufsaugen, um es dann für eine gewisse Zeit ruhen zu lassen, damit das Unterbewusstsein arbeiten kann. Die besten Gedanken kommen nämlich in entspannten Situationen – zum Beispiel unter der Dusche. Dann wird es konkreter: Die Regisseurin und die Kostümbildnerin waren ein paarmal bei mir in Köln und wir haben in meiner Küche unsere Ideen besprochen – wir kamen darauf, die Geschichte in drei verschiedenen Zeiten spielen zu lassen – eigentlich könnte die Oper mit den drei Akten drei verschiedene Opern sein. Das Bühnenbild konkretisierte sich im Juni 2024. Es gibt die schon erwähnte Bauprobe, in der das Bühnenbild provisorisch nachgebaut wird, um zu sehen, ob es wirklich funktioniert – denn bis dahin gab es nur Skizzen, 3D-Darstellungen im Computer und ich baue auch immer Modelle im Maßstab von 1:33. Dann gibt es eine Bauprobennachbesprechung, anschließend die Werkstattbesprechung – die Theaterwerkstätten liegen in Roxel. Dort bin ich alle vier Wochen und über Whats­App gehen die Bilder hin und her, um zu checken, ob die Arbeiten in die richtige Richtung gehen …   

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Blick ins Große Haus, auf der Bühne steht das Bild für den ersten Akt der Königskinder. Foto: Michael C. Moeller

M!: Können Sie uns bitte die Märchenoper der Königskinder näher­bringen? 
Königskinder ist ein Stück von Engelbert Humperdinck (Anm d. Red.: Lebzeiten 1854–1921) – das ich übrigens vorher nicht kannte. Hänsel und Gretel kannte ich nur als Zuschauer. Dafür entdeckte ich jetzt umso mehr – zumal ich mich sehr viel mit Richard-Wagner-Opern beschäftigt hatte. Humperdinck war unheimlich stark von Richard Wagner beeinflusst, er war Assistent bei der Oper Parsifal in Bayreuth. So lernte er Opern kennen und den von Wagner beabsichtigten Gesamtkunstwerkbegriff für seine Komposition.

Die Niederdeutsche Bühne 

Wir in der Redaktion bekommen immer mal den Wunsch zugespielt, „Münsterländer Platt“ mit zuthematisieren. Gern! Im Theater Münster hat auch die Niederdeutsche Bühne ihren Platz, jedes Jahr führt das Theater ein Stück mit bis zu 14 Vorstellungen im Kleinen Haus auf – in dieser 
Saison zum dritten Mal mit Übertitelung über der Bühne zum Mitlesen, damit für jeden das Münsterländer Platt verständlich ist. „Damit haben wir schon viele junge Leute gewonnen, die Interesse an der niederdeutschen Sprache haben“, sagt Ludger Hove, der Geschäftsführer der Niederdeutschen Bühne am Theater Münster. Zu 80 bis 85 Prozent seien die Plätze immer ausverkauft. Diesmal steht „So äs in‘n Hiëmel“ (Wie im Himmel) von Kay Pollak auf dem Programm, Premiere ist am Freitag, 6. Dezember, weitere Termine siehe Internetseite unten. Kurz zum Inhalt aus der Vorschau: Der weltberühmte Dirigent Daniel Dareus kehrt nach einem schweren Kollaps in sein Heimatdorf zurück. Eigentlich wollte er sich von der Welt zurückziehen, doch als er das Amt des Kantors antritt, findet er über seine Leidenschaft für die Musik auch zu den Menschen zurück.  Die deutsche Übersetzung des Stücks ist von Jana Hallberg, die Fassung in münsterländischem Platt wie immer von Hannes Demming. „Vieles an der Geschichte ist der Dorf-Alltag, der sich sehr gut ins Münsterland übertragen lässt“, sagt Ludger Hove. „Wir hatten noch nie so viele Leute auf der Bühne!“ 13 Laienschauspieler sind dabei, dazu 25 Chor­sängerinnen und -sänger. „Das ist eine wunderbare Gelegenheit, die Sprache auf der Bühne und auf hohem Niveau zu behalten.“

niederdeutsche-buehne-muenster.de

Humperdinck war so stark von  Wagner beeinflusst, dass er nach dessen Tod eine Komponier-Blockade bekam. Als er sie überstand, entstanden die Königskinder. Das Stück reizte ihn auch, weil eine Tochter eines Bayreuther Kollegen, Elsa Bernstein-Porges, den Theatertext geschrieben und unter dem Pseudonym Ernst Rosmer veröffentlichte. 

M!: Sie sagten, sie sehen die Oper als drei Opern an einem Abend – wie geht das?
Nun, der erste Akt ist stark von der Romantik beeinflusst, das Bühnenbild zeigt eine naive Naturlandschaft mit weitem Horizont. Die Hauptpersonen sind ein Königssohn und die Gänsemagd, die jungen Leute sehnen sich nach Liebe, Freiheit und Antiautorität, werden aber im zweiten Akt ziemlich brutal konfrontiert mit dem Volk. So wie Humperdinck zwischen der Romantik und der Neuzeit lebte, so ist das Märchen sowohl ein Kinder- als auch ein Erwachsenenstück, es ist dazwischen. Man fragt sich auch, wieviel man Kindern zumuten kann. Ich denke, sehr viel, und es regt ja auch zu Gesprächen danach an, wie wir übrigens in unserer gut besuchten Matinee feststellen konnten. Den zweiten Akt haben wir in die beginnende Wohlstandgesellschaft am Ende der 1950er Jahre transferiert. Im dritten Akt sind wir in der heutigen Zeit. Wir ziehen einen Vergleich zwischen dem Verhalten der Menschheit insgesamt und dem Wissen, dass wir so, wie wir jetzt leben, nicht ewig weiterleben können, weil es die Welt zerstört. Deshalb ist das Bühnenbild des dritten Aktes derselbe Ort wie am Anfang, nur bis zur Unkenntlichkeit völlig verändert, mit Wohlstandsmüll unserer heutigen Zeit.

M!: Worauf soll das Publikum besonders achten?
Hören Sie auf die Verschiedenartigkeiten der musikalischen Räumlichkeiten und Stimmungen. Lassen Sie sich auf das Unbekannte ein, entdecken Sie Neues! Lassen Sie sich auf die neue Lesart ein, drei Stücke und drei Zeiten an einem Abend zu erleben – das wünsche ich mir von den Zuschauerinnen und Zuschauern, Offenheit und Neugierde. Münster ist eine klimasensible Stadt, und es scheint, wir haben da den Nerv getroffen – den Eindruck hatte ich nach der Matinee, dem Gespräch im Theatertreff vorab. Die Inszenierung ist ein Weckruf, eine Sorge um die Endlichkeit.  

M!: Vielen Dank an beide Gesprächspartner!

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Dieter Richter liest während der Probe in der Partitur der Königskinder mit und spürt die Wirkung seiner Bühnenbilder nach. Foto: Michael C. Moeller

Eine schnelle Bühnenschau
 

In der Spielsaison 2024/2025 stehen mehr als 27 Werke auf dem Programm. Zum Beispiel im Jungen Theater „Trecker kommt mit“ oder „Sasja und das Reich jenseits des Meeres“ (Premiere des  Musiktheaters am Sonntag, 10. November), die Schauspiele „Unser Deutschlandmärchen“  (Premiere der Einwanderergeschichte am Samstag, 2. November), „Die Dreigroschenoper“, „Tod eines Handlungsreisenden“ oder „Liebes Arschloch“, das Musical „Rex Gildo“, Konzerte, Gastspiele, Tanzveran­staltungen und mehr.  

Im Musiktheater: Die hier  besprochenen „Königskinder“, Märchenoper in drei Aufzügen von Engelbert Humperdinck, am Sonntag, 3. November, Dienstag, 12. November, Donnerstag, 21. November, Samstag, 30. November. Weitere Vorstellungen im Dezember 
und Januar.  Am Samstag, 2. November:  Heute Nacht. Oder nie – Die große  Operngala der Spielzeit. 

theater-muenster.com