MÜNSTER! Magazin

„Manche Kollegen sprechen uns nur noch mit SwaCa an“, sagt Carina Haverstreng (links). Früher saß sie mit ihrer Kollegin Swantje Hepke zusammen in einem Büro. Heute teilen sich die Tandempartnerinnen (fast) alles: den Namen, die E-Mail-Adresse – und ihre Führungsposition.. Foto: Fiege

N°151


Im Tandem durchs Büro

Der Grevener Logistikdienstleister Fiege legt Wert auf eine Unternehmenskultur, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht. Für die Zufriedenheit der Mitarbeitenden geht das über 150 Jahre alte Familienunternehmen neue Wege: mit Jobsharing und Wohlfühlatmosphäre am Hafen.

Text mona contzen


„Mama muss nur ganz kurz telefonieren.“ Diesen Satz hat Carina Haverstreng früher öfter zu ihrer kleinen Tochter gesagt, als sie nach der Elternzeit wieder anfing, in ihrer Führungsposition beim Grevener Logistikunternehmen Frege zu arbeiten. „In Teilzeit, 24 Stunden pro Woche. Das hat hinten und vorne nicht gereicht“, erinnert sich die 40-Jährige, wie berufliche Aufgaben sie auch nach dem Feierabend noch forderten. Als ihre Tochter zwei Jahre alt war, wechselte die Mutter auf eine Vollzeitstelle – auch keine ideale Lösung für die Familie: „Da wurde mir dann um 17.30 Uhr das Kind von der Kita übergeben – sie war durch, ich war durch, wir haben uns zu häufig nur noch angepampt und dann ging es ins Bett.“ Für Carina Haverstreng war klar, dass es nach dem zweiten Kind anders laufen muss.

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„Es gibt tausend gute Gründe für ein Tandem“, findet Swantje Hepke. Sie und Tandempartnerin Carina Haverstreng haben das Jobmodell wegen ihrer Kinder gewählt, erzählen sie Redakteurin Mona Contzen auf der Fiege-Dachterrasse. Foto: Ziege

Die Möglichkeit dafür hat ihr Arbeitgeber 2021 mit einem neuen Jobsharing-Programm geschaffen, das für viele Stellen auf unterschiedlichen Ebenen geeignet ist. Seitdem können zwei Mitarbeitende – meist jeweils in Teilzeit-Anstellung – bei Fiege als sogenanntes Tandem eine Vollzeitstelle gemeinsam besetzen. Dabei teilen sie sich Aufgaben, Verantwortungsbereiche und Arbeitszeiten flexibel auf. Der große Unterschied zur normalen Teilzeitstelle: „Du hinterlässt keinen vollen Schreibtisch, sondern kannst Aufgaben übergeben und der Tandempartner oder die Tandempartnerin kümmert sich darum“, sagt Swantje Hepke, die als Mutter von vier Kindern vom „Teilzeit-Pingpong“ so angestrengt und erschöpft war, dass sie vor zwei Jahren Carina Haverstrengs Tandem-Partnerin wurde. „So können wir gemeinsam mehr Verantwortung übernehmen. Für Kunden und Kollegen ist eine von uns immer ansprechbar.“ Zusammen sind Carina Haverstreng und Swantje Hepke jetzt „SwaCa“, von einigen Kollegen werden sie nur noch mit ihrem Tandem-Namen angesprochen. Fünf solcher Tandems, auch auf Ebene des Top-Managements, gibt es bei Fiege inzwischen in verschiedenen Konstellationen: Eine Mutter teilt sich eine Stelle mit einer kinderlosen Mitarbeiterin, die sich dank des Modells besser um ihre Eltern kümmern kann. Ein Mitarbeiter tritt zwei Jahre vor seinem Ruhestand etwas kürzer und nutzt das Tandem, um seiner Nachfolgerin einen nahtlosen Übergang zu ermöglichen. Swantje Hepke und Carina Haverstreng sind beide Mütter, die dank des Programms Familie und Karriere unter einen Hut bekommen.

„Eine gute Work-Life-Balance bedeutet für mich, dass ich mich darauf fokussieren kann, wo ich gerade gedanklich bin. Bei der Arbeit habe ich die Kinder nicht auf dem Radar, aber zuhause kann ich abschalten und bin ganz für sie da“, betont Carina Haverstreng, die gleich nach ihrem Studium bei Fiege anfing, die Vorteile des Jobsharing. „Eigentlich ist es mehr ein Work-Life-Flow: Ich organisiere meinen Tag so, dass es passt – und das wird akzeptiert.“ 

Zusammen arbeiten Carina Haverstreng und Swantje Hepke als „Head of Projects“ im Projektmanagement bei Fiege Digital, jeweils drei Tage pro Woche. Als neues Tandem bekamen sie von Fiege ein „Onboarding“, eine Art Einführung, in der sie gemeinsame Leitlinien für die Zusammenarbeit aufstellten. „Jedes Tandem findet seinen eigenen Weg, teilt sich anders auf“, weiß Swantje Hepke inzwischen. 

Für sie und ihre Tandem-Partnerin beginnt ein Arbeitstag immer mit der „Tagesschau“. „Das ist eine Zusammenfassung, die wir uns gegenseitig für die Tage schreiben, an denen eine von uns nicht im Einsatz war“, erklärt die 44-Jährige. „So bekomme ich ein gutes Bild, was ich verpasst habe, was der Kunde gemacht hat, welche Themen in meiner Wochenhälfte vorangebracht werden müssen.“ Natürlich komme es auch mal vor, dass sie und Carina nicht einer Meinung seien, aber dann helfe eine ihrer zentralen Leit­linien weiter: Always assume good intent – immer von der guten Absicht des anderen ausgehen.

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„In Teilzeit hat jeder seine Zuständigkeiten. Im Tandem wird alles geteilt – auch wenn manchmal eine von uns die Pilotin und die andere die Co-Pilotin ist“, so Swantje. Das sei zum Beispiel ein Vorteil, wenn ihr Kind krank ist: Die Tandempartnerin springt einfach ein. Foto: Ziege

„Operative Verantwortung zu übernehmen – das konnte ich mir in Teilzeit nicht vorstellen.“
Carina Haverstreng (Tandempartnerin von Swantje Hepke)

Mit guten Vorsätzen ist vor fünf Jahren auch das Projekt Fiege Equality Power gestartet, das im Grevener Familienunternehmen die Förderung von Frauen in den Fokus rücken sollte und mittlerweile auch das Thema Diver­sität stärker in den Blick nimmt. Das Tandem-Modell ist ein Ergebnis der Bemühungen und wohl auch dafür verantwortlich, dass sich die Frauenquote verbessert hat: Insgesamt ist bei Fiege fast die Hälfte der weltweit 22.000 Mitarbeitenden weiblich – eine überdurchschnittlich hohe Anzahl in der noch immer männerdominierten Logistikbranche.  

Parallel dazu wird der grundsätzliche Wandel hin zu einer menschenzentrierten Unternehmenskultur konsequent vorangetrieben. Im Zentrum steht dabei der „People & Culture Index“, ein Konzept, das im vergangenen Jahr von der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft Steinfurt ausgezeichnet wurde. Der Index misst regelmäßig die Zufriedenheit der Mitarbeitenden, daraus abgeleitet werden dann Maßnahmen, die diese Zufriedenheit sicherstellen und steigern sollen. „Als Logistikdienst­leister verkaufen wir nicht unbedingt ein strahlendes Produkt, sondern vielmehr Lösungen, die wir selbst entwickeln. Dafür brauchen wir exzellente Kolleginnen und Kollegen. Wichtiger als das, was wir machen, ist für uns, wie wir als Unternehmen sind“, erklärt Christoph Mangelmans, Executive Director People & Culture bei Fiege, warum die Mitarbeiterzufriedenheit dem Familienunternehmen auch beim Wettbewerb um gute Fach- und Führungskräfte helfen kann. 

Deshalb geht es den beiden Co-CEOs des Unternehmens, den Cousins Felix Fiege und Jens Fiege, jenseits von Tandems vor allem um Verbundenheit im Team und um gute Führung. Seit 2022 erhalten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Fiege die Möglichkeit, ihre Führungskräfte zu beurteilen – im sogenannten Lead-O-Meter. Das ungefilterte Feedback aus den Teams hilft den Führungskräften, sich und den eigenen Führungsstil weiterzuentwickeln und gegebenenfalls auch mal zu hinterfragen. Eine zentrale Rolle spielt zudem das Thema „New Work“. Dabei geht es darum, Arbeit so zu gestalten, dass sie den individuellen Bedürfnissen des Einzelnen entspricht und die Mitarbeitenden in ihrer persönlichen Entfaltung unterstützt werden. Neben flexiblen Arbeitszeitmodellen und der Möglichkeit, ortsunabhängig zu arbeiten, ist dabei auch eine gewisse Wohlfühlatmosphäre am Arbeitsplatz wichtig. „Mit dem neuen Gebäude am Hafen haben wir ein starkes Zeichen gesetzt“, findet Christoph Mangelmans. „Unternehmenskultur entsteht nicht hinter Bildschirmen, sondern im gemeinsamen Austausch, häufig auch an der Kaffeemaschine. Deshalb möchten wir als Arbeitgeber Anreize und Angebote schaffen, um die Leute gerne ins Büro kommen zu lassen.“ 

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An ihren gemeinsamen Bürotagen nutzen SwaCa gerne die Location des hier als Luftbild gezeigten neuen Fiege-Gebäudes für eine Runde „Walk and Talk“: Besprechungen führen sie am liebsten bei einem Spaziergang am Hafen. Foto: Ziege

Mehr als 250 Arbeitsplätze für Fiege-Mitarbeitende finden sich im X-Dock, dem neuen Bürogebäude, das nach drei Jahren Bauzeit im vergangenen Februar offiziell eingeweiht wurde. Alles hier lädt zur Kommunikation und Vernetzung ein: Auf jeder Etage gibt es einen sogenannten Marktplatz mit Sitzecken und Kaffeemaschinen, die Kantine mit ihrer großen Außenterrasse liegt direkt am Wasser, es gibt ein Auditorium und eine Dachterrasse mit Blick über den Hafen für Open-Air-Teamevents oder den Kaffee für zwischendurch. Ein eigener Schreibtisch ist dagegen eher die Ausnahme: Sämtliche Arbeitsplätze und Konferenzräume können per App gebucht werden; „seitdem trifft man viel öfter verschiedene Kollegen und tauscht sich auch abteilungsübergreifend aus“, freut sich Swantje Hepke, die schon seit 25 Jahren bei Fiege arbeitet. 

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Ein eigenes Büro hat das Tandem SwaCa nicht. Dafür gibt es im Fiege-Neubau viele Gemeinschaftsbereiche, die zur Kommunikation einladen. Foto: Fiege
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Foto: Fiege

Jeweils einmal in der Woche sind sie und ihre Tandem-Partnerin im Büro für Kollegen und Kunden „open end“ verfügbar. „Wir wollen einfach nicht die Mütter sein, die um 16 Uhr mit wehenden Fahnen abhauen, weil sie die Kinder abholen müssen“, sagt Carina Haverstreng. Und Swantje Hepke ergänzt: „Es ist nicht so, dass blöde Sprüche kommen, aber diesen Anspruch haben wir einfach an uns selbst.“ In Sachen Gleichberechtigung gibt es eben immer genug zu tun.

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Das neue Jobmodell schafft Zeit für Privates, ohne die Karriere zu bremsen: Carina hat in diesem Jahr einen Obst- und Gemüsegarten mit ihren Kindern angelegt. Swantje bekommt jetzt Familie, Sport und ihr Pferd unter einen Hut. Foto: Fiege

Fiege Gruppe

Die Fiege-Gruppe mit ihrem Hauptsitz in Greven gehört zu den wichtigsten Arbeitgebern der Region: Weltweit arbeiten 22.000 Menschen an 136 Standorten für den Logistikdienstleister, im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von zwei Milliarden Euro. Das Familienunternehmen ist seit über 150 Jahren im Münsterland verwurzelt und wird seit 2014 von den Cousins Felix Fiege und Jens Fiege in fünfter Generation geführt. 2021 wurden die beiden Co-CEOs als „Familienunternehmer des Jahres“ ausgezeichnet, im vergangenen November gewann die Fiege-Gruppe den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie „Transport und Logistikwirtschaft“. Im Februar wurde das neue Bürogebäude am Hafen in Münster, das X-Dock, offiziell eingeweiht: Hier bündelt Fiege verschiedene Geschäftsbereiche, die zuvor über mehrere Standorte in und um Münster verteilt waren.  fiege.com