N°151
Der geheime Gang des Bischofs
Wer die Sakristei der Kirche St. Lamberti betritt, ahnt nichts von einem Gang, der in die Unterwelt Münsters führt. Rudolf Söbbeke nimmt uns mit auf eine Zeitreise – auf den geheimen Weg des damaligen Bischofs von Galen, der 1941 nach seiner Predigt zum Euthanasieprogramm Hitlers den Nationalsozialisten entkam.
Text cornelia höchstetter
In der Sakristei von St. Lamberti bereiten sich die Priester auf die Gottesdienste vor. Auf Holzregalen stehen Kerzen und Kreuze, in Holzschränken hängen liturgische Gewänder. Auf dem mächtigen Anrichtetisch liegen ein Jesuskorpus ohne Kreuz, Bücher und Papierunterlagen. Über der Verbindungstür zum Kirchenraum klebt ein Foto des im Mai gewählten Papstes Leo XIV.
Nur die engsten Mitarbeiter und Vertraute der Pfarrei kommen in die Sakristei. Zum Beispiel Rudolf Söbbeke, 76 Jahre alt. Er war 40 Jahre lang im Kirchenvorstand und ist von Beruf Architekt. Für uns vom MÜNSTER! Magazin öffnet er eine weitere Tür in der Sakristei: Etwa 13 grau beschichtete Steinstufen führen nach unten. Es wirkt wie ein Zugang in den Keller, zumal sich hinter der grauen Stahltür eine Art Abstellraum öffnet. Dass das aber ein geheimer Gang tief unter Lamberti ist, wissen nur wenige Menschen.
Bischof von Galen und seine Predigten
Dieser Gang hat Geschichte erlebt – die nicht niedergeschrieben, sondern mündlich überliefert wurde. Den Weg durch den geheimen Gang soll der damalige Bischof Clemens August Graf von Galen gegangen sein, um die Kirche St. Lamberti unbemerkt verlassen zu können – und zwar nach seiner Predigt am 3. August 1941. Das war der Tag, als er an der Kanzel vor vollbesetzten Kirchenbänken gegen Hitlers Euthanasie-Programm für Menschen mit Behinderung predigte:
„Nie, unter keinen Umständen darf der Mensch außerhalb des Krieges und der gerechten Notwehr einen Unschuldigen töten … Wenn man die unproduktiven Mitmenschen gewaltsam beseitigen darf, dann wehe unseren braven Soldaten, die als Schwerkriegsverletzte, als Krüppel, als Invaliden in die Heimat zurückkehren.“
Bischof von Galen (Predigt, 3. August 1941)
Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster, hielt im Sommer 1941 insgesamt drei berühmte Predigten, in denen er die nationalsozialistische Willkürherrschaft anprangerte und besonders die Tötung von Menschen mit Behinderungen im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion verurteilte. Rudolf Söbbeke hat viele Geschichten, wie auch die von dem geheimen Gang und der Flucht des Bischofs, direkt von seinem Vater gehört. Der wiederum kannte von Galen noch persönlich. Rudolf Söbbeke ordnet ein: „Von Galen stammt aus einer Adelsfamilie – soziale Missstände lernte er erst in Berlin kennen“. Dort war von Galen 1906 bis 1929 Pfarrer an der Kirche St. Matthias in Berlin-Schöneberg. „Berlin öffnete seine Augen, was Missstände, Ausgrenzungen, Armut und Großstadtprobleme betrifft“, meint Rudolf Söbbeke. Von Galen war im Grundsatz erzkonservativ und eher antidemokratisch. Dennoch erhob er das Wort gegen die Nationalsozialisten und das Hitler-Regime. Rudolf Söbbeke erzählt weiter: „1929 bis 1933 war er dann Pfarrer von Lamberti – das ist wichtig zu wissen, denn so kann man verstehen, dass er die Räumlichkeiten der Kirche bestens kannte.“ 1933 wurde von Galen zum Bischof von Münster geweiht. Als Bischof wandte er sich ausdrücklich gegen die Ermordung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Krankheiten im Rahmen der „Aktion T4“. Zu diesem Zeitpunkt waren im Deutschen Reich bereits bis zu 100.000 Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung abtransportiert und vergast worden. So wird von Galen aus seiner Predigt zitiert:
„Seit einigen Monaten hören wir Berichte, dass aus Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind … zwangsweise abgeführt werden. Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei verstorben, die Leiche sei verbrannt, die Asche könne abgeliefert werden.“
Bischof von Galen (Predigt, 3. August 1941)
Der rettende Weg „Während die erste Predigt ziemlich spontan war, war die Gestapo über die dritte Predigt informiert und stand vor den Türen der Kirche“, sagt Rudolf Söbbeke. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) war die politische Polizei des NS-Regimes, die Widerständler und politische Gegner bekämpfte und für ihre Brutalität bekannt war. „Die Kirche war voll besetzt, es war eine Predigt, die außerhalb der Reihe angesetzt war. Über Mund-zu-Mund-Propaganda haben die Münsteraner vom Termin der Predigt erfahren“, sagt Söbbeke. Von Galen war ein großer Mann von zwei Metern Körperlänge, „bekannt für seine Widerstand gegen die Nazis und für seine klaren Worte“, so Söbbeke. Er war populär, wurde als „Löwe von Münster“ benannt, war bei den Münsteranern so anerkannt und beliebt, dass das NS-Regime ihn verschonte, weil eine Verhaftung massive öffentliche Empörung zur Folge gehabt hätte. Söbbeke erzählt, dass der
Bischof zum Beispiel am heutigen Bohlweg auf einem Grundstück einen Sandfußballplatz anlegen ließ, für die Jugendlichen aus der Stadt – und als Gegenpol zur Hitlerjugend. Dennoch – an diesem Tag der dritten außergewöhnlichen und aufklärenden Predigt habe der Bischof damit gerechnet, verhaftet zu werden. „Vielleicht weniger der Bischof selbst, der fürchtete sich wohl nicht. Aber man kann sich vorstellen, dass die ihm nahestehenden Kirchenmitglieder ihn überredet haben, die Kirche nach der Predigt sicherheitshalber über den geheimen Gang zu verlassen.“ Deshalb verschwand von Galen nach der Predigt in der Sakristei und tauchte von dort aus in die Unterwelt ab, während die Gestapo vergeblich auf ihn wartete.
Lebensretterin Schwester Laudeberta
Die Predigt von Galens sorgte dafür, dass das Euthanasieprogramm in der Bevölkerung bekannt wurde – die Predigt wurde heimlich vervielfältigt und gelangte in viele Haushalte. Offiziell beendete Hitler die T4-Aktion, aber die Tötungen gingen in Heimen und Kliniken weiter. In Münster gilt Schwester Laudeberta van Hal als Lebensretterin mancher kranker Menschen: Sie erfuhr Namen von Patienten, die für die Deportation vorgesehen waren, und warnte Angehörige, damit diese ihre Verwandten rechtzeitig nach Hause holen konnten. Schwester Laudeberta suchte auch heimlich Bischof von Galen auf, um ihn über die drohenden Verbrechen zu informieren. Begraben ist sie am Zentralfriedhof – siehe MÜNSTER! 12/2020.
Lambertis Leben
Wir besuchen den geheimen Gang: Der ehemalige Kirchenvorstand Söbbeke geht im Untergeschoss der Sakristei in eine Art Abstellkammer. Offene Kartons, silberne hüfthohe Kerzenständer, schwarze Notenständer, Verlängerungskabel griffbereit am Wasserhahn, Lichtschalter und zahlreiche Leitungen, die von der Wand zur Decke führen. Alte Schwarz-Weiß-Bilder von Lamberti, aus dem 19. Jahrhundert. „1896“ steht unter einem Bild, das am Seitenschiff eine Holzhütte zeigt. Es war die Bauzeit des neugotischen Turms, der 1898 fertig wurde und heute mit zu den Wahrzeichen Münsters gehört. Es hängen aus einer ehemaligen Ausstellung noch Fotos, die die Kriegszerstörungen zeigen: den Hochaltar nach dem Einsturz des Gewölbes, den eingestürzten Chorraum und Feuer im Innenraum.
Heute stehen MünsteranerInnen und Gäste regelmäßig auf dem Prinzipalmarkt, bewundern die Kirche St. Lamberti. Bis 1959 dauerte es, dass sie nach dem Krieg fertig restauriert war. Jeden Tag blicken die Leute hinauf, wenn die Türmerin Martje Thalmann zwischen 21 und 0 Uhr alle halbe Stunde ins Horn stößt, zu den drei Käfigen, die an die Belagerung des von den Wiedertäufern regierten Münsters durch den Bischof erinnern, und aktuell schauen die Menschen an manchem Abend auch zur leuchtenden Himmelsleiter hoch.
Rohre, Schwitzwasser und Kohlenspuren
Rudolf Söbbeke verlässt den Abstellraum und geht in der Unterwelt den Verbindungsgang weiter, der den Kirchplatz von St. Lamberti unter der Erde quert und in der Häuserreihe des Kirchenfoyers wieder auftaucht. Bis dahin macht der Gang einen leichten Schwenk, der Boden ist abschüssig, es geht also tiefer. Noch eine Tür, noch ein Übergang, Leitungen und Rohre führen wie Wegbegleiter an der Wand entlang. An der Decke Spuren von Schwitzwasser. Alles in allem sieht der unterirdische Gang gar nicht so geheimnisvoll aus, wie man ihn sich vorstellt.
Der Tunnel wurde in den letzten Jahrzehnten den neuen Nutzungsbedingungen angepasst. Heute verlaufen Heizungs- und Versorgungsleitungen an den Wänden, die es in den 1940er Jahren noch nicht gab. „Da hat sich manches auch baulich geändert“, sagt Söbbeke. Doch ein Raum macht eine Ausnahme: „Dort lagerte die Kohle, deshalb sind die Wände noch schwarz“, sagt Rudolf Söbbeke. Heute ist er leer, Spinnweben ziehen sich von Wand zu Wand, Wassertropfen sind längst versteinert wie in einer Tropfsteinhöhle – hier ist es wirklich ein bisschen gruselig.