MÜNSTER! Magazin

Dort, wo früher die Feuerwehrfahrzeuge parkten, können heute Münsteranerinnen und Münsteraner 
einen Cappuccino in der Sonne genießen.  Foto: donnerblitz design 

N°128


ROTE TORE, ÖFFNET EUCH! 

Vergangenes weiterentwickeln, den Ursprungscharakter bewahren und doch etwas Neues erschaffen – nichts Geringeres nahmen sich Joke Eden und Henning Schoster für die Umnutzung der alten Feuerwache vor. Entstanden ist ein Ort der schönen Dinge, dessen rote Tore nun allen offen stehen.  

Text LOTTA KRÜGER


Alle paar Wochen kommen ein paar ältere Herren in die Bernhard-Ernst-Straße 12, es sind jedes Mal andere. Neugierig gucken sie sich um, laufen zwischen den modernen Holzmöbeln und pastellfarbenen Accessoires hindurch. Joke Eden und Henning Schoster, mit ihrem Unternehmen donnerblitz design in der alten Feuerwache zu Hause, sind dafür verantwortlich, dass die Räume seit kurzem in völlig neuem Glanz erstrahlen. Wenn mal wieder betagterer Besuch kommt, wissen die beiden Unternehmer schon, was Sache ist: Die Herren, die alles so interessiert in Augenschein nehmen, haben früher mal hier gearbeitet – es sind ehemalige Feuerwehrmänner. Fanden sie an ihrem alten Arbeitsplatz bis 2021 noch den Coppenrath Verlag vor, so gibt es nun Neues zu bestaunen: donnerblitz design hat im Erd­geschoss der alten Feuerwache nämlich nicht nur seine Büros, sondern auch einen Showroom samt Shop eröffnet. Hochwertige Holztische und beson­dere Stühle – designt und getischlert vom donnerblitz Design- und -Tischler-Team – treffen hier auf farbenfrohe Kerzenständer und extravagante Wohnaccessoires von skandinavischen Qualitätsmarken. An den Wänden hängen poppig-bunte Kunstwerke – Überbleibsel von der Ausstellung, die Joke Eden im Sommer in der frisch umgestalteten Feuerwache veranstaltet hat. Zu den Künstlern gehörte neben Yeye Weller und Filipp Jenikäe auch er selbst.

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Foto: Stadtarchiv Münster/Ridder/1946  
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Der donnerblitz-Showroom lockt mit besonderen Möbeldesigns ins Innere der alten Feuerwache.  
Foto: donnerblitz design

Doch nicht nur der donnerblitz-Showroom lädt zum Eintreten und Entdecken ein: Nebenan, in der anderen Hälfte des alten Feuerwehrgebäudes, hat im Juli das Café Grisu eröffnet. Gemeinsam mit Gastronom Taha Sonnenschein, der in Münster auch das Gasolin und das Herr Sonnenschein betreibt, plante das Design-Team das Café und baute die Möbel dafür. Gäste finden im Grisu daher die gleiche einzigartige Gestaltung inklusive hochwertiger Sitzgruppen und extravaganter Kunst an den Wänden wie nebenan im Showroom – und können es sich hier mit Kaffeespezialitäten, frischen Zimtschnecken oder liebevoll angerichteten Frühstücksvariationen gemütlich machen. Und schließlich heißt die alte Feuerwache neuerdings nicht nur „Laufkundschaft“ in ihren Räumen willkommen, sondern auch Gäste, die in besonderer Kulisse tagen oder Kulinarisches genießen möchten: Im hinteren Teil des Gebäudes wartet das altehrwürdige Kaminzimmer – mit einer ausgefallenen Ein­richtung, in der historische Vermächtnisse und hochmoderne Stilelemente aufeinandertreffen. Der donnerblitz-Showroom mit integriertem Shop, das neue Café und die Veranstaltungsräume verraten, welches Ziel dem großen Umnutzungskonzept vom donnerblitz design Team zugrunde lag: „Wir wollten die alte Feuerwache für die Menschen öffnen.“ 

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Foto: donnerblitz design 
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Foto: donnerblitz design

Vorreiter in der Feuerwehrbranche 

Besonders ist die alte Feuerwache in der Tat – allein schon wegen ihrer Historie. 1929 wurde sie von Architekt Carl Schirmeyer geplant, in Zusammenarbeit mit Stadtbaumeister Felix Sittel erbaut und ein Jahr später als Feuerwache in Betrieb genommen. Mit Rutschschächten und -stangen, einer Alarmhalle und den sich durch Federkraft öffnenden Toren setzte die Feuerwache damals neue Standards und wurde in der Presse als das modernste Feuerwehrgebäude Deutschlands betitelt. 1944 dann erlitt das Gebäude im Zweiten Weltkrieg starke Zerstörungen. Bei der anschließenden Rekonstruierung, die bis Mitte der 1950er-Jahre andauerte, wurden bewusst nicht alle Kriegsfolgen komplett entfernt: Bombenschäden an einer Außenwand, die mit unterschiedlichsten Klinkern notdürftig geflickt worden waren, beließ man, wie sie waren. „Ein Haus ist ein lebendiges Wesen mit Macken und Blessuren, die seinen Charakter ausmachen.“ So beschrieb es Verleger Wolfgang Hölker, der das Gebäude schließlich kaufte, nachdem es für die Nutzung als echte Feuerwache zu klein geworden war und einige Jahre als ungenutzte Ruine leer gestanden hatte. 2006 begann Hölker, die Wache umfassend zu sanieren, für seine Zwecke umzubauen und dreieinhalb Jahre später mit seinem Coppenrath Verlag zu beziehen. Neben den Büros hatte auch der Verlag in der alten Feuerwache einen Showroom, der allerdings nur Mitarbeitenden sowie Handels-Partnerinnen und -Partnern zugänglich war.

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Henning Schoster (links) und Joke Eden lernten sich im Architekturstudium kennen und gründeten die Firma donnerblitz design – die heute in der „neuen“ alten Feuerwache zuhause ist.  Foto: donnerblitz design

„Wir wollten die Alte Feuerwache 
für die Menschen öffnen.“ 
JOKE EDEN

Als der Coppenrath Verlag Ende 2021 seinen Neubau am Hafenweg 30 fertigstellte, zogen die Büros in den sogenannten Speicher III um. Zu diesem Zeitpunkt tat sich für die Freunde und Geschäftspartner Joke und Henning die Chance auf, die alte Feuerwache von Wolfgang Hölker zu pachten. Diese Gelegenheit packten die beiden am Schopfe, stürzten sich in die Planung und entwickelten das ganzheitliche Konzept für die Umnutzung. Neben Showroom und Büros für die eigene Firma suchten sie langfristige Mieter für die weiteren Räume im zweiten und dritten Stockwerk. Die Flächen werden nun von einem bunten Mix an Unternehmen und Startups aus Bereichen wie Immobilienmanagement, Health Care, Design- & Architekturbüros sowie einer Anwaltskanzlei belebt. Auch die Optik Viehoff Gruppe zog ein und hat ihre Büros nun in der früheren Turnhalle der Feuerwehrmänner.

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Bei der Gestaltung des Café Grisu war es Joke und seinem Team wichtig, alte Schätze von Vormieter Wolfgang Hölker zu bewahren – wie etwa die alte Theke und das Spielzeugpferd.  Foto: donnerblitz design

Denkmalschutz als Herausforderung 

Während des aufwändigen Umnutzungsprozesses wuchsen Joke und Henning über sich hinaus: Sie übernahmen nicht nur die Planung, Umsetzung und Vermietung, sondern schlüpften auch in die Rolle der Bauleitung. Da die alte Feuerwache unter Denkmalschutz steht – sie ist als hervorragender Bau des Expressionismus in die Städtische Denkmalliste eingetragen und gilt wegen ihrer Vorreiterrolle als Feuerwache auch als Technisches Denkmal –, hielt der Umbau einige Herausforderungen bereit. An der Außenfassade durfte kaum etwas verändert werden, was aber ohnehin nicht gewollt gewesen wäre. In den Innenräumen war vor allem zu beachten, dass der Hallencharakter erhalten blieb, ebenso wie die Säulen und Tore. Der Anforderung, dem Gebäude möglichst wenig Schaden zuzufügen, begegneten Joke und sein Team mit baulichen Veränderungen – wie etwa Trockenwänden –, die sich ohne Probleme wieder rückgängig machen lassen. Eine weitere Herausforderung stellte die Elektrik dar: Während es früher einen zentralen Stromzähler gab, musste nun für die elf Mietparteien alles neu verkabelt werden. Auch in dieses Thema fuchste sich Joke hinein: „Weil ich selbst die Pläne gezeichnet habe, weiß ich jetzt, wo jede einzelne Steckdose ist – deswegen bin ich inzwischen irgendwie auch eine Art Hausmeister“, sagt er mit einem Lachen.

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Solides Eichenholz trifft auf pastellfarbene Akzente: Das Interieur des Café Grisu trägt die unverkennbare Handschrift von donnerblitz design.  Foto: donnerblitz design 

In dem rund 2.200 Quadratmeter großen Objekt sind nun sinnvoll nutzbare Bereiche und Ein­heiten entstanden, die den Charakter und die Geschichte des Gebäudes trotz aller Veränderung aufrechterhalten. Sogar eine Rutschstange aus alten Zeiten, die das erste mit dem zweiten Stockwerk verbindet, entdeckten Joke und sein Team während des Umbaus hinter einer Klappe. Die Stange ist jetzt wieder sichtbar und erinnert an die ursprüngliche Nutzung, für die das Gebäude vor fast 100 Jahren konzipiert wurde. So erzählt das Haus nach wie vor seine besondere Geschichte. Puzzleteile dieser Historie liefern immer wieder auch die betagten Herren, die in der alten Feuerwache vorbeikommen und Joke aus ihrem früheren Berufsleben berichten: An der Fassade des alten Turms, in dem früher die Wasserschläuche trockneten, hätten sie oft das Anleitern und das Klettern von Fenster zu Fenster geübt, das in Einsätzen oft erforderlich war. Joke freut sich darüber, dass die Erinnerungen der ehemaligen Feuerwehrmänner in die „neue“ alte Feuerwache getragen werden. Geschichte, Innovation, Kreativität, Design und Austausch – hier kann nun all das ineinandergreifen, voneinander zehren und aneinander wachsen. Selten sah eine Verschmelzung besser aus!

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An die Steigübungen erinnern sich die ehe­maligen Feuerwehrmänner noch heute zurück.
Foto: Stadtarchiv Münster/Hermann Henke