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Grevens Weltkugel als Begrüßung am Kreisel. Foto: Cornelia Höchstetter

N°150


DREHKREUZ GREVEN

Das größte Dorf im Münsterland ist seit 75 Jahren eine Stadt. Dabei ist Greven so alt wie Münster. Vor etwa 1.200 Jahren  trafen dort zwei Handelsstraßen aufeinander, wo heute die Autobahn brummt, Züge kreuzen, Kajaks und Stand-up-Paddler vorbeigleiten, Flugzeuge starten und landen. Ein Stadtporträt.

Text CORNELIA HÖCHSTETTER


Alle Autofahrer, die von der Autobahn oder über den Schifffahrter Damm in die Grevener Innenstadt fahren, begrüßt am Kreisel eine gut zwei Meter große Weltkugel mit bunten Männchen. Der sogenannte Völkerball sagt aus: „Alle Menschen sind ein Volk“. Seit 2001 steht hier die Skulptur des Grevener Künstlers Ernie Huesmann.

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Die Industriearchitektur (hier Setex) weicht bald einem Stadtquartier. Rechts die renaturierte Ems. Fotos: Cornelia Höchstetter
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Blühende Grevener Vorgärten und der Marktplatz in der Fußgängerzone. Fotos: Cornelia Höchstetter

Irgendwie passt das gut, denn Greven ist so global wie lokal orientiert – der Flughafen ist der Anschluss an die weite Welt und gleichzeitig hieß Greven lange „das größte Dorf im Münsterland“. Das stimmt seit 75 Jahren insofern nicht mehr, als dass Greven 1950 die Stadtrechte verliehen bekam. Reichlich spät, denn die Geschichte Grevens ist etwa so alt wie die von Münster. 

Welt – Stadt – Dorf? Während der Recherche zu Greven waren wir mehrmals vor Ort. Mit dem Fahrrad und per Bahn und mit dem Auto. Geparkt am Wilhelmsplatz, noch in Gedanken bei der Weltkugel, fällt der Straßenname „Kuhtrog“ ins Auge. Also doch ein Dorf? 

Um Greven besser verstehen zu können, haben wir vom MÜNSTER! Magazin uns unter anderen mit 
Thomas Grünert, seit 2022 Vorsitzender des Heimatvereins Greven, und Ursula Kappes, Beisitzerin im Heimatverein, getroffen. Die zwei sind Grevener durch und durch: Ursula Kappes war Lehrerin für Deutsch, Religion und Englisch an der Nelson Mandela Gesamtschule Greven. Thomas Grünert war zwar 1982 Mitinitiator des Heimatvereins, wurde dort aber erst später aktiv, denn als Journalist war er lange Zeit unter anderem Lokalredakteur in Greven für die Westfälischen Nachrichten (WN) und musste „vereinsmäßig“ professionell Distanz wahren. 

Thomas Grünert kennt den „Kuhtrog“ und erzählt: „Vor langer Zeit, als Greven noch ein Dorf war, gehörten zur Ortsmitte noch sieben Bauern mit ihren Höfen. Daher der Gassenname.“ In seiner Jugend, so verrät der ehemalige WN-Redakteur, „war der Kuhtrog eine romantische Meile der Schüler. Da verab­redete sich manches junge Paar …“

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Der Bergpark ist in diesem Jahr eröffnet worden. Hier findet man das Café Stilkontor. Foto: Cornelia Höchstetter 

Stadt, Land, Fluss 

Wo heute die romantischen Meilen Grevens sind, verraten uns die beiden Ansprechpartner vom 
Heimatverein nicht. Wohl aber zählen sie die Fakten von Greven auf: Mit fast 40.000 Einwohnern ist Greven die achtgrößte Stadt im Münsterland und die drittgrößte im Kreis Steinfurt. Gimbte und Reckenfeld (100 Jahre alt!) sind Stadtteile. Zu den Bauerschaften gehören etwa Aldrup, Bockholt, Fuestrup, Guntrup, Hanseller Floth, Hembergen, Herbern, Hüttrup, Maestrup, Pentrup, Schmedehausen, Wentrup und Westerode (samt Westeroder See zum Campen). Die Stadt hat lokale Grundschulen, Real- und Gesamtschulen sowie ein Gymnasium. Es gibt ein Krankenhaus mit 500 Mitarbeitern, Sporthallen, Hallen- und Freibad sowie unterschiedlichste Vereine. „Und Greven hat vier verkaufsoffene Sonntage“, hebt der Vorsitzende der Grevener Werbegemeinschaft vor, 
Johann-Christoph Ottenjann vom Grevener Familienunternehmen Möbel Ottenjann.

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Im Kunstturm des Kunstvereins Greven an der Kirchstraße schauen symbolisch die Pferde aus der Fassade – Greven hat 
über 1.200 Pferde und Deutschlands erste integrative Reitroute. Foto: Cornelia Höchstetter
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Links ein großes Sehnsuchtssymbol für Wasserwanderer: Hier können sie zur Ems und lospaddeln. Rechts der Kirchberg – schon im 9. Jahrhundert stand da eine Holzkirche. Fotos: Cornelia Höchstetter

Die Ems ist die Lebensader, teilt die Stadt und ihre Brücken verbinden beide Seiten. In der Innenstadt östlich der Ems finden die Grevener und ihre Besucher Filialen großer Einzelhandelsketten genauso wie familiengeführte Fachgeschäfte, zum Beispiel das Modehaus Ahlert am Niederort – dank Wasserfontänen und Bänken ein beliebter Treffpunkt und in den Sommermonaten einmal monatlich mit „Genussmarkt“.  

Die Emsauen wurden vor einigen Jahren renaturiert (siehe auch MÜNSTER! No. 11, 2021), was in Greven unterschiedlich aufgenommen wurde. Schließlich gab es bis vor einigen Jahren den beliebten Treffpunkt „Greven an die Ems“ mit Beach, Bar, Blick aufs und barfuß ins Wasser. Die Grevener haben den Beach in der Emsaue in guter und manchmal wehmütiger Erinnerung – auch wenn auf der anderen Deichseite ein neues „Greven an die Ems“ entstanden ist. 

Heute ist die Flussaue grün und natürlich, der Blick von den Brücken zeigt eine verzauberte Wildnis, am Deich führt der EmsRadweg vorbei. In diesem trockenen Sommer mäandert die Ems recht schmal durch das breite Tal. Eine Bootsanlegestelle für Wasserwanderer im Kanu oder Kajak ist nahe am Deich ausgeschildert. Ausflügler schätzen in Grevens Umgebung besonders die Wentruper und Bockholter Berge – beides hügelige Sanddünenlandschaften, die während der Eiszeit entstanden sind. 

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Kunst am Deich. Foto: Cornelia Höchstetter

Kunst am Deich  

Auch Greven hat Skulpturprojekte. Sie heißen EMS-Nadel, FISHeye, WELLENbank oder WEB­stuhl und stehen auf der Krone des Grevener Deiches, zwischen Stadt und renaturierter Flussaue. Die Frage, der die Künstlerinnen und Künstler mit ihren Skulpturen nachgegangen sind, liegt auf der Hand: „Was hat die Ems mit Greven gemacht?“  

Förderverein EmsDeich-Skulpturen e.V.  
emsdeich-skulpturen.de

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Links im Hintergrund die Kirche, vorne das derzeitige Rathaus – das bald abgerissen und einem neuen Quartier weichen wird. Rechts: Der Niederort mit Wasserfontänen, Goldschmiede, Café und Einzelhandel. Fotos: Cornelia Höchstetter 

Wasserwege machen Märkte möglich 

Die Ems war Ausgangspunkt für die Geschichte Grevens. Furten an Flüssen waren immer Grund genug für die Menschen im frühen Mittelalter, dort zu siedeln. Ähnlich wie Münster an der Furt der Aa zu wachsen begann, war es mit Greven an der Ems. Die erste Siedlung im achten Jahrhundert hieß noch „Grevaon“.  Ein Glücksfall mit Folgen bis heute: Von der Nordsee aus war die Ems bis Greven schiffbar für Kähne und Boote der Händler – deshalb zeigt das Stadtwappen auch eine solche „Emspünte“, einen einmastigen Flachkahn. Händler schipperten mit ihren Waren nach Greven. So also stieg Greven im 13. Jahrhundert zum Marktort auf, inklusive der Lagerplätze für einen Umschlagplatz. Denn an Land kreuzten sich zwei Handelswege: über Osnabrück Richtung Lübeck und Ostsee und über das Emsland nach Holland. Heutige große Unternehmen haben ihre Wurzeln vor langer Zeit: 1774 gründete etwa die Familie Terfloth am Grevener Hafen einen Kolonialwarenhandel. 1883 zog das Unternehmen nach Münster – und wurde in der Kooperation mit dem ehemaligen Lehrling Egbert Snoek 1957 zum ersten RATIO-Großmarkt in Bochum. 1963 folgte RATIO für Endverbraucher in Münster.

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Die Marktstraße mit Blumenschmuck an den Laternen. Foto: Cornelia Höchstetter 

Die Bahn macht der Textilwirtschaft Dampf 

„Greven war damals dank der Handelssituation in seiner Bedeutung nahezu mit Münster vergleichbar“, erklärt Thomas Grünert. „Der Max-Clemens-Kanal war die Antwort Münsters auf die Ems – nur versandete der schnell wieder.“ Der Bau der Bahnstrecke mit Halt in Greven machte es ab 1856 möglich, dass Dampfmaschinen und Baumwolle angeliefert wurden – Greven entwickelte sich zu einem der Textilstandorte im Münsterland. 1888 etwa gründeten die Brüder Josef und Alfons Schründer eine mechanische Baumwollweberei. Anton Cramer begann 1898 eine Weberei und Färberei, die später von der SETEX Textil GmbH übernommen wurde. Die Hermann Biederlack GmbH & Co. KG produziert seit 1887, inzwischen Heimtextilien wie Kuscheldecken und Kissen (Lizenz für Joop!-Decken!). Netter Nebeneffekt: So manche Fabrikanten von früher bauten sich in der Innenstadt prächtige Villen mit parkähnlichen Gärten, die beim Stadtspaziergang heute echte Hingucker sind.   

Verkehrsdrehscheibe und Logistikzentrum 

Mit dem Baubeginn der Autobahn in den 1960er Jahren und der Flughafen-Eröffnung 1972 entwickelte sich Greven zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Ein „Super-Logistik-Platz“, sagt Thomas Grünert. Das gilt etwa für Unternehmen wie die Fiege Logistik Holding Stiftung & Co. KG (gegründet 1873), die heute über 22.000 Mitarbeitende an 136 Standorten in 14 Ländern beschäftigt. 

„Greven ist nicht die ‚Schlafstadt‘ von Münster – Greven hat ebenso viele Aus- wie Einpendler – jeweils 13.000 täglich.“ 
Johann-Christoph Ottenjann

Gemeinschaft schaffen 

Viele „Histörchen“, wie Thomas Grünert sagt, pflegt der Grevener Heimatverein. Doch das ist nicht alles: Zum Heimatverein gehört der Sachsenhof, er unterhält eine plattdeutsche Gruppe ebenso wie eine Integrationsgruppe für „Grevener aus aller Welt. Im Heimathaus (Alte Post), an der Alten Münsterstraße ist jeweils Mittwoch und Samstag zwischen 10 und 12 Uhr offene Tür für alles. Und den Kaffee dort gibt’s sogar gratis. 

Der Heimatverein arbeitet eng mit Initiativen wie der Klimawerkstatt Greven oder dem Westfälischen Zentrum für Bildung und Kultur (WeBiKul) zusammen und fungiert quasi als Dachorganisation für historisch und kulturell Engagierte. Von gemischtem Chor über das Repair Café bis zu Filmabenden deckt er ein breites Spektrum ab – stets mit dem Ziel, so betont Ursula Kappes: „Gemeinschaft in Greven zu schaffen“. 

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Foto: Die Blumenmanufaktur

Die Blumenmanufaktur – Wo in Greven die Blumen blühen 

Greven ist seit Mai 2022 Mitglied beim Bündnis Kommunen für biologische Vielfalt e.V. So kam es zur „KlimaWerkstatt“, eine Initiative von Bürgern. Ein Projekt dieser KlimaWerkstatt ist unter anderen die Blumenmanufaktur. „Viele Grevener finden, dass Greven mehr blühen könnte“, sagt die Grevenerin Katrin Pieper, die sich mit weiteren „KlimaAktiven“ engagiert. Sie haben 2024 begonnen und konnten Ende August 2025 die Blumenmanufaktur zwischen dem Sportplatz an der Ems und dem Deich feierlich eröffnen. Blumenmanufaktur heißt: Auf 600 Quadratmeter blühen und wachsen heimische Pflanzen wie Zwergglockenblumen, orangerotem Habichtskraut oder zartrosa Karden. Das Ziel ist eine größere standortangepasste Artenvielfalt und eine Lebensgrundlage für die Insekten, Vögel und sonstigem Getier an der Ems. In den kommenden Jahren soll diese Blumenmanufaktur eine Anlaufstelle für GrevenerInnen sein, um mitzumachen oder sich Samen oder Pflanzen nach Absprache für Projekte zu holen. Zum Beispiel für die sogenannten „Beetpatenschaften“, die über die Stadt Greven organisiert werden. 20 solcher gibt es inzwischen an Straßenrändern, Waldsäumen, Baumscheiben oder ähn­liches. Oft treffen sich die Aktiven mittwochs zwischen 16 und 18 Uhr an der Blumenmanufaktur. Interesse? Infos unter: biodiversitaet@klima-greven.de

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Der Sachsenhof. Foto: Cornelia Höchstetter

Der Sachsenhof und Grevens Anfänge – Unterm Reetdach der alten Sachsen  

Wuchernde Gemüsebeete hinter geflochtenen Holzzäunchen, Getreideähren schwingen fusselig im Wind. Unterm Strohdach ducken sich einige kleine und eine große Hütte. Eine Zeitreise um etwa 1.200 Jahre zurück fällt nicht schwer. Nur das Gebäude am Eingang des Sachsenhofes ist architektonisch eindeutig der Neuzeit zuzuschreiben: Hier wurde ein Bildungszentrum eröffnet, Dutzende von Schulklassen waren schon hier. Seit 2025 ist der Sachsenhof offizieller außerschulischer Lernort. In erster Linie ist das etwas andere Freilichtmuseum in Greven-Pentrup ein Ort, der das Leben der „Ureinwohner von Greven“ zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert n. Chr. lebendig macht. Es ist jederzeit zugänglich, regelmäßig finden auch Veranstaltungen statt. Tatsächlich ist der Sachsenhof, wie er heute steht, historisch ziemlich exakt rekonstruiert – doch die alten angekokelten Baumstämme, Spuren im Sand und demzufolge die Rückschlüsse auf die Siedlungsform haben Forscher vom Westfälischen Museum für Archäologie in Münster 1973 bei Gittrup gefunden. Die rekonstruierten Gebäude wurden dann nach Greven versetzt. Seit 1987 pflegt der Heimatverein die frühmittelalterliche sächsische Hofanlage. Thomas Grünert erzählt von 2024, als das „5. Internationale Rennofen-Symposium“ stattfand. „Mit diesen Öfen wurde im Frühmittelalter Eisen hergestellt: In den aufgetürmten Lehmöfen schmolzen man Eisen aus den in der Region gefundenen Felderz-Klumpen im Feuer.“ sachsenhof-greven.de

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Wie im linken Bild sah die Renaturierung der Ems anfangs aus, inzwischen ist alles grün. Foto: Münsterland e.V. / Kai Marc Pel Rechts: 1. Preis im städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb EmsAuenQuartier Greven: verdichtetes Wohnen auf dem Setex-Gelände in Ems-Nähe. Lageplan: RBANOPHIL.KOELN Philipp Skoda Stadtplaner BDA, Köln und urbanegestalt Landschaftsarchitekten, Köln, Visualisierung: Tim Büschel

Stadtentwicklung und Wohnprojekte 

Für den größten Sprung in der Einwohnerzahl war das Wohngebiet Wöste verantwortlich. Marco Scheil, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung, fasst zusammen: „Auf dem Stadtplan sieht man, dass das Gebiet wie ein Schachbrett angelegt ist. 2010 begann die Erschließung, inzwischen sind nahezu alle 500 Grundstücke für Ein- oder Zweifamilienhäuser vergeben und längst bewohnt.“ 

In naher Zukunft plant die Stadt den Umbau der Industriefläche von Setex, das Ende des Jahres Greven verlässt. Bereits jetzt entwickelt die Stadt gemeinsam mit privaten Investoren das EmsAuenQuartier mit etwa 600 Wohneinheiten samt Park. „Bezahlbarer Wohnraum ist ein Thema, 35 Prozent der Wohnungen sollen gefördert werden“, sagt Marco Scheil. Vielleicht wird es sogar ein überregionales Vorzeigeprojekt: „Wenn wir es schaffen, über eine Flusswasser-Wärmepumpe Energie für das Quartier und die Innenstadt zu gewinnen“, hofft der Stadtplaner Scheil. Das Quartier soll etwa 2035 gut belebt sein. 

Ein weiterer Plan betrifft das Rathaus-Quartier. „Wir krempeln die Innenstadt um“, sagt Marco Scheil. Es soll ein neuer Stadteingang entstehen, mit neuen Wegeachsen, neuem Rathaus am Emspark – samt Quartiersgarage, Neubauten für Wohnen und Dienstleistungen, Einzelhandel, Stadtbibliothek und mehr.