N°150
Flüssiges Gold sprudelt in Münster
Diese Mühle liegt etwas versteckt. Weithin sichtbare Flügel gibt es ebenso wenig wie ein im Bach klapperndes Wasserrad. Der Betrieb an der Gasselstiege, im Nordwesten von Münster, ist viel prosaischer als jede Mühlenromantik, die Geschichte dahinter aber fast ein kleines Märchen.
Text veit christoph baecker
„Wenn ich morgens in meinen Laden komme, riecht es ganz wunderbar nach Leinöl“, beschreibt Jördis Boemke eines der vielen positiven Merkmale ihres neuen Arbeitsplatzes. Hier, nur wenige Meter vom Germania-Campus entfernt und doch mitten im Grünen, hat die 38-Jährige mit der Ölmühle Schönefeld den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Mit allen Freiheiten, aber eben auch Verpflichtungen ist die Neu-Müllerin seit Mai 2025 für alles verantwortlich. „Den zeitlichen Aufwand habe ich tatsächlich etwas unterschätzt,“ gesteht Jördis Boemke mit einem Lachen. Zum Leidwesen ihres großen Selbstversorgergartens in Horstmar. „Der sieht in diesem Jahr etwas wilder aus.“ Doch ihr Mann und die beiden Söhne unterstützen die Unternehmerin intensiv beim Neustart. „Ich habe zwar weniger Zeit, bin aber viel glücklicher.“ Kein Wunder, findet sie doch ihre neue Profession „saucool“.
Dabei war es eine Mischung aus Zufall und Glück, dass dieser neue Lebensabschnitt überhaupt zustande kommen konnte. Mira Schönefeld, gelernte Goldschmiedin, konnte aus persönlichen Gründen die von ihr 2016 gegründete Mühle nicht mehr fortführen und suchte eine Nachfolgerin. Jördis Boemke, eigentlich gelernte Konditorin, studierte Oekotrophologin und zudem Food-Stylistin, war mit ihrem aktuellen „langweiligen Bürojob“ nicht mehr zufrieden und wollte eine Tätigkeit, bei der sie zupacken und mit den Händen arbeiten konnte. An sich eine gute Konstellation, doch die beiden Frauen – eine wollte abgeben, die andere berufliche Veränderung – kannten sich bislang überhaupt nicht.
„Freunde haben mich aufmerksam gemacht. Ich war mir aber nicht sicher, ob eine Mühle das Richtige für mich ist“, blickt Jördis Boemke zurück. Fast auf den letzten Drücker meldete sie sich dann doch bei Mira Schönefeld und verabredete ein Treffen. „Bei diesem war mir dann sofort klar, dass ich Müllerin werden will.“ Es folgten eine intensive Einarbeitungswoche und dann die Übernahme des gut eingeführten Ölmühlen-Betriebs, zukünftige Beratung bei Bedarf inklusive.
Mit Ölen hatte Jördis Boemke zwar außerhalb ihrer Küche bislang noch nicht allzu viel zu tun, aufgrund von Studium und Ausbildung jedoch gute Vorkenntnisse im Lebensmittelbereich. Gerade in der Anfangsphase häuften sich die Aufgaben. Das Lager musste neu bestückt werden, die Homepage angepasst und die Abläufe eingeübt werden. Zweimal pro Woche öffnet der Verkauf an der Gasselstiege. „Ich sammele gerade nette Menschen“, zieht Jördis Boemke eine weitere gute Zwischenbilanz. Sie meint: Nette Händler und nette KundInnen, eine tolle Steuerberaterin machen den Einstieg ebenso leichter.
Besonders aufwändig war die Erneuerung der Bio-Zertifizierung – eine bürokratische Herausforderung, die sie erfolgreich gemeistert hat. „Nun stehe ich freitags ab 12 Uhr im ehemaligen Verkaufswagen meines Ausbildungsbetriebs Cibaria auf dem Ökologischen Bauernmarkt vor dem Dom und verkaufe mein eigenes Öl“, mischt sich bei Jördis Boemke ein Hauch ungläubiges Staunen mit großem Stolz.
Auf dem Bauernmarkt wie auch im Mühlenladen an der Gasselstiege können alle Öle probiert werden. Denn nicht jede/r kennt Leindotter, Schwarzkümmel, Drachenkopf oder Mariendistel. Und wie schmecken Senf-, Mandel- oder Traubenkernöl? „Sehr gut“, ist die kurze Antwort. Das Aroma ist beeindruckend, die Öle sind in der kalten Küche vielseitig verwendbar und auch noch gesund. Mandel- und Schwarzkümmelöl eignen sich darüber hinaus auch sehr gut zur Pflege der Haut.
Alles mit Ausnahme der Olivenöle wird vor Ort hergestellt. In kleinen Mengen, damit immer frische Ware angeboten werden kann. Dazu stehen zwei Mühlen zur Verfügung, die aussehen wie ein größerer Fleischwolf. Die Zutaten bezieht Jördis Boemke in großen Säcken am liebsten bei regionalen Landwirten, auf jeden Fall aber in Bioqualität.
„Nun stehe ich freitags ab 12 Uhr auf dem Ökologischen Bauernmarkt vor dem Dom und verkaufe mein eigenes Öl.“ Jördis Boemke
Saaten und Nüsse werden in der Ölmühle durch eine Drehschnecke kaltgepresst, die Größe der Auslassdüse bestimmt den Druck. So bleiben alle wertvollen Inhaltsstoffe erhalten. Während das so gewonnene Öl in ein Edelstahlgefäß fließt, wird der sogenannte „Presskuchen“ separat gesammelt. Wie eine dünne Wurst kommt dieser aus der Mühle, zu Beginn noch warm. Daraus lässt sich im Nachgang Mehl erzeugen. Falls das je nach Sorte nicht möglich ist, wird daraus Tierfutter oder Dünger. So entsteht ein sinnvoller Kreislauf.
Das flüssige Gold wird nach einer kurzen Setzungsphase in dunkle Flaschen abgefüllt. Sie schützen das Öl vor den negativen Folgen von Licht. Bei Ölen von Sesam oder Kokos können die entstehenden festen Bestandteile als Mus zum Beispiel als Tahin (Sesammus, etwa für Hummus, Anmerkung der Redaktion) verwendet werden.
Jedes Öl braucht nicht nur seinen spezifischen Mahldruck, sondern hat auch ein individuelles Mindesthaltbarkeitsdatum. Das reicht von wenigen Wochen bei Leinsaat bis zu vielen Monaten bei Kokosnüssen. Aber meistens, so ist auch schon die Erfahrung von Jördis Boemke, holen die KundInnen schon viel eher Nachschub. So lecker ist das Öl aus Münster.
Der Mühlenladen an der Gasselstiege ist dienstags von 9 bis 12 Uhr und donnerstags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Stand auf dem Ökologischen Bauernmarkt auf dem Domplatz ist freitags von 12 bis 17 Uhr geöffnet. Der Online-Shop steht rund um die Uhr zur Verfügung.
Übrigens …
Diese Ölmühle ist beiweitem nicht die einzige im Münsterland! Uns sind bei unseren Recherchen so etwa auch noch die Münsterlandmühle (muensterlandmuehle.de), die Teutoburger Ölmühle (teutoburger-oelmuehle.de) und die Warendorfer Ölmühle (siehe freckenhorster-werkstaetten.de) „über den Weg gelaufen“.