MÜNSTER! Magazin

Steinmetzin Maya Thyssen. Foto: Peter Leßmann

N°150


Feingefühl und ’was im Ärmel

Tagsüber turnte sie noch an der Fassade des münsterländischen Wasserschlosses Haus Assen herum, zum Fototermin und Interview für diese Geschichte trafen wir Steinmetzin Maya Thyssen dann nachmittags auf dem Werkstattgelände ihres Arbeitgebers Wennemer an der Wolbecker Straße.

Text britta Heithoff


Eine echte Münsteranerin ist sie nicht, aber dennoch fühlt sich das Leben hier für die Steinmetzin Maya Thyssen wie ein „zurück zu den Wurzeln“ an. Ihr Vater, Ortwin Thyssen, wuchs in Münster auf, besuchte in den 1980ern das Schillergymnasium, lernte das Goldschmiedehandwerk. Um ein Haar hätte er nach seinen Wanderjahren dann in den 1990er Jahren seinen Ausbildungsbetrieb, das Juweliershaus Salzmann auf Münsters Königsstraße, übernommen. Er entschied sich schließlich aber doch, mit Frau und zwei Kindern nach Canterbury auszuwandern, wo dann kurz vor der Jahrtausendwende Kind Nummer drei, Maya Thyssen, geboren wurde. Sie ist unsere Protagonistin in dieser Folge unserer Serie über „Heldinnen und Helden des Handwerks“. Wir wollten erfahren, wie die 25-Jährige in ihren Beruf gefunden hat. 

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Konzentrierte Feinarbeit mit Bleistift und Punktiergerät (links) – Strukturen können so 1:1 übertragen werden. Es staubt, es ist Knochenarbeit und für Maya Thyssen ist es das Größte: Die in Canterbury geborene Steinmetzin hat in ihrem Beruf schon viele verschiedene Erfahrungen gesammelt (rechts). Fotos: Peter Leßmann

„Dazu muss man wissen, dass Handwerk in unserer Familie immer ein Thema war“, erzählt Maya. „Bis ich sieben Jahre alt war, war die Goldschmiedewerkstatt meines Vaters unter unserem Kinderzimmer. Ohne die durch die Wände surrenden Geräusche der Poliermaschine konnte ich quasi gar nicht einschlafen …“ Bei den Thyssens wurde immer gewerkelt, selbst ausgebaut, kreativ gestaltet und improvisiert. „Geschenke füreinander? Die waren immer selbstgemacht“, erinnert sich Maya, die als junges Mädchen auch begann, im Goldschmiedebetrieb ihres Vaters im Zentrum von Canterbury zu jobben. „Immer mittwochs nach der Schule ging ich hin. Erst habe ich nur Dokumente geschreddert. Dann wurde ich befördert und durfte Kettenösen anlöten und an ersten Schmuckstücken mitarbeiten.“ 

Die ersten Berührungspunkte mit dem Steinmetz-Beruf kamen dann während eines Schulpraktikums. Eigentlich wollte sie damals in die Glasmalerei an der Canterbury Cathedral hereinschnuppern. Da sie aber noch nicht volljährig war, griff der Gesundheitsschutz bezogen auf die Arbeit mit Blei. So wurde es ein Steinmetzpraktikum an der dortigen Bauhütte. „Damals stellte ich mir vor, dass es vielleicht langweilig sei, die ganze Zeit ‚an Flächen rumzukloppen‘“, grinst Maya. „Aber es war sehr interessant und die Leute waren nett.“ 

Danach stand erstmal das International Baccalauréat an. „Beim Abi in England wurde man hunterprozentig auf ‚Studium‘ getrimmt“, erinnert sie sich. „Das Konzept ‚Ausbildung‘ existierte einfach nicht“. Mayas Geschwister waren damals schon aus dem Haus, ihre Eltern motivierten die Jüngste im Bunde, herauszufinden, was ihr wohl Spaß machen könnte. „Geschichte interessierte mich, aber was könnte man später damit machen?“, fragte sich die damals 18-Jährige. 

„Schon oft habe ich erlebt, dass ich zuerst als Frau  gesehen werde. Und erst viel später als Expertin!“ 
Maya Thyssen

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Die heilige Barbara über den Platz kutschieren? Gern. Maya hat ihren Staplerschein „in der Tasche“. Foto: Peter Leßmann

Schließlich lief die Frist für die Bewerbung an der Uni ab. „Ich war etwas verzweifelt damals, weil ich gar nicht wusste, was ich wollte und schon gar nicht, was ich kann“, erinnert sich Maya. „Wenn man Geschwister und Eltern hat, die genau wissen, was sie wollen und auch echt was können, dann ist es gar nicht so einfach für einen selbst!“ 

Mit einem guten Schulabschluss in der Tasche, der auch den Weg zu einer guten Uni hätte ebnen können, entwickelte sich dann die verpasste Anmeldefrist zu einem Wendepunkt. „Erstmal weg“, dachte sich Maya, fuhr mit Freunden nach Italien, dann zum Goldschürfen nach Nordfinnland, schließlich mit einer Freundin nach Portugal. Dort fiel inmitten der historischen Architektur der Groschen: „Mensch, mit meiner alten Idee vom Steinmetzhandwerk kann ich ja meine Interessen für Geschichte und Handwerk verbinden!“ 

Dann ging es schnell. Maya kam in Kontakt zu den Steinmetzen am Freiburger Münster und begann  dort, zweisprachig mit Englisch und Deutsch aufgewachsen, im September 2018 ihre Ausbildung. 

„Es war ganz schön spannend, im mir damals noch fremden Land und in der fremden Stadt ganz alleine zurecht zu kommen, aber ich war unbeschwert und naiv und so fand ich das alles eigentlich schön. Ich weiß aber auch, dass ich während der Ausbildung immer extrem erschöpft war! Die 
körperliche Arbeit, lange Tage, gearbeitet wurde von 7 bis 17 Uhr – so viel Neues, neue Sprache, neue Stadt, neues Lernen. Ich bin auch manchmal in der Bauhütten-Werkstatt mit Knüpfel und Eisen in der Hand eingeschlafen. In dieser Phase habe ich übrigens das Kaffeetrinken angefangen, mittlerweile schmeckt es mir auch“, lacht Maya. 

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Die Zeichen der Zeit bilden sich in vielerlei Gestalt ab – die Zusammenarbeit mit Denkmalschützern und Restauratoren prägt Mayas Beruf. „Historisches Wissen hilft auch enorm“, weiß Maya. Foto: Peter Leßmann

Das Arbeiten am Freiburger Münster gefiel ihr sehr: Steine versetzen, Vierungen (Ersatzstücke, etwa bei Verwitterungen, Anmerkung der Redaktion) platzieren, es war eine hochwertige „Puzzlearbeit“. Mit Kreuzblumen, Lilien, Balustraden, Reliefen. „Richtig romantisch! Mir wurde aber oft gesagt: ‚Der Beruf sieht eigentlich nicht so aus, das hier ist einzigartig, eine ganz spezielle Abteilung von diesem Handwerk‘. Ich wusste das während der Ausbildung, daher habe ich es richtig genossen und habe es geschätzt.“

2021 beendete Maya ihre Ausbildung. Dann wollte sie erstmal zur Oma väterlicherseits nach Münster ziehen, aber diese verstarb. Die Alternative: Zu Oma und Opa mütterlicherseits nach Schlossholte 
Stukenbrock in Ostwestfalen, dann also hier Zeit mit der älteren Generation verbringen und eine Steinmetzstelle temporär antreten für fünf Monate – bei einer „tollen Firma in Paderborn. Hier habe ich auch viele Grabmale gearbeitet, mit Schriften, gemeinsam mit einer anderen Steinbildhauerin. “ 

2022/2023 folgten dann für Maya regelrechte Wanderjahre in London – „aber ohne die Regeln, die diesen Bruderschaften zugrunde liegen. Manches davon war für Frauen eh gar nicht vorgesehen. Ich habe mir meine eigenen Wanderjahre gestaltet“, erzählt Maya – so arbeitete sie etwa an einem alten Kaufhaus mit. Wurde dann aber gemeinsam mit einem Kollegen von jetzt auf gleich gekündigt, als die Arbeit dort abgeschlossen war. In England ist man als Steinmetz eher selbstständig und hangelt sich von Auftrag zu Auftrag. „Danach etwa habe ich sieben Monate lang glasierte Ziegel in Innenhöfen restauriert, das war auch ’ne Erfahrung“, lacht die Steinmetzin, die gelegentlich auch Schwierigkeiten mit männlichen Kollegen erlebte, indem sie ungefragt angemacht und verbal schlecht behandelt wurde. „Man wird in einigen Betrieben erst als Frau gesehen, und dann erst als Expertin“.  

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Sichtliche Freude: Während unseres Fototermins gingen Maya Thyssen die Ideen nicht aus, was es so alles zu zeigen und erläutern gebe. Foto: Peter Leßmann

Im August 2023 ging es dann endlich nach Münster, hier war schon ihre Schwester Jo Kristin „gelandet“ – sie hatte sich als Konditorin selbstständig gemacht (und betreibt jetzt auch das Café Kardamom am Bohlweg, Anmerkung der Redaktion), ihr wollte Maya erstmal helfen. 

So unterstützte sie unter anderem bei Jo Kristins Pop-up auf Münsters Stadtfest Münster Mittendrin. Und weil hier traditionell auch Handwerksberufe auf dem Lambertikirchplatz präsentiert werden, wurde Maya dort vorstellig: „Hi, ich bin Steinmetz, wollte mal hallo sagen, demnächst suche ich in Münster eine Anstellung“. „Klingt nicht uninteressant“, erwiderte der Handwerksmeister auf dem Domplatz: Robert Wennemer, Mayas heutiger Arbeitgeber. „Ein Dreivierteljahr später, im April 2024, bin ich dann bei Wennemers angefangen“, strahlt Maya. „Hier kümmern wir uns viel um Denkmalpflege, arbeiten etwa an den Fassaden. Wir restaurieren Fensterbänke, Ornamente, Profile, müssen erstmal das Schadensbild anschauen und überlegen dann, wie kann man alles am besten schonend wiederherstellen kann. Es ist eine großartige Aufgabe in all ihrer Vielfalt“, findet Maya, die sich auch in Münster pudelwohl fühlt. Sie empfindet es als Ehre, im Haus ihrer verstorbenen Oma in Handorf wohnen zu dürfen. „An der Werse entlang zu radeln ist der beste Arbeitsweg meines Lebens, nur wenn der Fluss mal überflutet ist, geht es nicht – einmal war ich schon bis zum Bauchnabel nass, der Weg sah aus wie ne Pfütze, aber ich versank.“ Zwei Seniorenkatzen, Ophelia und Kira, leisten Maya im Handorfer Haus Gesellschaft, ein Teil der Wohn­fläche ist zudem an Mitbewohner aus der Ukraine vermietet. „In meiner Freizeit arbeite ich viel im Garten, habe Gemüse angepflanzt, etwa Kohlrabi, Tomaten und Karotten. Ich liebe auch meine Schwestern- und inzwischen auch Tantenstunden mit Jo Kristin und meinem Neffen Rasmus.“ Und klar, eine kleine Werkstatt hat Maya auch in ihren privaten Räumen, aber eher für kleine Arbeiten, etwa mit Speckstein – als Ausgleich zum großen Gewerk als Steinmetzin.  

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Heben, stemmen, die Arbeit auf den Baustellen „wuppen“ – das geht am Besten im Team. Bei ihrem Arbeitgeber Robert Wennemer (Foto) fühlt Maya sich als Expertin gesehen. Das war nicht in allen Betrieben so. Foto: Peter Leßmann

Der Fachbetrieb Wennemer … 

… an der Wolbecker Straße hat sich auf die Restaurierung von Denkmälern spezialisiert. Seit 1986 ist das Restaurierungs-, Bildhauer- und Steinmetzunternehmen in Münster ansässig, mit Robert Wennemer und Gründer Ludger Wennemer sowie sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, unter anderem auch Restauratoren und Restauratoren im Handwerk. Das Einzugsgebiet umfasst Nordrhein-Westfalen und Niedersachen.  
wennemer.com