MÜNSTER! Magazin

Im Frühjahr wurde am Stadthafen für den Münster-Tatort „Die Erfindung des Rades“ (Arbeitstitel) gedreht und dafür kurzerhand ein Teil des Gebäudes Speicher II in einen Fahrradladen verwandelt. Die Ausstrahlung ist für Ende 2025 geplant. Foto: Stadt Münster/Lyra

N°149


... UND ACTION!
Der Filmservice Münster.Land

Von wegen „sicheres Pflaster“: Mit fast fünfzig Tatort- und  beinahe 90 Wilsberg-Folgen ist Münster eine echt „kriminelle“ Stadt. Dass hier auch andere prominente Produktionen wie „Das Gelübde“ oder „Spencer“ gedreht wurden und die Region als besonders filmfreundlich gilt, hat uns Rike van Bremen vom Filmservice Münster.Land berichtet. 

Text nina lenze


Wenn Wilsberg & Co. zu konspirativen Treffen im Antiquariat zusammenkommen, bleibt die Buchhandlung, die eigentlich Antiquariat Solder heißt, für mehrere Tage geschlossen. Und das gleich mehrmals im Jahr. Für die royalen Jagdszenen im international produzierten Kinofilm Spencer hat Rudolph Herzog von Croÿ sogar seinen privaten Grund zur Verfügung gestellt, der eigentlich die Heimat der Dülmener Wildpferde ist. Bei vielen dieser Filmdrehs ist der Filmservice Münster.Land (im Folgenden kurz Filmservice genannt) im Hintergrund aktiv. Was der Filmservice eigentlich macht, wie er entstanden ist und welche Rolle er in der Region spielt, erzählt uns Rike van Bremen, die 2024 die Leitung und Weiterentwicklung des Filmservice übernommen hat.

Die Idee einer ‚Filmstadt‘ abseits der Metropolen 

‚Wir suchen ein Gebäude aus der Epoche des Historismus, um die Geschichte einer bürgerlichen Familie im ausgehenden 19. Jahrhundert im Film darzustellen. Gibt es etwas in dieser Art hier in der Region?‘ So oder so ähnlich könnte eine Anfrage an den Filmservice lauten, der Filmschaffenden mit Rat und Tat zur Seite steht. „Nachdem die großen Filmmetropolen Ende der 1990er Jahre infolge der boomenden Filmwirtschaft an ihre Grenzen stießen, rückten kleinere Städte in den Fokus“, erklärt van Bremen. In Nordrhein-Westfalen bildete sich daher 1998 die Film Comission als Bestandteil der Filmstiftung NRW, mit der Aufgabe, neue Filmlocations in der Region ausfindig zu machen. Mit seiner außergewöhnlichen Kinokultur und einem eigenen Filmfestival eignete sich Münster perfekt als Filmstadt. Und so entstand 1999 der Filmservice Münster.Land als zentrale Anlaufstelle für alle Filmschaffende. Heute ist er ein eigener Arbeitsbereich im Amt für Kommunikation und wird finanziell vom Münsterland e.V. unterstützt. 

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Rike van Bremen, hier vor Wilsbergs Antiquariat, ist seit 2023 zurück in ihrer Studienstadt Münster. „Nach dem Abschluss eines geisteswissenschaft­lichen Studiums und einer Zusatzaus­bildung zur Produktionsleitung für Film und Fernsehen habe ich in Hamburg und Berlin gelebt und dort für verschiedene Filmproduktionen und Filmfestivals gearbeitet.“ Foto: Nina Lenze

„Hauptsächlich geht es darum, Münster und Umgebung für Filmemacher interessant zu machen“, erzählt van Bremen. „Der Filmservice hilft nicht nur bei der Location-Suche und berät Filmschaffende zur Umsetzung von Filmprojekten in der Region, wir organisieren u.a. auch Wilsberg- und Tatort-Premieren in Münster und richten diese in Zusammenarbeit mit den Sendern und regionalen Kinos aus.“ Das ist also auch klassisches Regionalmarketing. Außerdem wird durch den Filmservice Münster.Land regelmäßig über Dreharbeiten berichtet und Pressearbeit zu Spiel- und Fernsehfilmen aus der Region gemacht. Kurzum: Der Filmservice ist eine Anlauf- und Informationsstelle für Filmschaffende und auch für Filmbegeisterte, die wissen wollen, was in Münster und im Münsterland so los ist. 

Filmfreundliche Region  

Die Aufgaben des Filmservice Münster.Land sind vielfältig: Neben der Beratung bei der Suche nach geeigneten Motiven unterstützt der Filmservice beim Erlangen von Drehgenehmigungen und 
bietet hilfreiche Informationen zur Infra­struktur vor Ort. Bei Bedarf können regionale Dienstleisterinnen und Dienstleister wie MaskenbildnerInnen oder ähnliches vermittelt werden. „Unsere Region ist interessant, da die Möglichkeiten in den Metropolregionen schwinden und die Gegend hier einfach noch nicht so oft bespielt wurde“, so van Bremen. „Wir haben viele unverbrauchte Motive und Landschaften.“ Sogar in Hollywood ist das aufgefallen. 2021 wurde ein Teil von Spencer in Dülmen und auf Schloss Nordkirchen gedreht – eine fiktive Darstellung der letzten Weihnachtsfeiertage Lady Dianas im Kreise der britischen Königsfamilie kurz vor 
ihrer Trennung, mit der amerikanischen Schauspielerin Kristen Stewart in der Hauptrolle. 300 Komparsen hat der chilenische Regisseur Pablo Larrain gesucht, über 6000 haben sich beworben! Meistens werden Film- und Produktionsteams mit offenen Armen empfangen, denn die AnwohnerInnen interessieren sich hier noch für die Dreharbeiten, so dass vieles möglich gemacht wird, was andernorts nicht mehr geht. Und um die Region für Nachwuchsfilmschaffende noch interessanter zu machen, hilft der Filmservice bei der Vernetzung und supportet lokale Premieren von Kurz- und Erstlingfilmprojekten.  

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Die aktuelle Wilsberg-Besetzung: Oliver Korittke, Patricia Meeden und Leonard Lansink alias Ekki Talkötter, Dr. Tessa Tilker und Georg Wilsberg. Foto: Stadt Münster/Lyra
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Wenn Tatort-Kommissar Thiel beim Dreh über den Prinzipalmarkt radelt, tut er das nicht selten vor einer breiten Öffentlichkeit, die das Geschehen mit großem Interesse verfolgt. Die Krimiproduktionen zu begleiten (wie etwa auch die Wilsberg-Dreh­arbeiten) gehört zu den regelmäßigen Aufträgen des Filmservice. Foto: WDR/Thomas Kost

Wilsberg und Tatort als Publikumsmagnete 

Besonders populär sind natürlich die beiden Krimiserien Wilsberg und Tatort. Privatdetektiv Georg Wilsberg ermittelt seit über 25 Jahren in Münster. 1995 lief die Serie nach den literarischen Vor­lagen des Münsteraner Jürgen Kehrer erstmals im ZDF. Dreh- und Angelpunkt ist das Antiquariat Wilsberg an der Überwasserkirche, das eigentlich Antiquariat Solder heißt. Von hier aus leitet Wilsberg zusammen mit seinen Freunden Ekki & Co. seine geheimen Ermittlungen, in denen er stets der befreundeten Kommissarin Anna Springer in die Quere kommt, was zu amüsanten Verwicklungen führt. Ganze vier Folgen entstehen mittlerweile im Jahr. 

Seit 2002 sorgen Hauptkommissar Thiel und Professor Boerne als komödiantisches Duo für hohe Einschaltquoten bei der ARD. Der münstersche Tatort zählt zu den erfolgreichsten Tatorten und wird zwei Mal jährlich gedreht, nicht selten vor interessiertem Publikum. Drehs rund um den Prinzipalmarkt (immer wieder mit dem Historischen Rathaus als Wahrzeichen der Stadt) finden quasi in der Öffentlichkeit statt, da der Bereich nie komplett abgesperrt wird. Auch Münsters moderner Hafenkomplex war mehrmals Kulisse für diverse Verbrechen. Und für Unglücke: Denn beim Dreh des 17. Münster-Tatorts „Der Fluch der Mumie“ (2010) wurde versehentlich ein Fluchtauto im Hafen versenkt, was so gar nicht vorgesehen war im Drehbuch. Ein bis zweimal im Jahr veranstaltet der Filmservice dann große Krimipremieren im Cineplex Münster, wo der Tatort regelmäßig bis zu fünf Säle gleichzeitig füllt.

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Die Premiere des Münster-Tatorts ‚Fiderallala‘ im April diesen Jahres im Cineplex Münster. Foto: Stadt Münster/Roski

Beliebte Locations 

Ansonsten haben viele Filme, die in der Region gedreht werden, einen historischen Background, und sind eher im ländlichen Milieu angesiedelt. Immer wieder gefragt: mittelalterliche Kirchen und Plätze sowie romantische Burgen und Schlösser. Billerbeck mit dem historischen Johanni-Kirchplatz etwa dürfte seit Dominik Grafs „Das Gelübde“ (2007) und Ludi Boekens „Unter Bauern – Retter in der Nacht“ (2009) bundesweit bekannt sein. Grafs historisches Drama spielt in der Zeit um 1818 und zeigt ein von katholischer Frömmigkeit geprägtes, ländliches Westfalen. Für Unter Bauern, die Verfilmung des Lebens der Jüdin Marga Spiegel, die sich im Münsterland vor den Nazis versteckte, wurde die Gegend rund um Billerbeck mit Hakenkreuzfahnen und anderen Reichsinsignien in einen nationalsozialistischen Schauplatz verwandelt.  

Die fiktive Historienserie „Haus Kummerveldt“ (2022) wurde unter anderem auf Haus Rüschhaus, Haus Welbergen und Burg Vischering gedreht, die als verträumte Kulissen für die Darstellung der Rebellion der jungen Adeligen Luise dienten, die gegen die gesellschaftlichen Konventionen des wilhelminischen Kaiserreiches aufbegehrte. Tendenziell werden hier eher konservative Filme gedreht. 

In Münster selbst ist die historische JVA, die demnächst nach Wolbeck umzieht, ein beliebter Drehort, wenn es um Gefängnisaufnahmen geht, da sie zu den ältesten Justizvollzugsanstalten des Landes gehört. Besonders bemerkenswert ist die Sternbauweise mit vier Flügeln und einem Kirchengebäude im Zentrum. Hier entstanden unter anderem zwei Tatort-Folgen sowie Szenen für die RTL-Serie Balko. Zunehmend interessant wird der Stadthafen, der mit seinen historischen Gründerzeitspeichern und der avantgardistischen Gegenwartsarchitektur Tradition und Moderne vereint und durch die Ansiedelung von Theater, Musik, Gastronomie und jungen Unternehmen ein besonderes Flair ausstrahlt. 

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Foto: Colonia Media/Thomas Kost
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Beliebter Drehort im Münsterland: Der Johanni-Kirchplatz in Billerbeck. Hier wurde Dominik Grafs „Das Gelübde“ und Ludi Boekens „Unter Bauern“ (Foto) gedreht.
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2024 gewann der TV-Mehrteiler „Haus Kummerveldt“ von Mark Lorei den Grimme-Preis Spezial für die experimentierfreudige Verknüpfung von Historie, Pop und Politik. Auch der Filmservice hat das Projekt von Beginn an unterstützt und begleitet. Hier: Haupt­darstellerin Milena Straube (Luise Kummerveldt) mit Regisseur Mark Lorei auf Burg Vischering. Foto: Goldstoff Filme/ABYLL

Überregionale Aufmerksamkeit 

Der Filmservice verschafft Münster und dem Münsterland eine breite öffentliche Wahrnehmung, die vor allem der Tourismusbranche zugutekommt. Mehrere Veranstalter bieten sogenannte Krimi-Touren mit Tatort- oder Wilsberg-Bezug an, Übernachtungsoptionen inklusive, die schnell ausgebucht sind. Der Werbeeffekt ist enorm. Aber auch andere Branchen profitieren davon, indem etwa Filmteams vor Ort Caterer beauftragen, essen gehen, übernachten … kurzum: die gesamte Infrastruktur nutzen. Zudem gibt es mit der Filmwerkstatt Münster eine weitere Institution vor Ort, die mit ihrem Angebot an Seminaren, Workshops und Technikverleih sowie dem alle zwei Jahre stattfindenden Filmfest Münster interessant ist für Filmschaffende.  

Und was ist 2025 noch so los? 

Neben dem ständigen Ausbau der Locationdatenbank und der Begleitung der Krimi-Dreharbeiten im Herbst steht ein Networking-Event für Filmschaffende auf dem Filmfestival Münster an. Ob in diesem Jahr internationale Filmproduktionen realisiert werden, ist aktuell noch offen. „Das kann sich aber auch spontan ergeben“. In Vorbereitung ist eine zweite Staffel der erfolgreichen Historienserie Haus Kummerveldt. „Ich drücke dem Team von Goldstoff Film die Daumen für die nächste Förderrunde der Filmstiftung NRW“, meint van Bremen. Und natürlich die obligatorischen Krimiproduktionen Tatort und Wilsberg. Premierentermine stehen auch schon fest: Am Sonntag, 7. September, wird es bei Wilsbergs Promi-Kellnern an den Aaseeterassen wieder eine Wilsberg-Premiere geben, wie gewohnt (unter anderem) mit kellnernden Wilsberg-Darstellern. Die Erlöse gehen an die Krebsberatung im Münsterland e.V.   

Und von Freitag, 19., bis Sonntag, 28. September, findet im Schloßtheater das dem Filmservice eng verbundene Filmfest Münster statt. 

stadt-muenster.de/filmservice/startseite 

Der Filmservice Münster.Land

– angesiedelt im Amt für Kommu­nikation der Stadt Münster  
– Sitz: ganz zentral im Stadthaus 1 
– Zentrale Ansprechpartnerin: Rike van Bremen 
– Münsterland e. V. ist Koopera­tionspartner des Filmservices 

Die wichtigsten Aufgaben 
– Beratung von Filmschaffenden 
– Unterstützung bei der Locationsuche und Vermittlung von Locations 
– Vermittlung von lokalen Dienst­leistern (Datenbank mit über 200 lokalen Dienstleistungs­angeboten für Film, Fernsehen und Video) 
– Koordination von Dreh­genehmigungen 
– Berichterstattung zu Dreharbeiten 
– Marketing für Münster und das Münsterland als unverbrauchte, spannende Filmregion 
– Organisation und Ausrichtung von Filmpremieren 
– Unterstützung von film­touristischen Angeboten wie Krimitouren