N°149
Der vielfältige Prozessoptimierer
Billerbeck, Neuseeland, Tansania, Oberammergau, Nottuln – Till Vetter ist Handwerker in der Möbelmanufaktur Kawentsmann und seine Geschichte ist eine „Fullcirclestory“ – in der sich ein Kreis im Leben schließt. Aber nicht im Sinne einer einfachen Wiederholung, sondern durch Weiterentwicklung, gewonnene Erfahrungen und individuelles Reifen.
Text britta Heithoff
Er kommt vom Land, bei Billerbeck. Heute arbeitet er kaum 20 Kilometer weiter bei Nottuln. Trotzdem ist er ganz schön „rumgekommen“. Aber der Reihe nach: 1984 geboren, wuchs Till Vetter in der Bauernschaft Temmingen bei Billerbeck auf. „Weit ab vom Schuss“ trollte er mit seinen Geschwistern durch die Landschaft, grub Tunnel im Garten, half auf dem Hof, liebte es zu zeichnen, baute seine ersten Holzschwerter und trieb die ersten Lagerfeuer an. Auf das Zeichnen und die Schwerter (oder besser: Messer) kommen wir später noch zurück. Was ihn seine Kindheit noch gelehrt hat? „Erstmal über die Projekte nachdenken. Und sie dann erst umsetzen“, nickt Till Vetter mit einem wissenden Lächeln.
Nach dem mittleren Schulabschluss auf der Gesamtschule Havixbeck („Schule hat mich ganz schön gequält!“) schloss er das Abi dort an. „Meinem Vater war das wichtig, er hatte die Vorstellung, dass ich studieren sollte. ‚Sonst wird das nix‘, hat er gemeint“, erzählt Till.
Till schloss erstmal einen Zivildienst in einer Tagespflege für Demenzkranke an. „Uff, sowas kann ich auf keinen Fall länger machen“, spürte er. Er wollte lieber erstmal raus. Ein Jahr lang tourte er in einem selbst ausgebauten Bulli durch Neuseeland, arbeitete auf Biogemüse-Farmen als Erntehelfer, half, Gewächshäuser zu bauen.
Zurückgekehrt, nahm er ein Studium in Münster auf. Die Fächer: Englisch (der Neuseelandaufenthalt machte es möglich) und Philosophie. „Ich hatte das Gefühl, ich müsste das machen. Eigentlich wollte ich ja Kunst studieren und hatte auch eine Mappe vorbereitet, wurde aber nicht angenommen.“ Seine Reisen finanzierte sich der Billerbecker parallel in der Coesfelder Disco Fabrik. Nach Abschluss des Studiums zog es ihn dann wieder in die Ferne – ein Jahr lang arbeitete er in Tansania als Englischlehrer an einer Schule. Dort lernte er seine heutige Frau Marlene kennen, eine Schreinerin, die ihm, der die Arbeit in der Schule mit vielen desinteressierten Schülern desillusionierend fand, riet: „Eigentlich müsstest Du Holzbildhauer werden!“
„Ich sehe mich da noch stehen mit dem Baby auf dem Arm – ich habe die Kleine einfach mit in die Kurse genommen.“ Till Vetter
Tills Vater war wenig begeistert, als der 26-Jährige nach seinem Jahr in Afrika nicht die Lehrerlaufbahn weiter vorantrieb, sondern nach Oberammergau abbog: Er begann dort tatsächlich seine Ausbildung als Holzbildhauer. Rückblickend aufs Studium resümiert er heute: „Das kritische Denken habe ich in den Philosophie-Kursen gelernt!“
Das erste Jahr verbrachte Till alleine in Oberammergau, Freundin Marlene zog nach, um dort Sozialpädagogik zu studieren, mitten in seiner Ausbildung wurde die erste Tochter geboren. „Ich sehe mich da noch stehen mit dem Baby auf dem Arm – ich habe die Kleine einfach mit in die Kurse genommen“, erinnert sich Till, der das Modellieren mit Ton, die Steinmetzarbeiten, Abgusstechniken und Aktzeichenkurse (um ein paar Facetten der Ausbildung zu nennen) in ihrer inspirierenden Vielfalt genoss. Parallel arbeitete er als Hausmeister, die junge Familie wollte ernährt werden.
„Zu merken: Ich kann das. Wenn ich eine Figur anfange, kommt auch etwas heraus. Das war eine tolle Erfahrung und hat mich sicherer gemacht.“ Aber die Zukunftsaussichten? Marienfiguren, barocke Heiligenfiguren – Holzbildhauer boomten im Spätmittelalter, aber bereits in den 1950er, 1960er Jahre ebbten die Aufgaben für dieses Berufsfeld ab. „Aus meinem Abschlussjahrgang arbeitet keiner professionell als Holzbildhauer. Ich hatte damals aber noch die Vorstellung, dass ich das machen werde“, erinnert sich Till.
Nach seiner Ausbildung machte Till sich in Münster als Bildhauer selbständig – etwa für Ergänzungsarbeiten in Kirchen. Das Geschäft florierte aber nie so richtig, parallel arbeitete er in einem Fotostudio: Kulissen aufbauen, Räume kreieren für Fotos, etwa von Armaturen. Eine Zeitlang arbeitete er auch in der Werkstatt des münsterschen Stadtmuseums, reparierte Exponate, zum Beispiel die alte Jukebox, die dort noch heute zu sehen ist.
„Das kritische Denken habe ich in den Philosophie-Kursen gelernt!“
Till Vetter
Während dieser Zeit wurde Marlenes und Tills zweite Tochter geboren. „Während dieser Zeit fing ich beim Holzspielzeugmacher Norbert Verneuer in dessen Werkstatt in Billerbeck an“, so Till. „Hier konnte ich meine Leidenschaft, Prozesse zu optimieren ausleben“, erinnert sich Till. Seine Motivation zahlte sich aus, Jahre später (Till war inzwischen Vater von drei Töchtern und einem Sohn), sollte er das Unternehmen vom Gründer übernehmen. Alles war vorbereitet. Doch dann zog Till die Reißleine: „Mit vier Kindern kann ich das nicht leisten“, befand er. „Das war nicht meine Vorstellung von Familienleben. Marlene (Sozialarbeiterin am Universitätsklinikum Münster, Anmerkung der Redaktion) und ich wollten beide berufstätig sein und uns auch beide verantwortungsvoll um die Kinder kümmern. Mit einer Selbständigkeit – das Holzspielzeug wurde palettenweise in alle Welt verschickt – war das nicht denkbar.“
Eine CNC-Fräse eben jenes Spielzeugbetriebs trieb dann aber die Lösung voran: Max Bayer-Eynck, junger Gründer des Unternehmens Kawentsmann, bat Till um ein paar Fräsarbeiten. Und bot ihm einen Job an. Denn Till hatte sich eine Menge Wissen über das Programmieren der Fräsen draufgeschafft, hatte sich richtig reingefuchst und hatte noch dazu Onlineshop-Expertise.
„Ich frag mich immer: Wie kann man das effektiver produzieren, wie kann ich Prozesse optimieren, die Qualität verbessern? Ich zeichne, denke nach, setze um. Genau sowas finde ich cool.“
Till Vetter
Seit 2022 arbeitet „der vielfältige Prozessoptimierer“ in der Kawentsmann Möbelmanufaktur – überwiegend in der Verantwortung für Kleinserien wie Brettchen, Messerhalter, Buchstützen, Regale, Besteckkästen, unter anderem für die Gastronomie. „Erst haben wir das alles von Hand gemacht, dann eine CNC-Fräse gekauft, alles umgestellt. Ich frag mich immer: Wie kann man das effektiver produzieren, wie kann ich Prozesse optimieren, die Qualität verbessern? Ich zeichne, denke nach, setze um. Genau sowas finde ich cool“, nickt Till überzeugt.
Heute wohnt er mit seiner Frau Marlene und den vier Kindern im Alter von 12, 9, 6 und 4 Jahren in Albachten, radelt vier Tage die Woche mit dem Job-E-Bike in die Kawentsmann-Werkstatt nach Nottuln. „Meine Frau hat auch eine Viertagewoche. Einer ist immer da, wenn die Kinder aus der Schule oder dem Kindergarten kommen. Das ist uns wichtig“, erzählt Till.
Dienstags ist sein freier Tag: Da stehen Aufgaben zuhause an wie „den Garten klar Schiff machen“, für die Kinder da sein. Mit etwas Glück bleibt Zeit fürs Hobby, Messer schmieden (wir erinnern uns an die Schwerter der Kindheit weiter vorn im Text). Und noch ein exotisches Hobby füllt gelegentlich die Wochenenden aus: Till ist als Wikinger-Darsteller auf Historien-Märkten anzutreffen, jetzt im September etwa in Steinfurt bei Frankfurt oder auf dem Burgmanntagen Vechta. Er ist ein Mann mit vielen Ideen und Talenten – rumgekommen in der Welt, zuhause im Münsterland.
„Einer ist immer da, wenn die Kinder aus der Schule oder dem Kindergarten kommen.“
Till Vetter
Kawentsmann – die Manufaktur in Nottuln steht für echtes Handwerk. Spezialgebiet sind maßgeschneiderte Lösungen im Bereich Design und Inneneinrichtung, sowohl im Privatkundenbereich als auch im Projektgeschäft. Der neue Showroom in Nottuln hat kürzlich eröffnet. In Münster Innenstadt startet zudem im September das Showroom-Café Kawentsmanns am Spiekerhof!
kawentsmann.de