N°149
#urbansketchers
Wir zeigen Münster, Zeichnung für Zeichnung
Sind Sie bei einem Stadtspaziergang schon einmal einer Gruppe zeichnender Menschen begegnet? Das war kein Malkurs, kein Wettbewerb. Das waren wahrscheinlich die Urban Sketchers Münster.
Text maleen focken
Es ist Mitte Mai, die Sonne scheint, der Himmel ist strahlend blau. Die Rhododendren (auch „Alpenrosen“ genannt) im Schlossgarten zeigen sich von ihrer prächtigsten Seite. Ein Motiv, das wirklich „instagrammable“ ist. Also etwas, das sich lohnt, auf Instagram zu posten. Diese Farbpracht lässt viele BesucherInnen kurz innehalten. Schnell zücken sie ihr Smartphone, fotografieren sich gegenseitig vor den üppigen Blütensträuchern und gehen weiter. Das eine oder andere Foto landet sicherlich auch auf Instagram.
Wer nicht beiläufig knipst, sondern den Rhododendron ganze anderthalb Stunden lang abzeichnet: Das sind die Urban Sketchers Münster. „Sketching“ ist ein eingedeutschtes Wort und bedeutet, etwas grob abzuzeichnen. In praller Sonne sitzen die einen auf ihrem Falthocker, die anderen im Schneidersitz auf dem Rasen. Mit einem wasserfesten Fineliner in der Hand und einem Ringelblock auf den Knien skizzieren sie das, was sie unmittelbar vor sich sehen: meterhohe blühende Sträucher, ein fürstliches Gebäude aus Sand- und Backstein, gekrönt von einem Türmchen mit Wetterfahne. Mit Aquarellfarbe kolorieren sie die Sträucher anschließend grün, die Blüten violett und rot, das Schloss in hellen Erdtönen, die Fahne gold und den Himmel strahlend blau.
„Man zeichnet mit der Hand, wie man früher im Sand gezeichnet hat.“
Alain Deligne
„Urban Sketching rettet uns vor der Digitalisierung“, findet Sketcher Alain Deligne. Das Sketching ist eine Art Widerstand im digitalen Zeitalter, eine Gegenbewegung zum schnellen Alpenrosen-Abfotografieren. Die Sketchers nehmen die unmittelbare Umgebung bewusst wahr und halten sie in Skizzen fest. Selbst banale Motive gewännen durch das aufmerksame Abzeichnen erzählerisches Potenzial, findet Sketcherin Marianne Vézinaud. Für Sketcherin Anne Schoppmeier ist das Sketching ihre liebste Form der Meditation.
„Es macht Freude, entspannt und vertieft den Blick auf die eigene Umgebung“, fasst Sketcherin Annette Brockötter die positiven Effekte des Sketching zusammen. Außerdem findet das Sketching draußen an der frischen Luft statt, was das eigene Wohlbefinden steigert. In der kalten Jahreszeit zeichnen die Sketchers dann in Cafés oder anderen öffentlichen Gebäuden. Wobei … Alain malte auch einmal draußen im Regen mit einem Regenschirm zwischen den Knien. Das geht also auch.
„Beim Urban Sketching geht man wirklich mit offenen Augen durch die Welt.“
Marianne Vézinaud
Ab und an tauschen sich die Sketchers bei ihren Treffen über verschiedene Techniken aus, es werde aber „maximal amateurhaft gefachsimpelt“. Künstlerische Erfahrung sei nämlich gar nicht notwendig, um zu sketchen. „Nur der Spaß am Schauen, Probieren, Experimentieren, und die Möglichkeit, innezuhalten und etwas zu gestalten“, fügt Marianne hinzu. Und diejenigen, die von Haus aus KünstlerInnen oder ArchitektInnen sind, könnten beim Sketchen wieder ganz ungezwungen kreativ sein. Bevor die Sketchers nach etwa anderthalb Stunden wieder einpacken, kommen sie noch einmal zusammen und legen ihre Ergebnisse nebeneinander. Bei diesem Get-together bewundern und kommentieren sie die Zeichnungen der anderen respektvoll und auf Augenhöhe. Und wenn eine Gaststätte in der Nähe ist, tun sie das bei einem gemeinsamen Getränk. Das sei ganz wichtig für den Zusammenhalt, betont Anne. Anschließend lassen sich die Sketchers den Stempel des nächstgelegenen Cafés, Restaurants oder Museums neben ihre Zeichnung drücken.
Der Stempel unterstreicht den dokumentarischen Charakter der Sketches. Und mit jeder neuen Zeichnung an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit füllt sich das Skizzenbuch – ähnlich wie ein (Reise-)Tagebuch.
Jetzt zückt Sketcherin Marget Hayo doch ihr Smartphone, um fix ein Foto von den Zeichnungen für Instagram aufzunehmen. Denn einer der acht Grundsätze des Urban Sketchings lautet: „We share our drawings online.“ – „Wir teilen unsere Zeichnungen online.“ Und zwar mit der weltweiten Community. Allein im näheren Umkreis von Münster gibt es viele andere Urban-Sketchers-Gruppen: darunter in Bielefeld, Detmold, Dortmund, Düsseldorf, Hamm, Köln, Osnabrück und Paderborn.
„Ohne die sozialen Medien würde sich das Urban Sketching nicht so verbreiten.“
Annette Brockötter
Wie alles begann …
Illustrator und Journalist Gabriel Campanario hat 2007 ein Online-Forum und später einen Internet-Blog gegründet, auf dem sich Sketchers austauschen und ihre Zeichnungen hochladen konnten. Heute teilen Sketchers auf der ganzen Welt ihre Zeichnungen unter dem Hashtag
#urbansketchers in sozialen Medien mit der Community. In Münster zeichnen die Urban Sketchers schon seit etwa zehn Jahren. Alles begann mit einem Facebook-Beitrag, in dem eine Sketcherin nach anderen kunstbegeisterten Menschen gesucht hat. Heute umfasst die WhatsApp-Gruppe etwa vierzig Mitglieder. Bei den Treffen erscheinen zehn bis zwanzig Personen, mit und ohne langjährige Erfahrung.
Ein Manifest, acht Grundsätze
Urban Sketching ist eine weltweite Kunstbewegung mit eigenem Manifest. In freier Übersetzung lauten die acht Grundsätze wie folgt:
1. Wir zeichnen vor Ort, drinnen und draußen, fangen das ein, was wir unmittelbar wahrnehmen.
2. Unsere Zeichnungen erzählen die Geschichte unserer Umgebung, die Orte, an denen wir leben und an die wir reisen.
3. Unsere Zeichnungen dokumentieren die Zeit und den Ort.
4. Wir bilden unsere Umgebung so ab, wie wir sie tatsächlich wahrnehmen.
5. Wir nutzen jedes Mittel und würdigen unsere individuellen Stile.
6. Wir unterstützen uns gegenseitig und zeichnen zusammen.
7. Wir teilen unsere Zeichnungen online.
8. Wir zeigen die Welt, Zeichnung für Zeichnung.
Die Sketchers teilen ihre Zeichnungen nicht nur in sozialen Netzwerken, sie organisieren sich auch darüber. „Ohne die sozialen Medien würde sich das Urban Sketching nicht so verbreiten“, glaubt Annette. Die Gruppe trifft sich jeden zweiten Samstag im Monat um 14 Uhr und alle zwei Wochen freitags um 15.30 Uhr an einem Ort, den sie jeweils beim Abschied gemeinsam festlegen. Über Instagram, Facebook, WhatsApp und einen E-Mail-Newsletter kündigen sie nochmals den Ort und die Uhrzeit des nächsten Termins an.
instagram.com/urbansketchersmuenster
Must-Haves fürs Urban Sketching
Sketchen kann jede und jeder, durch das Fenster oder unter freiem Himmel, in der Heimat oder auf Reisen, alleine oder in einer Gruppe. Neben der Freude am Gestalten benötigt es dafür:
• Zeichenblock oder loses Papier (mindestens 250g)
• Klammer, die das Zeichenpapier zusammenhält
• Fineliner oder Füller mit wasserfester Tinte
• Aquarellfarben und große Pinsel
• Wasserbecher oder Aquarellpinsel mit Wassertank
• alternatives Malwerkzeug wie zum Beispiel Wachsmalkreide oder Buntstifte