N°160
STADT UNTER STROM
Münster Battery City
Elektroautos fahren in wachsender Zahl durchs Land, große Strom-Speicher halten an schattigen oder windstillen Tagen Energie aus Solar-und Windkraftanlagen vor. Münster spielt eine große Rolle bei der Entwicklung dieser Technik. Denn Münster ist längst Deutschlands „Battery City“.
Text jörn schumacher
Münster entwickelt sich immer mehr zum Hotspot für die Batterieforschung in Deutschland. Wichtige Forschungsinstitute investieren in neue Anlagen, und internationale Unternehmen sind hier ansässig. Geht es nach den Initiatoren, hat alles gerade erst begonnen. Damit die Energiewende gelingt, muss der Strom von erneuerbaren Energien wie Sonne und Wind smart gespeichert und verteilt werden. Münster trägt dazu bei, dass das effektiver passiert. Darüber freut sich auch Oberbürgermeister Tilman Fuchs.
Das Helmholtz-Institut Münster wurde bereits 2014 durch das Forschungszentrum Jülich, die Universität Münster und die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH Aachen) gegründet. Erforscht werden hier neuartige Elektroden und Elektrolyte als zentrale Bestandteile einer Batteriezelle. In verschiedenen Projekten sollen Lebensdauer, Sicherheit, Energieeffizienz und Leistung der Batterien verbessert und die Kosten gesenkt werden. Themen, die in Zeiten von immer mehr Erneuerbaren Energien an Bedeutung gewinnen.
Direkt neben dem Helmholtz-Institut in der Corrensstraße befindet sich das Batterieforschungszentrum MEET. Die Abkürzung steht für „Münster Electrochemical Energy Technology“. Das Zentrum ist eine Ausgründung der Universität und feierte 2025 sein 15-jähriges Bestehen. Überregional bekannt wurde auch Deutschlands erstes solarbetriebenes Passagierschiff, das Batterie-Boot Solaaris auf dem Aasee in der Innenstadt. MEET betreute das Projekt wissenschaftlich, von 2012 an sammelten die Forscher der Universität über mehrere Jahre die Betriebsdaten der Batterie und werteten sie aus. Damals war der Einsatz von Lithium-Ionen-Batterien für Transportmittel des öffentlichen Nahverkehrs noch neu. Der leise und saubere Wasserbus gehört längst fest zum Stadtbild und ist Kult.
Internationale Batteriezellenforschung in Münster
Auch die Internationale Forschungsschule für Batterie-Chemie, Charakterisierung, Analyse, Recycling und Anwendung (BACCARA) ist in Münster ansässig. Ebenfalls mit der Stadt verbunden ist die E-Lyte Innovations GmbH, ein führendes europäisches Unternehmen auf dem Gebiet der Entwicklung und Produktion von Elektrolytlösungen. Auch E-Lyte ging aus einer Ausgründung der Universität Münster 2019 hervor. Im September 2024 eröffnete die Firma in Kaiserslautern die erste deutsche Produktionsanlage für Elektrolytlösungen mit einer Kapazität von 20.000 Tonnen pro Jahr.
Seit 2022 forscht LG Energy Solution (LGES), ein international führender Hersteller von Batteriezellen, mit dem MEET Batterieforschungszentrum und dem Helmholtz-Institut an neuen Batteriezellentechnologien. Ziel der drei Partner ist es, neuartige umweltfreundliche Materialien und Verfahren zur Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien zu entwickeln. Nach Standorten in den USA und Südkorea ist das münstersche Labor die erste Einrichtung dieser Art in Europa. Prof. Dr. Martin Winter, wissenschaftlicher Leiter des MEET Batterieforschungszentrums und des Helmholtz-Instituts Münster, sagte anlässlich des Starts der Kooperation: „Münster ist einer der Hotspots der Batterieforschung mit großer internationaler Sichtbarkeit.“ Mit über 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sei die Stadt für diesen Forschungsbereich ideal.
„Münster als Battery City zieht Fachkräfte und Forschende aus aller Welt an und setzt wichtige Impulse für Wirtschaft und Stadtgesellschaft.“
Tilman Fuchs
Batterie-Forschungsanlage mit eigenem Solar-Feld
Die Liste ließe sich problemlos verlängern. Mit Cabot Corporation etwa, einem weltweit führenden Anbieter von Spezialchemikalien und Hochleistungsmaterialien mit Schwerpunkt für Lithium-Ionen-Batterien. Dessen Additive finden bereits in Elektrofahrzeugen, stationären Energiespeichern sowie in Unterhaltungselektronik Anwendung. Das mit rund 4.300 Mitarbeitern weltweit agierende Unternehmen nutzt die Infrastruktur des 2023 gegründeten Technologiezentrums Münster (MTC) für die Produktentwicklung. Auch das weltweit agierende Unternehmen Green Li-ion, Batterie-Recycling-Spezialist aus Singapur, hat seine Europa-Dependance im selben Gebäude. Das IWARU (Institut für Infrastruktur, Wasser, Ressourcen und Umwelt) an der FH Münster erforscht das Recycling und die Kreislaufwirtschaft von Batterien. Metalle wie Lithium, Kobalt, Nickel, Kupfer und Aluminium können, wenn man es geschickt anstellt, wiederverwendet werden.
In Münsters Süden entsteht derzeit mit der „Forschungsfertigung Batteriezelle“ (FFB) eines der größten Bauprojekte für diese Forschungsrichtung in Deutschland. Im Oktober 2025 war die Grundsteinlegung für den zweiten großen Bauabschnitt. Die Forschungsanlage der Fraunhofer-Gesellschaft entsteht auf zwei Grundstücken zwischen dem Dortmund-Ems-Kanal und der Autobahn A1 im Hansa-BusinessPark. Mit der sogenannten FFB PreFab ist auf einem 17.000 Quadratmeter großen Grundstück bereits eine Musterlinie entstanden, die den gesamten Produktionsprozess abbildet. Die Vorfertigungsanlage mit einer Fläche von 6.000 Quadratmetern ist seit 2024 in Betrieb. Hier können neue Batteriezell-Konzepte und Fertigungsverfahren erprobt werden. Aktuell arbeiten rund 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der FFB PreFab.
„Wenn moderne Batteriezellen in Zukunft hier in Münster produziert werden, machen sie uns technologisch unabhängiger, schaffen und sichern Arbeitsplätze und holen Wertschöpfung zurück nach Europa.“
Mona Neubaur
In der kommenden FFB Fab sollen ab Ende 2027 in unmittelbarer Nachbarschaft auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern ökonomisch und ökologisch nachhaltige Batteriefertigungsverfahren bis in den Gigawatt-Maßstab vorangetrieben werden. Laut Fraunhofer geht es hier um die Erprobung kompletter Batterie-Fertigungen, von der Wareneingangskontrolle im Labor bis zur fertigen Zelle. „Wir reden nicht nur über Anwendungen in der Automobilindustrie, sondern auch über mobile Energiespeicher für smarte Geräte, Implantate, Fluggeräte, Powertools und vieles mehr“, hieß es auf Anfrage. Zu den Branchen, die von der Forschung profitieren sollen, rechnet die Fraunhofer-Gesellschaft die Automobilindustrie, die Energiewirtschaft, Robotik, Maschinen- und Anlagenbau, Chemie, Logistik, Luftfahrt, Schifffahrt und die Rohstoffrückgewinnung. Das Land Nordrhein-Westfalen investierte rund 320 Millionen Euro in die Forschungsanlage. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt stellt zudem bis zu 500 Millionen Euro bereit.
Im Oktober 2025 haben die Stadtwerke Münster mit dem Bau einer Agri-Photovoltaikanlage begonnen. Auf der 13,2 Hektar großen – auch weiterhin – landwirtschaftlich genutzten Fläche in Münster-Amelsbüren soll künftig Solarstrom für die FFB erzeugt werden. Diese liegt direkt auf der anderen Seite des Kanals. Die vom Photovoltaik-Unternehmen EcotecWorld gebauten Panels sollen jährlich rund 5,75 Gigawattstunden Strom erzeugen. Die Anlage ist mit „2P-Tracking“ ausgestattet, was dafür sorgt, dass die Solarmodule immer optimal zur Sonne ausgerichtet sind.
„Als Battery City Münster entwickelt sich unsere Stadt zu einem international sichtbaren Hotspot derm Batterieforschung.“
Tilman Fuchs
Im März 2026 wiederum wurde der Grundstein für BATTL3 gelegt, ein Projekt der Technologieförderung Münster GmbH. Der Name spielt auf „Battery“ und das dritte Laborgebäude auf dem Gelände des Technologiehofs Münster an. Das Spezialgebäude soll auf rund 1.600 Quadratmetern Platz für bis zu fünf Unternehmen aus der Batteriebranche bieten. Vorgesehen sind chemische Labore, Gefahrstofflager, moderne Lüftungstechnik und Büroflächen. Das Land NRW hat Fördermittel in Höhe von 6,75 Millionen Euro vorgesehen, die TFM bringt 7,25 Millionen Euro Eigenmittel ein, die Stadt Münster beteiligt sich mit vier Millionen Euro. Münsters Oberbürgermeister Tilman Fuchs sagte beim ersten Spatenstich: „Mit BATTL3 stärken wir Münster gezielt als international sichtbaren Standort für Batterieforschung und Energiespeichertechnologien.“ Für Münster und die Region bedeute das nicht nur hochwertige Arbeitsplätze, sondern auch „eine klare Profilierung als innovativer Zukunftsstandort der Energiewende und Nachhaltigkeit“. Die Battery City Münster gewinne damit weiter an „internationaler Strahlkraft“.
NRW-Wirtschafts- und Klimaschutzministerin Mona Neubaur betonte die Bedeutung dieser Forschung: „Der Krieg im Iran zeigt einmal mehr eindrücklich, welche Risiken mit der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verbunden sind.“ Münster habe mit dem Bau seines neuen Infrastrukturgebäudes den Weg zu mehr Unabhängigkeit eingeschlagen, sagte die Grünen-Politikerin beim symbolischen Spatenstich im Wissenschaftspark Münster im März 2026. „Wir brauchen moderne Batteriezellen für klimaneutrale Mobilität und Energieerzeugung. Wenn diese in Zukunft hier in Münster produziert werden, machen sie uns technologisch unabhängiger, schaffen und sichern Arbeitsplätze und holen Wertschöpfung zurück nach Europa.“
„Als Battery City Münster entwickelt sich unsere Stadt zu einem international sichtbaren Hotspot der Batterieforschung“, sagte Oberbürgermeister Tilman Fuchs auf Anfrage unseres MÜNSTER! Magazins. „Mit dem hier entstehenden Ökosystem für Zukunftstechnologien zur klimafreundlichen Mobilität, nachhaltigen Energiespeicherung und technologischen Souveränität stärkt Münster seine Position als internationaler Wissenschaftsstandort“, so Fuchs. „Das zieht Fachkräfte und Forschende aus aller Welt an und setzt wichtige Impulse für Wirtschaft und Stadtgesellschaft.“ Deswegen sei es für die Stadt selbstverständlich, diese Entwicklung tatkräftig zu unterstützen und zu fördern.