N°160
BRÜCKEN VERBINDEN
Eine kleine Brückentour durch Münster
Mindestens zwei Meter Spannweite muss eine Brücke habe, um sich offiziell so nennen zu dürfen. In Münster trifft das auf über 550 Bauwerke zu. Es gibt bekannte und weniger bekannte Brücken in Münster, Brücken aus Stahl, Beton oder Holz. Einige davon möchte ich hier vorstellen.
Text yannic werremeier
„Form follows function“, das Zitat des amerikanischen Architekten Louis Sullivan gilt wohl für kein Bauwerk so sehr wie für eine Brücke. Bei Gebäuden wird das Tragwerk hinter einer Fassade aus Beton, Glas oder Steinen versteckt. Bei Brücken hingegen ist häufig direkt zu erkennen, wie die Brücke trägt. Das macht wohl auch die besondere Faszination aus.
Hier wird die Arbeit der Ingenieure besonders sichtbar. Das Tragwerk einer Brücke bestimmt maßgeblich ihr Aussehen. Mich begeistern sowohl gewagte und weitgespannte Konstruktionen wie das Viaduc de Millau in Südfrankreich oder die Öresundbrücke zwischen Schweden und Dänemark als auch filigrane Gehwegbrücken wie etwa die Geierlay Hängeseilbrücke.
Hinzu kommt die Herausforderung der Herstellung: Die Baustellen befinden sich in unwegsamem Gelände, die zu überbrückenden Täler sind tief, die Straßen stark befahren oder die Flüsse breit. Auch eine Brückenbaustelle mitten in der Stadt kann schnell zur Herausforderung werden. Der Verkehr muss umgeleitet, die tonnenschweren Teile angeliefert und montiert werden. Alles ist einfach „eine Nummer größer“ als im Hochbau.
Doch Brücken sind mehr als Ingenieurbauwerke, die Hindernisse wie Straßen, Flüsse und Schienen überwinden sollen. Sie sind Landmarken, die das Stadtbild prägen und Identifikation mit einem Ort schaffen. Stellen Sie sich einmal den Aasee ohne die Torminbrücke vor. Da würde doch etwas fehlen. Die Brücke gehört dazu, genauso wie die Kugeln, die Aaseeterrassen und die Segelboote.
262 Brücken sind Eigentum der Stadt Münster. Dazu kommen noch Brücken an der Autobahn, Bundes- und Landesstraßenbrücken, natürlich auch die Brücken über den Dortmund-Ems-Kanal und eine Vielzahl von Eisenbahnbrücken.
Ich möchte Sie mitnehmen auf eine kleine Brückentour durch Münster.
Die Innenstadtbrücken
Zu den ältesten Brücken in Münster zählen die Brücken in der Innenstadt über die münstersche Aa. Ein großer Teil wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und beim Ausbau des Flusses wieder aufgebaut.
Mindestens genauso schön wie die Brücken selbst sind die technischen Zeichnungen. Die meisten davon lagern in langen Aktenschränken in den Kellern der Stadtverwaltung. In Zeiten vor Computern und Druckern sind echte Kunstwerke entstanden. Sie wurden von Hand gezeichnet und mit feinen Buntstiften ausgemalt.
Besonders gut lassen sich die Brücken in der Innenstadt bei einem Spaziergang auf dem Seitenweg entlang der Aa entdecken. Mit einem kleinen Umweg kann man so vom Aasee bis zum Ring und darüber hinaus an der Kanalstraße entlang laufen.
Der rote und blaue Zwilling
Brücken in Deutschland sind häufig Maßanfertigungen. Das ist auch ein Grund, warum es oft lange dauert und teuer ist, bis eine neue Brücke geplant und gebaut ist. In Münster gibt es jedoch eine Ausnahme: die rote Geh- und Radwegbrücke über die renaturierte Aa an der Kanalstraße. Die Zwillingsbrücke führt in Wolbeck nahe des Friedhofs über die Angel. Abgesehen von der Farbe der Bögen sind die Brücken baugleich.
Es gibt noch eine weitere Besonderheit. In der Mitte der Brücke hängt eine Konstruktion aus Gewichten und Federn – ein Schwingungsdämpfer. Ohne diesen Dämpfer könnte ein einzelner Mensch die Brücke so stark in Schwingung versetzen, dass sie gut 30 Zentimeter auf und ab wippt. Das ist nicht nur sehr unangenehm, sondern kann auch zu schweren Schäden bis hin zum Einsturz führen. Vor allem bei weit gespannten Stahlbrücken ist dies häufig ein Problem.
SCHON GEWUSST?
Besonders filigrane Brücken sind schwingungsanfällig, was in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen bis hin zum Einsturz geführt hat. Deshalb ist das Marschieren im Gleichschritt auf Brücken laut Straßenverkehrsordnung (StVO) verboten, weil synchrones Marschieren Schwingungen verstärkt. Anfällige Brücken sind heute mit Schwingungsdämpfern ausgerüstet, die das Problem lösen.
Eine Brücke für Schiffe
Als in den 1890er Jahren der Dortmund-Ems-Kanal gebaut wurde, standen die Ingenieure schnell vor einem Problem, wenn der Kanal einen Fluss oder Bach kreuzte. Die Lösung war, entweder eine Brücke für die Schiffe oder einen Düker*, eine Rohrleitung, die unter dem Kanal hindurchführt, zu bauen. Brücken für Schiffe gibt es in Deutschland nicht ganz so viele wie Düker. Die bekanntesten sind sicherlich das Wasserstraßenkreuz in Minden oder Magdeburg. Auch in Münster gibt es eine solche „Kanalbrücke“: Bei Gelmer überquert der Dortmund-Ems-Kanal die Ems. Aktuell wird eine neue Brücke gebaut, da das alte Bauwerk undicht ist.
* Das Wort „Düker” stammt aus dem Niederländischen und bedeutet „Taucher”. In Münster gibt es einige Düker. Weiße Schilder mit einem großen „D” entlang des Kanals weisen auf die Rohrleitungen hin. Allerdings führen nicht immer Bäche und Flüsse hindurch, sondern häufig auch Stromkabel, Gasleitungen, Wasser- und Abwasserrohre.
Früher war mehr Holz
Holz ist ein schöner Baustoff. Nachwachsend, meist nachhaltig und leicht zu verarbeiten. In den 1970er und 1980er Jahren sind rund um Münster zahlreiche Geh- und Radwegbrücken aus Tropenhölzern über Angel, Werse, Aa und Ems entstanden.
Die Hölzer sind so widerstandsfähig, dass Motorsägen nach kurzer Zeit stumpf werden, und so schwer, dass sie im Wasser nicht schwimmen. Trotzdem haben Feuchtigkeit, Sonne und Regen den Konstruktionen schwer zugesetzt. Selbst unter besten Bedingungen werden Holzbrücken selten älter als 30 Jahre. In den letzten Jahren sind deshalb viele Brücken aus Holz in Münster verschwunden und durch neue Konstruktionen aus Stahl und immer häufiger auch aus Glasfaser- oder Kohlefaserverstärkten Kunststoffen, kurz GFK oder CFK, ersetzt worden.
Alle 20 bis 30 Jahre ein neuer Anstrich und Stahlbrücken können ohne Probleme über 100 Jahre alt werden. Und Kunststoffe halten bekanntlich ewig, was in anderen Zusammenhängen zu Problemen bei der Entsorgung und in der Umwelt führt.
die im angrenzenden Waldstück gestanden hat. Von der Burg sind heute nur noch ein paar Bodenerhebungen erhalten.
Die Brücke am Hafen
Einer meiner persönlichen Lieblingsbrücken ist sicherlich die Schillerstraßenbrücke am Hafen. Wahrscheinlich ist das nie die Absicht der Planer gewesen, aber für besonders Mutige gibt es vor dem Gelände einen etwa einen Meter breiten Streifen, der sich hervorragend eignet, um die Beine baumeln zu lassen und der Sonne zuzuschauen, wie sie langsam hinter der Skyline des Hafens versinkt. Das Prinzip Form follows function wurde hier in Perfektion umgesetzt. Bei der Fachwerkbrücke wie an der Schillerstraße wechseln sich Zug- und Druckstreben ab. Druckstreben benötigen einen großen Querschnitt und Zugstreben können ganz filigran ausgebildet werden. Und genau das ist hier formgebend für die Brücke.
Col de Dingstiege
Bis vor ein paar Jahren gab es hier noch keine Brücke. Doch mit dem Ausbau der Umgehungsstraße B51/B481 und dem Anschluss an den Schifffahrter Damm ist hier vor ein paar Jahren eine Brücke entstanden. Auch wenn der Verkehr auf der unten liegenden Straße noch auf sich warten lässt. Etwa zeitgleich ist die Dingstiege Teil der Veloroute nach Telgte geworden, was den roten Asphalt erklärt. Mit etwa sechs Prozent ist die Steigung eine echte Herausforderung für jeden mit einem Rad ohne Motor. Die größere Steigung haben auch einige Aktivisten zum Anlass einer besonderen Protestaktion genommen: In Anlehnung an die großen Radrennen findet sich oben eine „Ziellinie“ mit der Aufschrift „Bergwertung Col de Dingstiege“.