N°160
Altbau-Charme hinter der Promenade
Folge fünf unserer Innenstadtserie „Connys Viertel-Stunde“ führt uns in Münsters Kreuzviertel. Es ist begehrt, schön, beliebt – aber auch teuer und zugeparkt. Auf verschnörkelten Altbaufassaden treffen sich Licht- und Schattenseiten. Wer hier lebt, liebt das – fast alles.
Text cornelia höchstetter
Auf den ersten Blick
Das Kreuzviertel ist Altbau-Eldorado, wunderschön und ein begehrtes Wohnviertel, das ganz nah an der Innenstadt liegt. In der Instagram-Welt hat es motivtechnisch in der Zeit der Kirschblüte die Nase vorn: dank der blühenden Schulstraße.
Geschichte & Wandel
Der Name von Tor, Kirche und Viertel geht auf eine mittelalterliche Prozession vom Dom nach Kinderhaus zurück, die durchs spätere „Kreuztor“ führte, erzählt ein großer Kreuzviertel-Fan, der gerne Viertelführungen anbietet (etwa am Tag des offenen Denkmals, Sonntag, 13. September) Professor Dipl.-Ing. Martin Korda, seines Zeichens emeritierter Städtebau-Professor und ehemaliger Rektor der FH Münster.
Dass das Viertel heute so nah an der Promenade liegt und vom Grünen profitiert, verdankt es dem Abbruch der Festungsanlagen ab dem 18. Jahrhundert und Johann Conrad Schlauns Neuplanung – auf den freiwerdenden Flächen entstanden nicht nur die Promenade, sondern im heutigen Kreuzviertel auch militärische Einrichtungen wie das Garnisonslazarett, das der Lazarettstraße ihren Namen gab. Beinahe hätte sogar ein Kanalhafen das Viertel geprägt: „Als man den Dortmund-Ems-Kanal plante, war eine Idee, ihn am Schloss vorbeizuführen“, so Martin Korda. Schön wär’s gewesen – denken sich bestimmt manche Studierende …
Auf älteren Stadtplänen gähnt eine Leere auf dem Gebiet des heutigen Kreuzviertels – abgesehen von Feldern der Bauerschaft Uppenberg und den kleinen Parzellen mit Gartenhäusern, die die Bürger sich bauten – von den Häuschen existieren noch einige. Die ersten Wohngebäude entstanden nach 1870 in der Nähe der Stadttore Neubrückentor und Neutor, die Torhäuser hier haben vor kurzem eine Außenbeleuchtung erhalten. Das Kreuzviertel ist also ein junger Stadtteil. Der Stadtbaumeister Sebastian Bender (1848–1937) schuf um die Jahrhundertwende durch einen Straßenplan die Ordnung. Die großen Straßen wie Nord-, Coerde- und Rudolf-von-Langen-Straße folgten den alten Gartenstiegen.
Dort stehen heute noch typische Vorstadtvillen, die die ersten wohlhabenden Bürger der Stadt gekauft haben. Die Brüder Bernhard und Hilger Hertel bauten 1898 bis 1902 die neogotische Kreuzkirche – die übrigens gleichzeitig mit dem neuen Turm von Lamberti fertig wurde. Nur der Turm der Kreuzkirche stand erst 1908.
Die Bomben des Zweiten Weltkriegs verschonten das Viertel weitgehend – der Zeitgeist in den 1970er und die Vorliebe für nüchterne Neubauten traf es härter. Viele verbliebene Altbauten stehen heute unter Denkmalschutz. „Das Viertel steht unter Ensembleschutz, jede bauliche Veränderung muss mit der Denkmalschutzbehörde abgestimmt werden. Das gilt auch für die typischen grünen Vorgärten, die nicht einfach als Stellplätze umgenutzt werden dürfen“, sagt Professor Korda.
An die Nachkriegszeit erinnert sich Stadtchronist und Autor Henning Stoffers, der als Zehnjähriger übergangsweise ins Schiller-Gymnasium fuhr – mit einer der letzten Straßenbahnlinien durchs Viertel: „Der Pausenhof hatte eine Weitsprunggrube und auf dem Schulhof gackerten die Hühner von Hausmeister Pilo.“
Die MÜNSTER!-Leserinnen Brigitte Kuhlmann und ihre Schulfreundin (Name der Redaktion bekannt) sind im Kreuzviertel groß geworden und haben als Kinder auf den Ruinengrundstücken zwischen Cheruskerring und Wichernstraße gespielt und sind auf den Straßen Rollschuh gefahren. Für die Freundin ist Baulärm die „Begleitmusik der Kindheit“ und eng mit der Erinnerung an den Mittagsschlaf verbunden. Die zwei denken an die Klasse mit 48 (!) Kindern zurück, an den Pfadfindertreff im Jugendheim in der Maximilianstraße, die verbotene Abkürzung des Schulwegs über das Krankenhausgelände und an den strengen Krankenhaus-Pförtner, an die Fronleichnamsprozessionen oder wie jede Straße damals Lambertus feierte. „Die Väter haben Pyramiden aus Holz gebaut, die dann mit Wildpflanzen, oft Goldruten, umwickelt wurden. Wir
Kinder stellten unsere Laternen in die Zweige, zogen im Kreis um die Pyramiden und sangen traditionelle Lieder.“ Und dann singen die Damen wie einst: „Der Buer, der kömmt, der Buer der kömmt, der Buer, der kömmt noch lange nicht, …“
Für die beiden war das eine geordnete Welt: „Ich kann mich erinnern, wie mein Vater jeden Abend mein Fahrrad in den Keller gebracht hat“, erzählt die Freundin – und weist auf den Wandel hin: Heute stehen Fahrräder und Autos kreuz und quer – siehe „Probleme und Konflikte“.
Architektur & Straßenbild
Ein Spaziergang durchs Viertel ist eine prächtige Fassadenschau, die in der Menge und Vielfalt in Münster einmalig ist. Noch dazu verbirgt die Blockrandbebauung manchen Hinterhof und große Gärten dahinter, zum Teil auch Gewerbe, wie etwa in der Coerdestraße (Altes Backhaus, Copyshop). Martin Korda zeigt so manche Besonderheit, die man sonst übersehen würde: „Das Flachdachhaus am Studtplatz baute ein Bielefelder Architekt, Münsters erste Bauhauswohnung, mit Atelier für den Bildhauer Wilhelm Franz Guntermann, der als Professor an der städtischen Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Münster lehrte. Er war mit der Opern- und Konzertsängerin Maria Guntermann verheiratet. Man sieht noch die tragende Säule für den Balkon. Dort soll die Sängerin gestanden haben und laut ins Viertel gesungen haben.“
Bei gutem Wetter kann es passieren, dass am Studtplatz die Sekretärin Stephanie Osterheider aus dem Fenster des Instituts für Ethnologie blickt – es sind alte Fenster, die wie in britischen Krimis per Hand nach oben oder unten geschoben werden. Da kommt man schnell ins Gespräch – und wenn es sich anbietet, ist ein Blick in die Bibliothek mit dem Rundfenster nach hinten raus ein Erlebnis. Die Bebauungen an der Heerde- und Gertrudenstraße (und auch andere) wurden systematisch von Bauunternehmern hochgezogen. Sie haben mehrere Typenhäuser nebeneinandergesetzt und zum Verkauf angeboten – auch damals schon als Anlageobjekt mit vier bis fünf Wohnungen. „Wenn die Häuser heute aussehen wie Kollagen, hat das damit zu tun, dass der Bauunternehmer diese vorgefertigten Häuser verkaufte und die Käufer ihre eigenen Wünsche einbringen konnten: der eine wollte Fachwerk unterm Giebel, der andere Fenstersimse, mal ein Treppen-, mal ein Spitzgiebel. Daraus wurde ein bunter Stilmix. Und am Ende passt das alles wieder gut zusammen. Heute würde so etwas wahrscheinlich Diskussionen auslösen“, sagt Martin Korda. „Schade nur, wenn die Fußgänger von heute oft nur den „Erdgeschossblick“ haben, und Giebel und Fassaden zu wenig wahrnehmen.“
In dem Eckhaus zwischen Raesfeldstraße und Nordstraße hat ein Adelsverein vom Lande viele kleine Appartements bis unters Dach gebaut – hier wurden heranwachsende Damen untergebracht, die das städtische Leben kennenlernen sollten. „Es gibt sogar noch die Küche im Keller und einen Speisenaufzug, das hat mir einmal eine Bewohnerin von heute gezeigt“, erinnert sich Korda.
Was in keinem Architekturführer steht: dass in der Wüllnerstraße ein Parzellenstreifen der Stadt gehört – und lang vergessen wurde: Dort wuchert eine Hecke, dahinter haben die Bewohner ihren Gartenstreifen begrünt. Solche Geschichten kennt der Professor zuhauf. Er zeigt auch den Hinterhof in der Kellermannstraße (siehe oben), wo die Schienen noch im Boden liegen – hier waren wir vom MÜNSTER! Magazin schon einmal für unsere Ausgabe Mai 2021 mit Wolfgang Schürmann. Seine Na-Tour führte uns zum Holunder und zur Kletterrose in diesem Hinterhof.
Die Schienen sind von den alten Loren, mit denen der Pferdemist zur Straße gebracht wurde. Denn in den Hinterhöfen waren die Pferde der Offiziere untergebracht. Die später hier tätige Maschinenbau-Firma hat auf diesen Schienen ihre Produkte an die Straße zum Abtransport gerollt.
Viertel-Menschen & Gesellschaft
Professor Martin Korda charakterisiert das Viertel und seine Bewohnerschaft so: „Im Kreuzviertel wohnt man ganz nah an der Innenstadt, dank der Durchlässigkeit der Promenade. Gleichzeitig ist das Wohngebiet keine Durchgangsstraße wie in anderen Vierteln – das prägt die Bewohnerschaft und schweißt sie noch mehr zusammen.“ Vielleicht ist es sogar das beliebteste Viertel Münsters, trotz Dichte oder fehlender Parkplätze. Je mehr wir mit Anwohnern sprechen, desto klarer wird: Hier ist die Identifikation mit dem Lebensort hoch, die soziale Mischung scheint gut, viel Gemeinsamkeit und Zusammenhalt ist zu spüren, genau wie ein gewisser Stolz auf das alles.
Nach genau diesem Wir-Gefühl suchten Sandra und Michael Stüve, als sie 2001 als Paar ins Kreuzviertel zogen. Die beiden stehen wahrscheinlich stellvertretend für viele Kreuzviertel-Bewohner. „Wir waren damals bereits beide selbständig und suchten einen Ort, an dem wir unser Beratungs- und Planungsbüro HCD HumanCenteredDesign und unser Familienleben mit Kindern unter einen Hut bekommen“, erzählen sie. „Im Kreuzviertel ist alles in der Nähe und fußläufig erreichbar, was für unser Familienleben wichtig ist: vom Kindergarten über die Grundschule bis zum Gymnasium. Dazu eine Gemeinschaft mit der Kirchengemeinde, den Sportvereinen, Kindergeburtstage zum Beispiel in der Turnhalle der Kreuzschule, Fachärzte in nächster Nähe.“ Für
Sandra Stüve ist es „wie ein kleines Dorf in der Stadt. Das war schon genial, als die Kinder noch klein waren – die konnten sich unabhängig von uns im Viertel bewegen.“
„Im Kreuzviertel ist alles in der Nähe und fußläufig erreichbar, was für unser Familienleben wichtig ist.“
Sandra und Michael Stüve
Die Gastro-Szene des Viertels hat maßgeblich die Familie von Gian-Luca Campisi geprägt, der junge Mann ist jetzt schon ein Geschichten-Hüter: „Mitte der 1970er eröffnete der Italiener Giuseppe Pasquariello Münsters erste Pizzeria und kurz darauf die nächste: La Taverna in der Hoyastraße 5. Dort fing 1978 mein Vater als Kellner an“, Gian-Luca Campisis Papa kam in den 1970er aus Sizilien zum Arbeiten nach Münster. Längst gehört die Familie zu den Kreuzviertelmenschen. Gian Luca wohnt in der Hoyastraße und nutzt als Miteigentümer den Gartenbereich im Hinterhof. In diesen Häusern hat er seine Kindheit verbracht. Klaus Lodde, der Cousin von Campisis Oma, übernahm 1969 das Restaurant Nordstern und brachte Hähnchen auf die Speisekarte – anfangs gackerten sie noch im Hinterhof und wurden in der Nachbarschaft geschlachtet. Der Nordstern wurde schnell Kult.
Gian-Luca Campisi weist gerne auf weitere „Kreuzviertelgesichter“ hin: „Thomas Nufer lebt hier, der Macher der Musikveranstaltung Grünflächenunterhaltung. Oder einer, den man kaum sieht, weil er im Hintergrund arbeitet: Albert Bartel, der den Instagram-Kanal kreuz4tel betreibt.“
„Das Leben spielt sich im Viertel ab.“
Gian-Luca Campisi
Eine weitere wichtige Gruppe sind die Kreuzvierteler Geschäftsleute e.V.: Eva-Maria Husemeyer von der Tanzschule Husemeyer ist Vorsitzende des rund 60 Mitglieder starken Vereins. Zur Wirtschaftskraft im Viertel zählen noch zwei weitere Tanzschulen, Einzelhändler, Gastronomen, Fotografen, Werbeagenturen, IT-Firmen. Der Wermeling Verlag gibt hier Bücher heraus, dazu kommen Friseure, Raumausstatter, Physiotherapeuten, ein Töpferatelier, Fahrradläden und ein Anbieter für Kultur- und Gartenreisen.
Einmal jährlich im August organisiert der Verein das Kreuzviertelfest rund um die Kreuzkirche – eine Einladung an ganz Münster, vor allem für die Bewohner. „Auch außerhalb des Festes lohnt es sich, individuelle Geschäfte wie Frau Schuh, den Cornershop oder die Tischkultur zu entdecken“, sagt Eva-Maria Husemeyer. Noch ein „Szene“-Treff: In der Coerdestraße ist seit 1988 das Alte Backhaus
ein fester Treffpunkt – die Begegnungs- und Bildungsstätte bietet vor allem älteren Menschen Kontakt, Gemeinschaft und Programm, getragen von mehr als 80 Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen. Seit 1998 engagiert sich zudem die ZukunftsWerkstatt Kreuzviertel e.V. – von „FairParken“ über Kulturveranstaltungen bis zur Verkehrswende im Viertel.
Im Kreuzviertel wohnen zudem nicht wenige über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Münsteraner Unternehmerfamilien – die an dieser Stelle wahrscheinlich nicht unbedingt namentlich genannt werden möchten.
Kultur & Szene
Die Gastro-Szene um die Kreuzkirche hat an Sommerabenden ein mediterranes Flair: Dort sind das Nordstern-Taverna-Ensemble, relativ neu das Café LunaVia (siehe MÜNSTER! Juli/August 2026), bald auch wieder die Viertelkneipe Grotes. Aber auch in den Stichstraßen rund um die Kirche oder verstreut im Viertel gibt es einiges: da Aldo in der Studtstraße, Münsters älteste Pizzeria, das 147 im alten Kreuzeck in der Wermelingstraße, die Bäckerei Jankord, das Gourmetrestaurant Brust oder Keule in der Melchersstraße – dazu gleich drei Getränke-Ursprünge: die Keimzelle der Roestbar in der Nordstraße, der Geburtsort des Craftbiers Finne in der Kerßenbrockstraße und das erste Café von Herr Hase in der Gertrudenstraße.
Seit 2000 ist die Tanzschule Husemeyer in der Salzmannstraße Treffpunkt für alle Generationen, aktuell im Trend: „Movita“-Tanz für die Ü50er. Prominentestes Kunstwerk im Viertel ist vielleicht auf dem Promenadengürtel der Brunnen „Sketch for a Fountain“ von Nicole Eisenman aus den Skulptur Projekten 2017. Mehr Kunst bietet die Ateliergemeinschaft in der Schulstraße 43.
Lieblingsorte & Geheimtipps
Gian-Luca Campisis Lieblingsort ist klar seine Hoyastraße: „Unser privater Garten, neben der alten Kegelbahn, wo früher Pferdeställe waren.“ Gleich um die Ecke kommt sein zweiter Favorit: „Der Anblick der Nordstraße ist ein Unikat – die giebelständigen Häuser in dieser Kaiserzeitbauweise heben sich einfach ab. Es sind genau zwölf Giebel, und wer genau hinschaut, entdeckt
geschnitzte Holzeulen darin.“ Campisi kennt viele Häuser im Viertel von innen und schwärmt von den alten Treppenhäusern: „Es gibt sogar noch zwei, drei Häuser mit den alten Toiletten auf dem Gang im Halbgeschoss.“
Beliebter Treffpunkt ist die Südseite der Kreuzkirche – eine Art Freiluft-Wohnzimmer mit Tischen, Stühlen und Bänken, wo alle willkommen sind, die Mitgebrachtes essen, trinken und eine gute Zeit verbringen wollen. Auf Initiative der Pfarrgemeinde bauten kürzlich vier Studierende der Akademie für Gestaltung bei der Handwerkskammer Münster neue Sitzmöbel, die das alte Mobiliar ersetzen und den Platz noch attraktiver machen sollen.
Große Parks hat das dicht bebaute Kreuzviertel nicht zu bieten, dafür einige kleine, feine Grünflächen: Nordplatz, Martin-Niemöller-Park, Studtplatz, Coerdeplatz am Promenadenrand samt Flugzeug-Spielplatz, Grünflächen an Kleimannstraße und Promenade – sowie die alte Kreuzschanze nordwestlich des Buddenturms, wo noch Teile der historischen Wassergräben erhalten sind, samt „Wasserbär“, dem Ziegeldachtürmchen auf der Mauer, die das Wasser der Festungsgräben regulierte.
Probleme & Konflikte
Es ist von drei Dauerthemen zu hören: die Finanzierbarkeit des Lebens im Viertel, die Mobilität – Parkplätze, Fahrräder, zugestellte Gehwege – und die Begrünung. „Die Baumscheibenpflege klappt schon ganz gut, aber wir brauchen noch deutlich mehr Begrünung, auch mit Blick aufs Mikroklima“, finden Sandra und Michael Stüve.
Wo historische Altbauten aufwendig saniert werden und die Nachfrage nach Wohnraum stetig wächst, steigen meist auch Mieten und Immobilienpreise. Stadtforscher nennen diesen Prozess Gentrifizierung: Ein Viertel wird aufgewertet, wohlhabendere Bewohner ziehen zu, während Menschen mit kleinerem Budget nach und nach verdrängt werden – Häuser werden verkauft, saniert, aus Miet- werden Eigentumswohnungen. „Ich kenne manche, die Angst vor einer Wohnungskündigung haben“, sagt die Schulfreundin von Brigitte Kuhlmann. Auch im Kreuzviertel ist diese Entwicklung seit Jahren zu beobachten – dabei macht gerade die durchmischte Bewohnerschaft das gemütliche Flair aus.
problem: zu viele Fahrräder und zugestellte Gehwege (rechts). Fotos: Cornelia Höchstetter
Das zweite Dauerthema: Autos, Fahrräder, Parkplätze. Zwischen historischen Altbauten, Rädern, Mülltonnen und parkenden Autos wird der Gehweg vielerorts zur Engstelle – mit Rollator oder Kinderwagen ist manchmal kein Durchkommen. Jahrelang wurde das Gehwegparken geduldet, solange noch ein schmaler Streifen für Fußgänger blieb; seit 2025 geht die Stadt verstärkt dagegen vor, mit Verwarnungen und Bußgeldern. Die Anwohner nehmen den Rückbau von Parkplätzen mit gemischten Gefühlen auf. „Die Interessen von Bewohnern und Kunden gehen hier leider häufig auseinander“, sagt Eva-Maria Husemeyer. „Wir haben ein funktionierendes Kreuzviertel, aber das Funktionieren läuft eben auch über die Kaufkraft, die mit dem Auto kommt. Allerdings ist es problematisch, dass viele ihr Auto lediglich hier abstellen, um in die Innenstadt weiterzugehen. Uns wäre schon geholfen, wenn nur Anwohner, deren Besucher sowie Kunden der Läden beziehungsweise Gastronomie im Viertel parken würden“. Sie wünscht sich zudem mehr Kreativität bei der Suche nach Alternativen.
Wünsche & Zukunft
Gian-Luca Campisi wünscht sich gute Voraussetzungen auch für große Wohnungen, die sich für junge Familien eignen. „Es gilt, das Quartier zu schützen und zu erhalten – dazu gehört, Wohnraum bereitzustellen, aber nicht, indem immer mehr Gewerbe wegbricht und in Wohnungen umgebaut wird.“ Denn gerade die gewachsene Infrastruktur mache, findet er, „das Kreuzviertel unschlagbar“.
Unsere Serie M! Connys Viertel-Stunde setzen wir fort im MÜNSTER! Magazin November 2026. Dann besuchen wir das Südviertel – wer auskunftsfreudige Viertelmenschen kennt, meldet sich gerne unter redaktion@muenster-magazin.com mit dem Stichwort „Südviertel-Menschen“.