MÜNSTER! Magazin

Das Kanu ist jederzeit bereit für einen kleinen Ausflug auf der Ems. Der Garten des neuen Giebelhauses, dessen innere Offenheit von außen nur zu erahnen ist, grenzt direkt an den Fluss. Foto: Ulrike Meywald 

N°160


Alles im Fluss

Manchmal hilft es, einen Zettel in ein leerstehendes Haus zu werfen, mit  dem man Interesse am Kauf signalisiert. Bei Petra und Thomas gab es daraufhin keine Reaktion. Dass sie auf Umwegen doch zum Zuge kamen, ist eine Glückgeschichte, die zu ihrem Haus direkt an der Ems in Telgte führt.

Text ulrike Meywald


„Zuhause ist da, wo ihr seid, sagen die beiden erwachsenen Kinder von Petra und Thomas, denn als Familie sind sie häufiger umgezogen. Anlass war immer fehlender Raum. „Bei unserem Umzug von Münster nach Telgte vor vielen Jahren, als die Kinder noch klein waren, spielten die Wohnungspreise in Münster und der Wunsch, Familie und Arbeiten unter ein Dach zu bringen, die entscheidende Rolle“, erinnert sich Petra. Aber auch die Attraktivität der Stadt. „Wir mögen es sehr, so zentral zu wohnen, das war uns an den verschiedenen Wohnstationen in Telgte immer wichtig.“ 

Nach einiger Zeit benötigte das Büro mehr Platz und einen Besprechungsraum. Dieser Umstand ließ sie den Zettel in das seit etwa zehn Jahren leerstehende Haus an der Ems in der Altstadt von 
Telgte einwerfen, auf den es keine Reaktion gab. Zwischenzeitlich wurde 2015 ein bereits selbst geplantes Haus bezogen. Dies hätte eigentlich schon die Station sein können, wo man bleibt. „Unser gemeinsames Architekturbüro hartmann|s war dort vollständig integriert und es funktionierte alles gut.“ 

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Um der Massivität der Betonwände Im Inneren etwas gegenüber zu stellen, entschied sich das Architektenpaar für Geschossdecken aus Holz. „Wir wählten bewusst Zweite-Wahl-Hölzer, etwa welche von einem Sturmschaden. Technisch 
ist das keine Beeinträchtigung“, erzählt Thomas
  Hartmann. „Wir mögen das Ruppige“, bestätigt Petra. Fotos: Ulrike Meywald
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Die skulpturale Stahltreppe ruht auf großen Sitzstufen, die - mit dicken Kissen - gern zwischendurch mal für einen Kaffee von Thomas und Petra genutzt werden. Foto: Ulrike Meywald

Anfrage zum Abriss und Neubau 

Im Jahr 2019 kam die Anfrage eines auswärtigen Paares, das Haus an der Ems abzureißen und einen Neubau zu planen. „Das war eine große Überraschung, denn wir hatten uns ja auch für den Kauf interessiert. Natürlich haben wir aber die Planung übernommen.“ Während der Covid-Pandemie nahmen die ursprünglichen Käufer wieder Abstand von ihrem Neubauwunsch und der Weg war frei für den Kauf des Abrisshauses durch Petra und Thomas. „Die Planung, die wir daraufhin für unsere Bedürfnisse erstellten, unterschied sich sehr von der für die ursprünglichen Käufer.“ Luftig sollte es werden, mit Bezügen zum Fluss aus fast allen Zimmern und mit einer monolithischen Erscheinung von außen. So entstand ein Split-Level-Grundriss (versetzte Halbgeschosse). Man kommt auf Straßenniveau durch eine Art Schleuse, die als Kellerersatzraum und Abstellraum für die Fahrräder dient und die Temperatur puffert, direkt in den Wohnraum und überblickt fast das gesamte Haus. „Die offene Treppe, die auf wenigen Stufen hinunter in die Wohn-Essküche führt, wenige hinauf ins Wohnzimmer und weiter bis unters Dach, ist das Herzstück unseres Hauses“, erläutert Thomas. Sie besteht aus Rohstahl-Elementen, die gegen Rost selbst geölt wurden, und massiven Stufen aus Eschenholz. Vom Stahlbauer im Detail geplant, wurden die vorgefertigten einzelnen Treppenläufe am Kran in das Gebäude befördert, bevor das Dach gedeckt wurde.

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Maximale Offenheit: Von den großen Fenstern zur Ems hat man die gesamte Küche und das Esszimmer im Blick, bis zum Raum vor dem Eingang. Foto: Ulrike Meywald
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Bewusste Brüche, wie die goldgerahmte Alpenlandschaft oder die Vintage-Vasen auf dem Esstisch (links), bilden einen Kontrapunkt zu den rauen Oberflächen der Betonwände. Fotos: Ulrike Meywald

Beton und Holz 

Das Haus ist schmal und wird nur von den beiden Giebelseiten belichtet. Umso wichtiger war es, Licht von oben, durch Dachflächenfenster, ins Gebäude zu holen. Über die Stufen der offenen Treppenanlage fällt es bis ins Erdgeschoss. Die Nähe zur Ems machte es erforderlich, das Gebäude tief zu gründen. Bis zehn Meter in die Tiefe wurden Pfähle betoniert, auf denen das Haus steht. „Da die Statik- und Brandschutzanforderungen dazu führten, dass die Außenwände in Stahlbeton geplant werden mussten, haben wir uns dazu entschieden diese sichtbar zu lassen. Wir finden, dass man im Haus die handwerkliche Bearbeitung der einzelnen Materialien ruhig sehen darf.“ Darüber hinaus sollten die Stahlbetonwände auch noch einen energetischen Nutzen haben. Wie bei einer Fußbodenheizung wurden Heizschleifen in diesen Wänden verlegt, die mittels Wärmepumpe und Geothermie im Winter die Wand erwärmen und im Sommer kühlen. Einen Gegensatz zu der rauen Oberfläche bilden die Geschossdecken, die vollständig aus Holz bestehen. „Da spielte der Nachhaltigkeitsgedanke eine Rolle“, erläutert Thomas. „Wir wollten dem Beton das Holz gegenüberstellen, als nachwachsenden Rohstoff.“ 

Die Bäder liegen innen, denn die Abstände zu den Nachbarhäusern mit lediglich schmalen „Soden“ – aus dem Mittelalter stammende Gänge, durch die damals maximal eine Kuh passen sollte – erlauben aus Brandschutzgründen keine seitlichen Fenster. Um auch hier ein wenig natürliches Licht aus dem Wohnraum in die Bäder zu leiten, überlegte sich das Paar ein besonderes Detail: In die Trockenbauwand wurden zwischen Wohnraum und Bad runde Öffnungen mit Hilfe von Papprollen eingebaut. In diese Rollen passen jeweils auf beiden Seiten runde Glasbausteine, durch die das Licht geleitet wird. 

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Im Gegensatz zum farbenfrohen Wohnraum, bietet das Schlafzimmer (rechts) beruhigende Töne und wenig ausgewählte Dekoration, wie eine alte Leiter. Fotos: Ulrike Meywald
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Das Wohnzimmer befindet sich im Stockwerk über der Küche und bietet einen weiten Ausblick bis in den gegenüberliegenden Park. Zum großen Perserteppich arran­gierten Petra und Thomas blaue Sofaelemente von Freistil und Vintage-Sessel. Foto: Ulrike Meywald

Gerahmter Ausblick 

Auf den Holzbalkendecken entschied sich das Architektenpaar für Sicht-Estrich als fertigen Fußboden, der geschliffen und mit Epoxidharz versiegelt wurde. So wird der Untersicht der Holzbalkendecke auch hier eine raue Oberfläche gegenübergestellt. Im Wohnzimmer nimmt ein sehr großer Perserteppich diesen industriellen Eindruck zurück. Mit farblich dazu passenden Sofaelementen von Freistil und einzelnen Vintage-Sesseln gelingt ein gemütliches Miteinander, das einen weiten Blick, über den Fluss hinweg, bis in den gegenüberliegenden Park bietet. Die Wohnküche im Geschoss darunter öffnet sich ebenfalls zum Fluss und dem davorliegenden kleinen Garten mit Outdoorküche. Sogar über einen Anlegesteg mit Kanu verfügt das Haus.  Durch die gewählten rauen Materialien könnte das Haus eine eher kühle Ausstrahlung haben, doch das Gegenteil ist der Fall. Mit gezielten Brüchen, wie der goldgerahmten Alpenlandschaft, Vintage-Vasen mit wechselnden Blumen, Kissen auf den Sitzstufen zum Eingangsbereich und farbigen Fliesen in der weißen Küche schaffen Petra und Thomas Gegensätze, die stimmig sind. Und wenn es irgendwann mal nicht mehr passt? „Dann ziehen wir weiter. Das können wir alle gut!“, bekräftigt die Architektin.

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Vor und hinter dem Haus blühen diverse Rosen. Der den Garten begrenzende Fluss und der dahinter liegende Park lassen den Garten des Architektenpaares größer wirken als er ist.