N°145
Ein Jahr lang durch den Botanischen Garten
Der Frühling steht schon nicht mehr vor der Türe – er ist längst eingetreten. Zeit, dem vielfältigsten Flecken Natur unserer Stadt einen Besuch abzustatten: dem Botanischen Garten. In jeder der kommenden elf Ausgaben wird Stefan Leppert, unser Mann für’s Grüne, gute Gründe vorstellen, warum gerade jetzt ein Besuch des Gartens besonders lohnt und wo Sie das Spezielle finden. Folgen Sie ihm.
Text stefan leppert
Bestimmt nicht nur mir ist der Botanische Garten schnell zu einem Lieblingsort Münsters geworden. Das hat verschiedene Gründe. Da ist zuerst die Lage, mitten in der Stadt und doch ist er ein Grünraum ganz für sich. Fußläufig ist er vom Prinzipalmarkt zu erreichen, doch glücklicherweise riegelt das barocke Schloss den Schlossgarten von der Verlängerung der befahrenen Weseler Straße am Schlossplatz ab.
Selbst während des Sends ticken hier im Botanischen Garten die Uhren anders, es herrscht: Ruhe. Als wenn die Pflanzen sonst nicht weiterwachsen würden. In den meisten anderen Städten ähnlicher Größe liegt der Botanische Garten am Stadtrand – in Aachen, Augsburg, Bayreuth, Bielefeld, Bonn … um mal vorne im Alphabet anzufangen. Dort kommt man nicht mal eben so in einen großen Garten mit Pflanzen aus aller Welt.
Neben seiner Lage ist unser Botanischer Garten gestalterisch ein kleines Meisterstück. Mit etwa viereinhalb Hektar ist er nicht besonders groß, der Wienburgpark ist mehr als fünfmal größer. Doch finden sich in ihm immerhin diverse Naturlandschaften Deutschlands und ihre Pflanzen in einem zwar kleinen, aber nachempfindbaren Maßstab: Heide, Moor, Düne, Wiesen- und Waldtypen, Pflanzen der Alpen.
Im Zentrum erzeugt ein Teich Großzügigkeit, ein Bauerngarten zeigt kulturelle Bodenständigkeit, davor liegt der relativ neue „Systembereich“, in dem Pflanzen nach ihrer Abstammungsgeschichte angeordnet sind. Hier weht ein Hauch Wissenschaft – immerhin ist es ein Garten der Universität. Weiterhin zeigen eine Handvoll Gewächshäuser exotische Pflanzen aus weit entfernten Erdregionen.
Gerade jetzt baut schweres Gerät ein Stück der Rocky Mountains nach, gleich neben der Orangerie. Die Orangerie, das von Blauregen berankte Gebäude, ist in den Wintermonaten von frostgefährdeten Pflanzen bevölkert, die bald an die frische Luft können und wieder Ausstellungen Platz machen werden.
Im Botanischen Garten ist für jeden etwas dabei, der Zeit und Muße hat, etwas genauer hinzuschauen und scharf zu stellen auf schlichte Schönheiten der Natur, auf Phänomene, die uns im eiligen Fortkommen von A nach B häufig entgehen.
APRIL – der Monat, der macht „was er will“?!
Wir jedenfalls tun’s. Denn wir schauen ab sofort in jedem Monat im Botanischen Garten vorbei und folgen den Spuren und Sichtungen unseres Autors Stefan Leppert …
Zeit zum Ausrollen
Ein Phänomen der ganz besonderen Art erleben wir genau jetzt einige Wochen lang: Vor etlichen Jahren ließ der 2017 in Rente gegangene technische Leiter Herbert Voigt ein „Farntal“ anlegen. Es liegt im aufsteigenden Gelände westlich hinter dem Teich. Durch diese bis zu rund zwei Meter tiefe steile Einkerbung entstehen unterschiedliche Lebensräume, und so finden wir eine Vielzahl dieser pflanzengeschichtlich ältesten Bewohner der Erde. Alle, die sich bei Pflanzen nur für die Blüte interessieren, gehen eher an Farnen vorbei. Das ist in dieser Jahreszeit allerdings schade, denn das Entrollen der Wedel gehört zu den faszinierenden Prozessen im Pflanzenreich überhaupt.
Selbst oder besonders die kleinen Farne, wie etwa der Frauenhaarfarn, sind dabei besonders entzückend. Wer sich in diesen Tagen die Zeit nehmen kann, der sollte jeden Tag das Farntal besuchen und die Fortschritte der vielen Arten beobachten. Jeden Tag entrollen sie sich ein kleines Stückchen weiter zu ihrer ausgewachsenen Gestalt, als wenn all das, was die Pflanzen an Masse hervorbringen, unter der Erdoberfläche in einem Lager liegt und nach draußen gedrückt wird. Es ist natürlich anders, aber das zu erklären, führt hier zu weit. Die visuelle Entdeckung reicht …
Erleben Sie den Botanischen Garten im April!
Botanischer Garten der Universität Münster
Täglich geöffnet von 8 bis 19 Uhr – Eintritt frei.
Das Schließen des Gartens wird durch ein Glockenzeichen angekündigt.