MÜNSTER! Magazin

Schon seit seiner Jugend kommt der Naturfotograf Olaf Niepagenkemper in jeder freien Minuten in die Rieselfelder, um sensationelle Tierfotos zu schießen. Foto: Jörn Schumacher

N°145


„Geduld. 
Dann kommt das Tier auch zu Dir.“

Das perfekte Naturfoto? „Kann man nicht erzwingen”, 
sagt Olaf Niepagenkemper. Das komme – irgendwann, 
mit sehr viel Geduld. Und die hat man, wenn man 
wie er eine Leidenschaft für die Natur hat. Wir besuchten 
den Naturfotografen in den Rieselfeldern.

Text jörn schumacher


Die Rieselfelder sind ein Glücksgriff für Münster. Bis in die 1960er Jahre „verrieselte“ hier das Abwasser der Stadt – es bildeten sich Klärflächen, das Wasser versickerte durch den Sandboden oder verdunstete. Mit dem Bau einer Groß­kläranlage 1975 wurden die Rieselfelder überflüssig. Aber man widerstand danach der Versuchung , die Fläche zu bebauen (es gab große Demos dagegen) oder landwirtschaftlich zu nutzen. Ein 233 Hektar großes Naturschutzgebiet entstand, noch immer wird die Landschaft vom gereinigten Wasser der Kläranlage Münsters bewässert. Ein Paradies für allein über 300 Vogelarten – und damit für eine ganz bestimmte Art von Hobbyisten: Tier-Fotografen.

Einer von ihnen ist der Münsteraner Olaf Niepagenkemper. Der Naturfotograf kommt seit Kindheitstagen regelmäßig in die Rieselfelder. „Damals gab’s hier vielleicht zwei oder drei Fotografen. Man kannte sich.” Heute kämen bei gutem Wetter zum Sonnenuntergang geradezu Scharen von Hobby-Fotografen und -Ornithologen, und die stünden sich fast auf den Füßen. Dann aber ist Niepagenkemper schon längst wieder weg. Meistens macht er in den frühen Morgenstunden Jagd auf gute Fotos. „Dann ist hier noch alles ruhig, die Vögel sind entspannter und trauen sich mehr raus. Wenn dann noch der Nebel aufsteigt – perfekt!” 

Heute, am Tag unserer Reportage, versucht sich die Februar-Sonne durch die Wolkendecke zu kämpfen. Immer wenn ihr das gelingt, taucht sie die flache Landschaft in ein majestätisches Licht, das vom restlichen Tiefnebel gegenüber reflektiert wird. Ich darf Niepagenkemper auf einer Fotosafari in die Rieselfelder begleiten. „Jede freie Minute”, sagt der auf die Frage, wie oft er hier sei. Sein Onkel schenkte ihm eine Kamera, als Niepagenkemper 15 war. In Münster studierte er später Geographie und Biologie und intensivierte seine Studien in Ornithologie und Botanik. 

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Foto: Jörn Schumacher

„Das Wichtigste ist: Geduld. Manche Tierfotografen rennen von einem Spot zum nächsten, ständig enttäuscht, dass sie nichts finden. Es gehört aber dazu, dass man viel wartet. Dann kommen die Tiere auch zu einem.”  
Olaf Niepagenkemper

Ostsee, Norwegen, Schweden – und immer wieder: Münsterland 

Immer wieder durchschneiden hohe Rufe von Vögeln oder knarrende Entenrufe die Stille. Aus fast allen Richtungen kommen Tiergeräusche. Ein paar friedlich grasende Wildrinder stehen auf einer Wiese, sie schnauben weißen Dunst aus und nicken gemütlich beim Kauen. Zwar teilt die Straße Coermühle das Naturschutzgebiet in der Mitte, doch die Durchfahrt ist nur für Land- und Forstbetrieb erlaubt. Ein Polizeiwagen stellt sich heute wieder in der Mitte auf, um Autos abzufangen, die die Rieselfelder als Abkürzung benutzen wollen. 

Wir haben den 12 Meter hohen Aussichtsturm erreicht, der fast in der Mitte des sumpfigen Gebietes steht und Naturbegeisterten eine fantastische Aussicht auf die Wasserflächen und die Wiesen bietet. 
Festes, gegen Matsch unempfindliches Schuhwerk ist empfohlen, besonders an einem nassen Tag wie heute. Diese Landschaft strahlt eine Ruhe aus, die sich sofort auf den Besucher überträgt. Kein Wunder, dass Niepagenkemper geradezu süchtig danach ist. 

Auf seinen Fotos will er die Faszination für die Natur anderen vermitteln. Denn was man mag, das will man auch schützen. Bevorzugt, aber nicht nur, ist Niepagenkemper mit seiner Kamera im Münsterland unterwegs, auch an die Ostsee fährt er regel­mäßig, oder ans Wattenmeer, nach Norwegen, Schweden, Polen und Schottland. Er präsentiert seine Bilder bei Instagram, Facebook und Youtube.

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Die genügsamen und widerstandsfähigen Heckrinder sind in den Rieselfeldern das ganze Jahr auf der Weide. Foto: Olaf Niepagenkemper 
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Die Uferschnepfen kämpfen verbissen um die besten Brutreviere. Foto: Olaf Niepagenkemper 
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Die Nutria ist in den Rieselfeldern häufig anzutreffen, sagt Niepagenkemper. Eigentlich stammt die Art aus Südamerika und wurde in Deutschland im 18. Jahrhundert als Pelzlieferant angesiedelt. Foto: Olaf Niepagenkemper
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Das Hermelin trägt im Winter ein weißes Fell (links). Der stolze Rehbock (rechts) genießt das frische Frühlingsgras auf einer Obstwiese in den Rieselfeldern. Fotos: Olaf Niepagenkemper
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Graugänse halten sich das ganze Jahr über in den Rieselfeldern auf. Foto: Olaf Niepagenkemper 
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Der Eisvogel findet in den Rieselfeldern ein reiches Nahrungsangebot. Trägt er wie hier den Fisch Kopf voran im Schnabel, 
ist dieser für den Nachwuchs bestimmt. Foto: Olaf Niepagenkemper

Vorfreude auf „Vogel-Konzert” im Frühling 

Ob es hier auch Eisvögel gebe, frage ich den Experten – für mich so etwas wie ein fast sprichwörtlich schwierig zu fotografierender Vogel. „Eisvögel sehe ich hier regelmäßig”, sagt Niepagenkemper, für ihn fast Alltag. Er freue sich schon jetzt auf das kommende „Vogel-Konzert” im Frühling, sagt Niepagenkemper. Dann sei auch wieder das Blaukehlchen dabei. „Ein Rotkehlchen kennen Sie wahrscheinlich”, sagt er, „das gibt es hier in blau! Es ist einer der hübschesten Vögel, die ich kenne.” Niepagenkemper zeigt auf dem Handy ein selbst geschossenes Foto. Tatsächlich, ein kleiner Hingucker mit einem blauen, anstatt einem roten Hals unterm Schnabel. 

Ja, er habe auch schon viele Ausstellungen gemacht, sagt der Fotograf. Im Umweltministerium in Düsseldorf etwa oder im Naturkundemuseum Münster. Auch an Foto-Wettbewerben habe er schon mehrfach teilgenommen und schon mehrmals Fotos verkauft. Aber von der Tierfotografie leben, das gehe heutzutage kaum noch. Die Technik ist erschwinglich und immer besser geworden, so dass jemandem auch ohne viel Erfahrung recht bald ein gutes Foto gelingen kann. 

In den Rieselfeldern treffen sich Vogel-Fans aus ganz Deutschland. Niepagenkemper kennt viele persönlich oder von deren Social-Media-Kanälen. Ein Besucher aus Vechta stampft gerade zu uns den Turm hoch und packt seine Kamera aus. Er komme regelmäßig in die Rieselfelder, sagt er. „Erst gestern habe ich hier einen Raubwürger gesehen.” „Lanius excubitor”, erklärt Niepagenkemper und fügt hinzu: „Sein lateinischer Name ist Programm: ‚Der das Leben aushaucht‘, heißt das. Dieser Vogel, der im Gesicht eine Zorro-Maske zu tragen scheint, spießt seine Opfer auf Dornen auf, als Snack für später.”

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Im April sind wieder die Reviergesänge der Blaukehlchen zu vernehmen. Ihre Nester bauen sie nah am Boden im dichten Schilfwald. Foto: Olaf Niepagenkemper

„Ein Rotkehlchen kennen Sie wahrscheinlich. Das gibt es hier in blau! Es ist einer der hübschesten Vögel, die ich kenne.”  
Olaf Niepagenkemper

Lautloser Auslöser bei Wolf-Begegnung 

Niepagenkemper hat heute eine Nikon Z9 mit einem 800-Millimeter-Objektiv dabei. Dass es sich um 
ein zeitintensives Hobby handelt, wird klar, wenn man sich verdeutlicht: Eine moderne Kamera kann 20 Bilder pro Sekunde machen. Wer einen Vor­mittag in den Rieselfeldern verbringt, geht schnell mit über 5.000 Bildern nach Hause, sagt Niepagenkemper, die wollen alle gesichtet, aussortiert und bearbeitet werden. 

Meistens hält Niepagenkemper seine „Hotspots” geheim. Der studierte Biologe hat einen gewissen Vorteil, weil er sich gut mit dem Verhalten der Vögel auskennt. Er hat zudem engen Kontakt zur Biologischen Station Münsters. In der Hütte der Station hängen sogar noch Fotos, die Niepagenkemper als Student geschossen hat. Dem Biologen, Geografen und Landschaftsökonomen war erlaubt, was für normale Besucher natürlich streng verboten ist: sich mit einem Tarnunterstand in den Sümpfen zu verstecken. Seine Diplomarbeit schrieb Niepagenkemper übrigens über Biotope in den Bomben-Trichtern rund um Münster. Promoviert hat er über Fische, und noch heute ist Niepagenkemper Angler, er arbeitet für den Fischereiverband Nordrhein-Westfalen; dort kümmert er sich um die Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie, also die Renaturierung von Gewässern und die Verbesserung der Ökologie.

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In Niedersachen kam ein Wolf bis auf neun Meter an den Fotografen heran (siehe Foto unten). Niepagenkemper hatte sich in einem selbtgebauten Tarnunterstand versteckt. Foto: privat
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Dieses Foto verdankt Niepagenkemper auch der passenden Windrichtung im Moment der Aufnahme, so dass der Wolf ihn nicht riechen konnte. Foto: Olaf Niepagenkemper

Sein bisher tollstes Erlebnis? In Niedersachsen ist einmal ein Wolf auf neun Meter an ihn herangekommen, sagt Niepagenkemper. Der Fotograf hatte sich in seinem selbstgebauten Tarnunterstand versteckt. Ein Erlebnis, das man nicht einfach so provozieren könne, sagt der Fotograf. Man müsse eben warten können. Sehr lange. Ein wenig zu Hilfe kam ihm seine spiegellose Kamera, die beim Auslösen kein Geräusch macht. Für ihn sind die Ansprüche im Laufe der Jahre gestiegen. „Wenn ich in einem einzigen Jahr fünf außergewöhnliche Bilder mache, die in Erinnerung bleiben, bin ich schon zufrieden.” 

Welchen Tipp kann er angehenden Naturfotografen mitgeben? „Das Wichtigste ist: Geduld. Manche Tierfotografen rennen von einem Spot zum nächsten, ständig enttäuscht, dass sie nichts finden. Es gehört aber dazu, dass man viel wartet. Dann kommen die Tiere auch zu einem.” Das passt ja irgendwie zu dem im ganzen Land bekannten Naturschutzgebiet in Münsters Norden. Die Rieselfelder ließ man damals auch in Ruhe und bewies viel Geduld. Dann kamen auch die Tiere. 

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Auf der Foto-Safari im Naturschutzgebiet in Münsters Norden spürte auch unser Autor Jörn Schumacher (rechts): Die Ruhe dieser Landschaft überträgt sich sofort auf den Besucher. Foto: Jörn Schumacher (Selbstauslöser)