MÜNSTER! Magazin

Foto: Jörg Heithoff

N°131


Träumen von Treviso

Wir haben einfach „Ja!“ gesagt. Als unsere treue Leserin Anja Riehemann, zeitweise wohnhaft in Treviso, Italien, uns im vergangenen Sommer spontan einlud, anstatt durchs Münsterland auch mal durch ihre neue Heimat, das Veneto, zu radeln, zögerten wir nicht. Ein Reisetipp … 

Text britta heithoff


Überlegen Sie gerade, welche Ziele Sie im neuen Jahr ansteuern werden? Dann werfen wir hier mal schwärmerisch die Stichworte „Italien, Veneto, Treviso, Lagunenradtour, Proseccohügel“ in die Runde. Denn im September haben wir hier drei Tage verbracht und die Region dabei lieben gelernt. 

Eine Münsteranerin im Veneto 

Aus beruflichen Gründen ist die Münsteranerin Anja Riehemann hier, im italienischen Veneto, vor eineinhalb Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Andreas „angelandet“. Neu starten an einem fremden Ort: Das kennt die dreifache Mutter und begeisterte Entdeckerin, denn berufliche Aufgaben verschlugen die Familie auch schon für fünf Jahre nach Sydney, Australien, und für vier Jahre nach Mailand. Und nun: ins Veneto. 

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Die Münsteranerin Anja Riehemann lebt seit 2022 immer wieder in Treviso. Das Fahrrad ist auch hier ihr Hauptverkehrsmittel, sowohl in der Stadt (oben) als auch bei Radtouren durch die Lagunen (unten). Foto: Jörg Heithoff  
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Foto: Jörg Heithoff

Traum-Standort Treviso 

„Treviso ist wirklich außergewöhnlich schön und als Stadt und Region ein Geheimtipp!“, schrieb uns unsere Leserin Anja Riehemann im Sommer. Und vor allem, als sie von langen Radtouren durch die Lagunen von Venedig erzählte, wurden wir neugierig. Und machen Ihnen dieses Ziel nach unserer Stippvisite nun gerne schmackhaft.   

Die Winterblume und andere Köstlichkeiten 

Treviso ist nicht nur die Kunst- und Wasserstadt im Herzen von Venetien, auch kulinarisch ist hier einiges los. Hier wurde einst nicht nur das Dessert „Tiramisu“ erfunden (vom 11.–13. Oktober 2024 gibt’s auf der Piazza dei Signori in Treviso sogar den „Tiramisu-Weltcup“), kulinarisch ist auch der Radicchio di Treviso, hier „Winterblume“ genannt, heute international berühmt und er zieht sich natürlich auch wie ein roter Faden durch die Menüs der trevisanischen Küche. Auf jeden Fall empfehlenswert sind die unzähligen Apéro-Optionen, die Treviso am frühen Abend zu etwas ganz Besonderem machen und die natürlich dazu motivieren, von einer Chichetti (das sind Tapas-ähnliche Happen)-Bar zur nächsten zu ziehen.  

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Auf Entdeckertour – hinter jedem Vorhang eine Überraschung! Fotos: Britta Heithoff, Jörg Heithoff

Leben am Wasser 

Mit knapp 86.000 Einwohnern liegt Treviso etwa 65 Kilometer von Vicenza, 40 von Padua und nur 30 Kilometer von Venedig entfernt. Gerade letzteres ist beachtlich, denn vielleicht ist Treviso auch daher so herrlich untouristisch, weil ja alle in die viel bekanntere Nachbarstadt fahren. Und wer bei Venedig ans Wasser denkt, der wird Treviso lieben: Die historische Altstadt der „Città delle Acque“ (Stadt des Wassers) ist von den Flüssen Botteniga und Sile sowie unzähligen Kanälen durchzogen. Über 30 Brunnen sorgen zusätzlich für Plätschern und sind sogar Trinkwasserquellen, um mitgebrachte Flaschen beim Stadtbummel aufzufüllen.  

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Malerisch! Die vielen Wasserläufe erinnern an Trevisos Nachbarstadt Venedig, nur ist es hier viel weniger touristisch. Der Fischmarkt (rechts) auf der Flussinsel Isola della Pescheria ist ein „Must-go“. Fotos: Britta Heithoff

Treiben lassen! 

Die Sehenswürdigkeiten in Treviso (etwa die Piazza dei Signori und der Dom San Pietro) sind schnell „abgelaufen“. Nehmen Sie sich mehr Zeit zum Treibenlassen! Die Stadt, in der Familienunternehmen wie Benetton, Delonghi und Geox zuhause sind, birgt viele Überraschungen am Wegesrand. Hotels gibt’s nicht ganz so viele, daher waren wir happy über ein Airbnb, das Anja Riehemann für uns entdeckt hat: Ganz zentral in einer ruhigen Gasse gelegen, in den Räumen eines ehemaligen Klosters – authentisch und persönlich! Von hier aus sind wir dann auch ausgeströmt. Und auch wer (anders als die Autorin dieser Zeilen) einen fantastischen Orientierungssinn hat, wird in Treviso so manches Mal denken: „Ach, hier bin ich (wieder)! 

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Feinkostläden, Handwerksbetriebe, Fachgeschäfte: Anja Riehmann nahm uns mit auf ihren täglichen Wegen durch Treviso. Foto: Jörg Heithoff

Verlaufen erwünscht 

Die Innenstadt ist herrlich unübersichtlich. Das macht es interessant! Denn plötzlich stehen wir in einem alten Schmuckladen, wo ein Künstler aus historischen Murano Glas Perlen-Colliers 
fädelt, wir stolpern in ein Schuhmachergeschäft (Wanderschuhe kaputt? Mitbringen und hier von Profis reparieren lassen!) oder MÜSSEN eine weitere Espressopause einlegen, weil wir ein weiteres so schönes Café mitten auf einer kleinen Brücke oder am Fuße einer pittoresken Gasse entdeckt haben. Machen Sie lieber nicht zu viele Pläne. Es wird anders kommen. 

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Die urige Acquasalsa Bar (mit den roten Stühlen) lockt gleich neben dem Fischmarkt zum Apéro. Fotos: Britta Heithoff, Jörg Heithoff

Fisch? Ganz frisch! 

Nicht nur, weil unser Quartier ganz in der Nähe war, haben wir den historischen Fischmarkt auf der kleinen Flussinsel (Isola della Pescheria) gleich mehrfach besucht. Die überdachten Fischbuden bieten vormittags Fisch und Meeresfrüchte aller Arten feil, hier radeln die Trevisaner mit ihren Biciclette ran und decken sich mit reichlich superfrischen Leckereien ein. Wenn Sie dort sind: Planen Sie einen Stopp an der Acquasalsa Bar gleich nebenan ein (so, wie die Trevisaner es auch tun …), ein herrliches Flecken für einen Aperol-Spritz und ein paar leckere Happen.

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Proseccoprobe dort, wo die Trauben wachsen. Die kleinen Bänkchen sind eigens dafür aufgestellt, in einem Verkaufsautomaten am Berg lassen sich Gläser, Grissini, Käse und natürlich Proseccoflaschen „ziehen“. Fotos: Britta Heithoff

Der einzig wahre Prosecco 

Treviso ist nicht nur wegen der Verlockungen der Stadt an sich so ein gutes Ziel, auch das Umland hat viel Unerwartetes zu bieten. Eines der Ausflugs-Highlights, die unsere Leserin Anja Riehemann für uns vorbereitet hatte, war ein Roadtrip in die Proseccohügel. Auf der Strada del Prosecco (Weltkulturerbe!) steuerten wir an diesem Tag Orte an, die die Auszeichnung Borghi più belli 
d’Italia, übersetzt „die schönsten Dörfer Italiens“ tragen (meist kleine, mittelalterliche Zentren von herausragendem historischem und künstlerischem Interesse). Hoch hinaus ging es nach 
Asolo. In der Stadt „der hundert Horizonte“ mit Venezianischen Villen und Residenzen trafen sich schon im 15. Jahrhundert italienische und auch internationale Schriftsteller, Dichter und Künstler, von historischen Ereignissen und der Schönheit des Ortes angezogen. Atemberaubend! Hier wären wir gern noch länger geblieben, aber unsere kundige Gastgeberin zog uns weiter: Sie überraschte uns mit einer professionellen Prosecco-Probe bei Mionetto – die Marke dürfte auch einigen Leserinnen und Lesern bekannt sein – und das Tasting in den wunderbaren und auch sehr stylischen, erst unlängst fertig gestellten Räumen war wirklich ein Erlebnis: Das Wort Prosecco hat für uns jetzt einen ganz neuen Klang und wir haben eine Menge dazugelernt. 

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Zwei Proseccoproben mit unterschiedlichen Verlockungen: Mit Blick auf die Hügel und unter freiem Himmel (samt Fenster-Fotospot, oben) und im stylischen Headquarter von Mionetto (unten). Foto: Jörg Heithoff
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Foto: Jörg Heithoff

Anja, wo geht es jetzt hin? 

Weiter durch die Prosecco-Hügel: Herrlich fanden wir etwa Cison di Valmarino, wunderbar auch 
Follina. Urig war ein weiteres ganz besonderen Prosecco-Tasting: In der Osteria Senz’Oste konnten wir am Hang des Weinbergs oberhalb von Conegliano auf dem Weg nach Valdobbiadene mit Selbstbedienung in einem Bauernhaus aus Naturstein und sogar am Automaten zwischen den Reben Gläser, gut gekühlten Prosecco, Schinken, Wurst, Käse und Grissini „ziehen“ und schließlich auf Holzbänken am Berg mit Blick über die Proseccohügel genießen. Als Fotospot lockt hier ein eigens aufgestelltes Holzfenster, das den Blick auf ein aus Weinreben geformtes Herz am gegenüberliegenden Hügel erkennen lässt. Ja, da spürt man die Prosecco-Liebe mit allen Sinnen. Hicks! Auf dem Heimweg nach Treviso steuerten wir schließlich noch das Agriturismo Althea mit traumhaft gelegenem, kleinem Hotel an, nur ein halbes Dutzend Zimmer gibt es hier, dennoch mit Wellnessbereich und und vor allem genialem Ausblick, richtig schön hergerichtet, relaisalthea.it/de/ – Geheimtipp!

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Wunderbare Ausblicke (und Tropfen) konnten wir in den Prosecco-Hügeln genießen. Foto: Jörg Heithoff 

Radeln durch Lagunen 

Der Höhepunkt für mich als „radelnde Redakteurin“ war allerdings nicht das Prosecco-Schlürfen (obwohl natürlich sehr belebend), sondern eine ausgiebige Radtour durch die Lagune um Venedig. Der Radrundweg Jesolo – Cavallino-Treporti – Lio Piccolo – Jesolo führt auf einer Route von 45 Kilometern befestigt und als Graveltour durch traumhafte Landzüge. Anja hatte E-Bikes für uns reserviert, outbikerent.com, brachte diese zu unserem Startpunkt am Parkplatz Comune di Jesolo (Tipp: als Auftakt hier Caffe e Brioche im Al Posto Giusto Da Debora). Und nun:  auf die Sättel, fertig, los – zum Start entlang dem Fluss Sile, Richtung Cavallino-Treporti, zwischen Meer und Lagune, weit vom Verkehr entfernt. Eine Farbpalette in Grün- und Blautönen, Stille, sonst nichts. 14 Kilometer radelten wir auf einem angelegten Schotterweg, nebenan flatterten die Fischernetze, die an Seilzügen über dem Wasser hingen. Wir strampelten bis zur Mündung in die Adria, in Cavallino durfte ein kleiner Abstecher zum langen Sandstrand nicht fehlen. Pinien säumten unsere Wege. Ruhig rollten wir auf der Pordelio-Straße, dem eigens angelegten Radweg direkt über dem Lagunenwasser mit dem einzigartigen Panorama der Lagune von Venedig. Ein Hoch auf Europas längsten freitragenden Radweg! In Treporti radelten wir über die Brücke Richtung Lio Piccolo durch fruchtbare Felder (hier ist der Gemüsegarten Venedigs!), belohnt mit dem Blick in die offene Lagune Richtung Burano und Torcell, vorbei an Sandbänken und Brackwasserteichen, die von Flamingos und vielen verschiedenen Wasservögeln (Stopp für Vogelbeobachtung?) bewohnt werden. Jetzt aber Mittagspause! Schnell die Räder zur Seite gestellt und direkt am Wasser auf wackeligen Gartenstühlen im Al Notturno Platz genommen. Ein paar Meter weiter angeln knurrige Männer, sie bringen ihre Beute an unseren Tischen vorbei in die Restaurantküche, wenig später finden wir die Meeresfrüchte auf unseren frisch gekochten Spaghetti, ursprünglicher geht es wohl nicht. Können wir hier nicht einfach sitzen bleiben? Natürlich nicht, eine weitere Überraschung wartet: Beim Servizio barca Blue Dream hat Anja uns einen Bootstransfer für eine Teilstrecke gebucht. Bootsmann Michal war nicht nur mal als Tänzer auf Rock’n Roll Akrobatik Weltmeisterschaften unterwegs (so etwas erfährt man, wenn man mit Einheimischen plaudert), er hat uns (beziehungsweise unserer flüssigv italienisch parlierenden Gastgeberin) auch viel über die Landschaft erzählt. Ziel der Bootstour (die E-Bikes durften natürlich mit an Bord) war die Küste am Agriturismo La Barena (sehr gute Küche!) und schließlich über eine Gravelroute etwa zehn Kilometer zurück nach Jesolo, dem Ausgangspunkt, wo unsere Leihräder wieder eingesammelt wurden. Was für ein Erlebnis!

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Europas längster freitragender Radweg (links) schwebt über der Lagune von Venedig. Ein Erlebnis, hier entlang zu radeln!  Mittagessen im Al Notturno (rechts) mit Blick auf die Fischer, deren Fang auf unserem Teller landete. Fotos: Britta Heithoff
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Foto: Jörg Heithoff

Lust auf Treviso? 

Wir sind keine Reise-Influencer (außer vielleicht wenn es um Reisen nach Münster und ins Münsterland geht) und unsere Leserin Anja Riehemann ist weder Touristikerin noch Stadt-Guide. Dennoch hat sie uns die Möglichkeit eingeräumt, hier ihre Mailadresse preiszugeben. Denn selbst ab­solut begeistert von ihrer temporären Heimat Treviso beantwortet sie gern Fragen rund um die kleine und wunderschöne Stadt im Norden Venedigs samt ihrer Umgebung. Danke für diesen besonderen Service und für die traum­haften Einblicke, liebe Anja! 

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Radelnde Redakteurin trifft radelnde Gastgeberin. Ein wunderbarer Ausflug ins Veneto – wie gut, dass wir einfach „Ja!“ dazu gesagt haben. Fotos: Jörg Heithoff