MÜNSTER! Magazin

Droste Spuren … ist ein digitales Angebot, mit dem man sich auf die Spurensuche der Dichterin in Münster begeben kann. Foto: Nina Lenze

N°155


Auf digitalen Pfaden – 
Mit Annette von Droste-Hülshoff durch Münster

Die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848) lebte und wirkte vor allem im Münsterland. Ihre häufigen Stadtaufenthalte in Münster blieben bisher eher unbeachtet. Das Droste-Forum rückt diese wenig bekannte Seite von Drostes Leben nun eindrucksvoll ins Licht und begibt sich mit „Droste Spuren …“ auf Erkundungstour.

Text nina lenze


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Dass sich Annette von Droste-Hülshoff auch vielfachin der Stadt aufgehalten hat, will Dr. Jochen Grywatsch (rechts), Vorsitzender des Droste-Forums, nun sichtbar machen. Fotos: Friedrich Hundt, Public domain, via Wikimedia Commons (links) und Nina Lenze (rechts)

Ich bin mit Dr. Jochen Grywatsch, dem Projektleiter von Droste Spuren … und ehemaligen Leiter der Droste-Forschungsstelle der Literaturkommission für Westfalen verabredet. „Die Literatur in Münster liegt mir besonders am Herzen“, erzählt der ausgewiesene Droste-Experte mit Verve. Schon im 18. und 19. Jahrhundert existierte hier eine Literaturszene – weniger prominent als in Berlin, Leipzig oder Weimar, aber doch lebendig und mit der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff als zentraler Figur. „Um Münster als Literatur- und auch als Heimatstadt der Dichterin sichtbar zu machen, haben wir das Projekt Droste Spuren … entwickelt.“ Projektmitwirkende waren u. a. Maximiliane Spies 
(Illustration), Max Brügge (Stadthistorische Recherche) und Katharina Schossow (Grafik-Design). Es ist ein Rundgang entlang historischer Orte, der durch Annettes städtische Lebensräume führt und die sozialen und kulturellen Zusammenhänge erfahrbar macht. Das Besondere daran: Der Rundgang mit insgesamt 18 Stationen ist als digitales Angebot konzipiert. Die Orientierung erfolgt über eine Karte, die auf dem Smartphone (oder einem anderen mobilen Endgerät) abrufbar ist. Dort, wo vor Ort nur noch Fragmente vom historischen Münster erhalten sind, ergänzen digitale Bilder, Texte und Audioformate sowie Briefe und Gedichte. Das wollten wir selbst einmal ausprobieren. 

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Ausschnitt aus dem Projekt-Stadtplan.

Der Domplatz als idealer Ausgangspunkt 

Die Stationen liegen innerhalb des Promenadenrings, was dem Aufenthaltsradius der Dichterin entspricht und fußläufig gut erreichbar ist. Wir beginnen unseren Spaziergang am St.-Paulus-Dom  – damals wie heute geistliches und geografisches Zentrum der Stadt. Und für die Familie Droste-Hülshoff ein vertrauter Ort: Denn neben Gottesdiensten in der benachbarten Pfarreikirche St. Jacobi (abgerissen 1812) besuchte sie gelegentlich musikalische Aufführungen des Onkels Maximilian im Dom. Natürlich zog es sie auch zum Send, der bereits damals ein beliebter Jahrmarkt war. „In Münster begleiten wir Annette von Droste-Hülshoff gewissermaßen ‚nach draußen‘, wo sie dem aufstrebenden Bürgertum begegnete und im literarischen Umfeld Inspiration, Austausch und Unterstützer fand“, erzählt Jochen Grywatsch.  

Weiter geht’s auf unserem Weg zum – leider  – nicht mehr existierenden Komödienhaus in der Bogenstraße , Münsters erster fester Bühne (1775–1890), wo Opern, Theateraufführungen, Konzerte und Bälle stattfanden. „Hier versammelte sich die damalige Hautevolee, es ging ums Sehen und Gesehenwerden.“ Heute ist an dieser Stelle das Macellum ansässig, ein Restaurant und Eis­café. Das frühere Komödienhaus stand ungefähr dort, wo sich das trockengelegte und inzwischen bepflanzte Wasserbecken befindet. 

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Auch wenn viele biographisch bedeutsame Orte heute verschwunden sind: Das digitale Angebot füllt diese Lücken mit historischen Abbildungen, Illustrationen, Texten und Audiobeiträgen, ergänzt durch Briefe und Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff. Foto: Nina Lenze 

Literarische und musikalische Weggefährten 

Am Alten Fischmarkt 9  wohnte Christoph Bernhard Schlüter, Philosoph, Schriftsteller und einer von Annette von Droste-Hülshoffs engen literarischen Vertrauten. In dem Onlineangebot findet man neben weiterführenden Informationen zu seiner Person Näheres zu Annette von Droste-Hülshoffs meist akademisch geprägten Wegbegleitern. Der ursprünglich zweigeschossige Bau mit einer Sandsteinfront aus dem 16. Jahrhundert wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Eine solide musikalische Ausbildung galt in Adelskreisen, besonders für junge Frauen, als selbstverständlich. In dieser Hinsicht war Maximilian von Droste-Hülshoff ein wichtiges Vorbild: Dank seines gelegentlichen Unterrichts in seinem Wohnhaus am Alten Steinweg 5  widmete sich die Dichterin auch der Komposition und schuf einige Lieder und Opern, die fragmentarisch erhalten sind. An der Stelle des damaligen Wohnhauses befindet sich heute eine Bankfiliale. Nach dem Verkauf des Gravenhorster Hofs (ehemaliges Stadthaus) zog die Familie Droste-Hülshoff 1818 in ihre erste Mietwohnung am Alten Steinweg 15/16  im Haus des Postmanns Hermann Ignaz von Hamm, das direkt neben dem Hauptpostamt lag. Digitale Einblicke in die damaligen Postwege veranschaulichen deren Bedeutung für die Dichterin, die deutschlandweit sehr gut vernetzt war. Der Privatbrief hatte sich seit dem späten 18. Jahrhundert zu einer eigenen literarischen Gattung entwickelt, und Annette von Droste-Hülshoff galt als eine ihrer großen Meisterinnen. Der Adelshof ist heute vollständig verschwunden. An diesem Ort befinden sich ein Durchgang sowie ein Geschäfts- und Parkhauskomplex. Nichts erinnert mehr an seine einstige historische Bedeutung. 

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Von Haus Rüschhaus und Burg Hülshoff aus brachte die sogenannte Bückersche als persönliche Postbotin Drostes die Briefe nach Münster: „… mein weiblicher Merkur wird Flügel an die Holzschuhe schnallen um Ihren Winken desto schleu­niger nachzukommen.“ Illustration: Maximilane Spieß/Droste Spuren…

Mehrere nachweisbare Aufenthaltsorte in der Salzstraße  

Der Wohnsitz Clemens Maria von Bönninghausens in der Salzstraße 30  lag außerhalb der Stadtmauer. Von Bönninghausen war ein angesehener Wissenschaftler und Heilkundler, dem Annette von Droste-Hülshoff großes Vertrauen schenkte. Mit seinen alternativen Heilmethoden konnte er ihr bei zahlreichen Krankheiten Linderung verschaffen. Heute gehört das Grundstück zum Servatiiplatz. Silke Wagners Skulptur münsters GESCHICHTE VON UNTEN (Skulptur Projekte 2007) zeigt den Aktivisten Paul Wulf, der sich für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit einsetzte. Das Haus, das zwischenzeitlich von der NSDAP als Amt für Kriegsopfer genutzt worden war, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.  

In der Salzstraße 13  mietete die Familie eine weitere Stadtwohnung an, die Annette von Droste-Hülshoff während der Auseinandersetzungen zwischen den katholischen Westfalen und den protestantischen Preußen als Zufluchts- und Rückzugsort diente. Als aufmerksame politische Zeitzeugin verfolgte sie das Stadtgeschehen insbesondere nach der preußischen Besatzung 1815 mit großem Interesse. Umfangreiche Hintergrundinformationen, beispielsweise zum Mischehenstreit, sowie seine literarische Verarbeitung durch die Dichterin, können online nachgelesen werden. Auch dieses Wohnhaus ist heute nicht mehr erhalten. Gleich nebenan in der Salz­straße 8  wohnte Levin Schücking, der ab 1838 zu Annette von Droste-Hülshoffs engsten Freunden zählte. Der junge Kritiker, Schriftsteller und Literaturagent eröffnete ihr wichtige Zugänge zum Literaturbetrieb, unter anderem zum Cotta-Verlag, der später Die Judenbuche sowie einen Band ihrer Gedichte veröffentlichte. Der Austausch war jedoch keineswegs einseitig: Auch Schücking profitierte erheblich von der geistigen Nähe und dem literarischen Dialog. Das Wohnhaus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Über persönliche Verbindungen kam Annette von Droste-Hülshoff außerdem in Kontakt mit der Aschendorffschen Verlagsbuchhandlung, die ihren Sitz in der Salzstraße 57 hatte. Trotz anfänglicher Bedenken ihrerseits – die Interessierte im digitalen Begleitangebot nachlesen können – erschien dort 1837 ihre erste Gedichtsammlung. Der Münstersche Aschendorff-Verlag wurde 1720 gegründet und besteht bis heute (mittlerweile an der Soester Straße und an der Hansalinie). 

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Links: Anstelle des ehemaligen Wohnhauses von Clemens Maria von Bönninghausen befindet sich heute der Servatiiplatz mit Silke Wagners Skulptur „münsters GESCHICHTE VON UNTEN“. Rechts: In der Salzstraße 57 hatte die Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung ihren Sitz (zerstört). Heute befindet sich hier eine Drogerie. Fotos: Nina Lenze

Zur Schriftstellerin Luise von Bornstedt, die ganz prominent am Prinzipalmarkt 1  wohnte, pflegte Annette von Droste-Hülshoff ein ambivalentes Verhältnis. Beide gehörten ab 1838 dem Literaturzirkel um Elise Rüdiger an. Luise von Bornstedts betonte Frömmigkeit und deren Verbreitung von Gerüchten über ein angebliches Liebesverhältnis zwischen Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking führten schließlich zum Bruch. In einem Brief von Dezember 1841 bezeichnete Annette von Droste-Hülshoff sie als „eine wahre Pest für Münster“. Das ursprüngliche Wohnhaus wurde ebenfalls im Zweiten Weltkrieg zerstört; heute steht dort das Modehaus AppelrathCüpper. 

Zurück über den Domplatz erreichen wir die Pferdegasse 5 , wo sich einst die Theis­singsche Buchhandlung und Leihbibliothek befand – hier konnte Annette von Droste-Hülshoff ihren enormen Lesehunger stillen. Online findet sich ein kurzer Überblick zur Geschichte der Bibliotheken. Das Gebäude selbst wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute steht an seiner Stelle eine Bronzestatue von Franz von Fürstenberg, der sich einst für die Gründung der Bibliothek einsetzte. Unsere letzte Station ist der ehemalige Wohnsitz von Elise Rüdiger an der Rothenburg 28/29 , die eine enge Freundin und Weggefährtin von Annette von Droste-Hülshoff war. 1838 gründete die Autorin und Kritikerin die Hecken-Schriftsteller-Gesellschaft, einen lebendigen Literaturzirkel für Diskussionen über zeitgenössische Werke, eigene Projekte und den Buchmarkt. Das klassizistische Wohnhaus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute steht hier das LWL-Museum für Kunst und Kultur, das an die reiche kulturelle Vergangenheit des Ortes erinnert.  

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Am Prinzipalmarkt 1 (rechter Bildrand) wohnte Luise von Bornstedt, mit der Annette von Droste-Hülshoff einige Jahre freundschaftlich verbunden war. Foto: Sammlung Stoffers (Münsterländische Bank - Stadtarchiv)

Historische Stadterfahrung 

Hier endet unser Rundgang entlang einiger ausgesuchter Stationen. Der durch die digitalen Angebote geführte und in der Tiefe erläuterte Spaziergang hat mir einen lebendigen Eindruck des städtischen Lebens der Dichterin im Münster des 19. Jahrhunderts vermittelt. Die einzelnen Stationen lassen sich bequem mit dem Smartphone vor Ort erkunden oder auch am heimischen PC vor- und nachbereiten. Dank des digitalen Angebots werden vor allem durch den Zweiten Weltkrieg entstandene Lücken geschlossen und durch vertiefende Informationen zu gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Begebenheiten ergänzt. In der Münster Information im Stadthaus 1 liegen zudem kostenlose Stadtpläne zum Projekt aus. 

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Die Postkarte von 1904 zeigt das klassizistische Doppelhaus an der Rothenburg 28/29, in dem Elise Rüdiger lebte. Postkarte: Stadtarchiv Münster